Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692460-2692472--02304-2696894
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Zstttlitislhks fmnilinililntl. i r~ —11 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Strcijband bezogen: . Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— i _ M ... .. ■ 3 KedaKtioir und Geschäftsstelle: Zrankfurl 2. IN.. Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße Derofo« 10507. -t-ss-r- H>epansgeVer: Gali; Geis. ..-n Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezcile. 100 ,. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit- Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. . .- .. , - ' 4. Jahrgang. Freitag, de« 26. Mar 5666 <23. Mürz 1966). R». 12 Inhalt -eS Hauptblattcs. Artikel: Populäre W fstnschaft. — Brief aus England. — Brief aus Frankreich. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Die Cohnheims. — Kunst und Literatur- — Wochen- Kalender. — Familien Nachrichten. Populäre Wissenschaft. Won Tr. I s a k Unna in Mannheim. Eine charakteristische Erscheinung unserer Zeit ist die zunehmende Popnlarijierung der Wissenschaft. Es ist einesteils das lobenswerte Streben nach allgemeiner Bildung, welches in weiten Kreisen Interesse für populär gehaltene fachwisscnschastliche Erörterungen weckt, andererseits mag auch die Sucht, überall mitreden zu können, ihren Einfluß dabei äußern. So kommt es, daß nicht nur historische, philosophische und naturwissenschaftliche Themata in den Tageszeitungen und vor der breiten Oeffentlichkeit behandelt werden, sondern daß man auch Fragen der Medizin und der Jurisprudenz in populärer Form dem Publikum darbictet. Sogar Probleme rein sachwissenschastlichen Charakters werden zu journali stischen Uebungen benutzt. Wenn nun auch die Verbreitung von Bildung und Ausklärung immer zu begrüßen ist, so liegt in dieser Art, die Wissenschaft in kleiner Münze dem Volke hinzugcben, doch die Gefahr, daß dadurch eine Halbwisserei gefördert wird, die mit wirklicher Bildung nichts zu tun hat. Bei speziellen Fachwissenschaften, wo die Nachprüfung der Behauptungen nur wenigen Gelehrten möglich ist, ist auch die Befürchtung sehr gerechtfertigt, daß subjektive Anschauungen dem Laienpublikum als Ergebnisse der Wisseuschasten vorgesetzt werden. Bei den exakten Wissenschaften ist dies naturgemäß weniger leicht möglich. Sobald aber das Gebiet der Philosophie betreten wird, und namentlich wenn es sich um religionsgeschichtliche oder -wissenschaftliche Probleme handelt, dann ist diesem Subjektivismus Tür und Tor geöffnet, dann läßt der popularisierende Verfasser umsomehr seine Phantasie die Zügel schießen, je weniger er die Kritik des urteilsfähigen Lesers zu fürchten hat. Am meisten hat dabei, wie ja nicht anders zu erwarten ist, das Judentum zu leiden. Tie religionsgeschichtliche Entwickelung, die Zeit der Entstehung des Christentums und die damit zusammenhängenden Fragen werden gerade jetzt sehr viel in Broschüren und Zeitungen diskutiert, und man muß dabei selbstverständlich auch das Judentum, seine Geschichte und seine Entwicklung besprechen. Wie groß aber die Ignoranz vieler Schriftsteller und auch mancher Fachgelehrten auf diesem Gebiete ist, wie ihnen das Judentum, seine Geschichte und Literatur geradezu eine terra incoguita ist, davon kann man sich schwer eine Vorstellung machen. Ich erinnere mich da einer . Stelle äus der bekannten Kulturgeschichte von Henne am Rhhn. Er spricht von der wissenschaftlichen Tätigkeit der Juden im arabischen Spanien und erwähnt dabei auch Maimonides. Von diesem sagt er (S. 405) wörtlich: „Ter bedeutendste Jude des Mittelalters war aber Mose beu Maimuui aus Cordova, in späteren Jahren Rabbiner in Kairo und zuletzt Leibarzt von Salaheddins Sohn in Tamask. Er bezweckte nichts Geringeres, als mit seiner freien Religionrlehre (!) die alte jüdische Ueberliefernng zu ersetzen (!!)." Freilich trägt für diesen horrenden Unsinn nicht der Verfasser, der ja unmöglich die Litcratnrgeschichte eines jeden Volkes durchforschen kann, die Verantwortung, sondern seine Quelle. Aber ich muß mich doch fragen: Wenn ich ans einem Gebiete, das mir zugänglich ist,' und wo ich die Angaben nachprüfen kann, solche Entdeckungen mache, welches Vertrauen soll ich dann zu den Partien haben, oie ctwa die Geschichte und Kultnrentwicklung der Chinesen oder der Inkas erörtern? Und hier, bei den spanischen Juden, ■ handelt es sich um eine Periode, die der Parteien Gunst und Haß einigermaßen entrückt ist. Welche Blüten aber gezeitigt werden, wenn christliche Autoren, denen noch dazu gewöhnlich die jüdischen Quellen unzugänglich sind, über das Judentum, über seine Geschichte, über sein Schrifttum oder gar über seine Religion urteilen, das kann man sich ungefähr ausmalen. Tenn hier ist der Verfasser Partei; es spricht nicht nur seine Phantasie, sondern auch sein Gefühl mit. So sehen wir in der Tat, daß bei den populärsten Veröffentlichungen auf diesem Gebiete oft die ärgsten Hypothesen der Kritik als Ergebnisse der Wissenschaft figurieren. Sie werden dadurch in die breiten Massen getragen und setzen sich in den Köpfen fest. Wenn dann auch mit der Zeit wahre Wissenschaft die Jrrtümer ausdeckt, so ist es unendlich schwer, die zum „Gemeingut der Gebildeten" gewordenen Hirngespinste auf ihren realen Wert zurückzuführen. Sie bleiben beim großen Publikum oft noch in voller Geltung, wenn die Fachwissenschaft ste längst als überwunden »d acta gelegt hat. Eine erfreuliche Ausnahme unter den manchmal recht unerfreulichen Literaturerzeugnissen dieser Gattung bildet eine Schrift über de» Talmprd, der ich hier einige Worte widmen möchte. Es ist ein kleines Büchlein aus der bei Hugo Steiuitz in Berlin erschienenen Sammlung populärer Katechismen aus allen Gebieten der Wissenschaft, des Handels, des Gewerbes u. s. w., und führt den Titel: „Was inuß man vom Talmud wissen?" Gemeinverständlich dargestellt von Berthold von Schottenfeld. Die Schrift sucht in objektiver Weise dem Fernstehenden das Wesen des Talinud soweit möglich in knapper Form zu erklären. In anschaulicher Weise wird zunächst erörtert, wie der Streit um den Talmud entstand, der sich über das Mittelalter bis in unsere Zeit fortgesponnen hat. „Mit Hilfe von fanatischen Professoren, deren Titel ihre absolute Unkenntnis des Gegenstandes verdecken mußte, und durch einige Judasse, die nicht alle werden, wurde der Menschheit plötzlich verkündet, der Talmud sei ein schreckliches Werk, dessen ganz ungeheuerliche Gesetze noch heute für das gesamte Judentum bestimniend sind und die auf nichts geringeres hinauslausen, als dem Judentum durch geradezu gräßliche Künste in allerkürzester Zeit zur Herrschaft über die ganze Erde zu verhelfen." Mit Recht weist der Verfasser darauf hin, haß der Talmud manche geschichtliche oder sagenhaft klingende Ueberlieferung ans uralter Zeit, selbst aus dem Zeitalter der Patriarchen, enthalte, die deshalb keineswegs als „rabbinischer Aberwitz" oder als haggadische Dichtung genommen werden dürfe. Er bespricht dann die Einteilung des Talmud in Mischna und Gemara, deren Form er mit der Darstellung einer parlamentarischen Debatte vergleicht, erörtert die Schwierigkeiten des Verständnisses und kennzeichnet das Verfahren derer, die „ohne Kenntnis der „Geschäftsordnung" in den jüdischen Lehr- und Debattierhäusern, ohne die geringste Ahnung, was gesprochen wurde, wessen Meinung es ist, der Ansdruck gegeben wird, ob die des Sprechers oder ob er bloß zitiert, nach oberflächlicher Lektüre einiger aus dein Zusammenhang gerissener Zitate" den Talmud beurteilen. Einige Proben ans der Mischna und dem aggadischen Teil der Gemara sind bestimmt, dein Laien einen Begriff von Inhalt ilnd Form zu geben. Ein besonderes Kapitel widmet der Verfasser dem Verhältnis zwischen Talmud und Neuem Testament und zeigt, daß zahlreiche Stellen des letzteren dem Talinud entweder buchstäblich entnommen sind oder sich an talmudische Aussprüche anlehnen. Die irrtümliche Anschauung, daß der Talmud etwas Nachteiliges gegen das Christentum enthielte, wird mit Sachkenntnis zurückgewiesen. Dann werden noch die Schicksale des Talniud im Laufe des Mittelalters in historischer Aufeinanderfolge kurz geschildert. Man hat den Eindruck, daß es dem Verfasser ernst ist, eine objektive, vorurteilslose Darstellung zu geben. Wenn er freilich die Uebersetzung von Lazarus Goldschmidt rühmt, so darf dies, abgesehen von den Mängeln dieser Uebersetzung, nicht zu dem Schlüsse verleiten, daß der Laie aus einer Uebersetzung den Talmud gründlich kennen lernen könnte. Daß dies ein Irrtum wäre, braucht — für den Kundigen nicht bewiesen zu werden. Wir sind, was Judentum und jüdische Geschichte betrifft, so wenig verwöhnt, daß jede objektiv gehaltene Schrift freudig zu begrüßen und besonderer Erwähnung wert ist. Brief aus England. In meinem letzten Briefe sagte ich voraus, daß die von der liberalen Presse, besonders aber von der „Tribüne", eröffnete Kampagne gegen die Alienbill alle Beweise dafür liefere, daß sich das House of Commons in der allernächsten Zukunft mit diesem famosen Gesetze beschäftigen und womöglich ganz ausheben, wenigstens aber der willkürlichen Handhabung desselben seitens der Jmmigrationsbeamten ein Ende machen werde. Diese Voraussagung hat sich teilweise bewahrheitet. Das Ultterhaus hat diese Woche die Gelegenheit gehabt, wieder einmal sich eingehend mit der Alieirbill zu beschäftigen und sie auf ihre „Vorteile" zu prüfen. Schon Ende voriger Woche brachte Sir Evans- Gordon, der Vater des Aniialienismus, eine Resolution im Parlament vor, nach der allen ausländischen Arbeitern eines gewissen Industriezweiges der Eintritt in dieses Land ohne weiteres unmöglich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.