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Neue jüdische Presse · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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ihnen vom JudÄtum übrig bleibt.^"— — Sicherlich ihre Ehrenämter in der Jca und in der Alliance. .... Alles in allem sind doch unsere Reform-Luthers ganz interessante Individuen — interessant vom physiologischen Standpunkt. Ich wollt'» ich könne in ihre Schädel, in ihre Herzen schauen. Daß sie lederne Seelen in ihrer Brust tragen» ist mir von jeher bekannt — aber ihre Schädel .... Angefüllt mit Vergeßlichkeit — und mit etwas unangenehm riechenden Eskimofett» sind sie natürlich kaum in der Lage, sich Ereignisse früherer Zeiten zu erinnern, mit Blindheit geschlagen, sind sie eben nicht fähig zu sehen und zu beobachten, was sich vor ihren Augen zuträgt, an .Ueberfluß und Fettkrankheit leidend, sind sie abgestumpft und versteinert und fühlen nicht des Volkes grenzenlosen Schmerz. . . . Wqs ihnen fehlt, ist eine kleine Abwechslung, da die Lebensfreude ihnen zu viel ist-— und ihnen langweilig wird. Bei dieser Lage der Tinge haben unsere Großen und unsere Wohltäter eine gute Idee ersonnen. Wenn sie die Idee realisieren, sichert sie ihnen reformatorische Unsterblichkeit, Volkstzopularität, da sie doch für die Sache des Volkes (?) arbeiten und eine.gute Abwechslung. In Paris leben 20 000 französische Juden. Jeder französische Jude erinnert sich an sein Judentum nur dann, wenn er „ä bas les juifs" schreien hört — und oft nicht einmal dann. Für diese 20 000 französischen Juden muß etwas getan werden. Ta sie Samstag arbeiten und Sonntag auch nicht ruhen — denn hier zu Lande existiert keine Sonntagsruhe — da sie vom Hebräischen so viel verstehen wie ein schottischer Landpfarrer von chinesisch und die Satzungen des traditionellen.Judentums mindestens so viel beobachten wie ein guter Brahmane die christlichen, so muß für diese an Millionen Reichen und an jüdischem Geist und Herz Armen etwas getan werden. „Jean" und Jacque", der mit dem Schrecken des feigen Pantoffelhelden an sein „Judaisme" zurückdenkt, soll kein Hebräisch mehr lernen, soll keine Sabbatruhe mehr beobachten, und an fetten Schinken soll er sein verschmachtetes Herz erquicken. ..... Welch eine Wohltat für Jean und Jaque, welche unsterbliche Leistung von Herrn Reinach und Genossen. Aber nein, Herr Reinach ist nicht geistesgestört, Herr Reinach und seine Freunde leiden an anderen akuten Krankheiten — an Langeweile — und an Lust zu hausieren — letztere ist eine vererbte Krankheit.') . Unsere millionenschweren „Reformhelden" geben sich als die Träger der Ethik und der Humanität ans. Wenn man ihnen Glauben schenken sollte, hat das Judentum eine Mission auf Erden, die Ideen der Ethik und der Humanität zu verbreiten. Nach'dieser Auffassung des Judentums ist jeder Jude verpflichtet, init den ethischen und humanitären Ideen zu hausieren. — Tiefe Hausiererlust unserer Reformhclden möchte ich auf ihre Vergangenheit zurückführen. .... Tie armen Großväter hausierten mit Lumpen — die reichen Enkel hailsieren mit ethischen Ideen. Wer lvohl ein größerer Hausierer ist? — Tiefe unwiderstehliche Lust zum Hausieren ist die äußere und salonmäßige Gestalt des Goluswahnsinns. Die Woche. Als vor kurzem die Kunde von der Erweiterung des Programms der Mädchen-Gymnasien kam, durchzog ein Ton der Freude die ganze freiheitliche Presse, und mit Recht. Ist doch ein großer Teil der Reaktion Deutschlands der letzten Jahrzehnte auf die mangelhafte Bildung der deutschen Frau zu setzen. Tie Erziehung der Jugend liegt von jeher zum größten Teil in den Händen der Frau, umsomehr in den heutigen Tagen. Der schwere Kampf ums Dasein verschlingt die g a u z e K r a f t und dieganze Zeit des Mannes, und beim besten Willen kann cs der Väter unmöglich fertigbringen, seinem Kinde seine erzieherische Aufmerksamkeit auch nur für eine kurze Weile schenken. Und somit liegts der Mutter ob, einen Doppel-Posten auszufülle». Daß dieser überaus schwierigen Aufgabe eine Frau mit einer lückenhaften Bildung nicht gewachsen ist, braucht nicht gesagt zu werden. Soweit.von einem Uebel auf dem Gebiete der allgeMinK» -menschlichen Mziehung, das in einer Frattkfurker JfraükBWS FamilknÄaS. mangelhaften allgemeinem Bildung wurzelt. Allein will man es auf das Gebiet der jüdischen Erziehung übertragen, so gestaltet sich dieses Uebel noch größer, da die Notwendigkeit einer ganzen Bildung, einer jüdischen, zu einer gedeihlichen jüdischen Erziehung sich noch viel größer ergibt, als bei einer allgemeinen, menschlichen Erziehung; lebt doch das jüdische Volk z e r st r e u t als kleine Minderheit in der Mitte fremder Völker, und will man, daß seine besonder» Kultur werte nicht in den andersgearteten Kulturwerten der anderen, physisch stärkern Völker aufgehen sollen, will man, um der jüdischen Seele willen, daß die besonderen Rassenmerkmale der jüdischen Nation sich nicht in den verschiedenen Rassenmerkmalen der anderen Nationen auflösen, so muß ein offenes Auge eines kundigen Erziehers über den jüdischen Sprößling beständig wachen. Auf dem Wege des bloßen Aus übe ns der traditionellen Gebote ist es nicht zu erreichen. Ist es doch eine alltägliche Erscheinung, daß gesetzestreue Juden die eigenen Kulturwerte verleugnen und unbewußt sich von ihren besondern nationalen Merkmalen zu befreien suchen, und so sieht man das traurige Bild: äußerlich jüdelnd, innerlich christelnd; äußerlich Semit, innerlich Arier; äußerlich national, innerlich international. . . . Die jüdische Frau ist es, die da Wandel schaffen muß, die jüdische Frau, die voll und ganz im Judentum wurzelt, die das Judentum aus seinem Urquell, nicht aus kli scheeni kennt. * * * Das allgemeine Wahlrecht ist im Anzuge, Oesterreich wird es, wie der Gang der gegenwärtigen Wahlrechtsdebatten im österreichischen Parlament beweist bekomme», in Ungarn wird es, Dank der einseitigen Haltung der Koalition, ebenfalls eingesührt werden, und auch unser bureaukratisches Preußen macht Miene, seinen veralteten Wahlmodus zu ändern, wenn auch vorläufig bloß im technisch verbessernden Sinne. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß dieser Sieg einen Sieg der Demokratie bedeutet, das eigentliche Volk, seine breite Massen, die bis dato, während die.Gewalt in Händen einer privilegierten Kaste lag, machtlos waren, gelangt jetzt zur Macht. : Für uns' Juden nun ergibt sich die Frage, wie haben wir uns dazu zu stellen? Wohl sind wir uns dessen bewußt, daß mancher Leser die Achsel zucken wird, ob dieser Frage; ist es doch ein Grundsatz des Judentums : ..Nisebpot echori Lageer Welnesroch“ und feitt Gott will es nicht haben, daß Menschen von Menschen geknechtet werden Li U atem Awodim, Wlau Awodim la awodim“ und demnach ist alles, was vom menschlichen Standpunkte gut geheißen werden muß. eo ipso vom Standpunkt des Judentums gut geheißen. Allein will man der Sache auf den Grund gehe», so nimmt sie eine andere Gestalt an: Die herrschenden Parteien, die die Rechte der Massen schmälerten, taten es stets mil Hilfe der Religio», und mithin lag es .in deren Interesse, die Religion zu fördern — was fie auch taten. — Und nicht nur das, in ihrem Interesse lag es auch, die Nationalität zu fördern — und auch das taten sie. Also die privilegierten herrschenden Par. teien fördern Religion und Nationalität; was gibt es da Natürlicheres für einen religiösen und nationalen Juden, als daß er diesen Parteien eine Unterstützung gewährt!! Und doch ist politische Religion keine Religion und Chauvinismus keine Nationalität. Will man den .Maßstab - einer Religion und Nationalitä: kennen, so frage man sich, bringt diese Religion ode: diese Nationalität der Menschheit Verderben oder Heil — und danach handle man! * * » Die „Frankfurter Zeitung" desavouiert ihre» Herrgott Haeckel! — Wenn wir es nicht schwarz auf weiß in ihrer letzten Sonntagsnummer gelesen hätten, möchten wir es nicht glauben! Haeckel, der wie dem Christentum auch dem Judentum tausende bildungsdurstige junge Leute abspenstig gemacht ha'. Haeckel, der Prophet und Wahrheitsverkünder, — ein Ignorant! Seite 3. Hören wir die Frankfurter Zeitung gelegentlich der Besprechung eines von Professor Chwolson erschienenen Buches: „ES sind außerordentlich schwerwiegende Borwürfe, die Chwolson gegen Häckels „Welträtsel" richtet. Er, der Professor ordinarius für Physik an der Kaiser!. Universität zu St. Petersburg ist, zeiht den Jenenser Zoologen der krassesten Ignoranz in den grundlegenden Fragen physikalischer Wissenschaft. Er führt einundzwanzig Sätze an, in denen Haeckel einen „bedauerlichen Mangel an elementaren physikalischen Kenntnissen" bekundet; er weist ihm nach, daß er weder das Energiegesetz noch den zweiten Hauptsatz ' der Thermodynamik (Entropiegesetz) verstanden und daß er seine Kenntnisse über diese Fundamente der modernen Naturwissenschaft aus ganz sekundären Quellen, „populären Elaboraten" sagt Chwolson, gezogen hat. ,^Las Resultat unserer Untersuchung ist entsetzlich» man darf wohl sagen — haarsträubend! Alles, aber auch alles, was Haeckel bei der Berührung physikalischer Fragen sagt, erlläri und behauptet, ist falsch, beruht auf Mißverständnissen oder zeugt von einer kaum glaublichen Unkenntnis der elementarsten Fragen" (S. 76). Wenn man bedenkt, welch außerordentlichen Einsiuß das Haeckelsche Buch in den weitesten Kreisen ausgeübt hat und noch ausübt, so wird man nur mit Bedauern, um nicht zu sagen Entrüstung, dem Schauspiel zusehen, das sich vor unseren Augen abspielt: dieser Mann wird als ein neuer Prophet und Verkünder der Wahrheit gefeiert und verehrt, nicht nur von der urteilslosen Menge, sondern auch von Leute», die es besser zu wissen die Fähigkeit und die Pflicht hätten)" Aus alter Wett. Deutsches Reich. Berlin. Die landesberrlicheMenehmigung ist den nachfolgenden Stiftungen erteilt worden: der Zuwendung der Frau v. Hirsch geb. Marcuse im Betrage von 36 000 Jk an die jüdische Gemeinde szur Unterstützung armer Wöchnerinnen'», der Witwe Simon geb. Salinger im Betrage von 30000 Jk an den Hilfsverein für jüdische Studierende und des Kaufmanns Siegfried Sachs im Betrage von 5065 J6 an die jüdische Gemeinde (zu Wohltätigkeitszwecken). Berlin. Die Berieibung des Adels an die getauften Inden Friedländer und Caro — Caro's Vater war übrigens Vorstandsmitglied der j"d'schen Gemeinde in Breslau — wird mit der Bildung eines „Fonds zur Erhöhung der Offiziersgagen und -Pensionen" in Zusammenhang gebracht. Berlin, 29. März Die jüdiscke Auswanderung aus Rußland und Rum änien hat in den letzten Jahren pro Jahr eine Ziffer von etwa 100000 Seelen erreicht. In den meisten Fällen war das Ziel dieser Auswanderung die Vereinigten Saaten, in erster Reihe New-Pork, das mit 750 000 jüdischen Seelen die größte jüdische Gemeinde der Welt hat. — Ta nun zu befürchten ist. daß eine weitere Verschärfung der Ansprüche in Ellis Island witens der Regierung der Vereinigten Staaten einweten könnte, so sind seit längerer Zeit Bestrebung-» im Gange, einen größeren Teil dieser Auswanderer nach anderen Gegenden abzusenken. In New-Pork -rbeitet seit Jahren ein jüdisches Komitee in diesem Sinne, und nunmehr hat sich auch in Berlin ein Komitee gebildet, dem - n. a. folgende Herren angebören: Direktor Oscar Oliven, Tr. Alfred K"ee, C^efedakteur Tr. I Landau, Professor Dr. Otto War- '>urg, Tr. Hi'desheimer, Redakteur I. Wiener und Tr. Sovernheim. Tas Berliner Komitee hat sich zur Aufgabe -emacht, die zur Auswanderung entschlossenen Elemente in Osteuropa über die Verhältnisse in den 'enen Einwandernnqsgebieten zu informieren und 'ine Auskunftsstelle für jüdische Aus°- mauderer nach den südlichen Ländern zu gründen, welche zuverlässig Anfragen beantwortet und durch die Preise informato'isch wirken will. TaS Bureau soll die Auswanderung nicht fördern, im Gegenteil, alle die'euigen vor der Auswanderung warnen, die sich nicht absolut hierfür eignen. Nur denjenigen sollen die Informationen dienen» di" vermöge ihres Berufes und ihrer Intelligenz als Landwirte, Handwerker/ qualifizierte Arbeiter usw. sich mr dieie Länder eignen und von denen anzunehmen ist, daß sie in ihrem Bestimmungslands sich leicht rine Eristenz werden gründen können. Berlin. Im Jahre 1905 sind nach Mitteilung des soeben erschienenen Vierteljahrshestes zur Statistik des Deutschen Reiches über deutsche Häsen 21 986 Deutsche und 284 787 fremde ausgewandert; die Auswanderungsziner der sy-emden übertrifft die des Vorjahres um 65691 Personen. Im Jahre 1904 wurden im Teutschen Reiche ,4001 jüdische Ehen und 720 jüdisch-christ-

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