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Neue jüdische Presse · 1906-03-16 · Heft 11 (16.3.1906) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ZsrartKfrtrker Sfrnrlitifritrs fmuilimlilitt. HedaKLio« «nd chefchaftssterre: SrsnXfurl s. M.» Lleichstraße 2, Lcke vilbelerstraße T-refon 10 »07. Aemusgebsr: Sali; Geis. 4. Jahrgang. Freitag, -e« 19. Adar 5666 (16. Marz 1966». Ro. 11. . Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— stet ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— «—--- Jnserttonspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Ein mißlungener politischer Schachzug. — Die Juden Marokko's. — Brief aus Ungarn. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Die Cohnheims. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Ein mißlungener politischer Schachzug. Die „auri sacra fames“ ist wieder einmal Trumpf in den russischen Regierungssphären. Der Staatssäckel ist leer und mit dem Papiergeld will es doch nicht recht gehen. Dagegen vermögen auch die glänzenden Plejaden der großen Vatcrlandsretter, die den Ruhm und'den Stolz des modernen Rußland ausmachen: die Tubassows, Sollohubs, Orlows, e tutti quanti nichts auszurichten. Gras Witte bleibt nur das alte, bewährte Mittel übrig: bei "den europäischen Börsen wieder und wieder anzuklopfen. Mur wurde aber in den letzten Monaten in der europäischen Presse .viel — d. h. etwas mehr als gewöhnlich und als es seiner Exzellenz paßte — Aufhebens von den Judenverfolgungen im Zarenreiche gemacht. Graf Witte fürchtet nun, es könnten vielleicht die Geldfürsten in Israel sich von den Schreihälsen und Spektakelmachern der Presse einschüchtern lassen und es als etwas ungemütlich empfinden, der Pogromregierung unter die Arme zu greifen. Ties wäre fatal. Ter pfiffige Diplomat von Portsniouth braucht aber nicht lange auf Auswege zu sinnen. Um irgend einen diplomatischen Schachzug, der zu nichts führt und zu nichts verpflichtet, der aber den Leuten Sand in die Augen streut und den Mund stopft, gerät er nicht in Verlegenheit. — Was tat also der Herr Minister-Präsident? Er lud einige jüdische Großsinanziers ein und offenbarte ihnen, daß er geneigt sei, einer Deputation, die sich mit Ihrer Hilfe und Mitarbeit aus hervorragenden jüdischen Kreisen zusammensetzen würde, eine Audienz beim Zaren zu erwirken und ihr die Möglichkeit zu geben. Seine Majestät unmittelbar um einen Gnadenakt für die Juden 'anzuflehen. Tie „offiziellen" Juden .waren selbstverständlich von dem huldreichen Vorschlag entzückt und versprachen das ihrige zu tun. Allein, auch Graf Witte kann mitunter einen Mißerfolg haben. Tie sogenannte jüdische öffentliche Meinung, geführt von einer arroganten Presse, die sich nicht einmal scheut, eine andere Meinung zu haben als — Baron Ginzburg, mischte sichsobald die Sache ruchbar wurde, hinein und verdarb das Spiel. Und — man muß sagen — die Leute nahmen sich kein Blatt vor den Atund. 'Ter „Woskhod" schrieb: „In Petersburg wurde Pas ganz unglaubliche und doch zuverlässige Gerücht verbreitet, . Graf-Witte bereite eine-Mische Deputation an den Zaren vor.. Unglaublich ist dabei nicht die Rolle- Wittes, sondern die."derjenigen Juden, die-.-sich ihm zur Verfügung stellen. Graf Witte ist: zu allem fähig. Wenn Jekaterinoslarer -Kleinbürger.-- den Premier, um Land angehen, erklärt er ihnen, er rette den Zaren vor dem Judenpack, das Rußland beherrschen .möchte. Wenn es aber nötig ist, bei den europäischen Börsen um neue Darlehen anzuklopfen, so ist Herr Witte sogar bereit, Inden zum Zaren zu führen in der naiven Hoffnung, daß die jüdischen Bankiers im Empfange einer jüdischen Deputation seitens des Zaren ein Pfand des Friedens erblicken würden. Graf Witte „kann alles" und wird niemand mehr irgendlvie überraschen. — Allein, die Deputierten, wie können, >vie wagen sie cs, eine solche Mission auf sich zu nehmen? Wer hat sie beauftragt, im Namen des jüdischen Volkes, oder auch nur eines Teiles desselben, zu sprechen? Haben die Herren daran gedacht, welcher Empfang sie zu Hanse nach ihrer Rückkehr erwartet? Wahrscheinlich haben sie das nicht getan".*) . . . Viel schärfer noch äußerte sich die „Jewrciskaja „Nach unseren Informationen wird diese Teputation nicht zustande kommen, es steht aber fest, daß das Projekt, eine solche Tepntation zu entsenden, vou unseren eigeumüchtigen Vorstehern, den Lakaien der Regierung Witte-Turnowo, beraten worden ist. Ties allein genügt schon, um die Entrüstung des gesamten denkenden Judentums hervorznrufen. Biel zu viel jüdischen Blutes wurde in letzter Zeit vergossen, als daß man nicht wüßte, wessen Hände von diesem Blute befleckt sind und daß man nicht über den schlauen Plan des Premiers in Entsetzen geriete. Am meisten empört uns aber nicht die Rolle der Machthaber, sondern die schmachvolle Haltung unserer erbärmlichen „Schtadlonim" und wir schließen unS daher voll und ganz dein seitens einer „jüdischen demokratischen Grlippe" aus diesem Anlaß gefaßten Protest dagegen an, „daß es in der Mitte des jüdischen Volkes noch Sklaven gibt, welche bereit sind, als Werkzeug für die Machinationen der Regierung zu dienen und die Hände zu küssen, die von' dem Blute ihrer Brüder gerötet sind. Mitten in den Flammen der Feuerbrünste, im ivildcn Äejohl der Mordbrennerbanden, verstanden es die Juden, heldenmütig für ihre Ehre zu kämpfen, heldenmütig in den Tod zu gehen. Memand hat diese Knechte der Behörden bevollmächttgt, denjenigen ihre Aufwartungen zu machen, die für die Bestialitäten vom Oktober verantwortlich sind, denjenigen, die sich in unschuldigem Blute baden, und das jüdische Volk wird ihnen nie diese Schmach verzeihen."**) In ähnlicher Weise äußerten sich auch die anderen jüdischen Zeitungen, wie „Hasnian" usw. Tas End' von dem Liede war, daß die „Offiziellen" dem Drucke der öffentlichen Meinung weichen mußten, und das ganze Projekt fiel ins Wasser. So wurde der „Rußj" aus Odessa telegraphisch mitgeteilt: „Baron Ginzburg lud telegraphisch die Bankiers Chais und Barbasch, ferner die im ösfentlichen jüdischen Leben bekannten Herren Weinstein und Morgulies ein, zwecks Beteiligung an der Wttteschen Teputatton. Tie Genannten lehnten die Einladung mit der Begründung ab, daß die Teputatton nach Ermessen eingeladen und nicht von der jüdischen - *) Nr. 7. 1. März. . **) Nr. 7, 6. März. - Bevölkerung gewählt worden sei. Hier herrscht die Ueberzeugnng, daß Gras Witte die Tepntation nur zu dem Zwecke organisiert, um den Eindruck seiner antisemitischen Rede an die Jekaterinoslarer Kleinbürger zu verwischen." — Soweit die Ansicht der jüdischen Presse, die die Stimmung, wenn auch nicht der ganzen, so doch des größten Teiles der breiten jüdischen Masse wiedergibt. Nach einer .anderen Version sollen die Teputierten, denen der Herr Graf den Vorschlag bezüglich einer Tepntation an den Kaiser machte, ihre Ablehnung daniit begründet habe, daß die Judenheit Rußlands ob der schrecklichen Massenmetzeleien in tiefer Trauer sei und nach jüdischem Gesetze dürfe ein Trauernder nicht vor einem gekrönten Haupte erscheinen. Daß die russische Judenhett trotz ihrer verzweifelten Lage es ablehnt, nin Gnade zu flehen, ist heldenmütig und bewundernswert, und muß selbst einem Witte imponieren, besonders weil es Politisch klug seitens der Juden gehandelt war. — Uebrigens haben die Juden ja nicht um Gnade zu flehen, da sie gegen den Kaiser nichts begangen haben. Und doch erachten wir es hier ani Platze, nochmals das zu sagen, was wir bereits früher ausgeführt haben, nämlich, daß die Juoenheit Rußlands niit der Regierung, die stst im Sattel sitzt, rechnen muß; wenn auch der Schutz der Regierung ein sehr mangelhafter und kläglicher ist» muß sie sich dennoch davor hüten, irgend welche Gemeinschaft mit der revolnttonären jüdischen Partei „Bund" zu haben. Die Juden Marokko's. (Schluß). Die Straßen der Stadt sind schmal, schmutzig, Volt Mist und Speiseresten. Die Wohnung glich allem, nur keinem Hause. Die Türöffnung so, wie die Oeffnung einer finsteren Höhle. Und erst die innere Einrichtung der Wohnung. Tas ganze Meublement der Stube bestand aus einem Strohlager und einem Steinkissen. Nach meiner Ankunft war von Ruhe keine Rede. Auf die Nachricht der Ankunft eines jerusalemischen Juden scharte sich die ganze Stadtbevölkerung zusammen. Ta nahm ich das Rezept Josua's hervor. Ich gab ihnen Amulette und murmelte Zaubersprüche. Sie küßten mir dankbar die Hände. Es war schon Mitternacht, als ich zur Ruhe ging; unter meinem Haupte das Kissen unseres Stammvaters Jakob. Im Traume sah ich fortwährend Bilder des geschauten Elends und der Leiden vor mir. Am Morgen führte mich der erste Weg zum Kadi. Als ich ihm das Geschenk übergab, versicherte er mich der Sicherheit meiner Person. „Ein Kind des Todes" — ließ er in der Stadt verkünden — „ist derjenige, der den Fremden belästigt." Ich hielt mich zwei Wochen lang hier auf, obgleich ich das' wirkliche Goluth vor mir sah. Das Leben der Juden ist in Liesen Dörfern in sieter Gefahr. Ein heiteres Gesicht ist unter chnen kaum zu sehen. Tie gebeugten, bleichen Gestalten

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