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Neue jüdische Presse · 1906-03-09 · Heft 10 (9.3.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10. Seite 3. überflüssig geworden, da der Antisemitismus nach dem akuten Stadium in cig chronisches eingetreten ist. Aber gerade das ist gefährlich, Jmf es zu einer bedenklichen, toleranten Gleichgültigkeit führt. Sv hat uns beispielsweise ein j ü d i s ch e r Amtsrichter seiner Zeit einen rechtfertigenden Artikel für die antisemitische Praxis des Jiistizministers Schönstedt angeboten. Unsere Tendenz ist vollständige Rechtsgleichheit aller Staatsbürger, keine Kompromisse, alles oder nichts. Unsere Mittel die der Aufklärung. — „A ufklär u n g" ist das Allheilmittel des Herrn Dr. Theodor Barth; „W a h r c ch r i st t i ch e M v - ral" ist das Allheilmittel der Grafen Tolstoi; „Neig e n e r a t i on u.n d S e l b st ä n d i g k e i t" des jüdischen Volkes meinen tvir. Welches von diesen drei ist das bessere? — Die Antwort für jeden objektiv Denkenden ist leicht gegeben. Bemerkenswert ist jedenfalls der staunenswerte Mannesmut des jüdischen Amtsrichters. Die krankhafte Duckmäuserei des Golusjuden spukt allüberall herum, so beim Amtsrichter, ivie beim Knltusvorsteher.... Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Auf Anregung des Herrn Rabbiner Dr. Horovitz bestimmten ein hiesiges Komitee 5000 Jt. und eine große Organisation 10 000 Rbl. für Jeschiwaus in Rußland. In der gegenwärtige» Lage der Juden Rußlands muß dies als eine rettende Tat angesehen werden. Berlin. Unter der Ucberlchrift „Israel. Triumphator" veröffentlicht „Der Roland von Berlin" einen Artikel, dem wir folgendes entnehmen: „Im Oberhofmarschallamt des königl. Schlosses ging es vor einigen Tagen ziemlich stürmisch zu. Erst mu Vs4 Uhr nachmittags hatten Majestät ein kleines Herrendincr zu befehlen geruht, das bereits um VsS Uhr stattfinden sollte, und so wurden eiligst Hoffonriere in die Stadt entsandt, um die Spuren der Eingeladenc» zu ermitteln. Auch das Telephon trat in Aktion, und als der Zeiger ans die für die Tafel festgesetzte Stunde wies, rollten die Wagen der Befohlenen in das Schloß. Im ganzen zwölf Personen. Der Kaiser und acht Herren aus seiner Llaison militaire. Ferner drei Zivilisten, Herr James Simon, Herr 2r. Paul Schwabach und Herr Isidor Löwe, lieber den Zweck der Veranstaltung haben natürlich die Gäste strengste Diskretion gewahrt. Wir sind also auf Mutmaßungen angewiesen, und da ist es nicht unwahrscheinlich, daß es sich dabei um irgend einen kulturellen Zweck gehandelt hat, der gewiß in Beziehungen 31t den Statuten des Wilhelmsordens steht. Der Dr. Paul Schwabach ist bekanntlich der eigentliche Chef und Leiter des bekannten Welthauses S. Bleichröder, Herr Isidor Löwe der beliebte Großindustrielle und Herr James Simon ein Krösus der Baumwolle, die er niemals in den Ohren hat, wenn von maßgebender Seite an fein uneigennütziges Mäcenatentum appelliert wird. Erst vor einigen Wochen ist ferner die Tochter eines Berliner Bankdirektors bei der Defiliercour dem Kaiserpaar vorgcstellt worden, und auch dieser Finanzier darf sein Geschlecht bis zu einem jüdischen Ahnherrn zurückvcrfolgc». Endlich aber hat der Kaiser jüngst einem Essen im Kaiserlichen Automobilklub beigewohnt, zu dessen Teilnehmer» die Herren Felix Simon» Bodenstein. James von Bleichröder, Dr. Levin-Stölving-Hnldschrnsky und Fritz Friedländer gehörten. Dieses Fest verlief in schönster Harmonie, und der Herr, der.alle Etikette zum Trotz ans überguellendcm patriotischen Gefühl beim Mschied die keuschen Lippen ans die Hand des Kaisers drückte, war zum Glück ein wackerer und ehrenfester christlicher Mitbürger. So erfreulich auch diese Tatsachen anmuten, — es wäre doch falsch und übereilt, sic in philosemitischem Sinne zu deuten oder gar anzunehmen, daß nunmehr mit dem Artikel der Berfassnug, der die Gleichberechtigung aller preußischen Untertanen gewährleistet, mit bezug auf unsere jüdischen Mitbürger ernst gemacht werden soll. Die geschilderten Vorgänge sind lediglich aus dem heutigen Milieu des Hofes heraus zu erklären, sie sind interessante Begleiterscheinungen des sportlichen Lebens, aber sie bedeuten noch lange nicht einen Wechsel im System der preußischen Regierung. In den ersten Fahren seiner Herrscherlausbahn widmete sich Wilhelm der Zweite in erster Linie militärischen Angelegenheiten, und die Jagd bildete seine einzige Erholung nach den Lasten der Regiernngsgeschäfte. Naturgemäß beschränkte sich hierbei sein persönlicher Verkehr auf die hohe Aristokratie, und er nahm wiederbolt an den Jagden der schlesischen und sstpreußischen Magnaten teil. Aber in dem Augenblick, da der Monarch dem Wasser- und Automobilsport sein Interesse zuwandte, wechselte das Bild. Nur wenige unserer Adligen sind matc- Frankstrrker JsraelAsches Familieicklaü. riell in der glücklichen Lage, eine Dacht oder ein Automobil ihr eigen nennen zu können, und da der Monarch an diesen Veranstaltungen nicht nur reges Interesse zeigte, sondern eine aktive Beteiligung nicht verschmähte, so »rußte er notwendig bei dieser Gelegenheit die Bekanntschaft der deutschen Plutokratie mache». 2a es nun für Neptun ganz gleichgültig ist, ob der Eigentümer einer siegreichen Dacht von den Krenzzngsrittern oder von den Makkabäern abstamnlt, so beglückwünschte unser Kaiser auch Herrn Felix Simon oder Herrn Huldschinskp zu ihren Erfolgen ans dem Meere ebenso herzlich, wie wenn er einen authentischen Nachkommen des Herzogs Gottfried von Bouillon vor sich gehabt hätte. Bei näherer Bekanntschaft zeigte cs sich dann noch weiter, daß gerade diese Kreise gern erbötig waren, mit ihren reichen Mitteln künstlerische und kulturelle Zwecke zu unterstütze», die unterirdischen Schätze Babels blosznlegen, wohltätige Stiftungen ins Leben zu rufen und Museen init erlesenen Kostbarkeiten zu stillen. Wilhelm der Zweite begnügte sich nicht damit, durch Titel und Orden seine Dankbarkeit zu beweisen. Er erachtete mit lobenswertem Taktgefühl die Herren, die sich so bereitwilligst in den Dienst der von ihm angestrebteu Ziele stellten, eines persönliche» Verkehrs für würdig und öffnete ihnen sein Haus. Aber gerade diese Ehrungen und Auszeichnungen sind geeignet, die Gegensätze, in denen sich unsere heutige Zeit bewegt, noch schärfer hervortreten zu lassen. Der Kaiser ist ein Gönner des Herrn James Simon, aber er ist auch Bonner Borusse und damit steht er auf dem Standpunkt des Kösener S. C., der die Israeliten von dem Eintritt in die Korps ausschließt. Der Kaiser unterhält sich eingehend und liebenswürdig mit Herrn Dr. Löwe-Stölving-Huldschinsktz, aber er ist gleichzeitig der oberste Kriegsherr. der noch niemals einem Israeliten gestattet hat. aktiver Offizier zu werden. Für das Judentum im allgemeinen sind also diese Ehrungen einzelner ziemlich bedeutungslos, und die laue Art, mit der erst neulich der Justizminister die Affäre des Vereins christlicher Referendare im Parlament behandelte, ist ein beredtes Zeugnis dafür, daß zunächst alles beim alten bleiben wird." Berlin. Stiftung. Der frühere Brauereibesitzer L. Händler hat anläßlich eines Familienfestes für das jüdische Krankenhaus 10000 Jt. gestiftet. Breslau. Stiftung. Der in Berlin verstorbene Rentier Martin Litt a u e r vermachte der Stadtgemeinde Breslau 200000 Jk zur Errichtung eines Ainls für .verkrüppelte arme Personen beiderlei Geschlechts. Stuttgart. Durch Wegzug sämtlicher Israeliten aus Pflaumloch (O.-A. Neresheims stand die sebr schöne und sehr geräumige Spnagoge leer. Geh. Kommerzienrat v. Pflaum in Stuttgart, dessen Familie aus Pflaumloch stammt, erwarb die Svnagoge und hat sie nun der Gemeinde Pflaumloch als Geschenk gegeben. In die frühere Svnagoge sollen ein Gemeindesaal, eine Kleinkinderschule usw. eingebaut werden. Duisburg. Den Ben>übungen des Fräulein Bertha Löwe ist es gelungen, hier eine Bereinig» n g j ü d i s ch er j u n a e r Mädchen zn gründen, die schon eine beträchtliche Anzahl Mitglieder zahlt. Der Zweck der Bereinigung geht dahin, ihre Mitglieder allen jüdischen Interessen zugäng- Orfi 'ii mackie». Das >oll erreickit v,->den burrfi rpnnfinäßige Vorträge über die Geschichte des jüdischen Volkes, die Herr Rabbiner Dr. Neumark übernommen hat. durch Disk»siions- und Vortragsabende an denen alle das jüdische Leben berührende Fragen erörtert werden, sowie durch llnterhaltniiasabende t>ie vorzüglich der ncin'üdiichen Knust gewidmet sein tollen. Ein anderes Ziel, das die Vereinianna ini* allein Eifer zn erreichen sucht, ist eine ansgebreitete 'oziale Tätigkeit. Vorerst ist ins Auge aenommen Zinder solcher Eltern bei Ainertia>>»a d-- Acku-c. "'beften r» iilii'rln.ufieit. die de,, 'f'ai fv'vr' Berufstätigkeit an der Beannichtimnia ibrer üinder verhindert sind. Svdann werden Kindernachmittage veranstaltet werben, die den Kindern Veranüaunaen im edleren Sinne KH-en >>nd d"rck> Ansringe und Sviele der aei»ndlnn"lchen trärdei-»»» ber jüdischen Jiiaend dienen infen. D»r Vo-stn„b d-r bieiiaen Gemeinde bat d>e Bedentnna der sinme» Vereinignna. deren Ausgaben eminent iiifu’Yfi*’ sind dadurch gewürdigt, daß er ihr das Gemeindesitznngszimmer zur Benntznng überlassen hat. Oesterreich -Ungarn. Bronnit;. Svenden. Frau Klotilde Sinaer die Wstwe des im vorigen Jabre veritorb-nen Herrn Loses Singer, bat für die Wobltätiakeitsanstaltcn der hiesigen jüdischen Gemeinde große Summen aeivendet: mit dem schon früher von Herrn Joief Sinaer bestimmten Betrage beträgt die Gesamtspende Kr. 70000. Schweiz. Zürich. In letzter Zeit vaMeren Taulende von Auswanderern — meistens rumänische Inden — die schweizerische Grenze. Die Leute, die sich teilweise in bedauernswürdigem Zustande befinden, werden von einem jüdischen Ansiedeliingskomitee nach Südamerika spediert. Im Laufe dieses Monats werden noch ungefähr 3000 Personen erwartet. „Jsr. Wochenbl." Rutzland. Petersburg. Der Kongreß des Bundes der Landwirte faßte folgende Resolution: „In Anbetracht der Feindseligkeit (?), welche das Judentum in seiner Gesamtheit den Gesetzen des Reiches, in dem es lebt, sowie allen denjenigen gezeigt hat, welche nicht Jude» sind ('?), trägt der Kongreß des allrussischen Bundes der Landwirte darauf an, daß, da die Gleichberechtigung der Inden zu den Dumawahlen eine Gefahr bedeutet, dieRechtederJud e 11 auf die Teilnahme au den D u m a w a h l e n beschränkt werden." Und an anderer Stelle: „In Anbetracht des schädlichen Einflusses, den die jüdische Jugend auf die übrigen Schüler ausübt, hält der Kongreß es für wünschenswert, Juden überhaupt nicht an russischen Schulen zuz u l a s s e n, und ihnen anheimznstellen, jüdische Schulen und Un iversitäten .zu begründe n." Petersburg, 4 März. Der englische Schriftsteller Lyonel Tekel hatte eine Unterredung mit Graf Witte. Man kam auch auf die Judenfrage zu sprechen, und da sagte der Graf: „Die Juden haben wenig von der Duma zu erwarten, denn wie ich sehe, ist die Gesinnung, die bei den meisten Parteien den Juden gegenüber herrscht» keine freundliche. Die Ursachen sind: Reliaionshaß des russischen Volkes, und dann haben die russischen Kausleute die Juden nicht io lieb, weil der Jude sich mit einem kleinen Verdienste begnüqt: wo der Russe einen Rubel finden will, begnügt sich der Jude mit 20 Kopeken. Unter solchen Umständen kann ich für die Juden kein Freiheits-Gesetz herausbringen. Ich weiß, daß man diesem fähigen und tätigen Bolle Unrecht tut. Doch gäbe man den Juden gleiche Rechte, so würde der Judenhaß noch viel stärker werden, und es kann zu antisemitischen Unruhen kommen." Moskau, 16 Februar 1906. Ein Zirkular. Unter den tu Moskau wohnenden jüd. Kausleuten I. Gilde hat ein Zirkular große Beunruhigung^ hervorgerufen, das aus der Kanzlei des Moskauer Statthalters an die Distrikts-Pristaws ergangen ist. Der Wortlaut des Zirkulars ist so unklar abgefaßt, daß, obwohl ans ihni eher eine Erweiterung des Wohnrechts der Kausleute herauszulesen ist, es doch auch anders gedeutet werden kann. 'Namentlich bleibt es ungewiß, wie man die Familienangehörigen der genannten Kausleute behandeln werden wird, wie schon an sich der Umstand, daß die Informationen nach dem Atnster der bei der Judenausweisnng i. I. 1891 gebrauchten gesammelt werden, den durch die Willkür der hiesigen Polizei imnier in Angst gehaltenen indischen Kaufleuten nichts Gutes zu versprechen scheint. Es wurde infolgedessen eine Deputation nach Petersburg geschickt, von deren Ergebnissen aber noch nichts bekannt ist. Das Zirkulär lautet: „Den Tistrikt-Pristaws. Am 17. Dezember vorigen Jahres überreichte mir der Moskauer Generalgouverneur die Kovie eines Reskripts A. 3252, gezeichnet für den Gehilfen des Ministers des Innern Wataci, ans dem zu ersetzen ist, daß laut Einverständnis zwischen dem Minister des Innern und dem Finanzminister, den zu Städten der inneren Gouvernements zugeschriebenen Inden, Moskau ausgenommen, Kaufleuten I. Gilde das Wohnrecht in Moskau und im Moskauer Gouvernement im Einklänge mit dem St. 20 Erg. znm St. 68, Gesetzgeb. über Pässe, Ausgabe 1903, einzuränmen ist. Indem ich dieses zur Kenntnis und Richtschnur der Polizei kund gebe, schreibe ich den Herren Prsstaws vor, die Dokumente samt einer schriftlichen Darlegung in Bezug ans die Ta''er des 'Aufenthalts der in die hiesige Residenz neu eintreffenden Juden- Kaufleute aus den inneren Gouvernements in meiner Kanzlei zur ev. Erlaubnis vorzulegen. Diejenigen Juden der erwähnten Kategorie, wie auch deren Familienmitglieder, denen bis zu dieser Zeit das Wohnrecht in Moskau, auch das Handeltreiben hier, gestattet war, schreibe ich vor. im La'fe ckner zweiwöchigen Friß gewünschte' Auskünfte laut beigelegter Form zu geben." In der „beigelegten Form" werden identische Auskünfte mit den im Jahre 1891 — zur Zeit der Jndenansweisnng aus Moskau — verlangt, um eine Frist kestrusetzen. die ihnen zur Abreise zu geben ist Odessa. Als Ergebnis der llnt-rluckiunn des Senator Kasminsky über die blutigen Vorgänge im Anfang November erhielten drei hiesige höhere Polizeibeamte aus Petersburg den Befehl, ihre Posten sofort zu verlassen. Odessa. Das Elend der jüdischen K l e i n st ä d t e r hat in Bessarabien einen Höhepunkt erreicht, der nicht mehr steigerungsfähig ist. Wie die Häringe in die Fäiser ist die jüdische Masse in ihren morschen, baufälligen und sanitätswidriaen Holzhütten zusammengedrückt; nennen doch häufig 10 bis 12 Personen beiderlei Geschlechts nur eine einzige Stube ihr Eigen. — In den Oefeu dieser Buden, in denen der eiskalte Wind durch die lockeren Schornsteine und die Fenster mit ausgeschlagenen Scheiben jämmerlich pfeift, wird selten gefeuert. Tie Bewohner selbst sind kaum mit Lumpen bedeckt. Ter Hunger ist steter Gast. Gelingt es dem Familienober-

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