Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. Erdrücken, mit Andächtigen gefüllt. Die Vorsicht, daß nur diejenigen Einlaß fanden, welche mit Eintrittskarten versehen .waren, war sehr gut angebracht. Die zweite R ei s e g e s e l l s ch a f t, welche schon vorige Woche hier avisiert war, konnte infolge heftigen Sturms ans der See in I a f f a nicht landen. Sie mußte nölvns voiens die Tour nach Beirnth mitmachen, um mit dem nächsten Boot wieder nach Jaffa znrückzukehrcn. Sie wird für den 26. d. M. hier erwartet. Es war aber bloß ein Teil der ganzen Gesellschaft, und zwar der geringere Teil, während der größere in Cairo zurückgeblieben sein soll. Haamitti. " Jaffa-. Handelsbericht. Der Handel Palästinas wächst andauernd sowohl hinsichtlich der Ausfuhr wie der Einfuhr, was durch, die Einnahmen des Jafsncr Zollhauses bestätigt wird. Zur Zeit, wo Schreiber dieses im Jahre 18öö sich in Jaffa niedergelassen hat, waren die Zollhauscinnahmen von Jaffa etwa 8000 Lstrl. im Jahre, während die lctztjährige Einnahme schon die Höhe von etwa 40 000 Lstrl. erreichte. In der ersten Zeit lvar das Zollhaus von Jaffa etwa 10 Meter groß, woran ein kleiner Lagerralnn sich anschloß. 1887 wurde ein neues Zollhaus von etwa 100 Meter Länge bei 20 Meter Breite aufgeführt, cs erwies sich aber bald als unzureichend und recht unbequem. Es wurde» immer neue Schritte unternommen, um den Bau eines neuen und größeren Gebäudes in Angriff zu nehmen, und man darf annehmen,. daß die Pläne, welche nach Koiistaiitinopel zur Gutheißung gesandt wurden, bald bestätigt werden, so daß man auch an die Ausführung des Baue?, der für den Handel von großer Bedeutung sein wird, bald Herangehen wird. Die Verschiffungen von Getreide aus Gaza waren im verflossenen Jahre wie folgt: Man rechnete damit, daß in der G e r st e n - Saison des Jahres 1905 zwei Millionen Kilehs Gerste (etwa 215 00Ö Quarters) geerntet werden würden, während in der Tat bereits annähernd zwei Millionen Kilehs ausgcführt wurden und noch etwa eine halbe Million Kileh für die Ausfuhr dieses Jahreverbleiben. Die Ernte lvar sehr reich in dem verflossenen Jahre. An Weizen wurden in der Saison etwa 200000 Kilehs ans Gaza ausgeführt. Tie Orangen- Ernte von Jaffa entsprach nicht den Erwartungen. Statt 500 000 Kisten, auf welche gerechnet wurde, werden wohl nur etwa 800 000 Kisten Orange» zur Ausfuhr gelangt sein, und dies ungeachtet der neuen Pflanzungen v. Jaffa und der Umgebung. Verschiedene Verlader von Orangen bemühten sich, eine der Dampferlinien dazu zu bewegen, daß sie die Orangen nach Liverpool zu einem ermäßigten Preise mitnehmen. Es scheint, daß diese Bemühungen gelungen sind, denn cs verlautete, daß die Bell's Line vj Asia Minor mit Ende Dezember 1905 beginnend die Orangen von Jaffa nach Liverpool zum Satze von 1 Schilling per Kiste transportieren lvürdc, also 1 6 billiger als der Frachtsatz der Prknce Line. . Wetterbericht. Die Ncgenperiode hat zlvar in diesem Jahre etwas spät eingesetzt, dafür aber sind die Niederschläge außerordentlich reichlich gefallen. In Samaria konnte man Ende Dezember 1805 eine Niederschlagsmenge beobachten, wie sic sonst nicht üblich ist. .Die unbedeutenden Wadis haben sich in reißende Stnrzbäche verwandelt. Trotz dieses liebermaßes an Wasser standen .die niedriger gelegenen Felder von Hederah nicht unter Wasser. Die Wintersaaten waren dort schon seit etwa 2—3 Woche» anfgegangen, was unseren Kolonisten einen Vorsprung vor den benachbarten arabischen Dörfern gewährt, die um diese Zeit noch fast nichts bestellt hatten. Ebenso waren in Bnrdsch die Wintersaaten schon größtenteils bestellt und 'auch zum Teil schon ausgegangen. In Sichron-Jacob wurden in der Zeit voin 11. bis 26. Dezember 231,5 mm Regen gemessen und das Thermometersank einmal auf — 4° C. Merkwürdig ist es,, daß die auf den Plateaus von Sichron-Jacob angcpflanzten Orangenbäume unter dieser Kälte nicht gelitten hatten. Nur die Ananas verloren vollständig ihre Blätter. Neue E i s c n b a h n p r o j c k t e. Den Gegenstand des Tagesgespräches bildet jetzt in Palästina die Frage der Eisenbahn. Dschenin—Nabulus—Jerusalem, die bei Afüleh die Haifa-Bahn erreichen soll. Es herrschen über diesen Gegenstand zwei entgegengesetzte Anschauungen in den interessierten Kreisen. An hoher Stelle soll man dieser Linie wenig geneigt sein. Man befürchtet, daß die muslimische Welt nur mit scheelem Blick die Verwendung von frommen Spenden, die zur Erleichterung und Abkürzung des Reiseweges nach Mekka bestimmt sind, zu einem Unternehmen sehen wird, - welches zum unmittelbaren Ergebnis die Zeichtere Zugänglichkeit der heiligen Stätten für christliche Pilger haben würde. „A l t n e n 1 a n d." Ans der Lehrerwett. Kascha» (Ungarn). Rabbiner Jungreiß aus Nagy-Szall6 ist zum Rabbiner von Mezö-Kövesd gewählt worden. Amsterdam. Am 27. und 28. Februar fand in dem Gemeindcsaal der portugiesisch-israelitischen Gemeinde eine Versammlung der Vereinigung der O.berr abbinen in Ikiederland statt. Es . Frankfurter Israelitische« Familienblatt. wurden u. a. folgende Beschlüsse gefaßt: Herausgabe eines Buches über die Ehepflichten der jüdischen Frau, und kostenlose Abgabe dieses Buches; Anbahnung einer Vereinigung aller Sabbat-Beoobachter, um die Heiligung bes Sabbats zu schützen und zu stützen; Verbot der Vornahme von Kiddnschin ohne Erlaubnis des Oberrabbiners des betr. Ressorts.' Lemberg. Das gaHzifche Judentum hat einen herben Verlust erlitten. Rabbiner Baruch H a l b e r st a m m in Gorlice ist im Alter von 75 Jahren verschieden. An der Beerdigung haben sich über 3000 Personen aus allen Teilen Galiziens beteiligt. Die Cohnheims. Roman von Jacob Lcvy. 1. Kapitel. Der Wagen beschrieb über den Vorplatz eine elegante Kurve bis an'S Portal. Frau Eohnheim sprang leichtfüßig ab und fing zwei Kinder auf, die ihr mit einem Freudenschrei entgegeneilten. Sic umfaßte sie beide und küßte und herzte sie. Es war ein liebliches Bild, die schöne junge Frau, der dnnkellockige Knabe von etwa sechs Jahren und ein blondes rosiges Mädchen von drei Jahren i» zärtlicher Umschlingung. Ten passenden Hintergrund zu diesem Idyll bildete das Blnmcnparterre des Gartens, der in die schattigen Alleen eines Parks überging. ' „Ihr wilden Trabanten, Ihr reißt ja mein Kleid in Stücke. Ist Vater^iioch nicht zu Hause?" „Doch," rief eine sonore Stimme, „und er wartet auf sein pflichtvergessenes Weib." Frau Eohnheim blickte lachend auf. Auf der Veranda der Billa, zwischen zivci riesigen Stcinvascn, ans denen bunte Blumen rieselte», stand ein eleganter Herr» sich behaglich den dunkeln Bart streichend. Er ging langsam herunter und küßte seine Frau auf die Stirn. „Erich, Du mußt wissen, - daß ich mir jetzt Respekt von Dir ansbitte, ich bin in den Vorstand gewählt worden." „Ich lege Dir meine Hochachtung zu Füßen, aber komme znm Abendessen." ... - Sic gingen in's Hans, jedes ein Kind an der Hand. „Erich, ich verschwinde auf einen Augenblick znm Umkleiden, unterhalte Dich inzwischen mit de» Kleinen." Die Kinder zogen den Vater in's Speisezimmer, einem kühlen, behaglichen Raum, in dem der Tisch schon sehr einladend gedeckt war. Sie kletterten dem Vater ans die Knie, und so plauderten und spielten sie, bis die Mutter eintrat. Sie war in ein bequemes Hauskleid gehüllt, der Mann umfaßte mit einem Blick voll Liebe die schöne Gestalt, das pikante, geistvolle Gesicht der etwa fünfnndzwanzigjährigcn Frau. Während der Mahlzeit erzählte sie den Verlauf der Versammlung, ihr Mann hörte schweigend zu, das Fräulein der Kinder, eine Französin, die nicht deutsch verstand, unterhielt sich leise mit diesen. Nach dem Essen sagte die junge Frau zu den Kinder»: „Jetzt geht noch vor dem Schlafengehen ein halbes Stündchen mit Fräulein spazieren." Sic hüngte sich ihrem Manne in den Arm und trat mit ihm auf die Veranda. Ta lag der Garten vor ihnen in der Pracht des Sommerabends. Am Horizont glühte noch ein Streifen der untergcgangenen Sonne, fast betäubende Wohlgerüche durchdufteten die Lust, der Park schloß sich dem Garten dunkel und schweigend an. Die junge Frau lehnte sich an die Brüstung und schaute bewundernd in all die Herrlichkeit. „Erich, wir tvaren in Italien iurd Norwegen und überall, aber so schön wie bei uns ist's doch nirgendwo. Ich liebe unser kleines Paradies, und es ist doch nur ein winziger Teil, ein Atom in nnserm schönen, großen Deutschland mit seinen Bergen und Ströinen und Wäldern. Siehst Tn, Erich, meine Tätigkeit in den Vereinen, meine Fürsorge für die Armen entspringen der Liebe zu nnserm Vaterland, dem ich auf diese bescheidene Weise mit meinen schwachen Kräften nütze." Nach einer kurzen Pause erwiderte ihr Mann: „Auch ich war heute in einer Vereinssitzung. In nnserm schönen Deutschland hat sich nämlich eine Bande organisiert, bestehend ans anrüchigen Existenzen, Maulhelden, Faullenzcrn, die ihr Heil im Phrasendreschen suchen, die mit niedrigem Neid die friedlichen Leute verfolge», deren Fleiß durch Erfolg gesegnet ist. Das sind die Antisemiten, und ich wohnte einer Versammlung des Abwehrvereins bei. Leite 5. Liebe Käthe, diese Leute würden Deine Begeisterung rezensieren, daß Tu Dich wundern würdest." „Nun, und.ivenn Einzelne uns mit Schmutz bewerfen, so ist dies doch nicht der Wille des ganzen Volkes, der Regierung. Diese sollen mir doch die Lust an meinem Vaterlande nicht verderben." „Das ganze Vaterland wird von dieser Pest verseucht. Tie Antisemiten, die in den Reichstag gewählt sind, haben tausende Wähler hinter sich — sie gelvanucn solche ja nur durch Lügen, aber der Erfolg ist der gleiche." „Das Volk sieht doch mit seinem gesunden Verstand ein, daßder ganze Antisemitismus auf Unwahrheit beruht, und Unwahres hat keinen Bestand." „Die Volksmassen sind dumm, sie folgen dem Schreier, sie hören gar zu gern, daß die Juden an der Armut schuld sind und daß sie den geraubten Mammon wieder herausgeben müssen. Außerdem lehrt die Geschichte seit zweitausend Jahren, daß die Juden, die machtlose Minorität, für alles Böse verantwortlich gemacht werden, das den Völkern begegnet, sei es Krieg, Pest, seien es wirtschaftliche Krisen." „Das Volk, die Regierung muß uns doch achte», wenn sie sehen, wie wir am geistigen Fortschritt teil nehme», was von den Inden hervorragendes geleistet wird." „Törin, das eben können sie uns nicht verzeihen. Jeder strebsame jüdische Jurist, jeder jüdische Verwaltungsbeamte wäre eine sehr unbequeme Konkurrenz für die Streber, die sich an der Staatskrippe mästen, die durch einen adligen Namen, durch die. Mitgliedschaft eines Korps das Recht zur vorzugswciscn Beförderung gewonnen habe». Diesen Mitbcwerb halten sie sich vom Leibe. Ter ganze Antisemitismus ist nur gemeiner Brotneid." „Welche Aussichten bieten sich denn nnserm Rolf?" „Nicht bessere und nicht schlechtere, als jedem Juden. Wenn er Geist und Fleiß hat, kann er Rechtsanwalt oder Mediziner werden: wenn er nicht studieren will, Ivird er Kaufmann." „lind ich träumte, ihn als Offizier zu sehen." „Lasse den Gedanken schwinden. Zum Leutnant paßt irgend ein adliges Jüngelchen besser, das im. Kadettenhaus erzogen, ganz weltfremd ist, als der. Sohn eines Inden, der seine tüchtige Ausbildung. genossen hat und vom redlichen Willen beseelt ist, dem Vaterland nach besten Kräften zu nützen." ' „llnd tvenn der Jude sich taufen läßt?" „Dann sind ivie mit einem Zanberschlage -alle Hindernisse geschwunden. Die paar Tropfen Wasser erschließen ihm sofort das Tor zu jeder Laufbahn." „Erich, gegen die Majorität ist nicht anznkämpsen. Wenn der Judenhaß seine historische Entwickelung hat, wie Du mir erklärst, so ist es doch töricht, sich dagegen zu wehren. Wir, die wir nur Inden dem Namen nach sind, die mit de», Judentum jeden Zusammenhang verloren, haben d.och iricht die geringste Pflicht, im Ghetto zu bleiben. Laß uns zur Taufe gehn, und wir sind glcichbewertete und gleichgeachtcte Mitbürger unseres schönen Vaterlandes." Er erwiderte finster: „Ich werde mich niemals taufen lassen. Das ist einfach erbärmlich, nur ans Furcht vor dem Antisemitismus seinen Glauben auf-- zngebcn." „Lieber Mann, was weist denn bei uns auf das Judentum hin?" „Gar nichts, Käthe. Wir haben alles über Bord geworfen, und doch nenne ich mich mit Stolz Jude." „Gut, Erich, ich achte Deinen Willen und werde deshalb selbstverständlich auch Jüdin bleiben. Aber unsere Kinder sollen aus dem Ghetto heraus, ich als Mutter habe auch das Recht der Bestimmung, llnserm schönen, stolzen .Rolf soll die Welt offen stehn, der Junge soll Christ werden, und die Schtvester muß sein, was der Bruder ist." Eine tiefe Stille folgte. Inzwischen war es dunkel geworden. Ter Mond warf seinen silbernen Schein auf die Beete, er span» Lichtnetze über die ansteigenden Wege des Parks. Das -Lachen und Jubeln der Kinder wurde laut. Sie stürmten herbei, vom Fräulein gefolgt. Die. Mutter drückte den Knaben fest an sich. Ter riß sich los und sprang zu seinem Vater. „Vater, wenn ich groß und Offizier bin, muß ich dann auch so früh schlafen gehn?" „Nein," antwortete der Angcredcte lächelnd, „dann darfst Du eine Stunde länger auf bleiben." Der Knabe wandte sich triumphierend an das 'Mädchen. „Sichst Du, ich sagte Dir ja, ein Offizier darf alles. Wenn er durch die Straßen reitet und die Soldaten ihm folgen, sieht er ans wie der König." „Kinderchen, es ist jetzt Zeit für Euch. Gute Nacht." „koik, Lucie, venez, allons dormir.“ —