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Neue jüdische Presse · 1906-03-09 · Heft 10 (9.3.1906) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 10. des Vorstandes des Rabbiner-Verbandes sich hätte anssetzen sollen." Ferner ersucht uns Rabbiner Dr. Hirsch um nachstehende Richtigstellung: „Der Vortrag des Dr. Krengl im Rabbiner- Verbande, der zu dem Schlüsse gelaugte, daß sowohl vom historischen wie vom religiösen Standpunkte an der Beerdigung f e st z u h a l t e n sei, wurde beifällig aufgenonimen. Die daran anschließende Resolution, welche de» erwähnten Standpunkt der Beerdigung vertritt, aber auch der Toleranz im Falle einer Leichenverbrennung das Wort redet, wurde jedoch nicht endgiltig aitgcitont* in e n. Vielmehr soll über diese Resolution, wie ja bereits in dem ersten Berichte (vom 13. d.) deutlich zu lesen war, tveiter diskutiert werden, „damit eine für - alle Mitglieder des Rabbiner-Verbandes annehmbare Form gefunden werden könne." Die Darstellung, als ob die Resolution bereits angenommen worden wäre, beruht auf einem Irrtum." Herr Dr. Hirsch gibt also etwas zu, was Herr Professor Kisch vollständig bestreitet. Was uns betrifft, so halten wir an der Richtigkeit unseres Berichtes fest, denn es ist eine Tatsache, daß die Resolution doch erst angenommen werden mußte, wenn man sich entschloß, sie allen (d. h. auch den nicht anwesenden) Mitgliedern zur Schlußrcdaktion zuzuschicken. IV. vom 18. Febr. Herr Rabbiner Dr. I. K r e n g l in L e i p a ersucht uns um Ausnahme nachstehender Richtigstellung: „Ich kam in meinen Ausführungen zu folgendem Ergebnis: Die Leichenverbrennung war seit uralter Zeit in Israel Gegenstand unüberwindlicher Abneigung. Jir talmudischer Zeit galt sie als verboten, wenn auch kein ausdrückliches Verbot zu finden ist. Die Bestattung' in der Erde hingegen wird im Talmud und in den späteren Codices als biblisches Gebot hingestellt, wenn auch die entgegengesetzte Meinung vertreten ist. Für die Beerdigung und gegen die Leichenverbrennung sprechen auch mehrere Momente ethischer Natur. Wir müssen daher vom historischen wie vom religiösen Standpunkte an der Beerdigung festhalten und in diesem Sinne unseren Einfluß geltend machen. Die talmudische» Anschauungen über den Zustand von Körper und Seele nach dem irdischen Tode und über die einstige Auferstehung, die wahrscheinlich zur Hinstelluug der Beerdigung als Biblisches Gebot geführt haben, sind jedoch nicht solcher Art, daß die Leichenverbrennung als Ableugnung derselben angesehen werden müßte. Wird daher trotz unserer Gegenvorstellungen die Verbrennung beschlossen, so liegt für uns lein Grund vor, die Teilnahme an einer häuslichen Leichenfeier oder die Begleitung des Taten abzulehnen. In einem solchen Falle müssen wir jedoch darauf hinwirken, daß die Asche in der Erde beigesetzt wird. Diese Anschauungen fanden in der Versammlung fast allgemeine Z u st i m m un g, eine Resolution wurde jedoch nicht angenommen; cs wurde vielmehr beschlossen, in der nächsten Ansschnßsitzung über das Referat weiter zu diskutieren und sodann den vervielfältigten Vortrag, verbunden mit einer entsprechenden Resolution sämtlichen Mitgliedern des Verbandes zukommen zu lassen, damit alle an der Abstimmung teilnehmen können." Tie erste Notiz widerspricht nicht nur den Tatsachen, sondern .ist in sich voller Widersprüche; den Tatsachen vollkommen entsprechen soll nur die Zuschrift des Dr. Krengl, teilweise die des Dr. Kisch. Hervorzuheben ist noch, daß während Tr. Kisch in seiner Entgegnung den Verfasser außerhalb rabbinischer Kreise sucht, Herr Dr. Hirsch sich ziemlich iinverblümt als Autor zu erkennen gibt. Die entschiedene und würdevolle Stellungnahme des Prager Oberrabbiners ist wohl übereilt, da bereits von anderer dem Rabbinervcrbande augehörigen Seite eine sachliche Agitation ciugeleitet worden war, bietet aber absolut keinen Anlaß zu einem solchen Wutausbruch bei Dr. Kisch/ der in taktlosester Weise den Oberrabbiner nur „Herr Dr. Ehrenfeld" tituliert und ebenso taktlosden hier in höchstem Ansehen stehenden Hamburger Raw gegen ihn ausznspielen versucht. Daß Dr. Kisch den Oberrabbiner als Hhperorthodoxen allerdunkelster Nuance zu kennzeichnen versucht, wird bei jedem, der Prags traurigen religiösen Niedergang kennt, und der weiß, daß ein orthodoxer Rabbiner, der jegliche Konzession schroff ablehnen wollte, sich hier überhaupt nicht halten könnte, nur ein Lächeln Hervorrufen. Hm Mißverständnissen vorzubcugen, wollen wir noch darauf Hinweisen, daß Oberrabbiner Hirsch die Beisetzung der Asche nicht für zulässig, sondern für rituell geboten erklärt und daß nach seiner Anordnung diese Beisetzung an einem abgeschiedenen Teil des Friedhofs zu erfolgen hat. Die prinzipiellen Gegner des Hamburger Raw sind nicht etwa die Hyperorthodoxen, sondern die Mehrheit der gesetzestreuen Rabbiner Deutschlands. Dem böhmischen Rab- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. binerverbanb handelt es sich aber nicht nur um die Beisetzung der Asche, sondern um die Beteiligung der Rabbiner an dem Leichenbegängnisse eines Verbrannten. Es liegt da die Vermutung sehr nahe, daß die Aussicht auf materiellen Gewinn die Herren veranlaßt, sich, wenn die ihrer Ansicht nach verbotene Verbrennung trotz Gegenvorstellungen stattgesunden, au einer Leichenfeier zu beteiligen. Die Orthodoxen mögen mehr oderminder dunkel sein, sie sind aber prinzipienfest. Der 1. territorialistische Parteitag der Schweiz. (Von unserem Spezialbcrichterstatter.) Zürich, 3. März, abends. Dem Parteitag der schweizerischen Territorialisten ging ein Referat des Herrn D r. I o ch e l in a n n, Mitgliedes des Jto-Tirektoriums, im großen Saale des „Kaufmännischen Vereins" voraus. Redner versuchte, insbesondere diejenigen Einwände, - die am häufigsten von den Widersachern des Territorialismns geltend gemacht werden, zu widerlegen und die Notwendigkeit und Möglichkeit der Schaffung einer territorialen Autonomie für das jüdische Volk zu begründen — was ihm in hervorragendem Maße gelang. Er führte u. a. aus: Der Territorialismns ist das echte jüdisch-nationale Ideal; das territorialistische Postulat ist nicht nur eine innere Forderung der Lösbarkeit der Judcnsrage in materiellem Sinne, sondern auch gleichsam ein kategorischer Imperativ des jüdischen Ehrgefühls. Die Geschichte lehrt uns: sobald nur die Unterdrückung der Juden in irgend einem Lande nachzulassen beginnt, da tritt darauf der Assimilativnsprozeß ein. So war cs in Palästina im 4. und 2. Jahrhundert (v. Ehr.): in Spanien nach der ersten Manrenherrschast; in Oesterreich unter Franz I., in Deutschland nach Mendelssohn; in Rußland nach Nikolaus!. Mithin besteht für lins in den Golusländern auch bestenfalls nur die Aussicht ans Assimilation. Es gibt hier nur die eine Alternative: entweder grausame Rechtlosigkeit oder ungarantierte Gleichberechtigung für eine gewisse Zeitdauer — die sofort nationale Selbstentehruiig zur Folge hat. Unter diesem Gesichtspunkte muß and], der gegenwärtige Freiheitsaufschwung in Rußland betrachtet werden und darf uns nicht mit betrunkenen Hoffnungen erfüllen. Herr Tr. Jochclmann wandte sich nun gegen die Einwände der sogen, praktischen Leute, die den Territorialismns in finanzieller Hinsicht als undurchführbar verwerfen. Er wies darauf hin, daß die territorialistische Bewegung nicht auf etwaige Barmherzigkeit Englands oder einer anderen Regierung rechnet, sondern nur auf Grund des Prinzips: „do nt des" ihre Hoffnung auf Erlangung eines Landes als berechtigt proklamiert. Die britische Regierung kann bei einer autonomen Ansiedlung einer ihrer .Kolonien durch Juden nur profitieren. Wir können mit Sicherheit erwarten, daß England uns auch finanziell entgegenkommend durch Anleihe die ersten Kolonisationsarbeiten unterstützen wird. Tann ist jetzt — in Anbetracht der zu erwartenden baldigen Erfolge der territorialistischen Verhandlungen — eine jüdische Aktiengesellschaft mit einem großen Grundkapital zwecks Ansiedluug eines jüdisch - autonomen Territoriums in Gründung begriffen. Endlich ist es doch keineswegs aussichtslos, daß auch die jüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen Westeuropas der praktischen Realisierung eines territorialen Angebots behilflich sein würden. Redner wies dann an Hand historischer Argumente die Unhaltbarkeit der Behauptung: — die Gründung eines neuen Staates oder einer neuen territorialen Autonomie fei nicht möglich — evident und überzeugend nach. Das Referat wurde mit lange anhaltendem Beifall anfgenommen. .An der nun folgenden Diskussion beteiligten sich auch einige Zionisten. Zürich. 4. MUrz^ 2 Uhr nachm. Ter Parteitag ist ans Vertretern von Zürich, Inzer.», Bern, Lausanne und Basel zusammengesetzt. Die Delegierten aus St. Gallen waren in letzter Stunde ani Erscheinen verhindert. Nach der Begrüßung und Eröffnung des Parteitags durch Herrn Schmucklarsky, Präsident der Züricher Jto-Ortsgruppe, lvird die Wahl des Tagesbureaus vorgenommen. Sic ergibt folgendes Resultat : Herr D r. D. Iochel m a it it als Präsident, Herr S ch m u ck l a r s k y als Vizepräsident, Frl. D r. T. B a ch und Herr F e n e r r i n g als Schriftführer. Herr Dr. D. Jochelm ann sagt unter, anderem: Wir sind noch eine junge Organisation und lvir müssen alle Leiden durchkosten, die jede neue Bewegung zu ertragen hat. Einerseits ist man bemüht, uns totzuschweigen, anderseits versucht man es, uns als ein totgeborenes Kind zu verschreien. Nun, wenn auch dem so wäre, würde es uns da ergehen wie dem Löwen in einem bekannten Märchen, wonach er tot geboren, aber durch das Aufschreien der Mutter und der ganzen Familie znm Leben geweckt wird. Ja, wäre auch unser Ideal ein totgeborenes Kind, so würde es durch das qualvolle Aufschreien unseres elenden Volkes aufleben müssen. Aber dann — wenn es nun einmal aufleben wird. Seite 11. wird es wie ein mächtiger Löwe leben! (Anhaltender Beifall.) Herr S. Veit-Basel referiert über den Terri- . torialismus und territorialistische Anstalten. Er führt aus: Ter ökonomische Konkurrenzkampf ist ein Kulturfaktor, er wird daher nie verschwinden. Mithin werden auch seine bösen Folgen, das will sagen: die ' Unterdrückung der Juden in ihren Wohnorten und die Einwanderungsverbote gegen die sog. „Fremden" nicht aufhören. Flucht aus dem Judentum und Verlust des jüdische» Selbstbewußtseins müssen daher noch häufige Erscheinungen werden — wenn es bei unserer gegenwärtigen Situation sein Bewenden haben soll. Und Degeneration ist schlimmer als Vernichtung. Es 'gilt das jüdische Volk zu retten. Es ist die höchste Zeit, Spitzfindigkeiten und Klügeleien sind jetzt nicht am Platze. Und wir dürfen keine Gesühlspolitik treiben. Tie klare und deutliche Antwort auf die Jndenfrage ist der Territorialismus. Wir konnten uns bereits im Laufe der letzten Zeit davon überzeugen, wie sehr die englische Regierung unseren Bestrebungen entgegenkommen will. Es ist nun an uns die Reihe. Wir müssen nur wollen. Es muß daher eifrige Agitation im Volke betrieben werden. Wir müssen die nötige materielle und moralische Kraft rechtzeitig sammeln, damit wir für den glücklichen Moment, wo unser Streben nach einem Territorium erreicht sein wird, vorbereitet und ausgerüstet sein sollen, damit wir imstande wären, das Erwünschte eutgegenzunehmen, wenn es uns gegeben würde. Als Agitations-Flugblätter empfiehlt er die von Zangwill verfaßten Proklamationen und Ansprachen. Es werden nun mehrere Begrüßungs-Telegramme und -Schreiben verlesen. Herr Ingenieur Ginsburg bringt die Wünsche der Züricher Jto-Ortsgruppe vor: a) die Rede des Prof. Mandelstamm auf der Brüsseler Konferenz zu drucken und zu verbreiten, b) eine territorialistische Zeitschrift in deutscher Sprache erscheinen zu lassen, c\ ein Vermittlungsbureau für Referate einzurichten. Es wird indessen beantragt und einstimmig angenommen, folgendes Telegramm an den Führer, Mr. Zangwill, zu entsenden: „Ter erste schweizerische Telegiertentag der Territorialisten beglückwünscht ihren Präsidenten und Führer Zangwill zum ersten Erfolg organisatorischer Tätigkeit in der Schweiz." Herr Dr. I o ch e l m a n n weist darauf hin, daß wir von der allgemeinen Presse vorläufig nichts zu erwarten haben. Tie Presse richtet sich am häufigsten nach dem jeweiligen Machtverhältnissen. Wohin der Wind bläst, dorthin steuert sie. Wir sind noch keine große Macht; wir find ja immerhin zu jung dazu. Und darum glaubt die Presse, uns keine Rechnung tragen zu müssen und uns negieren zu können. Ein selbständiges Organ ist für unsere Bewegung eine Notwendigkeit. Freilich, wenn wir eine große Macht erlangt haben — wovon wir überzeugt sind — wird schon auch die allgemeine Presse auf unserer Seite sein. Vorläufig aber kömien wir uns auf sie nicht verlassen, weil wir noch nicht die öffentliche Meinung für uns gewonnen haben. Es wird der Antrag des Herrn Beit- Basel angenommen: Es soll ein Fonds zur Herausgabe von Flugblättern, Agitatiousbroschttren sin deutscher Sprache und zur Unterstützung von Arbeiten über Kolonisationsfragen des Territorialismus gegründet werden. Es wird dann der Antrag angenommen: für die Herausgabe einer territorialistischen Zeitung in deutscher Sprache zu sorgen und zu diesem Zwecke mit den Territorialisten Deutschlands nt Verbindung zu treten. Ta Herr I. K l a tz k i n wegen eines Todesfalles in der Familie sein angekündetes Referat: „Unsere Lage" nicht vorbcreiten konnte, so referiert über dieses Thema Frl. Dr. T. Bach: Es ist bezeichnend für unsere gegenwärtige Lage — heißt es n. a. — daß die Verbreitung des Territorialismns in einer solch kurzen Zeitpause derartige große Timensionen angenommen hat. Ta unsere Organisation in Eile — während des letzten Zionistenkongresses — begründet wurde, so weist sie noch sehr bedauernswerte Mängel auf. Auch dürften sich manche Uebel in unserer Organisation dadurch erklären, daß die Ueberzeugung von der -Notwendigkeit einer starken territorialistischen Organisation sich noch nicht recht, unter den westeuropäischen Anhängern unseres JdeaW durchgerungen hat. Dann ist die Leitung nicht ohne Fehler. Sie verletzt manchmal die elementaren Grundregeln der demokratischen Forderungen. Peripherie und Zentrum müssen in Kontakt bleiben, Volk und Leitung sollen in innigstem Verhältnis, in tiefster Fühlung stehen. Unser Ideal muß für das Volk und durch das Volk angestrebt Iverden. Tann wird sich der Territorialismus rasch die Wege bahnen. Er muß sich durchbrechen und die jüdische Welt erobern. Das ganze Judenvolk schreit nach einem Lande. Das Augenmerk der jüdischen Masse ist auf die Jto gerichtet. Das beweisen die neulich aus Rußland an das Direktorium und seinen Präsidenten Zangwill eingelaufenen Petitionen, die trotz der mit Sammlung von derartigen Unterschriften im gegenwärtigen Rußland verbundenen Gefahr seitens der Polizei — nach Zehntausenden zählen. Bezeichnend für das Wachsen unserer Idee ist es, daß Berditschew (Gouv. Wolynien), das ein gewisses zionistisches Zentrum bildete, jetzt ins territorialistische Lager ubergegangen ist. — In

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