Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Westen viel Geld nach dem Osten herüberzuziehen. (Lebhafte Zustimmung.) Die Lage der Juden ist in Rußland eine entsetzliche. Es gibt etwa.6 Millionen Inden in Rußland, die in einem Rayon eingepfercht sind. Rußland bringt diese 6 Millionen in ein Verhältnis, daß sie weder zu leben noch zu sterben vermögen. Freilich es geht der Gesamtheit der Bevölkerung nicht allzu viel besser unter dieser korrupten Beamtenherrschast. Zwei Möglichkeiten gibt cs für einen Staat, Elemente sich zu assimilieren. Man kann durch 'die Höhe und Stärke der eigenen Kultur die Elemente fremder Kultur allmählich aussaugen. Die russische Regierung ist für solche Assimilätionstätigkeit natürlich unfähig. Sic hetzt die einzelnen Völker, wie Letten und Deutsche, Armenier und Tartaren, gegen einander oder, sie nimmt das Henkersamt den Juden gegenüber selbst in die Hand. Nach Kischinew und Hömel trat in Rußland eine Fortsetzung der Massenabschlachtungcn ein und zwar unmittelbar nach dem Manifest des Zaren. Seit dem frühesten Mittelalter ist ähnliches nicht erlebt worden. (Zustimmung.) In -400 Städten, Ortschaften brach die systematisch aufgehehte Hefe des Volkes gegen die Juden los und so oft die Juden sich wehrten, rückte die Polizei an und schützte de» Mob. (Lebhaftes Pfui.) Spontan war diese Bewegung nicht. Es lag eine organisierte Abschlachtung einer ganzen Bevölkerungsschicht vor. Es war System. Nach diesen Ereignissen mußten wir mit einer Hilfsaktion einsetzen. Wir gingen nach Rußland und setzten in den einzelnen großen Zentren Komitees ein. Wir teilten die Bevölkerung in Großkaufleute, mittlere Kaufleute und Arbeiter und setzten Pauschale aus. Die Gelder sind natürlich zu politischen Zwecken niemals verwendet worden, sondern gemäß den Absichten der Geber ausschließlich im humanitären Sinne. Und wir haben nicht nur unsere eigenen Glaubensgenossen unterstützt, sondern auch alle Christen, die durch die Pogrome gelitten haben. (Beifall.) Schwerlich ist von privater Seite eine ähnliche .Hilfsaktion schon eingeleitet worden, lieber 6 Millionen Mark sind bereits zur Verwendung gelangt. NUr wenn die gesamte Lage in Rußland sich ändert, wird auch das Schicksal der Inden ein menschlicheres werden. Aber das was geschehen ji't, kann doch nur wenig lindern. Alle diese Millionen sind nur ein Tropfen ans den heißen Stein. (Sehr richtig.) Der prominente Mann in Rußland ist in diesem Augenblicke Graf Witte, er will die Judenfrage, wie er dem Redner in einer Unterredung sagte, pur moreeau, lösen. Die Lösung, die bisher geübt wird, besteht darin, daß man die Juden pär morceuu massakriert, hier hundert, dort ein paar hundert. Graf Wftte hat neuerdings wiederholt liberale Aeußerungen getan, aber imnrer reaktionär gehandelt. Und der Minister des Innern.hat kürzlich einer Deputation erklärt, er werde Exzesse mit starker Hand Niederhalten. (Na, na!) Aber in den Gouvernenients wird noch heute, wie früher, gewühlt. Hömel ist noch im Januar ausgeplündert worden. Ein Hctzaufruf, der in schärfster Weise gegen die Juden wühlt, ist von der Zensur in' Odessa genehmigt und in der dortigen Druckerei des Generalstabes gedruckt worden. (Bewegung.) Er liegt mir vor. Mau muß die Zukunft als düster betrachten. Die Revolution wird ihren chronischen Charakter noch lange behalten, Attentate und Streiks werden kominen. Eine Agrarrevolution steht in Aussicht, gegen die die bisherigen agrarischen Unruhen ein Kinderspiel gewesen sein dürften. Eine offizielle Intervention der europäischen Staaten ist unmöglich, aber Rußlands Finanzen hängen ab von der öffentlichen Meinung der Welt. Nun ist es moralisch verwerflich, einer solchen sticgierung mft Geld beizuspringen (Lebhafter Beifalls, aber es ist auch unklug vom finanziellen Standpunkt ans. Der Schein einer Volksvertretung darf darüber nicht täusche», daß die Zersetzung in Rußland noch immer weitere Fortschritte macht. Und eine Regierung, die in ihrem eigen Lande nur durch .Verbrechen und durch die Entfesselung jeder Medcrtracht sich am Ruder zu erhalten vermag, muß von der öffentlichen Meinung der Welt boykottiert werden, bis Zustände geschaffen sind, die es allen Russen und auch den Juden gestatten, als Menschen und als gute Neichsbürger in ih^em Vaterlandc zu leben. (Lebhafter, anhaltender Beifall.) Landtägsabgeordnetcr Justizrat Cassel: Sachlich habe ich den Ausführungen des Vorredners nichts hinzuzufügen. Ich null nur den Empfindungen Ausdruck geben, die uns ergreifen müssen, wenn wir Dinge geschehen sehen, die wir für unmöglich gehalten hätten. In einer Zeit der Freiheit und Toleranz sind die Geister des Hasses und der Zwietracht wieder frei geworden. Der Vergleich mit den schaudervollcn Taten des Mittelalters liegt nahe. Die russischen Bluttaten gehen aber über die des Mittelalters noch hinaus, der Staat schritt im Mittelalter doch ein, in Rußland aber geschehen Mord, Brand, Plünderung und Schändung gegen Juden und gegen zahlreiche andere Bevölkernngsschichten im Namen demjenigen, der von Gottes Gnaden das Reich und die Negierung führt. (Lebhafte Pfuirufe.) Einegrößere Entheiligung des göttlichen Namens ist wohl noch nie geschehen. (Lebhafte Zustimmung.) Heinrich Heine's Novellenfragment „Der Rabbi von Bacharäch" schildert, wie durch Wahn und blutige Verfolgung in ferner Vergangenheit entsetzliche Greuel entstanden. Und jetzt Frankfurter Israelitisches Familienblatt. werden diese Schilderungen vor unseren Augen zur Wirklichkeit. Wir wollen uns aber bewußt sein, daß auch von hier aus die Saat des Hasses ins russische Reich einmal hinübergesprungen ist; mit den Hetzreden in Deutschland, die immer noch Vorkommen, sind die Hetzausruse in Rußland in Vergleich zu stellen, Auch bei uns ist noch manches im argen. Wir müsse» unsere Kultur mehr und mehr heben, damit auch ein Reflex hiniibergeworfcn Ivird nach jenem unglücklichen Reiche. (Beifall.) Wir müssen hoffen, es werden die Verbreche» in Rußland schließlich doch ihre Sühne finden. (Lebhafter Beifall.) Und die daran schuld, die werden hier oder dort ihren Richter finden. (Beifall.) Deutschland freilich kann nicht einschreiten, aber helfen müssen wir privatim nach Möglichkeit, und wenn wir auch nicht alles Elend beheben können, so wollen wir doch dort es lindern, wo wir können. (Beifall.) Hätte der Verein nicht seit Jahren eine Organisation geschaffen, dann wäre nicht so viel erreicht worden, wie nunmehr erzielt ist. Wir wollen die Seelen der russischen Inden von dem Drucke der Verzweiflung lösen, indem wir es aussprechen, daß wir hilfsbereit, so Ivcit wir können, bleiben. Wir werden sic in Nör und Elend nimmer verlassen. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Frankfurt a. M. In unserer porigen Nummer brachten wir die Nachricht, daß zur Zeit Tausende jüdischer Auswanderer die schweizerische Grenze passieren und daß im Lause des Monats März noch ungefähr 3000 Personen erwartet werden.. Zn dieser Notiz teilt uns nun Herr Bollag-Fcuchtwangcr, Präsident des Hilfskomitees fürjüd i s ch e A u s w a n d e r e r in B a s e l, folgendes mit: Die Auswanderer kommen nicht, wie jene Notiz meldete, aus Rumänien — die rumänische Emigration via Basel hat sozusagen fast gänzlich aufgehört —, sondern ausschließlich' aus den Pogromgcbietcn Rußlands, Kischinew, Odessa, Kiew, Hömel re. Die großen jüdischen Hilfsgesellschaften befördern diese Unglücklichen nach Argentinien, dem einzigen Lande, das der Immigration nicht nur keine Schwierigkeiten bereitet, sondern dieselbe nach Kräften durch Gewährung von Konzessionen zu fördern sucht. Die .Hilfskomitees in Basel, Paris und Havre besorgen die Koscher-Lerpflcgiing der Auswanderer an den Ankunftstagen und in Basel erhalten die in der oft denkbar traurigsten Verfassung Ankommenden Kleider, Wäsche und Schuhe. Leider sind durch die letzten Massentransporte — v o m 10.—13. März verpflegten und kleideten wir allein 650 Personen — unsere Vorräte gänzlich erschöpft, so daß wir dringend um Zuwendung von guten getragenen K l e i d u n g s st ii ck e n , Schuhe und Wäsche bitten m ü s s e n."*) Karlsruhe. Statistik Wie in den übrigen Gebieten Deutschlands, so ist auch in Baden ein steter Rückgang der jüdischen Bevölkerung z» konstatieren. 1852 belief sich die Zahl der Juden auf 23 700 — 1,75 o/o der Gcsamtbevölkcruiig und im Jahre 1900 auf rund 26100'— l,40o/o der Gcsamtbcvölkcrung. — Auch der fortwährende Zuzug der Juden.in die Stadt und die damit Hand in Hand gehende Entvölkerung des Landes von den Inden läßt sich, wie überall in unscreni Reiche, so auch in Baden konstatieren, denn die jüdische Stadtbevölkcrnng, die im Jahre 1852 18,9°'o der gesamten jüdische» Bevölkerung Badens betrug, stieg bis 1895 bereits auf 4S»'o. Hamburg. Der Andrang von Auswanderern ist gegenwärtig so stark, daß die Auswanderhattcn nicht ausreichen. Die Amerika-Linie stationierte deshalb die Dampfer „Christiania", „Sicilia" und „Rhaetia" auf der Unterclbe als Logierschiffe. Beuthen in Oberichlesten. Stiftung Anläßlich der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares spendete Herr Kommerzienrat L. G r ü n f e'l d für die Lungenheilstätte Loslau 30 000 JL Oesterreich -Ungarn. Wien. Legat. Der vorige Woche tm Alter von 69 Jahren verstorbene Reichsratsabgeordnete Rudolf A u s p i tz hat testämciltarisch 470 000 K. für Wohltätigkeits- und Bolksbilduugszwecke bestimmt. Die Verwendung dieses Betrages, von welchem al'bald 2500 K. durch den Bürgermeister der Stadt Wien und 2500 K. durch den Vorstand der israelitischen .Kultusgemeinde zur Verteilung gelangen werden, ist im Testament genau vorgeschrieben. Budapest. Das Organ der Ncologie bringt die Nachricht, in der Preßburger orthod. Gemeinde sei eine Bewegung entstanden, tvelche die Gründung einer neuen Gemeinde bezwecke. Hierzu bemerkt die Allg. Jüd. Ztg.: Hoffentlich wird sich diese Nachricht, bei welcher wohl der Wunsch der Vater des Gedankens sein dürfte, als unbegründet erweisen. Zu einer neuen Gemeinde in Preß- *) Wir bitten diejenigen unserer Leser, die eine Sammelstelle übernehmen und die Zusendung der angcsammelten Kleidnngsstücke usw. an das.Hilf-komiW für jüdische Auswanderer in Basel besorgen wolleW uns dieses mitzuteile»., D. Redakt.'** Nr. 11. bürg liegt umso weniger Veranlassung vor, als dort ja auch eine neologe Gemeinde existiert. Rußland. Petersburg, 12 März. Ein Zirkular des Ministers des Innern verfügte, dieStaatssabriken sollten sämtliche jüdischen Arbeiter, weil sie unzuverlässig seien, entlassen. Petersburg, 14. März. Der Ministerrat beschloß gestern, die lokalen Behörden auf die Notwendigkeit strenger M a ß n a h m c n gegen die Aufsordernng zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden, welche die niedere Bevölkerung erregen, aufmerksam zu -machen. Der Ministerrat beschloß ferner, alle Urheber solcher Herausforderungen zu verfolgen und ermächtigte den Minister des Innern, eine Untersuchung der Vorgängern H o - m e l anzuordnen und diejenigen Personen strafrechtlich zu verfolgen, denen Untätigkeit in der Unterdrückung der Unruhen zur Last fällt. — (Der Dalles im russischen Staatssäckel muß sehr groß sein! T>. Red.) Petersburg, lieber welche Fragen.die Duma keine Kompetenz besitzt. Der § 32 des neuen Gesetzes über die Gossudarstwennaja-Tuma besagt, daß die „Grundgesetze des Staates" der Kompetenz der Duma nicht unterliegen. Diese „Grundgesetze" enthalten u. a. Bestimmungen, laut denen die .Hanptkonfession in Rußland die rechtgläubige Kirche ist (8 40), der Zar der rechtgläubigen Kirche angehören muß (§ 41) und er das Haupt dieser Kirche ist (§ >42). Fernerhin besagen die Grundgesetze, daß der Zar Selbstherrscher ist und nur durch seine Bestätigung ein Gesetz in Kraft treten kann. Außerdem werden auf Grund des § III des Gesetzes über die Reform des Reichsrates folgende Angelegenheiten -der Kompetenz der Duma entzogen. 1. Der Kassenbericht des Finanzministers. 2. Die jährlichen Berichte der Staatsbank, der staatlichen Sparkassen, der staatlichen Bodenbank des Adels und der Banernbank. 3. Die Berichte der Petersburger und Moskauer Lcihkassen. 4. Fideikoniih-Angelegenheiteii. 5. Die Bestätigung der Ehrentitel. 6. Die tlntersuchungen betreffend die Verantwortung wegen Dienstpflichtverletzung seitens der Mitglieder des Rcichsrates, der Minister, General-Gouverneure und des Chefs der Zivilverwaltung im Kaukasus, sowie die Ueberweisung anderer höherer Beamten an die Gerichte wegen Pflichtverletzungen. Amerika. New-Aork. Er will nicht Livsky heißen. In Newyork wollte ein gewisser Moritz L i p s k y (ein aus Rußland eingewanderter Jude) seinen Familiennamen in Lips ändern. Der Richter, dem der Akt zugewiesen wurde, wies das Ansuchen mit der Begründung ab, daß es unanständig sei, sich eines Namens entledigen zu wollen, der nichts Verächtliches bedeutet. Die-Endung „sky" bedeute nichts anderes als Sohn, gleich wie „Mac" im Irischen. Außerdem gebe es eine ganze Anzahl Männer in der Literatur und Kunst, die sich dieses Namens nicht schämen. New-Aork. Eine seltene und hoch erfteuliche Ehrung wurde kürzlich Dr. Barnett A. Elzas in Charlcston zu teil. IN der jüngst stattgehabten Tagung der Süd-Carolina-Legislatur wurde nämlich beschlossen, für die Verteilung an öffentliche Bibliotheken und Lehr-Jnstitute fünfzig Exemplare von Dr. Elzas' kürzlich erschienene m Buche „Die Inden von Süd- Carolina" a n z u k a u s e n. Palästina. Jerusalem, 25. Febr. Die große I e s ch i b a h in Me ah S ch e a r im beging am letzten Dienstag das E i n w e i h u n g s f e st ihres neuerbauten Bet- H a m i d r a s ch. Die Jeschibah, unter Leitung des Dobrvwner RawS, S. Horowitz, stehend, zählt über 200 Jünger, die das alte Lehrhaus nicht mehr zu fassen vermochte. Deren Leiter machte es sich nun zur Aufgabe, ein neues Schulgebäude aufführen zu lassen, seinem hohen Zwecke entsprechend. Und es ist ihm, wenngleich nicht ohne Anstrengung, überalles Erwarten gelungen. Es ist in der Tat ein Prachtbau, der sich hier vor uns erhebt. Er verschönt das ganze .Städtchen. Auch in Bezug auf Hygiene bleibt nichts zu wünschen übrig. Die Zimmer — etwa 15 an der Zahl — sind geräumig und luftig. Die Aula, der ganzen ober» Etage entlang, saßt über 500 Personen. Es soll der größte Saal in der heiligen Stadt sein. — Wenn in unserer so tieftraurigen Zeit sich noch Spender finden, ein solches Werk zu fördern, so ist es ein beredtes Zeichen dafür, wie sehr es gewünscht wird, daß das Thorastudium in Erez Jisroel gepflegt werde. Hoffentlich werden auch echte Bnei Tauroh aus dieser Jeschibah hcrvorgehen. Das wird von ihr erwartet und diesen Erwartungen wird sie wohl Rechnung tragen. Die Einweihungsfestlichkeiten, welche die ganze Woche andauerten, fanden SamStag in der Aula ihren würdigen Abschluß. Derselbe bestand in einem Festgottesdienst, welcher, geleitet von einem der besten Hiesigen Chasonim mit fünfzehn Meschorrim, bis ein Uhr gedauert hatte. Die große Aula war bis zum