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Neue jüdische Presse · 1906-03-09 · Heft 10 (9.3.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Celle 2. Nr 10.^Z zog ich nach Dem Feste der Stadt Marokko zu. Am zweiten Tage unserer Reise begegnete uns das erste gesährliche Abenteuer. Unser Weg ging aus ermüdenden, grundlosen Straßen, zwischen Fclscnnnd Gebirgsketten; wir zogen aus einem schmalen Gebirgspsad dahin, wo man weder nach rechts noch nach links ausweichen konnte. Hier übersiel uns eine 300köpfige Räuberbande. Alles starke, schöngewachscne Gestalten, die kriegerischen Söhne des tapferen Rachmani-Stammes. Aus den Rat unserer Führer stiegen wir von unseren Maultieren und legten auch die Oberkleider ab, um sie dienstfertig den Räubern übergeben zu können. Wir könnten, so nicintcn die Besitzer der Maultiere, nur aus diese Weise unser Leben retten. Ein alter Mann, der Dajan von Marokko R. Jomtef, vermochte nicht rasch genug von dem Maulesel abzuspringen. Ae Räuber fielen über ihn her, und indem sie ihn von dem Maultiere rissen, schlugen sie ihm solange auf die Brust, bis sein Mund voll Blut war und er vor unseren Augen seine Seele mishanchte. Tränen traten mir bei diesem schrecklichen Anblick in die Augen, jedoch unterdrückte ich sie auf einen gutmeinenoen Wink meines Führers. Zwei volle Stunden hindurch durchstöbcrten die wilden Kerle unsere Kleioer und nahmen schließlich sechs Aiaultiere und unsere ganze sonstige Habe mit sich. Vorher verabschiedeten sic sich mit dem cynischesten Galgenhumor von uns. „Glückliche Reise" — riesen sie noch von der Ferne — „möge Euch Allah vor jeder Gefahr bewahren." — Eiligst davonsprengend verschwanden sie zwischen den Gcbirgsabhängen. Durch einen besonderen Umstand haben sie meine Kleider nicht mitgenommen. Sie bemerkten nämlich unter diesen auch ein europäisches Kleidungsstück, welches diese blutigen Gesellen für unrein halten. Hätten sie gewußt, daß das Kleid mir gehört, so würde ich jetzt dort neben dem alten Dajan in der Wüste liegen. — Der Schauplatz war steinigt, ungeeignet zu einer Begräbnisstätte. Wir trugen daher unseren Toten mit uns, bis wir auf sandigen Boden stießen. Nach ineinen Abschiedsworten begruben wir ihn dort an der Seite des Weges. Kein Grabstein bezeichnet die Stätte, wo seine Asche ruht. Am vierten Tage kamen wir ohne weiteren Zwischensall glücklich in Marokko an. Ich stieg bei Josua, dem bedeutendsten und reichsten Bürger der Stadt, ab. Dieser wird nicht nur von seinen Glaübensbrüdern verehrt, sondern besitzt auch die Gnade des Sultans, der öfters schon seinen Rat erfragte. Seines Einflusses auf den Sultan wegen, suchen die angesehensten Herren der Stadt seine Freundschaft. Durch diesen hervorragenden Mann ist die materielle Lage der Juden Marokkos nicht ungünstig, jedoch sind sie in geistiger Beziehung sehr zurück. In der 25 000 jüdische Seelen zählenden Stadt gibt es verhältnismäßig viel Rabbinen, die in zivilisatorischer Beziehung nicht über dem gewöhnlichen Volke stehen. Tie Rabbinen erhalten ihr Gehalt nicht aus der Gemeindckasse; ihr Einkommen besteht in den Gebühren für vollzogene Trauungen und Ehescheidungen, welch letztere umso öfter Vorkommen, da das Verbot der Vielweiberei des R. Gerschom in Marokko keine Giltigkeit besitzt. Kaum angekommcn, geriet ich mit den Rabbinen in Konflikt. In den zwischen Pesach und Schewuoth fallenden Sesirah-Tagen ist bekanntlich jede Belustigung, auch die Abhaltung von Hochzeiten verboten, weshalb das Geschäft in dieser Zeit ruht. Jedoch helfen sich die. Rabbinen auch über diese Misere hinweg; ist auch das Heiraten verboten, so ist es nicht die Ehescheidung. Auf Weg und Steg verkünden sie daher die Freuden der Scheidung und schrecken in der Verfolgung ihres Zieles auch vor dem Werkzeug der Verleumdung nicht zurück. So treffen sie. zwei Fliegen mit einem Schlag, indem der geschiedene Mann sich sofort nach den Sefiroth- Tagen nach einer anderen Frau umsieht?) Gegen dieses Treiben erhob ich mein Wort, jedoch beinah' zu meinem Verderben. Denn nun ward die Menge aus mich gehetzt. Von dem Tode errettete mich mein Gastgeber, der, neben mir stehend, meinen Standpunkt vertrat. 2) Sind diese Angaben richtig, so kann es sich unmöglich um richtige von der Gemeinde bestellte Rabbinen handeln, sondern nur um Individuen, , die diesen Namen usurpieren. Schon um dieses einen Umstandes allein' wäre es wünschenswert, wenn das der in Mgeciras tagenden Marokko-Konferenz der Mächte überreichte Memorandum behufs Besserung der Lage der Juden Marokkos zu irgend einem Resultate führen würde. Eine Besserung der tieftraurigen Lage würde zweifellos auch zu einer Besserung in moralisch-sittlicher Beziehung führen. Der Uebersetzer. Frankfurter JsraeMsches Faunlienvlaü. Einen Monat lang hielt ich mich in feinem Hause auf und lernte in dieser Z«Kt viel von ihm. Eine festgesetzte Steuersumme — erzählte mir mein Gastwirt, der Chef der Stcucr- und Zollbeamten — gibt cs in Marokko nicht. Die Festsetzung der Summe hängt vom Sultan ab. Räch der Ernte oder dem Drusch fordert der Sultan in einem Zirkular die Distriktsvorstehcr auf, im Laufe eines Monats die Steuersumme indie Staatskasse abzulicfern. Tic Summe ist veränderlich. Die kleineren Kreise zahlen nicht unter 400 000 und nicht über 600 000 Fr. an die Staatskasse. Die Steuer der größeren Kreise erreicht mitunter die Höhe von 1,400000 Fr., wozu dann noch die verschiedenen Ein- und Ausfuhrzölle kommen. Ter Distriktsvorstehcr legt regelmäßig die Summe, um sie zur bestimmten Zeit einzuliefern, aus Eigenem vor, um dann den Vorstehern der einzelnen Bezirke, über die er mit unbeschränkter Macht herrscht, die doppelte Summe aufzulegen. Diese wollen aber auch ihre Taschen füllen; sic verlangen daher das zehnfache von den Dorfrichtern. Warum sollen aber diese besser sein, als ihre Vorgesetzten; sie bereichern sich von den Pfennigen des armen Volkes. Alle Taschen werden voll, nur die des Volkes sind leer. Alles schwelgt im Ueberflnß, nur das Volk hungert. Umsonst ist jedes Jammern und umsonst jede Klage; sic werden nicht in den verschlossenen Sälen des Sultans gehört. Wenn der arme Bauer noch rin Hemd ans dem Leibe hat, so wird ihm auch dieses heruntergerissen. Sich zu widersetzen, wagt niemand, weil jeder Widerstand teuer zu stehen käme. Eine Reihe von Folterwerkzeugen stehen für Widerspenstige bereit. Und wenn der arme Bauer auch keinen Bissen Brot' mehr besitzt, muß die Steuer herbeigeschafft werden. Die Strafen treffen nicht nur den Bauer, sondern auch die Kreis- und Distriktsvorsteher und alle Kategorien von Beamten, wenn sie nicht die geforderte Steuersumme abzuliefern vermögen. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn ein großer Teil der Einwohner den Boden unbebaut läßt und sich ans's Wcgclagern und aufs Rauben verlegt. Wie es unter solchen Umständen mit der Lage der Juden bestellt ist, können sich nun die Leser selber vorstellen. Nur der starke Wille zum Leben und das feste Zusammenhalten hat sie vor dem Untergang bewahrt. Wenn der eine oder der andere der Juden in Gefangenschaft gerät, so ist jeder zur Hilfe bereit. Entweder geben die Einzelnen oder die Gemeinde das Geld her; herbeigeschafst wird cs unter allen Umständen. Der Jude ist so eine gute Beute und der Wetteifer, einen Juden gefangen zu nehmen, sehr groß. Die Beschreibung dieser Zustände hörte ich von einem glaubwürdigen Augenzeugen, doch will' ich hier meine eigenen Erlebnisse erzählen. Nach einem einmonatlichen Aufenthalte machte ich meinem Gönner die Mitteilung, daß ich den Rachumi-Stamm aufsuchen wolle. Es ist dies der kriegerischste und barbarischste Stamm Marokko's. Gesetz, Obrigkeit kennt er nicht. Er nrachtc mich darauf aufmerksam, daß wir in einer kleineren Gesellschaft, als aus 20 Köpfen bestehend, den Weg nicht wagen sollten und daß ich mir Begleiter mitnehmc, die dem genannten Stamme angehöre». Als ausgezeichnetes Schutzmittel empfahl er mir weiter, die Tracht eines jerusalemischen Rabbis anzulegen. Die Räuber wissen, in welcher Wertschätzung die jerusalemischen bei den einheimischen Juden stehen; wenn ein solcher Jude in ihre Hände gerät, bringen sie ihn nicht um, sondern bringen ihn in die Stadt, wo sie ein reiches Lösegeld erhalten. Außerdem machte er uüch aufmerksam, ja nicht zu vergessen, dem Kadi ein Geschenk mitzubringen. Er selber gab mir eine Büchse voll Parfüm für ihn mit. Als Univcrsalmittel empfahl er mir schließlich das Schreiben von Amuletten und die Kurpfuscherei, die bei Arabern sowohl, als auch bei Juden Ansehen verschaffen. .Schwer war es mir ums Herz, aber stark mein Wille, als ich am 8. Siwan Marokko verließ. Mein Wirt und die übrigen Angesehenen der Gemeinde begleiteten mich weit über die Mauern der Stadt. Wir küßten uns und zogen unseres Weges. Wir reisten fünf Tage ohne Unterlaß. Am 6. Tage, einem Sabbat, ruhten wir, weil der größere Teil der Gesellschaft aus Juden bestand. Am 7. Tage gelangte ich nach Sidi Abas, der größten Stadt des Rachumi-Stamincs. Mein Führer ging voraus und nreldete nicinem künftigen Wirt meine Ankunft und überreichte das Empfehlungsschreiben Jvsua's. Als einen jerusalemischen Juden empfingen sie mich mit vielen Ehren. Auf eine 'halbe Stunde Entfernung kam mir die ganze jüdische Bevölkerung -er Stadt samt Frauen und Kindern entgegen, ein jeder hatte kaltes Wasser oder andere Erfrischungen mitgebracht. Diejenigen, von denen ich etwas annahm, freuten sich außerordentlich, und beinahe auf den Händen tragend, brachten sie mich in das Haus meines Wirtes. (Schluß folgt.) Die Woche. Man darf die jüdischen Reichstagsabgeordneten Galiziens nicht für alle ihre Handlungen verantwortlich machen. Sie sind galizischc Inden und dürfe» als solche mildernde Umstände für sich in Anspruch nehmen. Denn die galizischcn Inden haben zwar immerhin einiges von dein StaninicSwcscn der Hebräer noch bcibehaltcn, aber im wesentlichen tragen sie die Merkmale der polnischen Herrschaft an sich. Die polnische Herrschaft hat aber nirgends schlimmer gewirtschaftet, als in dem Lande, in dem bis heute die Szlachta zum Unglück der Völker und auch der polnischen Nation die Herrschaft in Händen hat. Das polnische Adelstnin, das stets an dem Marke des Polnischen und nicht minder des jüdischen Volkes gesogen hat, hat Galizien zu einem Paradiese dieser Szlachta, zu .einer Hölle für Juden und Rutheiicn und nicht minder der nichtadligen und iiichtrcicheii Polen gemacht. Ganz besonders die'Juden wurden von den Polen dazu ausersehcn, an ihnen die eigene Höhe messen zu können. Die Inden, denen man dafür bezahlte, daß sic mit ziisainmcngebundenen Bärten den polnischen Adligen das hebräische Lied „Ma Josis" Vorsingen mirßten, denen man aber wohlwcißlich vorher in das Getränk nux vonica hineingemischt hatte, sind die Ahnen jener polnischen Hofjuden, die heute in den Kultusvorständen und in de» Parlamenten offiziell die jüdischen Interessen zu vertreten ' haben. -Sie vertreten diese wie ihre Ahnen auf Kommando und nach Weisung ihrer polnischen „Herren". Das ist ihr „Ma Josis". Ter polnische Adlige hat seine Juden, die ihm seine Geschäfte besorgen müssen, die er nicht gern in die Hand nimmt, weil er sich dazu zu vornehm dünkt. Diese Drohnen des polnischen Volkes, dem dadurch nicht nahe getreten werden soll, und das wahrlich etwas besseres verdiente als diese Adelsherrschaft, haben den Inden ihres Landes mehr getan, als alle die Tyrannen, die den Juden an die Leiber gingen. Denn sic haben ihnen die Seele geraubt. Es sind also dem Abgeordneten dieser Art —: ü 1a Byk — mildernde Umstände znzubilligen. Ein großer Teil von dem, wozu er sich hergibt, sind doch nur Handlangerdienste für die polnische Herrschaft, bei der er km Dienste steht. Er verrichtet dabei sein Werk als Hofjude. Er muß den Haß auf sich nehmen, den die polnischen Herren zu vornehm sind, ans sich zu laden. Diese Abgeordneten sind die sicher» Trabanien der Szlachta, um die Juden zu verhindern, ihr eigenes Interesse wahrzunehmeu. Soo weit Herr Jehuda Lwowski in der letzten Nummer der „Jüdischen Rundschau!" Was Herr Lwowski zutreffend von dem schlechte» Einfluß der Szlachta auf die galizischcn Juden sagt, trifft auch leider aus die Juden in den polnischen Provinzen Rußlands zu. Freilich auf die letzter,, nur teilweise, ein Umstand, der der Unterjochung der Polen jinter der russischen Willkür einerseits und der bessern ökonomischen Lage der zehn Gouvernements Russisch-Polen andererseits zuzuschreiben ist. Ter lüderliche Pan sucht sich von allein zu entziehen, und nicht genug .damit, daß er die wirtschaftliche Last auf die Schultern anderer aufbürdet, geht sein Bestreben dahin, auch seine nationalen Geschäfte in die Hände anderer zu legen, der Jude soll statt seiner „jestsche Polscha ne isgnelo" singen. . . und z>j. seiner, des Paus, vollständigen Zufriedenheit soll er noch nebenbei seine jüdische Nation verspotten und „Ma Josis" singen. — Dieses Verlangen an den Juden stellt auch der moderne Pan, der polnische Sozialist. — Und der Jude? Der Jude singt nach Wunsch . . . solange Golns- Lakaieir ä la Byk an der Spitze der jüdischen Gemeinden stehen. . . . * * * Unser Kampf, meinte Herr Dr. Theodor- Barth, der Vorsitzende des Vereins znr Abwehr des Antisemitismus, in der Generalversammlung dieses Vereins, ist. leider noch nicht Hliii

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