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Neue jüdische Presse · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Gerte 2. frankfurter AsräelWiffeS FavMenkkaL. SK 12. gemacht werden sollte zur Zeit eines Streiks in dem betreffenden Beruf, damit nicht die Kapitalisten billige Arbeitskräfte aus Polen, Italien unv Spanien beziehen und auf diese Weise die heimischen Arbeiter in ihrem ökonomischen Kampfe leicht besiegen könnten. Sir Gordon, dem die Wienbill noch immer nicht streng genug ist, wollte auf diese Weise die Vertreter der Arbeiterschaft für sich gewinnen. So klug aber auch der Plan angelegt war, so ivar er ihm doch mißlungen. Die Arbeiterführer errieten sein Ziel, und rieten ihm, die Verteidigung der Arbeiterinteressen lieber ihnen zu überlassen, die ivohl besser wissen werden, was ihren Mandatären vorteilhaft ist. Der Minister des Innern, Mr. Herbert Gladstone, erinnerte ihn daran, daß er vor einigen Monaten eine ähnliche Resolution bekämpfte, als sie von dem bekannten englischen Sozialisten Keil Hardie vorgebracht wurde. Mr. Chamberlain machre seinen übereiftigen Anhänger darauf auftnerksam, daß der Zeitpunkt höchst ungünstig sei für eine derartige Resolution und ersuchte ihn, dieselbe für eine gewisse Zeit zurückziehen zu wollen, was er auch gehorsamst getan hat. Der offizielle Angriff auf das Fremdengesetz begann diese Woche und dauerte zwei Tage, Montag und Dienstag. Er wurde von einem Vertreter der Arbefterpartei, Mr. I. R. Macdonald, eröffnet, den die liberalen und Arbeiterabgeordneten Seif Jones, T. F. Richards, Stuart M. Samuel, Aladdison, Sir Charles Dilke, Sir I. Leese unterstützten. In Sir Evans-Gordon, Sir Howard Vincent und dem Ex- Minister Aker-Douglas fand die Mienbill ihre eifrigsten Verteidiger. Die Debatten und die an den Minister des Innern gerichteten Fragen drehten sich meistens um einige Fälle, in denen „politische Verbrecher" und sonstige Flüchtlinge aus Rußland ungesetzlicherweise von den Jmmigrationsbeamten zurückgeschickt wurden, obwohl sie bestimint wußten, daß sie dieselben in den sicheren Tod jagen. Die Hauptfiguren waren der Esthe Alexander Ohix, dessen Leidensgeschichte ich schon in meinem vorigen Briefe erzählte und David Rabinowitz, der der russischen Armee desertierte, weil er sich weigerte, aus die Juden während des „Pogroms" in Kiew zu schießen und deswegen verhaftet wurde. Rabinowitz besaß ungefähr 60 Rubel, wurde jedoch zurückgewiesen. Abgesehen von der barbarischen Behandlung der Immigranten und der willkürlichen Ausdeutung der Verordnungen des ohne dies grausame» Gesetzes, stellte es sich heraus, daß die Beamten ihre Opfer nicht nur auf die ihnen zustehenden Rechte, wie das Recht des Appellierens, nicht aufmerksam machen, sondern eine Art von Spionage einführten, die dem englischen Beamtentum durchaus keine Ehre macht. Zu diesem Uebel geseift sich noch das niederträchtige Vorgehen mancher Uebersetzer, die in ihrem knechtischen Eifer sich erlauben, die Taschen der Immigranten zu untersuchen und die Fragen des Beamten so umzubilden, daß die Antwort keinesfalls befriedigend ausfallen kann. Dieser sauberen Verwallung setzt der Umstand die Krone auf, daß die Sitzungen des Appellationsbureaus des „Immigration Board" hinter geschlossenen Türen geschehen. Mr. Charles Trevelyan bewies, daß bei der gegenwärtigen Lage in Rußland eigentlich kein Jude zurückgewiesen werden dürfte, da sie alle als politische und religiöse Flüchtlinge zu rubrizieren sind. Mr. Stuart M. Samuel bewies auf Grund statistischer Daten, daß die Verwaltung der Wienbill den Staat mehr koste, als wenn er die Zurückgewiesenen sogar Jahre lang aushalten würde. Sir I. Leese erinnerte an die erniedrigende Examiuation, die ein jeder Engländer sich in Frankreich unrerziehen muß, bevor er sich nach England einschifit, während der Franzose frank und frei sich von hier nach seinem Vaterlande begeben kann. Sir W. Evans-Gordon gab sich alle Mühe zu beweisen, daß die Mienbill rücksichtsvoll und im höchsten Sinne human gehandhabt werde und daß die Berichte der liberalen Presse aus der Lust geholt sind. Ein jüdisches Mitglied des Immigration Board habe ihm selber mitgeteift, daß das Gesetz so mllde wie nur möglich ausgeführt werde. Mr. Wer-Douglas gab zu, daß das Gesetz etwas verwickeü sei, er Hofft jedoch, daß die Schwierigkeiten, die bei einem jeden .jungen Gesetze unvermeidlich sind, mit der Zeit verschwinden werden und die Alienbill nur segensreich wirken wird. Sonderbar war das Verhalten des Ministers des Innern, das des stolzen Namens Gladstone nicht sehr würdig ist. Er verdammte zwar die Bill in ihrer jetzigen Form, er nahm aber sie Beamten des Immigration Board in Schutz. Das Gesetz sollte so elastisch sein, daß es bei aller Wirksamkeit den guten Ruf Englands bewahre." Mr. Gladstone bewies in seinen Reden keine besondere Sympathien mit denjenigen, welche wenigstens gründliche Reformen der Alienbill verlangen, falls es unmöglich sein sollte, sie überhaupt au;zuhebcn. Er machte überhaupt de» Eindruck, als ob es ihm unangenehm wäre, viel über dieses Gesetz zu sprechen und glaubte die Angreifer mit der Versicherung zu beruhigen, daß er sich alle Mühe geben werde, die Alienbill gerecht und human zu verwaften. Er verkündete einstweilen, daß die Presse zu den Sitzungen des Board of Appeal, die bisher in Camera staüzusinden pflegten, z u g e l a s s e u werden wird, und daß die Rechte, welche dem zu rückgewiesenen Ausländer zustehen, in mehreren Sprachen publiziert und in jedem Schiffe afsichiert sein werden. DiegesamteliberalePressehatrücksichtslosihreUnzufriedenheitmitdem Verhalten des Ministers des Innern während der dieswöchentlichen Alienbilldebatte im Parlament ausgesprochen. Die Kampagne gegen die Alienbill wird auch ununterbrochen fortgesetzt. Jeden Tag erscheinen spaltenlange Artikel, die dieses Gesetz auf's schärsste verdammen und die Handlung der Beamten brandmarken. Die „Westminster Gazette" und die „Tribüne" haben die Veröfientlichungen einer Serie von Briefen berühmter englischer Persönlichkeiten begonnen, die sie Bill als unenglisch bekämpfen. Unter diesen befindet sich auch ein sehr interessanter Brief von Lady Frances Balfour, einer Schwägerin des früheren Ministerpräsioenten und Schwester des Herzogs von Argyll, die ausruft: „Möge doch England wieder offen bleiben für alle, die seinen Frieden und seine Gerechtigkeit aufiuchen, und möge doch Jude und Christ fühlen, daß das Gesetz chr.stlicher Brüderlichkeit das Gesetz dieses Landes sei." Sogar die konservative Zeitung „Daily Graphic", deren politischer Redakteur Lucien Wolf ist, verficht auch das Recht? der freien Immigration ohne jede Beschränkung. So tapfer aber auch die liberale Presse in ihrem Angriff aus das unmenschliche Fremdengesetz ist, so unermüdlich sind die Beamten des Jmmigrationboard in ihrer grausamen und willkürlichen Ausübung des ihnen anvertrauten Amtes. Die Fälle der Zurückweisung politischer Flüchtlinge oder Männer und grauen, die alle vom Gesetz gestellten Forderungen befriedigen könnten, das'Zurückschicken einzelner unmündiger Familienmitglieder und ähnliche Heldentaten nehmen immer zu, sodaß es unmöglich ist, sie hier alle aufzuzählen. Die liberale Tagespresse untersucht jeden Fall sorgfältig durch ihre speziellen Korrespondenten und veröffentlicht ihn in ihren Spalten. Dieses ist, was die Schutzherren der Alienbill am meisten fürchten, und schon mancher unglückliche Immigrant, der schonungslos nach Rußland land zurückgeschickt worden wäre, verdankt seine Zulassung durch das Appellationsbureau diesem Vorgehen der Presse. Die Zahl der von dieser letzten Instanz zurückgewiesenen Immigranten hat aus diesem Grunde in der letzten Woche zusehends abgenommen und wird wahrscheinlich noch kleiner werden, wenn die Presse zu ihren Sitzungen ohne weiteres zugelassen werden wird. Zuletzt noch ein tvenig über das Verhalten der jüdischen Parlamentsmitglieder, das noch bei.weitem sonderbarer war, als das des Home Secretary. Von den 16 jüdischen Abgeordneten, die jetzt das House öf Commons, zählt, hat, mit der löblichen Ausnahme Stuart M. Samuels, kein einziges Mitglied auch den geringsten Anteil an der Wiendebatte von Montag und Dienstag genommen. Hatten sie wirklich nichts gegen das grausame Gesetz zu sagen oder glaubten sie, ihre Parteigenossen und die Kollegen der befreundeten Arbeiterpartei werden schon selbst die Sache besorgen? Aber in England ist der Jude äe laoto gleichberechtigt und muß daher selbst seine Interessen vertreten ünd sie nicht einer gewissen Partei des Landege^n gewisse Dienste und Verpflichtungen übergeben, wie eS in manchen westeuropäischen Ländern, in denen die Bureaukratie die Gleichberechtigung der Juden nur äe jure anerkennt, der Fall ist. Hier hat dieses Schutzjudentumsystem absolut keine Existenzberechtigung. Gewiß, niemand nimmt Sir W. Evans-Gordon ernst oder glaubt ihm überhaupt, aber ein derartiges Verhalten der jüdischen Member's of Parliament zwingt ja einen direkt zu fühlen, daß er die volle Wahrheit sprach, als .er sagte, daß die jüdischen Leaders mit der Alienbill kontent seien. Haben die jüdischen Abgeordneten vergessen, daß viele von ihnen , ihren Sitz im Parlament jüdischen Stimmen und jüdischen Agitatoren und Stimmungmachern zu verdanken haben? Hoffentlich zwingt sie die jüdische öffentliche Meinung, die sich tüchtig zum Kampfe rüstet, von sich bald hören zu lassen. Wenn der Kongreß der Free Church Vertreter und andere Körperschaften, die an dieser Bill nicht direkt interessiert sind, cs für nötig gesunden haben, sic aus einem humanen Standpunkt zu verdammen, uni wieviel mehr muß es seitens unsrer Vertreter geschehen, da cs ja für uns, angesichts der Lage im Zarenreiche, eine Lebensftage ist. Den vereinten Kräften der Edeldenkenden dieses Landes inuß und wird cs gelingen, die Alienbill, das Produkt konservativer Borniertheit, aus diesem freien Lande für alle Zeiten zu verjagen. Jack Myers Halevi. Brief aus Frankreich. Won MaximeLeMaitre. Tie französischen Juden erfreuen sich jetzt einer relativen Ruhe. Ter französische Chauvinismus, die ganze reaktionäre Clique hat jetzt etwas Besseres und Wichtigeres zu tun, als sich mit den Juden zu beschäftigen. Tie Parlamentswahlen stehen vor der Tür, die Konferenz in Algecicas ist noch nicht zu Ende, die Inventaraufnahme der Kirchengüter ist noch nicht abgeschlossen und dje Wahlparole nöch nicht ausgegeben. Tas Mes macht den Nationalisten viel zu chaffen und verursacht einen Stillstand in der antisemitischen Bewegung. Aber unsere französischen Glaubens- und Stammesgenossen wissen ihre Zeit und ihre Ruhe gut'auszunützen. Solange die antisemitischen Wogen hoch5 gehen und das Wort „ä bas les juifs" das dritte Wort jedes Franzosen ist, fühlt man nichts von der Existenz einer zwänzigtaussndköpfigen Jubengemcinde in Paris. Alles jüdische Leben stockt, alles ist wie ausgestorben. Tie Reichen und die Großen unserer französischen Stammes- und Glaubensgenossen liegen zu dieser Zeit ihren.Studien in ihren Bibliotheken ob oder spielen einfach Billard —als ginge sie der ganze Lärm nichts an. Kaum tritt Rühe ein, da erscheinen sie auf dem Weichbild und lassen wieder von sich hören. Tas jüdische Leben beginnt sich zu regen, zu pulsieren. — — So geht auch jetzt wieder eine Bewegung durch das französische Israel, und man erfährt, daß es in Paris große und mächtige Juden gibt, die noch für ihr Judentum etwas übrig haben. Jetzt, in der Zeit der Ruhe, gewinnt man die Ueberzeugung, daß unsere Großen und Mächtigen unserer nicht vergessen haben, daß sie um Msec Weh und Wohl stärk besorgt sind. Sie wollen uns unser hartes, schweres Leben erleichtern. — Tas traditionelle Judentum, die viertausendjährige jüdische Kultur, jagen unsere „Wohltäter", lastet wie ein Alpdruck auf dem jüdischen Volk. Tem muß abgehölfen werden! Und, um dem „Uebel" zu steuern, schicken sich unsere Wohltäter und „Volksfreunbe" an, das in ihren Äugen veraltete Judentum ein wenig zu reformieren. ... . Saöbätruhe, rituelle.Speisen üsw.können ausgemerzt werden.'Sabbat, so sägt uns Herr Reinach, kann durch Sonntag ersetzt werden, und, daß vielleicht Schweinefleisch nicht übel schmeckt, wird er aus Erfahrung wissen. , . . . Aber Herr Reinach ist ein radikaler.Herr; Abschaffung, der Säbbatruhe und der rituellen Speisen ist nur der erste Schritt zu einer ernsten — Reform; noch wichtiger dünkt ihm die Abschaffung des 'Hebräischen äuS dem Religionsunterricht. Herr Reinach und die änderen Reformhelden sind in ihrer Weise konseqNtch'"^''^^««^««!« Prinzip im Jüüdentum verneinen und als 'moderne Menschen. Freidenker sind, bleibt ihnen -.nichts anderesübrig, als? Ich'"wenn ich. "nur ^wirßte, -toas

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