Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. größten war, so boten'daselbst ans kleinen Tischchen mehrere Verkäuferinnen ihre gesottener; Eier, Offenbacher Würste, gebratene Nüsse, Salzgurken oder Hartekuchenplätzchen feil. Die Letztgenannten wußte man vorzüglich in traditioneller Weise zuzubereiten. Noch heute erinnern sich die Familien-Mitglieder des Hauses Rothschild beim Besuch des alten Stammhauses gerne der köstlichen Leckerbissen, welche ihnen die gute Großmutter Gutle aus dem kleinen Wandschrank im Zimmer holte. An dem Judenbrückchen bildete die Gasse eine Ecke; hier hatte sich ein Trödler und Antiquar niedergelassen und bot mit lauter Stimme seine Ware feil. Der Mann konnte nicht ahnen, daß nach verhältnismäßig kurzer Zeit der Kunstsinn seiner Enkel ihnen eine so einflußreiche, fast dominierende Stellung für Kunstgegenstände und Altertümer - an den ersten Museen und größten Höfen der Welt verschaffen würde, wie es in Wirklichkeit geschehen ist. Biegen wir um die Ecke, so sehen wir täglich im Erkerfenster des ersten Stockes eine alte Matrone mit großer, garnierter Haube, entweder das Spinnrad drehen, oder in frommer Andacht ein Gebet¬ oder Psalmbuch studieren. Es war die aus alter Zeit übriggebliebene „Edel Post". Der Name „Post" war ihr im Volksmunde noch beigegeben von der Zeit her, als das Bestellgeld jedes Briefes 1 Kreutzer kostete. Der Familie dieser Matrone war vom Fürsten Thurn und Taxis das Recht zugesprochen, die Briefe für die Judengemeinde bei der Post gegen Zahlung von 1 Kreutzer pro Brief zu erheben und dann gegen 2 Kreutzer Bestellgeld an die Empfänger auszuliefern. Waren damals die Briefsenbungen auch noch nicht sehr groß, so brachte das Postwesen der Familie Schuppach-Post doch ihr anständiges Auskommen. — Ich erwähnte das Spinnrad, das unsere Edel fleißig schwang. In der ganzen Judengasse war es Brauch, daß die Frauen, welche nicht Geschäften oblagen, ihre freie Zeit mit Spinnen ausfüllten, jede brave Frau wollte gerne nachgerühmt haben, daß sie — gleich der Muster-Frau im hohen Liede — Wolle und Flachs gefordert, um sie zu verarbeiten und ihre Kinder vor Kälte zu schützen. Weiter „die Gasse hinab," wie der volkstümliche Ausdruck lautete, finden wir Spezerei-, Kram-, Eisen- und Töpferläden in genügender Auswahl. Auch ein Konditor hat sich dort etabliert, doch erstreckt sich seine Kunst nur auf Zubereitung von Bretzeln, Bowles, jenes von den Juden aus Spanien und Portugal seiner Zeit importierten Gebäckes, sowie aus die damals sehr beliebten Zwiebeln- und während des Sommers Heidelbeerkuchens. Dicht neben dem Konditor hatte ein Schuhputzer seine Utensilien aufgestellt. Während dieses Geschäft jetzt höchstens an beit freien Plätzen von vereinzelten Dienstmännern gehandhabt wird, gab es früher eine ganze Genossenschaft, die das edle Handwerk betrieb. Es war dies garnicht so einfach, denn die Putzwichse war in jener Zeit noch nicht erfunden und die hohen Schaftenstiefel, die jedermann trug, mußten mit Kinnruß angestrichen und mit Gelb vom Ei lackiert werden. Es war eine Kunst, einen Stiefel schön blank zu bringen, und mit nicht wenig Stolz sah unser Beer Schuhputzer auf die großen Stiefel, die er sorgfältig auf einem hölzernen Stuhle als Reklame hingestellt hatte. (Schluß folgt.) Aus aller Wett. Rußland. Petersburg. Hier tagte eine Konferenz des „Verband der Gleichberechtigung". Auf der Tagesordnung stand: „Das Verhalten der russischen Juden zur Duma und Dumawahlen." Die Resolutionen, die gefaßt wurden, lauten wie folgt: „Die Konferenz findet es' für notwendig, daß man sich während des Wahlkampfes nur mit solchen Parteien vereinigen soll, deren Programm und Tätigkeit in allen Punkten dem Programm des „Vereines zur Erreichung der Gleichberichtigung der Juden" entspricht und die in Bezug auf die allgemeine Politik eine demokratische Organisation Rußlands auf der Grundlage des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes erstreben." „Von den Kandidaten soll man verlangen: a) Von jüdischen Kandidaten: 1. In ihrer Tätigkeit in der Duma müssen sie sich an die Beschlüsse und das Programm des _■ - Verbandes hmten. Frankfurter Israelitische« Famllienblatt. 2. Sie müssen fordern, daß die Judenfrage in der Duma bei Festsetzung der Grundlagen der Konstitution und der allgemeinen bürgerlichen Freiheiten mitgelöst werden soll, b) Von nichtjüdischen Kandidaten, welche durch jüdische Stimmen unterstützt werden sollen, muß man verlangen, daß sie sich an Punkt 2 halten sollen und die jüdischen Forderungen nach gleichen bürgerlichen, politischen und nationalen Rechten unterstützen sollen." Zum Schluß standen s(ch zwei Resolutionen gegenüber: Tie eine (von der Gruppe Zionisten-Tubnom eingebracht) lautet: „Tie Juden-Deputierten bilden in der Duma eine besondere Fraktion, die sich jüdisch nennt, und gehen zusammen in allen Fragen der jüdischen Politik, die zur -jüdische» Gleichberechtigung führen. In den allgemeinen Fragen treten die Juden für diejenigen Parteien ein, die in ihrem Programm auch die jüdische Gleichberechtigung verlangen. Wenn ein Telegicrter in eine andere Partei eintritt, muß er sich die Freiheit ausbedinge», in der jüdischen Frage unabhängig stimmen zu können. In anders-nationale Fraktionen dürfen die Juden nicht eintreten." Tie zweite Resolution (Rainer), die mit' der Mehrheit von 10 Stimmen angenommen wurde, lautete folgendermaßen: „Tie Konferenz erklärt es für notwendig, daß sich angesichts des festen Bewußtseins ihrer nationalen Einigkeit die jüdischen Telegierten vereinigen müssen, unbeschadet ihrer allgemeinen Parteiprogramme. Bei allen Fragen, die die Rechte des jüdischen Volkes berühren, müssen sie zusammcntreten, um darüber z» beraten, und wenn es möglich ist, zusammenzugehen, um die Volksberechtigung für die Juden Rußlands zu erreichen. Zugleich findet es die Konferenz für gut, daß jüdische Deputierte in nicht-jüdische nationale Gruppen nicht eintreten." Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Zur Generalversammlung des Zentral-Vereins. Die Beschränktheit des ihm zu Gebote stehenden Raumes machte es dem Berichterstatter unmöglich, von dem umfassenden Referate des Abends ein getreues Bild zu liefern. Immerhin will er nicht in Abrede stellen, daß der ihm von verschiedenen Seiten gemachte Vorwurf, der Bericht sei allzu skizzenhaft ausgefallen und gebe eigentlich nur von der Diskussion einen einigermaßen deutlichen Begriff, nicht unbegründet ist. Bei dem entschiedenen Interesse der behandelten Fragen, die wohl noch des öftern unsere Oefsentlichkeit beschäftigen dürften, möge es ihm gestattet sein, das Versäumte nachzuholen, wenn es auch wiederum nur in aller Kürze geschehen kann. Herr Sondheimer hat den ganzen Komplex der von ihm behandelten Fragen,'die in der Verwaltung jüdischer Gemeinden eine Rolle'.spielen, oder von denen zu wünschen steht,, daß sie es tun'sollen, in folgende 4 Abteilungen gegliedert: 1. Religiöse, und kulturelle Aufgaben: a) Um dem weiteren Abfall vom Judentum vorzubeugen, muß der Religionsunterricht ausgebaut, der hebräische Unterricht erweitert und der Jugendgottesdienst im traditionellen Sinne eingerichtet werden, b) Jugendkurse uikd Vortragszyllen abgehalten werden, o) Jüdische Bibliotheken und Lesehallen von den jüdischen Gemeinden eingerichtet resp. von denselben subventioniert werden. 2. Humanitäre u. soziale Pflichten, a) Uebernahme der Armen Verwaltung in eigener Regie der Gemeinde, b) Zweckmäßige Unterstützung mit Naturalien. c) Gründung von Waisen-, Kranken- und Siechenhäuser. ä) Unterstützung aller im Kampfe ums Dasein ringenden Existenzen, e) Gründung von Spar¬ und Darlehenskassen, die womöglich ohne Verzinsung oder doch nur mit geringen Prozenten arbeiten, k) Arbeitsnachweis- und Vermittlungsstellen für Angestellte und Handwerker, g) Gründung von Lehrlings¬ und Mädchenheimen. Gedacht ist, daß diese Institutionen von der Gemeinde geschaffen werden und, wo solche als Einzelvereine bestehen, von ihr übernommen werden sollen. Ms Vorteile dürfte in Betracht zu ziehen sein, daß alle Kreise nritraten und mittaten könne» und das gesamte Volk mitinteressiert wird durch Ausübung seines Mitbestimmungsrechtes, wodurch der Jndifferentismus beseitigt wird. Auch wären die Erhaltungskosten nach den Kräften der Steuerzahler gleichmäßig verteilt, während jetzt manche über Kräfte geben müssen und andere garnichts geben. Allerdings ist zu überlegen, ob nicht andere Mißstände sich Herausstellen, wie Schablonstatt Jndividualbehandlung, Schwierigkeit bei außerordentlichen, dringenden Fällen Geld aufzubringen und das Sinke» der Gesamteinnahmen. 3. P o li t. Pflichten und Rechte, a) Gleiches, direktes, geheimes, allgemeiites Wahlrecht, b) Oeffentlichkeit der Sitzungen, wenigstens der beschließenden Körperschaften, c) Vergrößerung des Ausschusses: Wahl des Vorstandes direkt durch die Gemeindemitglieder. ä) Herausgabe eines offizielle» Gemeindcblattes. . ' 4. Etat. Eventuelle Erhöhung der Steuern, progressiv, möglichst weitgehend nach oben, e) Abschaffung aller. Sonderabgaben, wie Schacht-, Traurings^ und Beerdigungsgebühren, k) Wegfall aller Klassen- __ Nr. 12. einteilung im Spital und in der Synagoge, g) Freier Gottesdienst, wenigstens an den hohen Feiertagen, für alle Mitglieder der Gemeinde. Aus der Tiskussion ist noch hervorzuhcben, daß der Vorschlag auf Steuererhöhung allgemeine Zustimmung fand, dagegen die Uebernahme aller Einzelvereine durch die Gemeinde auf Bedenken stieß; aber befürwortet wurde, daß die Gemeinde die Aufgabe habe, die Gründung derselben anzuregen, wo sie bestehen, zu fördern und, wenn nötig, durch Subventionen zu unterstützen und über deren Verwaltung die Kontrolle auszuüben. S. B. Frankfurt a. M. Der Verein Tis er es B a ch u r i m beendete vorigen Sonntag mit dem Vortrage des Herrn Georg Freudenstein über das Thema: „Eine Wanderung durch Palästina" sein diesjähriges Wintersemester. Frankfurt a. M. Der Jahresbericht des Vereins Moutefjore, Verein zur Pflege der idealen Interessen jüd. junger Leute (Vorsitzender: Herr Felix Horovitz) legt den erfreulichen Beweis von dem fortschreitenden Ausbau der vielseitigen Einrichtungen dieses sehr tätigen Vereines ab, sodaß er seinem zu erstrebenden Ziele, einem jüdischen Bereinshause, immer näher kommt. Die Zeitungen im Lesezimmer und die Bücher der Bibliothek wurden vermehrt, das Lesezimmer, die Bibliothek, das Schreib- und das Restaurationszimmer lebhaft in Anspruch genommen. An Unterrichtskursen wurden erteilt: 1) Erste Hilfeleistung bei Unglücksfällen, 2) Schachspiel, 3) Stenographie, 4) Turnen und 5) Handelsrecht. — Sämtliche Kurse sind für die Mitglieder (Mitgliedsbeitrag JL 2 pro Jahr) unentgeltlich. Es seien besonders die Prinzipale gebeten, ihre jungen Leute aus diese Kurse aufmerksam zu machen. Es fanden im Berichtsjahre ferner 5 Einzelvorträge und 3 Vortrags-Zyklen, sowie 4 gesellige Ver«nstaltumgen statt. Tie Vorträge 'waren den verschiedensten Wissensgebieten entnommen; neben speziell jüdischen Stoffen wurden auch solche aus der allgemeinen Literatur, aus der Handelswissenschaft, aus der Cheniie usw. behandelt. . Ohne verständnisvolles Interesse in der Frankfurter Judenheit für sein Wirken hätte der Verein selbstredend eine so mannigfaltige Tätigkeit nicht entfalten können, denn erheblich sind seine Aufwendungen; die Unkosten beliefen sich nämlich auf 5350 JL und trotzdem schließt er mit keinem Minus, sondern mit einem Barbestände von 810 JL ab. — Zum Schlüsse sei noch auf die am 28. dss. Mts., abends 9 Uhr, im Vereinslokale stattsindendc ordentlichetzauptversammlung hingewiesen, zu der nur gegen Vorzeigung der Mitgliedskarte pro 1906 der Eintritt gestattet ist. Frankfurt a. M. Auch im Jahre 1905 hatte der Verein „Kindergarten für Israeliten" (Vorsitzender: Prof. Dr. Sulzbach) gute Fortschritte zu verzeichnen. Die Einnahmen betrugen JL 15195, die Ausgaben JL 14 563. Die Anzahl der Kinder betrug 60. Der Verein hat den Verlust eines sehr tätigen Mitgliedes, der Frau Bertha Baruch, durch den Tod zu beklagen. — Der achte Bericht der JüdischenHaushaltungsschule (Vorsitzender: Alfred Geiger) bezeichnet das verflossene Jahr als ein Jahr ruhiger, zielbewußter Arbeit. 24 Schülerinnen wurden ausgebildet, von denen 22 in Stellung gingen. Die Plätze waren stets besetzt, und häufig mußten die Meldungen für spätere Termine vorgemerkt werden. Auch die für das Mädchenheim zur Verfügung stehenden Räume waren ununterbrochen in Anspruch genommen. Die Einnahmen beliefen sich auf JL 24 256 (Honorar der Schülerinnen JL 3000, Honorar einer Kochschülerin JL 60, Honorar der Pensionärinnen JL 11,710, Honorar für Mittags- und Abendtisch JL 1315, Jahresbeiträge JL 2828, Geschenke Mark 4556 usw.). In dem Ausgaben-Konto fungiert als Hauptposten die Ausgabe für Lebensmittel mit Mark 16 310. Am 11. Dezember verschied Frau Bertha Baruch, Mitgründerin und Vorstandsmitglied des Vereins. — Die Stiftung für gebrechliche oder verwahrloste bedürftige israelitische Kinder (Vorsitzender: Moritz Metzger) hatte im Berichtsjahre 36 Zöglinge, für. die JL 12220 aufgewendet wurden. Berlin. Der IV. Rechenschaftsbericht des Vereins Jüdische Arbeiterkolonie in W e i ß e n s e e ist soeben erschienen. Er widmet den Heimgegangenen Vorstandsmitgliedern: Justizrat Hermann Stern und Bankier ,Wartin Simon Worte herzlichen Gedenkens und gibt eine Erllärung des trotz aller Popularität des Instituts in finanzieller Beziehung ungünstigen Jahresabschlusses. Recht günstig ist dagegen der Abschluß, wenn man die der Arbeiterkolonie gestellte Aufgabe, in's Auge faßt. Im letzten Jahre sind 453 Leute neu ausgenommen worden. Seit dem Bestehen hat die Kolonie 1386 Insassen beherbergt. Sehr groß ist die Zahl früherer Kolonisten, die dauernd zu einer anständige» Lebensstellung gelangt sind. Der Gesundheitszustand in der Kolonie ist ein günstiger geblieben. An Gelegenheit zu geistiger Aufrichtung, deren-, moralischer Wert nicht.hoch genug veranschlagt werden kann, hat es niemals gesehtt. . Der auf den 18.. ds. Mts.. anberaumten Mitgliederversammlung liegt ein den praktischen Ver-