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Neue jüdische Presse · 1906-03-16 · Heft 11 (16.3.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11. Streben Nach Vereinigung aufgeben möge.Jhr Streben sei min darauf gerichtet)'eine von der-orthodoxen ganz "besondere Organisation zu xrstreben. * Es ist dies ein großer Fortschritt, daß von Seiten der Neologie, wenn auch in Anbetracht der vorliegenden Verhältnisse, endlich anerkannt ivird, daß es ein fruchtloses und unfruchtbares Beginnen ist, der Orthodoxie eine einheitliche Organisation aufdrängen zu wollen. Eine gründliche Scheidung der Parteien und deren Organisationen und deren Anerkennung durch die Landesgesctze würde einem Zusammenwirken in geivissen, die Allgemeinheit des Judentumes betreffenden Fragen — wie es auch von dem erwähnten Blatte anerkannt wird — die Wege ebnen. Solange die Bestrebungen der Neologie dahin kulminieren, eine Einigung zu erzwingen, kann ihr von Seite der Orthodoxie kein Vertrauen entgegengebracht werden. Wie denn auch ein Führer der ungarischen Orthodoxen dem Redakteur des erwähnten Blattes ausdrücklich sagte, daß) infolaiige die besondere'Organisation der Orthodoxie /staatlich nicht festgelegt ist, von einem ZüfamiNenHhen der Heiden Richtungen auch in neutralen Frageu keine Rede sein könne. Tenn, um dem bloßen Gedanken der Festlegung einer Gesamt-Organisation seitens der Regierung vorzubeugen, müsse jeder Schein vermieden werden, der darauf schließen ließe, daß die Orthodoxie mit der Neologie Zusammengehen könne. Anders wäre es, wenn die Separatorganisation in religiösen Dingen staatlich und unwiderruflich festgelegt ist. In diesem Falle hätten die Gesetzestreuen nicht mehr zu fürchten, gewaltsam zu einer Organisation zusammengeschweißt zii werden, die ihnen nur voll Nachteil sein könne. I» diesein Falle könnte ein Zusammengehen in Fragen, die das religiöse Moment nicht betreffen, sehr gut erzielt werden. So köimtc denn diese Fröntänderung in der Politik der Neologie 'erstens ein friedliches Zusammenleben der beiden Richtungen nebeneinander, dann aber auch gemeinsame Aktionen .in gemeinsamen Fragen herbeiführen.*) F. Die Woche. Ein wahres Wort — man staune, nicht! — ist vom Munde W i t t e' s gefallen, ein Wort, das ein ganzes System, ja eine Richtschnur für ein unglückliches Volk bedeutet, eine Richtschnur, die zur Errettung von tausendjährigem Leid und-Schmach führen kann, ja .führen mstß. . „ Mraf Witte sagte, zu einer jüdische^ Deputation, bie vom Zentralverein zur Unterstützung der vom Pogrpme Betroffenen abgeordnet war, um ihm ein Memorandum über die Entstehung der Pogrome zu überreichen, folgendes: „Tie Juden müssen ihre eigene jüdische Politik treiben, sie brauchen keine andere als eine rein» jüdische Plattform, nur aus diese Weise können sie, zu ihren Rechten gelangen; würben sie so handeln, dann fänden sie auch Unterstützung seitens der. Regierung. Aber die Juden belieben, eine entgegengesetzte Politik zu treiben, sic sorgen ausschließlich für fremde Interessen, kein e s Wegs a b e r f ü r s i ch s e l b st. Weshalb, frage ich, interessieren sich die Finnen oder die Polen nicht für. rein russische Angelegenheiten? Weshalb liegen ihnen nur ihre. Interessen am Kerzen?... Mein Rat ist: die Inden sollen in die . Duma, nur Juden schicken; gleichgiltig, zu welcher Partei sie gehören." Die Juden . müssen ihre eigene jüdische Politik, treiben! — Leicht, gesagt. Dr.Bykund all seine. Knechts-Genossen sollen eigene, jüdische Politik treiben, als ob sie wirklich noch Juden sind, als ob.sie wirklich ein jüdisches Volk besäßen!! . . . Weshalb liegen den Finnen, den Polen nur ihre eigenen Interessen am Herzen. „Weshalb?". Ist es nicht s*) Unseres Erachtens betrachtet der Verfasser die Sachlage von einem 'zu optimistischen Gesichtspunkte aus/' Wer bürgt uns dafür, daß die Orthodoxie, die jetzteine .völlige. Trennung, erreicht hat,. nicht am Ende die Neologen als eine andere Konfession hinstellt und damit ein doppeltes Judentum entsteht. Daß eine Zweiteilung ä w Katholizismus und Protestantismus — lehawdil — eine Ungeheuerlichkeit feilt würde, darüber kann doch für einen ehrlichen Juden kein Zweifel bestehen. Uehrigens werden wir auf Biese'Angelegenheit noch zurückkommen. ' Tie Redaktion. Frankfurter JsrarMMS FamMeicklaü. der reinste Hohn!! „Weshalb?" Die Finnen fühlen sich als Finnen,' und naturgemäß arbeiten sie für das finnische Volk; die Juden aber fühlen sich als Russen mosaischer Konfession Ist es , nicht die reinste Ironie, die christlichen Völker, denen ihr Christentum predigt, „zuerst der Nächste, alsdann du," sie kennen keine anderen Interessen als ihre eigenen, das jüdische Volk dagegen, dem das Judentum predigt: „Zunächst du,*) alsdann der Nächste," das kennt eigene Interessen überhaupt nicht, sondern nur die der andern Völker. . . Wehe ob dem Golus, wehe ob dem GoluS ... Und doch wollen wir nicht verzagen; wir können nicht verzagen! Der bestimmende Ruf: „Bedomajich Chaje" spricht uns tröstend zu, die Ströme jüdischen Blutes, die in Rußland geflossen und noch fließen, werden den Golusaussatz wegschwemmen; die Juden Rußlands öffnen ihre 'Augen, sie sind im Genesen! Und sind einmal die russischen Juden kuriert, dann Adieu ihr Knechte, dann ist das Golus vorbei! * * * Unter der Rubrik „Zionistische Bewegung" bringen wir von sehr geschätzter Seite einen Vorschlag, dahingehend: Einflußreiche Zionisten sollen in die Jto eintreten, damit sie im zionistischen Sinne die Jto beeinflussen. Wir haben bereits unseren Standpunkt dahin präzisiert, daß die Jto und der Zionismus sich gegenseitig ergänzen sollen und daß nur geschlossene Massen in die Jto eintreten dürfen, damit dieselben als Fraktion einen Einfluß ans die Jto gewinnen können. Einzelne Mitglieder, sogar hochstehende, laufen Gefahr, ihren Zionismus nach und nach einzubüßen; im besten Falle glauben sie zu schieben und Iverdcn selbst geschoben. . . . Bei einer Fraktion dagegen liegt diese Gefahr nicht vor, denn kann diese keinen Einfluß gewinnen, dann tritt sie erst recht in die Opposition. — Wir glauben, daß das die einzige Möglichkeit eines Eintritts in die Jto ist. Uebrigens heißt es, die Jto steht jetzt auf dem Wege der Verständigung mit dem Zionismus; das wäre für beide gut, für die Jto vielleicht noch besser als wie für den Zionismus. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Synagogen-Einweihung. Durch Herrn Rabbiner Dr. S a l o Stein wurde die Einweihung der vom Religionsverein „A h a w a s S ch o - lau m" in' der kleinen Auguststraße 10 erbauten Synagoge vollzogen. Das stattliche Gebäude, zu dessen Errichtung die Herren A. B a r o w e r und Robert Loewenberg 120000 Jk gespendet habe», enthält 550 Männer- und Frauensitze. Berlin. Das statistische Jahrbuch der Stadt Berlin für .1901 bringt folgende Tabelle über die Konfession der Einkommensteuer p s l i ch t i g e u mit mehr als 1500 Jk jährlichem Einkorn m e n im Jahre 1903/01. Konfession n. gj •ä Sö LE “iQ Ji-I 'S© ® 8 JQ SS c « 5 O't-- H® o LA iS|q Evangelisch 138 862 75,044 18812 477 61.438 135.46 Katholiken. And Cdrist., 13 909 7,515 1497 754 4,891 107,68 Dissid. :c. 825 0,446 . 303 224 0,990 367,54 Juden . . 27 958 15,107 9 220 890 30,114 329,81 Sonstige . 12 0.006 592 0,002 49,33 Garnison . 3 484 1.882 .785 49k 2,565 225,46 185 070 100,000 30 620 433 100,000 165,45 Es ergibt sich daraus, daß die Jude», die (im Jahre 1900) nur 1,88o/o der Berliner Gesanitbevölkerung betragen, 15,107»/» der Gesamtzahl aller Steuerpflichtigen mit.einem Einkommensteuersatze von 21 Mark und darüber ausmachten und von dem gesamten Ertrage der Einkommensteuer dieser Steuerpflichtigen 30,111«/» ausbrachten. — Wie bedingt häufig die Zahlen der Statistik zu nehmen sind, zeigt die vorstehende Aufstellung. Eine geringe Anzahl von Großkapitalisten jüdischer Konfession hat das Bild dieser Eiiikommensteuer-Statistik so verändert, daß es eben nicht mehr das. Bild dxr Wirklichkeit ist und Veranlassung zu falschen . *) Nach dem talniudischcn Grundsatz: „Chajecho käudimin." Seite 3. Schlüssen gibt. Wären nicht nur die Einkommen unter 1500 Jk, sondern auch die über 15 000 Jk unberücksichtigt geblieben, dann wäre das Resultat ein ganz anderes und wehr der Wirklichkeit entsprechend geworden. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hielt am 11. dss. Mts. seine Generalversammlung ab, die sehr gut besucht war. Den Geschäftsbericht erstattete der Vorsitzende, Herr James Simon, Er wies daraus hin, daß das verflossene Jahr durch traurige Ereignisse mannigfacher Art eine große Krastanspannung des Vereins erforderte. Gerade die Bewältigung dieser Schwierigkeiten zeigt aber, daß der Hilfsverein, in der Reihe jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen eine klaffende Lücke ausgefüllt hat. Das Interesse für ihn ist ständig im Wachsen begriffen. Das beweist am besten die Tatsache, daß die Zahl seiner Mitglieder bereits die Zahl von 9500 überschritten hat. — Auf die Tätigkeit des Vereins im Auslände eingehend, führt der Vorsitzende' aus: Galizien, Rumänien und Bulgarien bieten noch immer weite Arbeitsfelder, wo der Verein besonders aus dem Gebiete der Jugenderziehung erfolgreich tätig ist. In den Donauländern und der Türkei wird deutsche Bildung, wo die Gemeinden es wünschen, aus diese Weise durch den 'Verein verbreitet. Am ausgedehntesten arbeitet der'Verein in dieser Beziehung in Palästina, wo in Jerusalem ein deutsches Lehrerseminar begründet wurde, das bestimmt ist» den Orient mit tüchtigen, gut vorbereiteten Lehrkräften zu versehen. Ein trauriges Bild zeigen die russischen Augegelegenheiten. Das Zentralbureau für Auswauderungsangelegenh.eiten des Hilfsvereins, ebenso hie Schutzkomitees an den Grenzen wirken äußerst erfolgreich. Tausende von 'Auswanderern sind durch dieselben mit Rat und Tat unterstützt worden, sodaß insbesondere auch jede Ansammlung von Turchwandereru in Deutschland vermieden worden ist. Es hat sich bald herausgestellt, daß diese Organisationen fast unentbehrlich geworden sind. Russische Gemeinden, die diirch Mißernten,' Feuersbrünste, Exzesse gelitten hatten, mußten im Lause des Jahres zahlreich unterstützt Iverdcn. Die Greneltaten im November veranlatzten dann Christen und Juden gemeinsam, aus Menschenliebe für die russischen Gemeinden in großem Maßstabc einzutreten. Für die Waisen und Witwen der Verunglückten wird noch Sorge getragen werden müssen. lieber die Kassenverhältnisse referierte. Dr. Ellstätter. Danach wurden für Schulen und andere gemeinnützige Anstalten rund 50 000 Jk ausgegeben und für die UnterMtzung der durch die Pogrome geschädigten Juden und Christen in Rußland 2 000 000 Jk In der sich anschließenden öffentlichenVersa m m l n n g ergriff zunächst Herr JamesSimon das Wort. Zwei Dramen führte er aus, haben sich in den letzten Monaten vor Unseren Augen abgespielt.-, der russisch-japanische Krieg und die russische Repolution. Dieses traurige und blutige Drama spielt sich noch weiter ab. Deutschland hat natürlich bas regste Interesse an den Geschehnissen in Rußland. Daher trat von verschiedenen Seiten die Bitte an den Hilfs- Verein heran, daß eine öffentliche Besprechung der. russischen Ereignisse herbeigeführt werden möge. Herr Dr. Nathan und Herr Landtagsabgeordneter Justizrat Cassel werden sich dieser Aufgabe unterziehen. Dr. Nathan berichtet über die Lage i n Rußland. Sic sagen eine trübe Zukunft voraus. Wir müssen darauf vorbereitet bleiben, daß neue Greneltaten sich ereignen mit all ihren Folgeerscheinungen. Das akute Stadium der Revolution beginnt»- das wird ein künftiger Historiker voraussichtlich sagen», mit der Ermordung Plehwes. Damals lag eine dumpfe Schwüle über dem Lande; kein Funken von Patriotismus, kein Enthusiasmus für den Krieg. Man erwartete von den Japanern vielmehr die Befreiung und selbst in patriotischen maßvollen echt russischen Kreisen. Im November 1901 fand bann, der erste Semstwokongreß statt. Tie maßvollen Beschlüsse dieser Versammlung nannte der Zar „frech". In Petersburg ließ man dann die Bewegung langsam anschwellen. Das ist System bei der russischen Regie-, rnng. Man sucht nicht die Verhältnisse zu verbessern» sondern knallt alsdann die unzufriedenen Massen, nieder. Nach der Ermordung des Großfürsten Sergius dachte man an eine Reorganisation der Regierungder Zar gab das vage Versprechen einer Art Verfassung. Im Juli folgte ein neuer Semstwokongreß» den der Zar jetzt wiederum als eine Versammlung von „Schwätzern" bezeichnete. Der Bulyginsche Entwurf» das Oktobermanifest» die Dezemberkonstitution erfolgten und jetzt vor wenigen Tagen sind die Wahlen ausgeschrieben worden. Die Berfassungsentwürse sind aber nach der heutigen Lage der. Dinge nur gedrucktes Papier. Me Wahlen zum russischen Reichstage werden so gut wie bedeutungslos sein. Denn sie finden unter eineni Ausnahmezustände statt. (Sehr richtig!) Sie sind nur darauf berechnet» das Ausland zu täuschen. In Rußland gibt sich niemand einer Täuschung hin. (Lebhafte Zustimmung.) Man will nur Rußland erneut die Möglichkeit geben, aus dem

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