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Neue jüdische Presse · 1906-03-09 · Heft 10 (9.3.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10. Leite 5. Berl Schmerl's, aber man müszte es schon! lind vielleicht wäre ich deshalb weniger im Munde der Leute — wenn doch mein Name nicht so glatt von der Zunge herunterkollcrte. Aber, wie immer ich auch heißen mochte — ein Mensch bin ich . . . Ein Mensch! Aber ein Ballen obendrein . . . Ist es denn so selten, dass ein Mensch verwaist? — Kann er denn nicht arbeiten: Ausläufer sein, Holz hacken, ein Diener werden und anständig gekleidet sein — nicht in Fetzen und Lumpen stecken — Brot haben — nicht bis znm dreißigsten Lebensjahre noch immer Jeschiwoh-Bachnr sein, dem zwei Tage in der Woche fehlen und der fortwährend herumschlcndert und nachdeukt: wer bin ich?! Wüßte ich zumindestens: wer meine Kapote-') -ist. Jetzt, tvahrhaftig, weiß ich es nicht! — Ein Stück Bendch, ein Stück Chajim, ein Stück Jone, drei Viertel ans Mist . . . Wahrlich ein Glück, daß Tanbele nähen kann, sonst wäre ich nackt wie Adam. Ist denn dies allein nicht schon wahnsinnig? So ein Batlen zu sein! So ein Batle» zu sein! Was ist dabei? . . . Schmerl, Chajim, Jone . . . Weiß ich, —> ist es gav zählbar, wieviel Beißhamedresch- Sitzer ich bereits überlebt! . . . - Einer ist schon ein Händler, ein zweiter — Lastträger, ein dritter — Schankwirt, was macht's.'— Einer ist sogar schon Witwer, Schmerl hat 'schon die dritte Ara». Alle aber haben Kinder, Geschäfte, Interessen. ... Ob gut oder schlecht — sie sind aber keine Müßiggänger, essen nicht ,,Täg",°) sind keine Batlonim . . Menschen! Ich will auch sein ein Mensch! Was heißt es: Menschen? So wahr ich ein Jude bin — ich bin kein Mensch! So tvar ich ein Jude bin? Ich bin ein Jude! Freilich, ich bin ein Jude, aber ganz Zichanotvka sind auch Inden — und sind doch nicht ich! NU» was denn — ich bin eine Mannesperson! An? . . Alle Menschen, die nicht Franenspersonen sind, sind Männer. Kurzum, Alle sind — Berl Chan'zes! Nein, Bruder Berl! Täusche dich nicht! Du bist eine Mannesperson, du bist ein Jude! Gewiß! Nür nicht du bist die Mannesperson, nicht du der Jude! Du bist etwas Anderes. Dies alles ist nur eine Zulage, beigelegte Tinge. Aber nicht du selbst. Ich rede mir ein: ich bin ein Batlen, ein Wahnsinniger, ein Verwaister, eine unglückliche Mannesperson. . . . Aber es gibt doch viele Batlonim, Wahnsinnige, Verwaiste — vielleicht nur Mannespersonen, lute ich eine bin, tveniger. Immerhin gibt es welche — weiß ich! Vielleicht in einer anderen Stadt, vielleicht in Amerika. — Sind sie nun alle eins? Gott behüte — jeder für sich! NcU, wer hin ich also? Es ist wohl ein böser Geist in mich gefahren. — Es sitzt wohl etwas in mir und denkt über mich nach — und mir scheint es nur, daß ich selbst nachdenke. Znm Beweis: Wenn ich kräftig bin — die ganze Woche außer Montag und Dienstag — hat jener böse Geist .keine Gewalt über mich. Dann sinne ich auch weniger nach! Und in der Tat ist cs doch sicher, daß kein Mensch in der Welt sich selbst durchdenken kann. Was soll es heißen: ich will mich begreifen?! Ich will mich aus mir herausreißcn, mich oder ihn beiseite stellen — „er" soll nun mich betrachten! Ich — er soll betrachten ihn — mich! Ha—ha—ha! Was soll cs heißen! Ich muß es mir nur gut überlegen! . . . Aber mir wird gar warm int Kopfe! (Er läuft zum Waschbecken, begießt sich mit kaltem Wasser, zieht nun hinter dem Ofen einen Lappen hervor und bindet ihn fest mn( die Stirn.) Jetzt wird es schon gehen. . . Noch einmal. . . Ich will wissen: wer ich bin? . . . Wohin soll ich schauen, hinauf oder hinab? Rechts — oder. links? . . . Ich biil doch in m i r. Wenn ich, zum Beispiel, ans die heilige Lade hinanfklettere, bin ich ganz und gar oben — ich stasse unten nichts zurück. Soll ich wieder in den Keller hernnterlaufen, so werde ich ganz und gar nuten sein. . . Wie kann maw auf mich schauen?! Wie kann,cs sein? Was sitzt denn in mir, das für mich denkt? Und etwas sitzt doch drinnen . . . was? Ich weiß doch, alS bei der Schamcß-)-Fran ungezählte Küchelchen lagen und ich schon drei Tage nichts gegessen hatte, so verspürte ich eine große Lust, ein Küchlein zu stibitzen. Ich sagte mir aber: 5) Kapote: ein langer Rock, der vorzugsweise bei den Chassidim religiöse traditionelle Weihe erhalten hat. -°) „Tag", die meisten Jeschkwoh-Bachurim wcrden an den verschiedenen Tagen der Woche von verschiedenen Bürgern beköstigt — d. h. „Täg-Essen". 7) Schämest, Synagogendiener. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Nein! Man darf's nicht! Nicht dein . . . Nachher fand ich tausend Gründe.... Die Schaneß-Frau hat bei mir genug verdient, sie kann mir schon eine Zulage geben. Hätte ich sie darum ersucht, sie hätte mir selbst gegeben. Ich werde es ihr mit Gottes Hilfe einmal bezahlen . . . Aber ich sagte mir immer wieder: Nein, man darf's nicht . . ." Und es ist so geblieben—beim „Nein" . . . Anfangs ging eins nach dem andern. Mir schien es, als ob ich selbst sragte, und mir selbst antwortete; aber nachher, etwas später, jedoch in demselben Augenblicke, nur nachher, ist es doch anders geworden. ES wurde gleichzeitig: Ja und Nein, Nein und Ja, und wiederum Nein! Es entstand ein Streit und es blieb beim R e i n. Nicht weit ich nicht wollte oder weil ich die Lust verloren hatte; nein, die Hand aber konnte sich nicht bewegen: sie wußte nicht, wem sie zu gehorchen hat. . . . Und znm Beweis dafür: ich Ivar nachher sehr müde, wirklich, wie nach einem großen Streit, wie nach einem heißen Disput mit Jone Loksch/) der mir einreden will, daß der Goann seligen Angedenkens") im Paradies mit verrostetem Barte dasitze, weil er von Chassidns nichts gehalten hat! .... So ein Esel! . . . Aber müde war ich damals; ich erinnere mich ganz genau, ganz genau! So war cs auch an Purim, als ich von dem Reichen, von Perez Feinholz, dem Raw Schalach-Mones") brachte. Ich hatte den Mund voll Wasser und die Zunge lief mir im Munde wie toll herum, so wie ich jetzt im Beiß-Hamedrcsch hcrumlnufe; die Hand zitterte mir. Ein Stück Torte, Makkaronen und noch einige Sorten. Der Näscher in mir wollte, der ehrliche Mann in mir wollte nicht! ... Man sagt: Jescr-horc.") Gut, mag es so sein! Aber jedenfalls bin ich doch! nur eine Wohnung, in der zwei N'achbaren wohnen; der eine heißt: Jesertoir,'-) der andere — Jeser-Hore. Nicht wahr? Und wiederum dieselbe Geschichte mit den Namen . . . Aber wer sind sie! wer bin ich?! Ich bin eine Wohnung, ich bin sowohl der gute Nachbar, als auch der schlechte. Alles ich — und dabei will ich wissen, wer ich bin?! Ha—ha—ha! — Sachte! Gestern erst — die Leute lachten, lveil ich ans einer Stelle stehen blieb, vielleicht eine Stunde lang! Ich Iveiß, warum ich stand! Ich konnte nicht gehen: man hackte Holz auf dem Schulhofe,") da möchte ich hingehcn und versuchen, ob ich eine» Scheit spalten könne, ob ich arbeiten könne. . . Ich begann schon hinzugehe». Stehen nun zwei Bänke: ans der einen Seite eine Bank und ans der zweiten Seite eine Bank. Ta erzählt man, daß int Bade geheizt wird — sofort beginnt mich der ganze Körper zu jucken und ich will znm Kirsten hin, um meine Rute") hervorzuholen und ins Bad zu gehen . . , Gegenüber erzählte Sorach SOiefameb") dem Jankl Kätzel, daß im Baal- Akejde") zur dieswöchentlichen Ssedercch") eine wunvolle Erklärung sich findet — etwas ganz seltenes. Will ich also wissen, was Sorach Mclamed so gefallen hat, will znm Wandschrank eilen und das Buch hernnternehmen. Bin ich aber stehen geblieben! Die Beine wußten nicht, wem zn gehorchen: ob denc Berl Chan'zes, der Holz hacken will, oder dem Berl Chan'zes, der ins Bad gehen will oder dem Berl Chan'zes, der wissen will, was Sorach Melamcd gefallen hat?! Ich stand Ivirklich so lange, bis ich mich erinnerte, daß ich noch nicht Mincha gebetet hatte! — Nü, folglich? Wohnen iir mir also vier Personen! Ein Holzhauer, ein Baal-Akejdcisk, ein Bäder und als letzter ein Minchabeter, der alle hinter den Ofen verjagte, daß sie nicht nrncksen. Nur er allein hat zu befehlen und ihm müssen die Beine gehorchen . . . Und ihr habt ja den Beweis dafür: Ich ging wahrlich zur Wand hin und betete! Ein gut Stück Wahrheit steckt drin . . . Tenn sie sind nicht verschwunden; sie haben sich nur hinter den Ofen versteckt und guckten von dort hervor . . . Sie winkten mir zn und störten mich! Während des Schmone-Esre lagen sic mir alle im Sinn: das Holzhacken, das Durchpeitschen des Körpers ans der höchs) Loksch: Nudel. Spitzname. *>) Gemeint der berühmte Wilnaer Goann Rcb Elischu, der den Baal-Schem, den Begründer des Chassidismus, heftig bekämpfte. 10) Purimgeschenkc. 11) Der böse Trieb. 12) Der gute Trieb. ") Schulhof: der Hof der Synagoge. ") In russ. Schwitzbädern werden Ruten zum Turchpeitschen des Körpers gebraucht. 15) Mclamed: Cheder-Lehrer. 1G) Name eines religions-philosophischen Kommentars der 5 Bücher Moses. 17) Ssederech: Wöchentlicher Thoraabschnitt, der Samstags vorgelesen tvird. sten Bank im Bad —. und auch die Kommentare des Baal-Akejde! . . . Nü, also? Was nützt der Jeser-tow und der Jeser-Hore, wenn ich bald drei, bald vier bin! Jetzt fühle ich, daß „ich" selber so gut wie nichts bin. Ich selber würde garnicht leben: ich selber hätte mich keineswegs am Morgen von der Lchlajbank erhoben; ich würde wie ein Goilcin liegen bleiben bis ans Ende aller Zeiten . . . Ich bin auch wirklich ein Goilem, ich habe gar keine Seele. ^Was doch? Alles um mich lebt, Alles um mich hat c-eelen. Ihre Seeleic erzeugen ans sich solche lange, dünne, spitzige Fädchen, solche Strahlen — und sie umfangen mich und heften sich an mich; sie kriechen in mich hinein, bewegen mich, stellen mich auf die Beine, befehlen mir zu gehen, zu tun, zn laufen . . . Aber ich selber bin gar nichts! . . . Wer denkt aber doch? Hm? Wer sitzt in mir und grübelt? Wiederum ein Fremder? Nicht ich? Nun gut, ein Fremder! Wer ist er aber? Wie kam er zn mir? Bin. ich ein Käfig und er ein Vogel? König David, Friede sei mit ihm, sagte „Jaunvsji!", das heißt: mein Täubchen! — Will das Täubchen Holz spalten, ins Bad gehen, vom Schalnch-Mones stehlen, ein Küchelchen vonn der Schameß-Frau wegschnappen und in demselben Augenblick das Komncentar des Baal-Akejde Nachsehen? Pfui, Täubchen, es ist nicht hübsch! Wen» du. es bist, so schäme dich! — Ha! — Ha! — Ha! Berl Chan'zes ist ein Täubchen, ein Vögelchen. Berl Chan'zes hat ei» kleines Schnäbelchen icnd Flügelchen. Berl Chan'zes wird noch mal aus denc Käfig fortfliegen. . . . Was. Berl Chan'zes, wirst du auch dann darüber nachgrübeln: wer du bist? Auch dann ein Verwaister, ein Batlen, ein Wahnsinniger sein? Gewiß! Wer sonst? Ist denn der Käfig wahnsinnig? . . . Der Käfig verwaist? . . . Herr der Welt! Wer bin ich aber doch? Wochenschau für das praktischreligiöse Leben. Am Sabbat vor dem Purimfeste wird der zweite besondere Thoraabschnitt verlesen: Parschas Soclianr* Der Abschnitt ist aus dem 5. Buch Moses, Kap. 25 und erinnert uns an die ruchlose Tat Amaleks, eines Borfahren Ham ans. Er überfiel bei dem Auszuge aus Egypten das ruhig dahinziehende Israel und schlug viele, besonders Schwache und Matte. Wir sollen dieser Tat gedenken und die Amalekiterbosheit hassen! : Unsere Thora befiehlt keinen Menschenhaß an, sie gebietet sogar ausdrücklich, den Edomiter (Nachkommen Esaus!) und Egypter nicht zu verachten, lehrt also gleichsam die Feind es liebe. Amalek wollte jedoch, als nach dem Zuge durchs rote Meer alle Völker Israels Gott fürchteten und vor ihm zitterten*), der Welt zeigen, daß erd lesen Gott nicht fürchtete, und er griff dessen Volk an. Menschenmacht will Gottesmacht besiegen, Amalek ist nicht so sehr Israels, als vielmehr Gottes Feind. Jede trotzige, stelze Auflehnung gegen Gott ist heute noch ein „äeicher Ainolek“, eine Erinnerung an Amalek, wir sollen sie baffen und ausrotten helfen. Jeder muß das Borlesen des Abschnittes Soobaur mit anhören, das ist eine deutlich in der Thora ausgesprochene Pflicht. Man genügt dieser Pflicht gerade am Sabbat vor Purim, weil Haman von Amalek stammte. — Das Jozer (festtägl. Gebetseinschaltung) spricht von den verschiedenen Kämpfen, die Israel mit Amalek hatte. Der Wochenabschnitt — Tezaweh — spricht von der täglichen Reinigung und Herrichtung des goldenen Leuchters, von der Kleidung der Priester und des Hohenpriesters, deren Weihe und Opfer. Der gewöhnliche Priester hatte 4, der hohe Priester 8 Gewandstücke, unter letzteren besonders den Brustschild mit 12 Edelsteinen, die die Namen der 12 Stämme enthielten. Auch auf beiden Schultern war je ein Edelstein mit je 6 Namen der Stämme. Lehre: Der Priester trägt die Last (Verantwortung) für ganz Israel auf den Schultern, er trage sie voll Liebe auf dem Herzen. Purim, das Fest der Lose, beginnt Samstag - Abend. Die Geschichte ist allbekannt. Der Antisemitismus unserer Zeit läßt sie uns um so besser verstehen. Der fromme Mordechai rettet dem König *) Siehe Ende des Meeresliedes: Es hörten es die Völker, sie erbeben u. s. f. Bon diesem historischen Hintergründe aus ist Amaleks Tat aufzufaffen.

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