Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692471--02289-2696877- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. huschen wie die Schatten hin und Her. Eine freie Beute des Gesindels ist. der Jude, die Ermordung 1 eines Juden bestraft das Gesetz nicht. Vor dem Schrei eines arabischen Flegels ergreifen Hunderte yon Juden die Flucht. Aber der Schutzengel Israels schläft, nicht; er errettet sie immer vor gänzlicher Vernichtung. Und er gibt auch in die Seele des Tyrannen einen Funken von Mitleid. Jtzder Jude kauft sich einen Herrn, der ihn gegen Angriffe schützt,., in der Regel den größten Radaubruder. Dieser beschützt dann feinen jüdischen Diener auch mit Gefahr seines eigenen Lebens. Dev 'Beschützer Mid) erhält hierfür gelegentlich des Rhamädan-Festes 20 Fr. und einen Anzug für jedes Glied seiner Familie. Der „Cid" ist imumschränkter Herrscher seines jüdischen Sklaven, über welchen er vollkommen verfügt. Wehe dem Juden, wenn er seinem „Beschützer" opponiert, es ist um ihn geschehen, wenn er sich nicht sofort nach einem neuen Beschützer umsieht. Die Erwerbung der Beschützer geschieht auf folgende Art: In früher Morgenstunde geht der Jude vor das Haus des ausersehenen Arabers, wo er ein -Schaf oder eine Henne schlachtet und von deren Blut auf die Türe des Hauses spritzt, sodann verbirgt er sich an einem nahen Orte, wo ihn der Herr nicht sieht. Der Herr des Hauses, wenn er am Morgen das Blut auf der Türe sieht, weiß sofort, baß eine Jude seinen Schutz sucht. Er greift nach seinem Schwerte und droht mit dem Tode, wenn ein Anderer als .ein Jude seine Haustür bespritzt hat. Der Jude wagt sich nun aus seinem Verstecke hervor, wirst sich-vor den Araber hin und, indem er nun dessen Füße küßt, fleht er um Schutz. Nachdem der Jude seinen bisherigen Herrn genannt, erhebt ihn der Araber vom Boden und versichert ihn seines Schutzes. Dem bisherigen Beschützer tut er nun kund, daß der Jude N. nun in seinem Schutze ist. Mcht nur einmal kommt es zu einem Zweikampfe zwischen den zwei Herren. Wenn sein erster Herr Sieger bleibt, so ist es um den Juden und seine Familie geschehen. Wunderbare Seelenkraft und imponierende Standhaftigkeit habe ich bei den jüdischen Frauen Marokkos erfahren. Bis zum letzten Atemzuge widerstehen sie den Angriffen der unsittlichen Araber. Außer ihrem starken Willen, schützt sie auch die Strenge, mit welcher der Verführer bestraft wird. An mehreren Stellen werden die Gräber solcher eines Heldentodes gestorbenen -heiligen Frauen gezeigt. Ich bin, der, Augenzeuge eines furchtbaren. Urteils in Sidi-Abas gewesen. Ein Jüngling von einem fremden Stamme hatte ein Mädchen vom Rachamistamme verführt. Seine Bestrafung war schau- Derhaft. Mit einer eisernen Kette wurde er-an' einen im Erdboden befestigten Ring gebunden und mit Eisenstäben totgeschlagen. Vor vier Jahren — erzählte mein Wirt, starb desselben Todes ein Jude, der der Verhöhnung des Propheten angellagt gewesen. Es ist schrecklich anzusehen, wie man den Juden vor den Richter bringt. Von zwei Schergen begleitet, zerrt ihn der eine am Halse, während ihn der andere erbarmungslos schlägt. Gewöhnlich kommt die Bestechung den Schergen zuvor, wodurch der Unschuldige befteit wird. Solche einträgliche Operationen nimmt der Kadi natürlich oft vor. Die Juden wohnen in besonderen Stadtteilen. Wer sich abends außerhalb der Ghettomauern hinauswagt, bezahlt es mit dem Leben. In den Straßen ' der Araber ist es den Juden verboten, zu reiten und in Stiefeln zu gehen. Auf der Landstraße mutz der Jude von dem Esel steigen, wenn er einem Araber begegnet. Es ist leicht zu begreifen, in welch geistigem Zustande die Juden sich befinden. So sind sie vom Aberglauben und vom Hexenwahn und vom finstersten Fanatismus befangen. Jeder „bessere" Mensch trägt zumiirdest 10 Amulette mit sich und jede Frau weiß eine Anzahl heilwirkende Zaubersprüche. Einen Rabbiner nehmen sie überhaupt nicht auf, wenn er nicht ein Meister in diesen Künsten ist. Das Mystische Soharbuch bildet ihre einzige Lektüre. Ich fand bei ihnen auch sonstige alte Bücher und Handschriften, jedoch werden sie nur von den Motten Das Verbot des R. Gerschom erkennen sie nicht an und leben so in Vielweiberei. Der Mann ist unbeschränllcr Herrscher seiner Frau und Kinder. Im Alter von 7—8 Jahren verheiraten sie letztere in aller Frankfurter Israelitisches FamilienblaÜ. Form, doch bleiben sie noch einige Jahre bei den Eltern und begründen einen gemeinsamen Haushalt im Alter von 12—13 Jahren. Mcht nur einmal sah ich den Gatten mit der ihm angetranten Frau im Sande spielen. Die Erziehung ist in sehr schlechtem Zustande. Aber cs ist kein Wunder, da die Erziehung den ungebildeten Müllern überlassen ist. In ganz Marokko, mit Ausnahme der Küstenstüdte, fand ich'keine einzige.lesekundige Frau. Sie haben auch Lehrer, doch sind diese nicht viel wert. Ihre ganze pädagogische' Wissenschaft und Taktik besteht im Stock. — Nach Aufzählung der vielen Fehler will ich nicht eine schöne Eigenschaft verschweigen, die ich hei ihnen wahrgenommcn und von welcher auch wir etwas lernen könnten. Die Schwelle der Synagoge betraten sie mit heiliger Andacht, die Ordnung ist musterhaft, und ihre Gebete rezitieren sie mit den .schönsten Melodien. Trotz der aufgezählten Fehler überragen die Juden in geistiger Beziehung die Araber. Dies war die Lage der Juden vor 13 Jahren, als ein wirklicher liberaler Herrscher an der Spitze Marokkos gestanden. Unter seiner Regierung haben viele Juden hohe Staatsämter innegehabt. Die Araber nannten ihn nicht anders als den „Fuden-Sultan" und die Juden lebten unter ihm ihr goldenes Zeitalter. Ich hatte von dem „goldenen Zeitalter" genossen, jedoch erhielt ich incin Teil auch, von dem Zeitalter der Verfolgungen. Während nieincs Aufenthaltes in Marokko, starb der ausgezeichnete Herrscher. Mit seinem Tode kamen Schreckenstage über die Juden. Ich habe mit ihnen gelitten, mit ihnen gehungert und bin mit ihnen, in Gefangenschaft gezogen, aus welcher uns nur die Barmherzigkeit unserer Brüder be- Jch will die Leser nicht mit schrecklichen Beschreibungen langweilen. Mur einige traurige Episoden will ich erzählen. In Sid-Jrchal feierte ich das Sukkothfest. Schon früh am Morgen sind wir in der Synagoge zusammen gewesen. Während des Gottesdienstes ereilte uns die niederschlagende Kunde, „der Sultan sei gestorben". Wir sollten bald den Verlust-des gnädigen Herrschers schmerzlich, empfinden. Noch während des Gottesdienstes überfiel uns die nun srrigelafsene Horde. Einen Vater, der seine zwei 9- und 12jährigen Töchter retten wollte, erdolchten sie; dieses Schicksal traf noch 20 meiner Brüder. Die Räuber würden ihre Arbeit noch fortgesetzt haben, wenn nicht eine einem anderen Stamme angehörige Räuberbande im Äeichbilde der Stadt erschienen wäre. Alles zurücklassend, flohen sie!kopflos vor den stärkereil Fäusten. Auch ich lag in Ketten gebunden, bis mich meine Brüder aus dieser Lage befreiten. Wir versteckten uns in einen leeren Keller, um nur unser nacktes Leben zu retten. Als die Gefahr vorüber war, kanien Ivir aus unserem Versteck hervor. Ein schrecklicher Anblick bot sich uns dar: Todesröcheln, Schmerzensschrei und herzbrechendes Weinen ertönten in der schrecklichsten Harmonie. llnsere Tränen mischten sich niit dem dem Bache gleich fliehenden Blute. .Diese Vorfälle veröffentlichte ich s. Z. in mehreren jüdischen Zeitungen. Mit noch 20 Juden verließ ich in einer Macht diesen schrecklichen Schauplatz. Wie das gehetzte Wild gingen wir auf grundlosen Wegen. Das Rascheln der Blätter erschreckte uns, ebenso das Zwitschern der Vögel. Wir liefen, auch wenn niemand hinter uns her war. Drei Monate lang kam ich von Land, zu Land, bald seufzte ich hier, bald dort unter der Gefangencnkettc. Und init mir zusammen Tausende meiner Glaubensbrüder, Kinder, Frauen, Greise. Unsere Brüder scheuten keine Geldopfer, um uns. zu befreien; jedoch umsonst, am anderen Tage waren sie mit uns zusammen. Ich sah.eine arme Frau, die schon 20 mal ausgelöst .worden. Wenige nur ertrugen die Strapazen des Weges und die Grausamkeiten der Verfolger. Auf viele Tausende ist die Zahl der jüdischen Opfer zu schätzen. Glückliche Tote! Ihr seid besser dran, als euere am Leben gebliebene Geschwister. Glücklich und auf eine an's Wunder grenzende W.'isc wurde ich mit 6A Brüdern errettet. Mach dreimonatlichen Leiden kamen wir nach der Stadt Casa Bianca, abgerissen, verhungert und ermattet. Die jüdischen Bewohner der Stadt übten wahrhaft jüdische Wohltätigkeit an uns. Gott segne sie hierfür. '_Nr 11. So gestalteten sich die Verhältnisse nach-dem Tode des Sultan und so liegen sie-noch heute. Mit Recht heißt es. im Talmud: „Ln masoll’jisrocl." Die Sonne der Erlösung schien einstens von Frankreich her anfzustcigen, doch hat sich auch diese, als trügerische. Hoffnung erwiesen. Brief aus Ungarn. Budapest, im März 1906. Wie ein hiesiges ungarisch-jüdisches Wochenblatt meldet. Ist im. Kreise der in Palästina wohnenden ungarischen Inden eine interessante Bewegung im Zuge. Mach der Atelduyg des Blattes haben die zur ungarischen Kolonie' gehörenden Juden Jerusalems in einer großen- Versammlung den Beschluß gesaßt, in Pa l ä stin a eine große .ungarisch-jüdische landwirtschaftliche Kolonie z u.b e g r ü n d e n. Zweck der neuen Gründung wäre, solchen qus Ungarn stammenden Juden, - die sich durch Arbeit, sim. Heiligen Lande ernähren wollen, die Gelegenheit Herzu zu geben. Behufs Erreichung dieses Zieles, hat'sich der aus der erwähnten Versammlung entsendeteÄüssckjust mit dem österreich-ungarischen Konsulat, in Jerusalem in Verbindung gesetzt und sich durch Vermittelung des Konsulats an die ungarische Regierung mit der Bitte um Unterstützung des Planes gewendet. Aus der erwähnten Meldung ist nicht zu ersehen,, welcher Art die erbetene Untersllitzuug ist, ob eine materielle in der For>m einer finanziellen Dotierung der zu begründenden Kolonie oder nur moralitcr, indem die ungarische Regierung das Protektorat über die Kolonie übernehmen soll. Vorausgesetzt die Geneigtheit der ungarischen Regierung, auf den Plan einzngehen, dürfte cs doch sehr schwer fallen, einen geeigneten Modus für die Realisierung des Planes zu finden. Abgesehen von den Schwierigkeiten, hie zu einem solchen Unternehmen nötigen Geldmittel herbcischaffen zu.können, kommt noch die. wichtige Frage in Betracht, welche Stellung die türkische Regierung zu einem solchen, unter fremdem Protektorate stehenden Unternehmen .ninimt. Handelt es sich hier um eine ernstliche Aktion, den-armen-ans Ungarn kommenden Juden zu einer menschenwürdigen Existenz zu verhelfen, so darf man ihrer weiteren Entwicklung mit dem größten Interesse entgegensehen. Gleichzeitig wird von einem anderen, seiner baldigen Realisation' entgegengehenden Plane berichtet. D-ie erste größere ungarisch-judische Gesellschaft, welcher übrigens Juden aus beinahe Allen europäischen Ländern angehörten, die im porigen Jahre Jerusalem und Erez Jisroel ausgesucht, hatte die historische berühmten und von allen Völkern verehrten Stätten in verwahrloststem Zustande gefunden. Besonders schlecht ist es auf der Grabstätte der Stammmutter Rahel bestellt, das doch immer von vielen Pilgern und ' Reisenden ausgesucht wird. Im Kreise der genannten Gesellschaft ist nun der .Plan ausgetaucht, einen Fonds zu sammeln, um die Grabstätte Rahels restaurieren zu lassen. Es besteht der Plan, neben dem Bethaus, das über dem Grabe errichtet werden soll, eine kleine Kolonie zu begründen, um so für das Bethatls ein ständiges 'Minjan zu sichern. Die zum Zwecke der Ausführung des Planes eingeleitete Sammlung-Hat bis jetzt die Summe von nahezu.2400 Kronen ergeben. Bei dem Interesse, das der Sache allgemein entgegengrbracht wird, dürfte bald zur Verwirklichung der jchönen Idee geschritten werden können. — Die bedeutende Errungenschaft, die die ungarländische Orthodoxie durch die ministerielle Beställgung und königliche Sankllon ihres Ergänzungsstatuts aufzuweisen hat, 'scheint ihre Wirkung auch auf die Ncologie nicht verfehlt zu haben. Das offiziöse Organ der neologen Landeskanzlei weist in seiner letzten- Nummer darauf hin, wie durch die erwähnte Bestättgung die 40jährigen Bestrebungen der ungarischen Ncologie nicht nur durchkreuzt, sondern.unmöglich gemacht worden, sind. Bis jetzt habesie,.die Ncologie, noch immer gehofft, die ganze ungarische Judenheit unter einen Hut zu bringen. Durch die königliche Sankllon. des neuen .Entwurfs, der die Scheidung involviert, sind nun diese Hoffnungen in, die weiteste Ferne gerückt- und an die ersehnte Gesamtorganisation ist mithin nicht mehr zu denken.-' Das erwähnte Organ zieht nun. aus dieser Täst sache die. Konklusion, daß die Ncologie nunmehr ihr