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Neue jüdische Presse · 1906-03-09 · Heft 10 (9.3.1906) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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l "" 1 , Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis, pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— ' Hledaktlon und GefchäftSstette: ' Srankfurt a. in., Bleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße Telefon 10507. , HemnSgeHep: KalL D>eis. ,! --—--- Jnsertionspreise: - Die viergespaltene Petitzeile..... 25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. _! 4. Jahrgang. Freitag, de» 12. Adar 5666 (9. März 1906). Ro. 10. Inhalt des Hauptblattes. Klemme kommen und die heikle Judenfrage naleiwhaben die i ch losen Inden, die sich kosmopolitisch Artikel: Die allgemeinen und jüdischen sozialdemokratischen Parteien in Rußland. — Die Juden Marolko's. — Die Woche. — Aus aller Welt- — Feu ille ton: Ein kleines Drama. — Der wahnsinnige Batlen. — Wochenschau für das praktischreligiöse Leben. — BunteChronik. — Familiennachrich t'e n. Die allgemeinen und jüdischen sozialdemokratischen Parteien in Rußland. Von I. b. E. I. Die größten sozialdemokratischen Organisationen Rußlands.sind „Jskra" und „Proletariat". Beide nehmen für sich den vielbedeuteiiden Namen: „Die allrussische sozialdemokratische Partei" in Anspruch. Sie kämpfen sich gegenseitig an und wetteifern um diesen Namen. Jede von beiden proklamiert sich als die einzige Organisation, die berechtigt sei, diesen Namen zu führen. Jdde von beiden behauptet in einem Immerfort: sie sei die alleinige Vertreterin des gesamten Proletariats Rußlands — und daher eben die a l l russische sozialdemokratische Partei: nicht nur das Proletariat des russischen Volke?, sondern auch das Proletariat aller andern in Rußland lebenden Völker möchte die eine wie die andere genannte Organisation ausschließlich unter ihrer Fahne wissen. Einen g e m e i n s a m e n Kampf aber führen diese zwei Organisationen gegen die separativen sozialdemokratischen Parteien verschiedener Nationen, die Viele Grundsätze der allgemeinen sozialdemokratischen Organisation nicht akzeptieren wollen. * * * Ganz besonders befehden „Jskra" und „Proletariat" den sogenannten „A l l g e m c i n e r jüdischer Arb eiterbn n d in Litauen, Polen und R n ß lau d" — kurz: „Bund" genannt. Sowohl „Jskra" als „Proletariat" zahlen ziemlich viel Subcn in ihrer Organisation. Ihre intellektuellen Kräfte, ihre einflußreichen Persönlichkeiten, ihre Gründer und Begründer, ihre Theoretiker und Vorkämpfer der Tat, ihre Wortführer und Machthaber — sie .sind nicht znm kleinen Teil: Juden; Inden aber, die es nicht sein möchten. Sie sind international, das will hier heißen: ruf fisch-national. Sie fordern Freiheit und Autonomie für alle Völker, nur nicht für ihr eigenes Volk; sic kämpfen für alle Welt — mit Ausnahme nur der Inden. Sie sind ja Kosmopoliten. — Wohl sprechen sie hie und da von Gleichbcrcch tignng der Juden: daß den Juden ermöglicht werden müsse, im Laufe der Zeiten gleichberechtigte Söhne des russischen Volkes zu werden — kurzum: daß ihnen die Berechtigung zur Assimilation gewährt werde. . - Aber auch dieses liebenswürdige Wohlwollen äußern sie nur ganz selten, nur wenn sie in die volens nicht nmgchen können; nur wenn sie ihr ein wenig Genugtuung zu geben genötigt sind — mit ja den Prinzipien der Gleichheit gerecht zu werden und sich selbst und die öffentliche Meinung zu bestechen . . . Sonst aber sind sie ängstlich darum bemüht, die Existenz des jüdischen Volkes zu ignorieren; sie möchten es so gerne entweder totschreien oder totschwcigen —i und sie wählen das Letztere, da cs leichter ist . . - Wcnn's aus sie ankäme, toürden sie überhaupt nicht das Vorurteil gelten lassen, daß es Inden in der Welt gäbe ... Aber der Antisemitismus, die Judenkrawalle — sie stören den Gang der Aufklärung und schwören das Gespenst des ewigen Inden hervor . . . Jedoch tut man gut, vorsichtig zu sein und selbst dann zu schweigen, wenn auch der Jude etwa durch die kontraprogrcssivcn Judenmetzeleien auffallend wird und von sich reden .macht . . . Das ist die Weisheit der Inden voin Schlage: „Jskra" und „Proletariat" — der Inden orthodoxmarxistischer Konfession . . . * * * Die „allrussische sozialdemokrajische Partei" wurde im Jahre 1898 gegründet — einige Monate nach der Gründung des „Bund". Ihre Mitglieder und Führer waren damals fast ausschließlich — Juden. Sie verkündeten die strenge Warnung: daß das üdische Proletariat keine besondere Organisation gründen und keine besondere Forderungen aufstellen dürse. Ihr Standpunkt ist bereits angedeutet; es ist der Standpunkt der Selbstvernichtung. Die Voraussetzung ist: cs gibt eine Jndenfrage doch nur, weil es Juden gibt. Also: — die Judcnsrage mutz verschwinden, sobald die Juden verschwinden werden. Klipp und klar! Und das Losungswort lautet: verschwinde Jude, wenn du als Mensch leben willst. — Freilich gelingt es vorläusig nur mit großer Mühe und auch dies mißlingt oft früher oder später — aber dieser Uebelstand wird ja nur solange andauern, als wir .in einer kapitalistischen Staatsordnung und so inmitten all der Bourgeoisie-Vorurteile leben werden müssen. Es wird doch die Zeit kommen, wo die Bourgeoisie samt ihren Vorurteilen die Arena der Weltgeschichte verlassen werden und dann — dann wird auch jenes grausame Vorurteil aushörcn, das Vorurteil: cs gäbe ein jüdisches Volk, eine jüdische Nation . . . Darum kann die Ausgabe der Juden nur darin bestehen, sich selbst für dieses Zeitalter vorznbereiten und auch die ganze Menschheit für diese hohe Stufe reif zu machen. Es ist also klar, daß sie sich nicht so benehmen dürfen, wodurch sie irgendwie in der zivilisierten Welt Anstoß erregen und jenes reaktionäre Vorurteil noch nähren könnten. Und nun wagen gar.manche „Genossen" innergebürdcn, nicht mehr ertragen können. Selbst die kleine Dosis von jüdischem Bewußtsein eines „Bund" — der sogar heute noch mehr christelt als jüdelt — war ihnen schon vielzuviel! lind so bemühten sie sich um die Zersetzung des „Bund". Er war aber damals zu stark, sie zu schwach. Sic mußten es sich auch gefallen lassen, daß dem „Bund" eine Autonomie innerhalb der allgemeinen sozialdemokratischen Organisation zuerkannt wurde. Man spöttelte darüber: die j ü d i s ch e Partei, genannt: „Allrussische sozialdemokratische Partei" gewähre eine Autonomie — der jüdi s ch e n Partei, genannt: „Bund". Noch lächerlicher ist es, wenn man bedenkt, daß die „Allrussische sozialdemokratische Partei" im Jahre 1898 bloß eine Fiktion war. Ihre moralische und materielle Stütze tvar eben der „Bund". Er bildete die qualitative ttnd die quantitative Größe der Organisation. lind doch hatte die papierene Organisation die Snperiorität, von der sich die reale Organisation des „Bund" autonome Gleichberechtigung erbitten mutzte. Man sieht: was nur nach Jüdisch riecht, Hai immer eine untergeordnete Rolle, selbst wenn es Kraft und Macht genug besitzt, um eine ehrenvolle Stellung einnehmen zu können. * * * Auf der vierten Konferenz des „Bund" wurde der Beschluß gefaßt, daß die Organisation der Sozialdemokratie Rußlands umgestaltet werde. Sie soll nicht aus einer zentralen Grundlage, sondern auf Föderationsbasis ausgebant werden, das will sagen: Das Proletariat der verschiedenen Nationalitäten in Rußland soll nicht ausschließlich in eine Zentralorganisation cingerciht werden, sondern zunächst in nationale Organisationen eingeteilt und nur durch eine zentrale Leitung verbunden, welche von den föderativen Bestandteilen der allgemeinen Organisation gewählt wird. Die allgemeine Organisation gab dieser Resolution des „Bund" ihre Zustimmung. Sie mutzte es tun: war sie doch immerhin dann nur eine ideelle Existenz. Ter „Bund" brauchte dieses Gut-, achten der allgemeinen Organisation bloß als Formalität. Und so wurde der „Bund" ans einer Autonomie in eine Föderation verwandelt. Nach einigen Jahren aber nahm die Situation eine ganz neue Wendung — darüber im zweiten Kapitel. Die Jude» Marokko's. ) Wir zählten das Jahr 5653 (1892), als ich Mogador verließ. Mit einer fünfzig-gliedrigen Karawane i) Nach dem Ungarischen des E—g, der diese Schilderung, einein größeren Anssatze des Professor Alexander Levison in Jerusalem entnommen hat, der .— -- -- .in dem kürzlich erschienenen Jahrbuch der „Ikng. isr. halb "der Sozialdemokratie selbst zu jüdeln! — das | Lit.-Ges." erschienen ist.

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