Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 9. Ein kleines Drama. Erzählung von Ben-Ami. Autorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von L. Caro. (Fortsetzung). Diejenige Hälfte des Vorbadezimmers, wo wir uns zu entkleiden hatte», befand sich, über der Mikwoh, die nichts anders als ein tiefer Brunnen war, in welchem ein hölzernes Bassin oder einfach ein Kasten für rituelle Abwaschung eingerichtet war. Zwischen den Brettern waren beträchtliche Spalten, durch welche man den großen Abgrund sehen konnte. Diese Spalten konnte ich nicht ohne Angst ansehen; und da noch dazu die Bretter bei der kleinste» Bewegung wankten, so hatte ich bei unserem Entkleiden unausdrückbare Qualen und erzitterte jedesmal, als ob ich nun kopfüber in den schrecklichen, kalten Abgrund, als welcher er mir damals vorkam, Hinabstürzen würde. Indessen ist jetzt dieser Abgrund sehr belebt und mit Menschen vollgepfropft, die aus dem heißen Bade unmittelbar dorthin eilen und ans die schmäle, hölzerne, schlüpfrige und sehr steile Treppe -hinnntersteigen. Wie ein sonderbares, dumpfes Getöse kommen aus der Tiefe die Stimmen der laut miteinander schwatzenden Leute. Alles das zusammeiigenommen, abgesehen auch von meiner Angst, machte auf mich den Eindruck irgend einer Unterwelt, wo die Läuterung der sündigen Seelen vor sich geht. Die nach der Mikwoh Gehenden und aus ihr Zurückkehrenden kommen fast ganz hart an uns vorüber, indem sie uns dabei bald mit kalte», bald mit heißen großen Wassertropfcn, die an ihrem roten oder blangewvrdenen Körperhernnterströmcn, bespritzen. Endlich, als wir bereits entkleidet ioarcn, rollten wir unsere schlechten, anspruchslosen Kleider zusammen, legten sie ans den Boden inmitten der Hansen aller Anderen Kleiderstücke — und traten in die Badcstnbe ein. Alles ist hier in Dunkel gehüllt, alles von eineni so dichten Dampf benebelt, daß man im ersten Augenblick absolut nichts sieht. Nür als ich mich an diese Dunkelheit gelvöhnte, erblickte ich dann einen undenkbaren Wirrwar, in -dem man eine dichte Menge gleichsam miteinander zusammcngeklebter Menschenkörper, ans welchen die einen im Zuber voll Wasser zusammengcpreßt waren, die andern — -neben den Zubern, manche — auf den Wandbrettern, manche wiederum einfach irgendwo ans "dem Boden. Die einen badeten im Dampf, wischten und rieben ihre größtenteils mageren, eingefallenen Körper; die anderen schleuderten verstimmt hin und zurück, indem sie sich mit Mühe durch die Reihen der zusammengedrücktcn Körper zu den vollgepfropften Zubern dnrchdrängten, um dort ihre Füße hincinznstellen, sobald nur jemand die Absicht von dort hcranszukriechen bekunden wird. Nun da sie die Hoffnung, einen freien Platz in den Zubern zu finden anfgegeben haben, so befriedigen sie sich vorläufig damit, daß sie ihre farbigen, mit Fett dnrchtränkten Taschentücher — wenn ihnen nur der Platz gestattet, die Hand dnrchzuschieben, naß machen und auf diese Weise waschen sie sich. Dabei sprechen alle miteinander sehr laut. Und da ein gewöhnliches, ivenn auch lautes Gespräch 'inmitten dieser" Babelvcrwirrnug nicht vernommen werden kann, so geht cs einfach ins Schreien über. Mehr als schwatzen und sprechen tun diejenigen, welche auf den obersten Wandbrettern im Dampfe baden: bald ihr Entzücken' ob des beim Schwitzen empfundene Vergnügen ausdrückend, bald mit den in den Zubern Sitzenden Gespräche führend. „R. Leib" — schreit einer von dort aus: — »habt Ihr schon gehört von der Geschichte mit Awrohm-Jossel?" „Nein, Hab' nichts gehört. Wos denn?". „Nicht gehört? Wie denn nicht gehört, wenn doch die ganze Stadt davon „kocht", wie ein Kessel. . . .“i „Und ich Hab' doch nichts gehört, nichts davon gehört" — rechtfertigt sich R. Leib. Frankfurter Israelitischer FamllienblaU. „Das ist Nun einer — nicht gehört! Wie ist's, lebt Ihr denn nicht in dieser Welt, was?" „Doch erzählt lieber klar, um was es sich da handelt." „Wir eben haben auch nichts davon gehört" — schreit der Zuber-Nachbar des R. Leib. „R. Leiser — übertönt ihn eine andere Stimme — R. Leiser, die ganze SKadt, heißt es ja, „kocht" — und das Wasser in den Zubern ist eiskalt." „R. Jsroöl-Michel, möchtet Ihr mir doch Enern Zuber geben — ich stehe wirklich schon eine ganze Stunde da" — sleht jemand. „Nu, wie endete cs mit Euerer Truthenne, R. Leiser?" „O ja, gut. Es stellte sich heraus, daß man den Fuß erst nach dem Schlachten brach." „Wir werden also demnach einen Pessach-Briß bei Jankel haben. Wahrlich, gut erledigt — genau neun Monate. Welch ein Held! Er ist ja jetzt im Ganzen nur siebzehn Jahre alt." „Ei, meine Herren, hat nicht jemand einen Tallis- Koton verschleppt? Als ob ihn die Erde cingeschlnngen hätte!" „Hier treibt sich etwas unter den Füßen herum" — antwortet jemand vom anderen Ende ans, und es fliegt gleichzeitig über aller Köpfe der gesuchte Tallis-Koton in der Gestalt eines dnrch und durch durchnäßten und beschmutzten Lumpcnstückcs. „Und der Bräutigam deS R. Nochim ist also doch angekommen," verkündet jemand. „Wie, doch gekommen? Wann denn?" — ertönt von allen Seiten neugieriges Ausfragen. „Er kam, als ich ins Bad ging. Da gibt's nun Freuden bei R. Nochim!" „Man hat doch daran schon ganz verzweifelt. Wie denn anders — hat man doch ihn noch vorige Woche erwartet." „Habt Ihr gesehen?" „Gesehen, gesehen." „Nun, was stellt er vor?" „Eine Wichtigkeit — was er vorstellt! „Schaue nicht ans den Krng, sonder» ans das, was drinnen ist," sagen unsere Weisen. Soll sich die Tochter R. Nochim's darum kümmern, was für eine Nase er habe." „R. Towid, habt Ihr Wein für die Sedorim (die zwei Pessach-Abendmahles?" „Und was für einen Wein — echten starken Wein. Hab' zwar viel Geld bezahlt. Aber dafür Wein — ein wahres Wunder!" * * * All diese Gespräche werden nicht nacheinander gesührt, sondern verschmelzen sich miteinander, wie verschiedene Töne der einen und derselben Musikstücke. Der Unterschied ist nur in der Harmonie. Da mein Vater sich zu drängen nicht fähig ist und auch nicht gerne sich in Gespräche hincinmengt, so standen wir lange vor der Türe wie stmnmc Zeugen. Allmählich Ivird die Badestube immer geräumiger. Zunächst werden frei die obersten Wandbretter, die meistens von den angesehensten Bürgern besetzt werden. Dorthin beginnt nun das gemeine- Volk — anfangs zaghaft, dann immer mutiger — hinaufzuklettern, um wenigstens vorläufig auch eine» angesehenen Platz cinznnehmen und ihren trüben schwarzen Schweiß mit dem durchsichtigen Schweiß der „G'waim" (Reichen) ersten Ranges znsainmenzuiirengcn.... (Schluß folgt.) Ein Vorschlag znr Reorganisation des Chasonus. Bon P. Kli b a n s k y, Kantor der Westcnd-Synagoge in Frankfurt a. M. Jüngst hielt Herr Oberkantor Heule aus Hamburg in der Frankfurt-Loge einen Vortrag „Der synagogale Ges an g", der nach Form und Inhalt das zahlreich erschienene Publikum voll und ganz befriedigte. Wenn es auch dem verehrten Herrn Kollegen nicht möglich war, durch neue wissenschaftliche Momente das über der historischen Entwicklung der synagogalen Melodien ruhende Dunkel zu lichten, so hat er es doch verstanden, dnrch liebevolles Vertiefen in den Stoff das Interesse weiter Kreise für den jüdischen Gesang, für jene echte, alte jüdische Melodie, in der die Volksseele jubelt Und weint, zn erwecken. Leite 5. Der lichtvolle Vortrag gipfelte in dem Wunsche, den heutigen Synagogengesang, d. h. daS Chasonus zn reorganisieren. Fürwahr eine Reorganisation des gesamten in den deutschen Synagogen erklingenden Chasonus wäre im Interesse der Hebung unseres Gottesdienstes und seiner Einheitlichkeit überaus zu wünschen und sehr warm zn empfehlen. Es würde dann eine zweite große E p o ch e in der Entwicklung des Shnagogen- Gesanges zu verzeichnen sein. „Als Europa und namentlich Deutschland den Staub der Barbarei abschüttelte, rüstigen Geistes und milder, menschlicher Gesinnung, da regten sich auch die schlummernden Kräfte in Israel, und die eigene, nie ganz erstorbene Kultur, erhielt ein neues Leben durch die allgemeine." Es trat damals für den jüdischen Gottesdienst und für den synagogalen Gesang eine große Wendung zum Bessern ein. Man fühlte lebhaft, daß der Gottesdienst einer Verbesserung bedürfe. Mit einer staunenswerten Energie sing man an, die alten Melodien zn sichten, sie der Schnörkel, Triller und überhäuften Koloraturen zu entkleiden, und was die Hauptsache ist, zn notieren. Allein man geriet in ein falsches Fahrwasser, da man sich bemühte, das innere Wesen des synagogalen Gesanges durch direkte Einführung autzerjüdischer Melodien zn zerstören und ihm so seinen nationalen Charakter zu rauben drohte. Wie dem auch sei, der synagogale Gesang hat entschieden beim ersten Verfahren mehr gewonnen als verloren. , Wenn nun zum zweiten Male eine durchgreifende Reorganisation des Chasonus vorgenommen werden würde, die zn veranlassen in der Tat ein höchst verdienstvolles Werk der großen Synagogengemeinden Deutschlands wäre, so hielt ich zu diesem Zwecke vor allen Dingen folgendes für überaus wichtig: 1. Die in den verschiedenen Gemeinden bereits gebräuchlichen Melodien müßten ausgezeichnet, gesammelt und dnrch eingesetzte Kommissionen gesichtet und verglichen werden. 2. Die bereits vorhandenen Werke der Literatur synagogalcr Gesänge müßten mitberücksichtigt werden. 3. Unter Mitwirkung der Kantoren würde dann allmählich einMormalgesangbuch der deutschen Synagogalmelodien entstehen. 4. Eine Spezialausgabe für Süd- und für Norddeutschland. (Die synagogalen Melodien dieser beiden Gegenden unterscheiden sich ihrem Charakter nach gänzlich von einander, trotzdem Gemeinsamkeit gewisser Licderweisen vorhanden ist.) Die einzelnen Punkte näher zn begründen, behalte mir für später vor, stelle sie aber jetzt schon den verehrten Kollegen frcnndlichst zur lebhaften Diskussion zur Verfügung. Durch Schaffen eines solchen Normal-Gesangbuches würde man! den jungen ins Amt tretenden Kantoren ei» sicheres Hilfsmittel in die Hand geben, sich selbst gut fortzubilden, den Gottesdienst aber auch gleichzeitig einheitlich gestalten. Vieles Triviale, mancher Gassenhauer, Opern-, Marschmelodie >värc dann für alle Zeiten aus dem Gotteshanse verbannt, und an jedem Orte unseres Vaterlandes würden dem Juden, der ins Gotteshaus tritt, dieselben echten jüdischen Melodien cntgegentönen, die mit ihren wechselnden Rhythmen, mit ihrem großen Harmonienreichtnm und besonders durch die Reinheit und Wahrheit, womit sie unsere Natur widerspiegeln, das Echo einer mchrtausendjührigen Leidensgeschichte des jüdischen Volkes sind. Wochenschau für das praktischreligiöse Leben.*) Nachdem der verflossene Sabbat und Paraschas Schekolim — den Abschnitt über die Schekelspenden *) Unter obiger Rubrik erscheint von jetzt ab ein Ausblick aus die religiöse Praxis, die das Kalendarium der Woche mit sich bringt. Wir glauben hiermit der Sache des traditionellen Judentums zu. dienen, dem unser Wirken gilt. In populärer Tarstellungsweise, in allgemein verständlicher Sprache sollen Liturgie und religiöse Praxis der lausenden Woche eine kurze Erörterung erfahren, um der gedankenlosen Hebung und dem Jndifferentismus zu begegnen. Wir halten uns bei dieser Neuerung des Einverständnisses und der Zustimmung des weitesten Kreises unserer geehrten Leser versichert.