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Neue jüdische Presse · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Inhalt der Beilage: Artikel: Die Juden Indiens. — Die Frankfurter Judengasse in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. — Aus aller Welt. —Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung.—Literatur und Kunst. —Briefkasten. — „Jüdische Jugend." Die Juden Indiens. Trotz seiner äußeren Starrheit hat der Hinduismus von Südwest-Jndien stets genügende innere Elastizität besessen, nicht nur um von Zeit zu Zeit neue Elemente aus den verschiedenen Stämmen, die in den Gebirgen Südwest-Jndiens vorhanden sind, zu.absorbieren, sondern auch um fremden Bekenntnissen eine großmütige Toleranz entgegenzubringen. Die mohamedanischen Gemeinden, die heute ungefähr 6°/o der Einwohnerschaft von Cochin und Travancore bilden, haben jedenfalls beträchtlichen Zuwachs erhalten in der Blütezeit von Hyda Ali und Tipu Sultan und machen heute noch Proselyten unter den niedrig stehenden Einheimischen; verschiedene arabische Schriftsteller rühmen den Wohlstand ihrer Gesinnungsgenossen unter indischer Herrschaft. Bon weit größerem Interesse als diese, sind die alten jüdischen und christliche» Gemeinschaften in dem. südlichsten Teile Indiens schon aus kulturhistorischen Gründen, da man dieselben als älteste authentische Ueberhleibsel des Verkehrs zwischen Indien und dem Occident betrachten darf. Man kann sich kaum einen eigenartigeren Anblick vorstellen, als die „jüdische Stadt", die sich hinter der britischen Niederlassung in Cochin befindet, lieber. die Lagune hinweg, von der schönen Insel Bolyhotty, wo die britische Nesidentschaft in einem Haine voll tropischer Herrlichkeit liegt, steht man. plötzlich unter Palmbäumen gegenüber einem der alten Schlösser der Rajah's von Cochin, durchschreitet einen mit -dunkelhäutigen Maluyalis gefüllten Bazar und und befindet sich plötzlich auf einer langen, schmalen Straße, wo Gesichter, so weiß wie in irgend einer Stadt Europas, aber mit ausgeprägt semitischen Zügen, uns in das' jüdische Viertel in Jerusalem oder in irgend ein Ghetto in Polen versehen. Wann und woher haben diese Reste des auserwählten Volkes ihren Weg nach dieser entlegenen Ecke Südwest- Jndiens gefunden? Man nimmt gewöhnlich an, daß sie durchaus nicht zusammenhängen mit den Beni Israel von Bombay noch mit sonst-einer jüdischen Gemeinschaft Indiens. Nach ihren, eigenen ließet» lieferungen wurden ihre Ahne» nach der Zerstörung des zweiten Tempels aus Palästina vertrieben und haben im 5. Jahrhundert in Indien eine Zuflucht gefunden; jedenfalls ist die Annahme wohlbegründet, daß sie über 1200 Jahre schon in Cochin angesiedelt sind, denn in ihrem Besitz befindet sich eine Urkunde (wie dort üblich auf kupfernen Platten), welche die besten Kapazitäten auf bas Jahr 700 zurück datieren. Die Machtbefugnisse und Vorrechte in dieser Urkunde bezeugen, in welch' hohem Maße sie sich damals schon das Vertrauen und die Freundschaft der Hindu-Könige von Malabar erworben hatten. Die Gesamtzahl der weißen Juden, nach der letzten Volkszählung, beträgt nur 180 Seelen, aber neben diesen weißen Juden finden wir schon seit uralten Zeiten eine zahlreiche Kolonie von schwarzen; Juden, deren Ursprung noch rätselhafter ist. Nach manchen Autoritäten sind diese schwarzen Juden (heute ca. 1000 Seelen) Nachkommen gewisser Eingeborenen, die zuerst von den weißen Juden als Sklaven erworben und später in den jüdischen Glauben ausgenommen wurden. Sie selbst verwerfen diese Ansicht auf's Entschiedenste und behaupten, Nachkommen der ersten Gefangenschaft zu sein. Andere hingegen betrachten sie als Abkömmlinge der spanischen und portugiesischen Juden und der Frauen des Landes. Obgleich die schwarzen Juden unverkennbare semitischmZüge und denselben Ritus haben wie die weißen Juden, so halten sich diese Letzterenauffallend fern -vo» 'ihren schwarzen Brüdern. Kein schwarzer , Jude ZM-We Synagogen der weißen Juden betreten, Mischehen mit denselben sind streng verpönt, obschon man in der Vergangenheit vernrutlich nicht so streng war, da man sonst das Vorhandensein der sogenannten braunen Juden kaum erklären könnte. Sogar in Kleidern unterscheiden sie sich. Die schwarzen Juden tragen dieselbe Tracht wie die Mohamedaner, während die weißen Juden noch den alten Gaberdin mit einer hohen Weste und langen bauschigen Hosen beibehalten haben. Nur die weißen Juden bewohnen die lange Straße, die man „Judenstadt" nennt, während die schwarzen Juden in dem einheimischen Teil wohnen und überall zerstreut in Cochin und Travancore zu finden sind. Die schwarzen Juden haben ihre eigenen Synagogen, und es ist bemerkenswert, daß eine derselben, die Kadyunbagan-Shnagoge in Cochin, als die älteste bestehende auch von den weißen Juden anerkannt wird. Auch manche ihrer heiligen Manuskripte werden für viel älter gehalten, als alles, was die, weißen Juden besitzen. Man darf übrigens nicht zu viel Wichtigkeit diesen Beweisen von dem jeweiligen Alter der beiden Gemeinden zuschreiben, da die ursprüngliche Niederlassung der weißen Juden nordwärts bei Oranganore war und sie in Cochin Zuflucht fanden vor den Verfolgungen der Portugiesen im 16. Jahrhundert. Tie Synagogen haben kein besonderes architektonisches Interesse. Es sind meistens einfache, viereckige weißgetünchte Gebäude, von einem Glockenturm gekrönt; aber die weiße Synagoge ist mit wunderbaren alten holländischen Ziegeln gepflastert, von denen man sich eine charakteristische Sage erzählt. Tie Ziegeln wurden einstmals von einem Rajah von Cochin importiert, um seinen Palast zu schmücken. Ein findiger Jude ließ die Bemerkung fallen, daß man viefleicht Ochsenblut verwendet habe bei der Herstellung der prächtigen Glasur. Der bloße Verdacht einer solchen Ungeheuerlichkeit genügte, die Ziegel für den indischen Machthaber Tabu zu machen, und sie fanden den Weg in die Synagoge. Heute vernimmt man bei den Juden von Cochin nichts mehr von der Pracht und dem Glanz der vergangenen Zeiten als der Bhaskara Ravi Vorma, König von Malabar, ihnen den Gebrauch der Elefanten gestattete, „um Wasser und Erde bei Hochzeits- und anderen Zügen zu tragen", nebst „Tragsessel und Schirm", und „Sitze in den Toren". Wenn auch die Unfruchtbarkeit ihres Daseins in traurigem Abstich steht mit dem segensreichen Fortschritt ihrer Brüder in den anderen Teilen Indiens, so ist das Fortbestehen von einem solch' kleinen Rest des erwählten Volkes durch so lange Jahrhunderte in völliger Isoliertheit, mit seinem rührenden Sichfernhalten von der Welt, in der er lebt, seine Hoffnungen und Ideale fest und lebendig durch alle wechselnden Glücksfällen hochhaltend, ein Zeugnis von der Lebenskraft Israels, wie man es beredter in den langen, ereignisvollen Annalen dieses Volkes kaum finden kann. „Times". Die Frankfurter Jndengafse in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Beginne» wir an der Fahrgasse, an dem Hause, auf welches sich ca. 100 Jahre hindurch die Augen der Finanzwelt richteten, so haben wir dem Leser noch jene schönen Züge des^ sel. Baron Anselm von Rothschild anszumalen, wie er sich persönlich der Armen annahm. Wir sehen, wie der große Finanzmann täglich beim Einsteigen in seinen Wagen, auf welchem neben. dem Kutscher ein stattlicher Jäger mit wallendem Federbusch als Diener saß, sich selbst die den Wagen umringenden Armen ansah, ihnen die Sechsbätzner zuwarf und mit seinen treuen Augen mit Kennerblick bis tief in die Herzen schaute. Während er die Eindringlinge zur Rühe mahnte, prüfte er genau, ob er nicht wirflich mit einigen Geldstücken dem Einen oder Anderen Helfer werden könnte. Oft sandte er nochmals am Nachmittag seinen Kammerdiener in die Häuser der Armen, um sich zu überzeugen, ob er den Leuten nicht zu wenig gegeben habe. DaS Bild des Helfers schwebte ihm stets vor — und so errichtete er auch durch Testament die großartige Armenstiftung, die seinen Glaubensgenossen in hiesiger Stadt auf ewige Zeiten "die wöchentliche Geldunterstützung bringen sollte, welche er ihnen während seines Lebens stets liebevoll spendete. Auch die Unterstützung von je ./& 3 zu den Frühjahr- und Herbst- Feiertagen an alte arme Israeliten Deutschlands legte er hier für ewige Zeiten durch .Vermächtnis fest. Die reichen Städter dürften vielleicht denken, was ist ein Taler für eine Familie? Wer aber noch heute sehen würde, mit welcher Freude das blanke Geldstück,' möge es als Frühjahrsbote, oder als Vorsorgling für den Winter - erscheinen, von manchem Mütterchen auf dem Lande erwartet und empfangen wird, der würde hoch sagen, der alte Herr wußte von seinem Schlosse aus in die Hütten der Armen zu schauen, er wußte im Ileberfluß, wie bitter die Nvt ist. Er wollte vor Not schützen und wo solche bereits Fuß gefaßt, diese vertreiben. Bei ihm mußte nicht zuerst jedes mühsam errungene oder ererbte Gebrauchsstück zum Trödler gewandert und jedes Pfand der Liebe und Freundschaft aus dem Hause geschafft sein, ehe dem Sinkenden das Stück Brod, das er zum Leben bedarf, das Kleid, das ihm zur Bedeckung nötig, gewährt und gereicht wurden Gehen wir nun der Bornheimer st ratze, jetzt Börne st raße, weiter entlang, so kommen wir in die wirkliche alte Judengasse. Wir bleiben an den 2 Kaffeehäusern, die zugleich die Wirtshäuser der Gasse bildeten, stehen. Hier entwickelte sich der Trödelhandel im großen Maße. Es war der richtige Trödelmarkt, wo sich Käufer und Verkäufer trafen. Der Geschäftsgeist der Juden wurde ja durch die Intoleranz in so enge Schranken getrieben, daß der ganze Handel, soweit er sich nach außen ausbreiten konnte, nur im Trödeln bestand. An die Pfosten des schauerlichen Ghettos pochte ja nur derjenige, der für den Rest seiner Habe bei den Juden noch den höchsten Preis zu erhalten glaubte, oder der kleine Handwerker, der für seine wenigen, erübrigten Kreuzer seine nötigsten Kleidungsstücke billig zu erwerben gedachte. Daß in dem Gedränge des Handels gar manche betrübte Seele stand, welche von Hause fortgegangen war, um das Glück auf dem Marktplatz zu suchen, ist selbstverständlich, und es befanden sich unter denselben Leute, die als Gelehrte der Nachwelt großen Nutzen brachten und doch oft kaum die wenigen Pfennige zum Lebensunterhalt ihrer Familie erwerben konnten. So sehen wir täglich an dem Cafe Hecht den nun so berühmten sel. W. Hei den heim sorgenvoll stehen, jenen Mann, der es verstand, die schönste Druckerschwärze zu bereiten, den Büchern eine angenehme zierliche Form zu geben und die jüdischen Gebetbücher mit einem Kommentar zu versehen, dessen Geist heute noch alle Andächtigen entzückt. Die ersten Heidenheimschen Gebetbücher werden antiquarisch zu den höchsten Preisen immer noch gekauft, und die jetzige Buchdruckerkunst bemüht sich erfolglos — trotz der ihr zur Verfügung stehenden Maschinen — das nachzubilden, was der damals unbeachtete Mann mit seinen geringen Mitteln fertigzustellen vermochte. Treten wir einige Schritte weiter in die Judengasse, so finden wir an den Häusern entlang Verkaufsläden, wo die Auslagen auf Tischen — heruntergelassenen Läden ähnlich, wie die alten Meßbuden es uns zeigen — zur Schau gestellt sind. Meistens sind es Frauen, die das Ladengeschäft besorgen und mit Kennerblick allen vermutlichen Käufern ihre Ware anbieten, während die Männer sich dem Handwerk hingeben. Wir sehen gleich am Eingang eine bekannte .Arbeiter-Figur, den alten Wolf Hahn, Onkel der Gründer der heutigen Weltsirmen L. A. Hahn und I. I. Weiller Söhne. Trotzdem er sei» Handwerk nicht in den ersten Schuhmacher-Akademien erlernt hatte, wußte er es doch sehr produktiv zu gestufte«, ja man schwor in der Gasse nicht höher als auf Wolf Hahn's Handwerk. Zwei Häuser weiter stand das früher schon erwähnte v. Rothschild'sche Haus, dessen Aeutzeres, wenn auch gut erhalten, wenig von dem bereits so großen Reichtum der Besitzerin verriet. Dem Hause gegenüber mündete das sogenannte Jndenbrückchen — setzt Einhorngasse —, und da hier der Verkehr am

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