Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. hauste, irgendwo ein altgebackenes Brot zu erhaschen und solches den darbenden Angehörigen hciinzubringen, so stürzt die ganze Familie gleich hungrigen Wölfen, auf den harten Bissen. — Tie Sterblichkeit nimmt, veranlaßt durch diese Zustände, unter den Hilden Bessarabiens erschreckende Tinicnsione» an/ N. Segal. Nikolajew. Rabbiner Dr. L. Wilenski wurde ohne Grund verhaftet und ohne Gerichtsverhandlung zu vierjähriger Verbauen n n g n a ch den nördlichen Teilen der wildesten und entlegensten o stsib irische n Provinz Irkutsk verurteilt. Kundige wissen jedoch die wirklichen Gründe des Willkürakts anzugeben. Ter jetzige Chef der Schuhabteilung von Nikolajew, Iwanow, war nämlich noch vor wenigen Monaten Polizeimeister unserer Stadt. Als nun die Exzesse gegen die Juden inszeniert ivurden, war er der Kauptorganisator und Inspirator des furchtbaren Nikolajewer Judenpogroms. Tiefe niederträchtige Rolle des Polizeivorstehers wurde darauf in einem Memorandum gekennzeichnet, das eine jüdische Deputation, zu der auch der genannte Dr. Wilenski gehörte, Witte überreichte. Seines Postens des Scheines halber enthoben und zum .Chef der Schuhabteilung ernannt, benutzte nun der würdige Mann leine Macht, um persönliche Rache anszunben und Wilenski ins Verderben zu stürzen. So ist man gegenwärtig in Itußland der Willkür und dem Gutdünken roher und dummer Polizeiknechte preisgegeben. Jetzt wüten die untergeordneten Geister. Mederlarrd. Rotterdam. Stiftung. Herr A. S.d.d.Bergh stiftete 100000 Gulden für ein Seehospital für leidende, besonders tuberkulöse Kinder. Amerika. New-Oork. Auf der Generalversammlung des „Hebrerv Technical Institute" gab der Schatzmeister Kenntnis von einer 50 000 Dollars- Schenkung der Frau Clara Bloomiugdale, Witwe des Herrn Joseph B. Bloomiugdale, vormals Präsident des Instituts. Der Betrag soll die Grundlage zu einem Fonds für die Vergrößerung des gegenwärtigen Gebäudes bilden. — Im Hinblick auf die voraussichtliche Zunahme der jüdischen Einwanderung beriet die Versammlung eingehend die Wege, die zu einer bedeutenden Ausgestaltung des Instituts zu ergreifen sind. In bet Jahresversammlung der Distrikts- Großloge Nr. 1 der unabhängigen, freien Söhne von Israel konstatierte der Distrikts-Großmeister Emil Tausig, daß der Orden jetzt einen Reservefonds von Doll. 1008000 hat, den größten Reservefonds irgend einer jüdischen Organisation in Amerika. Herr Mayer Sulzberger, der Präsident der hier kürzlich stattgehabten diesbezüglichen Konferenz, hat für die Vorarbeiten zur Gründung eines General- Comit« für die amerikanischen Juden die folgenden Herren bestimmt: Dr. Cyrus Adler, E. W. Lewkn-Epstein, Adolph Kraus, Rev. Dr. I. Leon Magnes, Louis Marshall, Tr. D. Phillipson, Oscar S. Straus u. Professor Joseph Jacobs, letzterer als Sekretär. 0 leuillefoii. 0 Ein kleines Drama. Erzählung von Ben-Ami. Autorisierte Übersetzung aus dem Russischen von L. Caro. (Schluß.) Nachdem wir uns einen Platz auf einem der niedrigsten Wandbretter verschafften, übertrugen wir dorthin unsere Kleider, die wir in Unordnung fanden. Wer ohne in der Eile diesen Umstand zn beachten, beginnen tvir nach einem freien Zuber zu suchen, was wir endlich finden. Der Vater selbst gießt aus dem Kessel einige Eimer nicht mehr ganz heißes Wasser hinzu — und tvir tauchen mit großen! Vergnügen ganz bis znni Halse in einer ziemlich schmutzigen Wanne unter. Eine gewisse süße Wonne' ergießt sich in unseren ganzen Körper und ich verspüre eine Neigung zum Schlummern. Der Lärm wird allmählich schwächer. Die noch hier Verbleibeuden, meistens arme Leute, schtvatzen mit einander ein tvenig und wie konzentriert und nachdenkcnd waschen ititb reinigen sie sich. Tie Dunkelheit in der Badestube tvird immer dichter. Die schiefen, aber blendenden Strahlen der bebereits tief herabsinkenden Sonne brechen sich durch die angelaufenen Fenster, durchschncidcn die verdickte, von Dampf durchtränktc Luft mit verschiedenfarbigen Streifen und bilden auf diese Weise längs dem Bade Scheidewände von wunderbarer Schönheit. Das Publikum nimmt forttvährend ab. R. Leiser.sammelt sorgfältig die zerzausten Badequasten, die sich an verschiedenen Stellen ans dem Bodcn^und den Wandbrettern herumwälzen. Da öffnet sich die Tür — jitib es tritt, sich schüchtern, umsehend, ein schlanker Mann in ziintfarbigem Filzmantel mit einem halbblinden Auge ein, indem er einen Buben von ungefähr sechs Jahren mit schmaleur, blutlosen Gesicht mit sich sührt. Das ist der Kutscher Berze, den alle „Tiderl" nennen, weil er das Wort „Ssiderl" (Ssidur — Gebetbuch) nicht anssprechen konnte. „Zn früh gekommen" — begegnet ihm R. Leiser spöttelnd. Er antivortctc nichts, und nachdem er sich in einen Winkel auf den Boden hiugcsetzt hatte, begann er noch ängstlicher sich und seinen Kleinen zu entkleiden. „Schon spät, spät, Juden! Es ist schon Zeit in die Synagoge zu gehen" — ruft laut einige Minuten später der alte Rcb Sehlig aus,. indem er sein Hemd auf den weißen, mageren Körper heraufwirft und dabei zuweilen stark hustet. Alle fuhren auf und begannen eiligst das Waschen zu beenden. Ter Vater, der ebenfalls der ihn crgrifsenen Wonne sich hingab und sich ganz vergessend dasaß, erhob sich nun. „Bleib' noch ein wenig sitzen, Lcibele" — wandte er sich an mich — „ich will indessen in die Mikwoh gehen." Und er begab sich rasch, in den mich so abschreckenden Abgrund. Ich wartete jedoch die Rückkehr des Vaters nicht ab und trat aus dem Wasser heraus, um schneller fertig zn werden. In der Badestnbc sind noch im ganzen fünf, sechs Mann geblieben, die sich schweigend anziehen. Mit großer Mühe fand ich mein Heind und kaum hatte ich cs angezogen, da war der Vater schon zurückgekehrt. Er begann eilig ininitten der auseinander geworfenen Kleiber hernnizuwühlen — blieb aber plötzlich stehen. „Hast Du die Schuhe herausgeholt?" fragte er mich unruhig. „Nein" — antwortete ich ziemlich ruhig und streckte die Hand nach der Ecke, nnr sie zu .holen. „Ja, Ivo sind sie denn, dort sind sie nicht da" — rief er aus mit Verzweifluirg in der Stimme. Ich habe cs noch immer nicht recht verstanden. Jedoch schnitt mir etwas durch's Herz. Wir begannen zerstreut ringsum zn suchen. Alle in der Badestnbe Verbliebenen umgaben uns und begannen auch zn suchen. „Sehen Sie sich rasch um, Ivo Alexa steckt" — sagte jemand. „Alexa" — erwiderte der aus den: Vorbadczimmer eintrctende R. Leiser — „Alexa ist schon seit einer halben Stunde verschwunden. Jetzt begreife ich's. Wisse» Sic, er ist mir unter der Nase plötzlich wie in die Erde versunken. Hat man denn jemals einen solchen Hund, einen solchen Schurken gesehen. . Vorher pflegte er wenigstens hier nichts anzurühren." „Nu, dann ist jetzt nichts zn suchen" — beschlossen alle. Jetzt begriff ich alles und brach krampfhaft in ein lautes Weinen aus, wie man nur einen Verstorbenen beweinen kann. „Ich will mal laufen, vielleicht werde ich ihn einholen" — erbot sich Tiderl, dem zwei große Tränen auf dem durchfurchte» Gesichte standen. — „Gebet nur auf meinen Mejschele acht" — wandte er sich an meinen Vater und fing an zu laufen. Indessen wurde jedoch die Badestnbc noch' einige Mal durchsucht. Es wurde überall gesucht, selbst auch im Kessel, im Ofen; man dnrchwühltc das Steppengras; man ließ sich zweimal in die Mikwoh herunter. Alles vergebens. Auch der arme Tiderl kam, ganz mit Schweiß begossen und kaum atmend, mit leeren Händen zurück; doch wollte ich nicht fortgehen und irrte mit bitterem Schluchzen von einem Winkel zuin andern. Ter Vater stand unbeweglich, totblaß da und betrachtete mich mit dem' Ausdruck eines nnausdrückbaren Schmerzes. Es trat bereits vollständige Abenddämmerung ein, als ich und der Vater endlich die leergewordene Badestube, wo fürchterliche Finsternis herrschte, verließen. Draußen war'S bezaubernd schön. Die Luft war feierlich still, obwohl frisch. Da empfand ich ' vielmehr nicht bloß einen Schmerz ob des Verlustes, sondern dazu noch eine bittere Beleidigung, so ein ätzendes Gefühl der Erniedrigung, der Schande; wie ein Mensch, den man für einige Minuten cmporgehobcu, um sich dann über ihn lustig zu machen. Ich setzte leise und krampfhast mein Schluchzen fort, indem ich mich mühsam mit bloßen erhitzten Füßen auf der feuchten, kalten Erde bewegte und vor Schauer, der mcineu ganzen Körper ergriff, zitterte. Der Vater trat an mich heran, nahm mich ans die Arme, preßte mich fest an sich und suchte mich zu beruhigen. „Weine nicht, Leibele, weine nicht, mein Sohn. Es mußte so kommen. Du hast Dich zn sehr gefreut. Und ein Armer darf sich nicht zu sehr freuen." Und er verstummte. Als wir mit Mühe eine kleine Strecke zurückgelegt hatten, blieb er stehen, setzte mich auf die Schultern und ging weiter. Von allen Seiten, in allen Häusern — überall sunkelten schon die festlichen Leuchter. Ringsum still, feierlich still. Am reinen azurblauen Horizont tritt feierlich und majestätisch in einem großen purpurroten Kreise der Mond ans. — Mein Vater schreitet stumm und langsam durch die wüsten Sackgäßchen und ist tief in einen Gedanken versunken, der sich auf seinem betrübten, doch ruhigen Gesichte abspiegelt. Und ich umarme seinen Hals und weine still und bitter. — — — — — — — — — ,— — Ende. Der wahnsinnige Batlen/) Von I. L. P e r e z. Autorisierte Uebersctznng von I. b. E. I. Ganz allein lief er am Tage im Beiß - Hamcdresch auf und ab und blieb plötzlich stehen: Herr der Welt! Wer bin ich? Wer bin ich? . . . Man nennt mich: Berl Chan'zcs?) Nu, bin ich denn Berl Chan'zcs? — Das Schild ist noch immer nicht der Laden! Das Hans, wo der Raw wohnt, heißt: „Zum Karpfen" und ich — Berl Chan'zrs! In Zichanowka sennt man mich: man weiß, wer Berl Chan'zes ist. Aber in Amerika? Wenn zum Beispiel, in Amerika irgend Einer km Beiß-Hamedresch plötzlich sagen söllte: „Berl Chan'zcs" . . . nu, würde da Jemand wissen, daß man mich meint? Hier ist es ganz anders! Hier ist es allerdings anders: hier hat man für mich ein Lächeln übrig, ein Kopfschütteln, oder sonst eine Bewegung. . . „Na, eine allbekannte Sache — Berl Chan'zes!" Einer denkt sich: der Batlcn; ein zweiter: — der Narr; ein dritter: — weiß ich was; ein vierter erinnert sich, daß ich nach Onkel Berl benannt wurde. Taubele freilich stößt dabei einen Seufzer aus, da sie weiß, daß ich nebbich Waise bin. Aber in Amerika, wo man Chane, die Hökerin nicht kennt; wo man nicht weiß, daß es einst einen Berl Chakren?) Bruder meiner Mutter, gegeben hat, wo man nicht weiß, daß ich das bin, wie man mich nennt: Wahnsinniger, Batlen, Waise und vielleicht gar auch ein Chakren — ich bi», wie es scheint, meinem Onkel ähnlich — welchen Eindruck denn könnte dort machen: „Berl Chan'zes"?! Einigermaßen weiß ich doch, wer ich. bin! Ich selbst sage es ja: ein Wahnsinniger, ein Batlen. Nun, das bin ich! Bin ich denn nicht wahnsinnig? Welcher Mensch stellt sich hin, darüber nachzugrübelu: wer er ist? Mensch ist Mensch! Ich .bin ein Mensch und heiße: Berl Chan'zcs. . . . Wäre ich ein Haus, würde ich vielleicht heißen: „Zum Karpfen" — ein Arrestant, so hätte ich einen Flicklappen ans der Schulter und eine Nuniiiicc . . . Wäre mein Vater und nicht die Mutter der Fürsorger, der Brotgeber und wäre er kein Batlen — würde ich heißen: „Berl Schmerl's"?) Es wäre zwar schwer auszusprcchen: i) Batlen: Ein Typus aus den Beiß-Hamedresch: ein Müßiggänger, welteiitfremdct und lebenscheu. ") Berl Chan'zes: Berl, der Sohn der Chane. 3) Chakren.: Forscher, grübelnder Denker. 4) Berl, der Sohn des Schmerl.