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Neue jüdische Presse · 1906-03-02 · Heft 9 (2.3.1906) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. FraiMurter Israelitischer Familienblatt. Nr. 9. Osterode in Ostpreußen. Seit langen Jahren ist in unserer Stadt wieder ein jüdischer Bürger zum Stadtrat erwählt worden — es ist dies der Mühlenbesitzer Siegfried S. I a c o b s o h n. — Vier Juden sind Stadtverordnete, trotzdem unter den 13 000 Einwohnern nur ca. 200 jüdische Seelen sind. Budapest. Der Kaiser hat dm Generchdiyektor der ersten ungarischen allgemeinen Versichmungs^Gesellschast Wilhelm Ormody de Ormod zum Mitgliede des Magnatenhauses ans Lebensdauer ernannt. ■’ St. Franziska (Amerika). Oberrichter M. C. Schloß ist einstimmig zum Präsidenten des Gerichtshofes gewählt worden. Ans der Lehrerwett. Berlin. DaS Prodinzialschulkollegium hat folgende Verfügung getroffen: „Die Teilnahme .von Schulkindern, deren Eltern einem anderen Bekenntnisse angehören, 'an dem allgemeinen Religionsunterricht soll nicht mehr, wie bisher, auf Grund eines einfachen gegenüber dem Schulleiter geäußerten Wunsches gewährt werden, sondern nur aus Grund einer von beiden Eltern bei der Polizeibehörde zu Protokoll gegebenen und bei ihr Unterzeichneten Willenserklärung." Da es zahlreiche jüdische Eltern gibt, die aus Gedankenlosigkeit ihre Kinder — besonders in den unteren Klassen — den christlichen Religionsunterricht mitnehmen lassen, so ist die vorstehende Regierungs- Verordnung zu begrüßen. CrefeÜ. Nachdem die Stadtverordneten die Uebernahme der jüdischen Privatschule beschlossen haben und die Genehmigung der Regierung erfolgt ist, konnte nunmehr der bisherige Lehrer Nußbaum in sein Amt eingeführt werden. Die Einführung erfolgte durch den Pastor Vits als Stellvertreter des Kreisschulinspektors. Außerdem waren ber Bürgermeister und der Vorstam» der Synagoge anwesend. Nußbäum ist nunmehr in gleicher Weise wie die andern Volksschullehrpersonen angestellt. Czernowitz. Der Kaiser hat dm Präsidenten der hiesigen Kultusgemeinde Reichstägsabgeordneten Dr. Benno Straucher zum Mitglied des Landesschulrates für.-die Bukowina aus die Dauer der nächsten sechsjährigen Funktionsperiode ernannt. Lugos (Ungarn). An Stelle des nach Budapest berufenen Dr. Hevesi, wurde der Oberrabbiner von Beßterczebanya Dr. Emanuel L e m ck e zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt. Aus den Vereine«. Fraukfart a. M. Im Verein «Mekor Chajim" sprach letzten Sonntag Herr Professor Dp. A. Sulzbach über Abraham Jbn Esra. — Der geschätzte Redner führte aus: Das Geburtsjahr und -Datum ist uns nicht bekannt, jedenfalls aber ist aus den Werken zu ersehen, daß Jbn Esra in Toledo geboren wurde. Jbn Esra führte ein unstätes Wanderleben; er war in Deutschland, Italien, Rußland, Frankreich, sogar in London, kam aber 1160 wieder nach Narbonne in Südfrankreich. Ueber seine Familie ist nichts Näheres bekannt, außer, daß er einen Sohn Isaak hatte, der aber später vom Judentume absiel. Die Hauptbedeutung Jbn Esras liegt auf dem Gebiete der grammatischen Bibelerklärung, was' allerdings manchmal zu Ergebnissen führt, die der Thoravorschrift direkt zuwiderlaufen. IN solchen Fällen fügt Jbn Esra immer hinzu, daß die Tradition in diesen Fällen maßgebend sei. Natürlich fehlte es nicht an heftigen Angriffen, die er aber mit erbarmungslosem Witze abwies. So behauptet Suttoh ben Efrajim, daß in dem Bibelvers: Wzene Leo raknus, ein „Aleph" fehle; hierauf replizierte Jbn Esra, ihm scheine, daß jn dem Namen Suttoh ben Efrajim ein „Aleph" zuviel sei. Vergleicht man die geschriebenen Wörter, so ergibt sich: Suttoh ben Porim, zu deutsch: Ochsensohn. Ebenso übel kam ein anderer, Jbn Jasus, davon. Außer seinem Bibelkommentar verfaßte Jbn Esra noch Abhandlungen, Gedichte und ein mystisches Werk ben Mekiz, das übrigens nur eine Nachbildung einer älteren Dichtung ist. — Dem strengen Grammatiker Esra mußte natürlich ein so bedeutender Dichter wie R. Elieser Hakalir'als Gegner erscheinen. Elieser Hakalir geht allerdings mit der Sprache nach eigenem Gutdünken um, schafft neue Wortformen und bildet neue Vokabeln. Ta er auch, „Ches" auf „He" reimte, jo zog Jbn Esra scharf wider ihn los ohne zu bedenken, daß es ja gerade Sache des Dichters sei, die Sprache zu ineistern und nicht umgekehrt. — Jbn Esra hat in seine Werke viel „hineingeheimnist" und ist deshalb stellenweise sehr schwer verständlich. Bei Gelegenheit von Kißui Hadam z. B. drückt er sich so aus, daß man meinte, man brauche 33 Jahre zur AufklÄung, während Ramban, der übrigens alle derartigen Stellen erllärt, bemerkt, baß 33 Verse weiter die gewünschte Belehrung erfolge. Uebrigens sind nicht alle Werke, die man Jbn Esra zuschreibt, wirklich von ihm. So ist der Kommentar zum Buche Exodus ein ganz anderer als die übrigen. Jn einem Briefe an Jbn Esra drückt der Tossafist R. Jakob Tam seine Bewunderung und Ehrfurcht aus, und dies ist jedenfalls das beste Zeugnis, für die hohe Anerkennung, die man Rabbi Abraham Jbn Esra zollte, zollen muß lind zollen wird. — Lebhafter Beifall lohnte den Redner. Frankfurt a. M. Der Verein Tiferes Bachurim gab dieser Tage sein Schlußprogramm heraus, das Vorträge aus allen Gebieten des jüdischen Wissens enthält. Ter letzte. Vercinsabend in dieser Saison ist am 25. Marz. An diesem Tage spricht Herr Georg Freubensteiir 'über das Thema: „Eine Wanderung durch Palästina". Frankfurt a. M. Der Verein «Nachlas Z w i" versendet ein Einladungszirkular zu seiner unter Mitwirkung des Gesangvereins „I e s ch u r u >r" (Dirigent Herr Westerborg) am Dienstag, den 13. März, abends 8V2 Uhr, im festlich dekorierten Rechneisaale stattsindenden Purimfeier. Da sich die Festlichkeiten dieses Vereins besonderer Sympathie erfreuen, ist ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß die bevorstehende Feier eine zahlreiche Beteiligung der Damen als erwünscht erscheinen läßt. Wir sind in der Lage, auf Grund der im Gange befindlichen Vorarbeiten allen Freunden dieses Vereins den Besuch dieses Festabends besonders empfehlen zu können, umsomehr, als der jüdische Frohsinn ja sonst im Allgemeinen nur eine ganz geringe Pflege findet. Frankfurt a. M., 1. März. „Henrik Ibsen" war das Thema, das sich Herr Jacob Rosenhcim zu seinem gestrigen Vortrage im Vereine „Nachalaß Zwi" ausersehen hatte. Ter geschätzte Redner hatte sich die Aufgabe gestellt, Jbsen's Lebenswerk im Lichte des Judentums zu betrachten, und das ist ihm in reichem Maße gelungen. Allerdings war das Gebotene ein Zuviel an Gedanken und Inhalt — reichlich genug für drei Vorträge. Jn drei Abschnitte teilte Herr Rosenheiin bas Lebenswerk Jbsen's, der erste Abschnitt: mit „Brand", „Peer Gynt" und „Kaiser und Galiläer" abschließend, der zweite Abschnitt: die „kritischen" Dramen bis zur „Wildente" umfassend, und der dritte: von „Rosmersholm" ausgehend. Das Ethische, der Weg zur Sittlichkeit, ist das Hauptmoment bei. Ibsen. Ibsen wirkt, wie noch kein Künstler vor ihm, anf.-die')Jugend, da er in sich alle Ideen der Neuzeit ausgenommen hat und alle Probleine zu Schlagworten zu prägen versteht. Redner meint, daß mancher Jbsen'sche Gedanke/ wenn man ihn seiner oft absichtlich ins Sophistische zugespitzten Form entkleidet, tief im Judentume wurzelt. Tie Heiligkeit -und der tiefe Ernst der Ehe, das Moment des Eser kenegdau, das Pflichtgefühl, die Verantwortlichkeit der Eltern gegenüber den Kindern, Schuld lind Sühne — sie alle sind jüdische Moinente. Ibsen, so schloß der Redner, schließt sein Lebenswerk nach der Periode der völligen Verzweiflung in der „Wildente" mit der Periode der Resignation: weder die alte Welt noch die neue imponiert ihm, xr will aus den beiden eine dritte entstehen sehen, das „dritte Reich", „Heimstätten mit Türmen darauf", „fröhliche Adelsmenschen" — alles Bezeichnungen für das gleiche zwischen Weltverneinung und Sinnenglück die Mitte haltende ethische Ideal, das in der jüdischen Lehre seine Verwirklichung gefunden hat. Berlin. Die diesjährige Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus findet am 4. März in Berlin statt. Außer den Formalien steht auf der Tagesordnung auch ein Vortrag desberühmten Strafrechtslchrers Professor Franz von Liszt über „Die Kriminalität der Juden in Deutschland." Ans der zionistischen Bewegnng. Posen. Z i 0 n i st i s ch e r D i st r i k t s t a g. Jn Anwesenheit von ca. 30 Delegierten aus Samter, Wronke, Rawitsch, Grätz, Mogasen, Wongrowitz, Schroda, Mur.-Goslin, Stralkowo, Czarnikau, Schönlankc, Fllehne, Moschin, Pleschen und Thor», sowie zahlreicher Gäste trat am 18. Februar die vom zionistischen Distriktsbureau einberufenc erste derartige Konferenz zusammen. In seiner Eröffnungsrede hob der Vorsitzende, Dr. Jeremias-Posen, hervor, daß sich seit der Konstituierung des Distrikts vor IVä Iah ren die Zahl der Gesinnungs-Genossen in seinem Bereich verdoppelt, die Zahl der Orte, in denen Zionisten leben und wirken, verdreifacht habe. Das sei nicht ^allein der Erfolg von 20 Versammlungen im Bezirk, mehr noch das Ergebnis des steten Kontaktes zwischen Zentrale und Vertrauensmännern. Alsdann ging der Vorsitzende zum Referat über die „Lage im Zionismus" über, das seitens des Herrn D r. j n r. A u e r - b ach-Posen als Korreferenten ergänzt wurde. Nach einer lebhaften Debatte wurde folgende Resolution angenommen: „Der zionistische Distriktstag Posen begrüßt mit lebhafter Befriedigung die Ergebnisse der Brüsseler Konferenz 1. vom allgemein jüdischen Standpunkt insofern, als sie zum ersten Male die hervorragendsten jüdischen Organisationen auf politischer Grundlage unter zionistischer Aegide zu gemeinsamem Weiterstreben geeinigt hat; 2. insbesondere vom zionistischen Standpunkt insofern, als sie eine Rückkehr des Zi0»isinus zu dem Prinzip einleitet, daß der Zionismus an allen Arbeiten leitenden Anteil nimmt, bieder gegenwärtigen Judennot zu steuern und, vor der,Erlangung von Palästina, die Jndenschaft auf nationaler, autonomer Basis 511 konzentrieren geeignet lind." Räch einem animierten Mittagessen,. das gegen 60 Teilnehmer--vereinigte, begannen uni 4 Uhr, die Nachmittagsverhandlungen bei einer Präsenz von 80 Personen. Es referierten die Herren Dr. -Kassel - Posen und B 0 ch n e r - Schönlanke über die „Lage d e r I u d e n i n d e r O st m a r k". An ihre Referate knüpfte sich eine lange Aussprache, an ber die Herren Rabbiner Dr. Koenigsberger-Pleschen, Oberlehrer Dr. Rothschild-Wongrowitz, Assessor Wiltschek-Posen n. a. teilnahmen. Sie schloß mit einstimmiger Annahme olgender Resolution: „Die Judenschaft der Ostniark leidet schwer unter dem Druck der nationalen Kämpfe im Osten und chwebt in der ernsten Gefahr, zwischen deutschem und polnischem Antisemitismus zerrieben zu werben. Abhilfe kann nur geschaffen werden durch straffe Organisation der gesamten Judenheit auf jüdischnationaler Basis, unter Ausschaltung aller Politischen und religiösen Differenzen. Die treue Erfüllung unserer staatsbürgerlichen Pflichten, soweit sie uns nicht durch die bestehenden Verhältnisse unmöglich gemacht ist, verträgt sich sehr wohl mit der Geltendmachung spezifisch-jüdischer Interessen in Staat und Kommune, auf gesellschaftlichem, wirtschaftlichen! und geistigem Gebiet." Der dritte Punkt der Tagesordnung betraf die „Agitation und Propaganda im Ditrikt"; die Referenten, Herr Lehrer Auerbach- Posen und Salinger -Filehne wurden dem Thema in ausgezeichneter Weise gerecht. Jii die Diskussion griffen die Herren' Lehrer Gutmann, Referendar Zucker, Besser, Bendix, Badt, David ein. Zum Schluß entwickelte der Vorsitzende die Grundsätze des Bureaus bei der Distriktspropaganda und appellierte an die Genossen aus der Provinz, die reichen Anregungen der Tagung in ihre Bezirke hinauswirken zu lassen, und in verdoppelten Eifer bei der Arbeit für das große Ganze umznsehenl" Schluß der Sitzung um 8 Uhr. - - Den Abschluß des Distriktstages bildete die ö fgütliche Versammlung, die auf 8 Uhr abeirds nach Keilers Saal einberufen war. 350 Peronen fanden hier Einlaß, sehr viele mußten umkehren, Herr D r. Heinrich L 0 e w e aus Berlin referierte in fesselndster Weise mehr als t1/» Stunden über „Streifzüge durch P a l ä st i n a", dabei immer die Zukunft des Landes und des unlösbar damit verknüpften jüdischen Volkes vorzeichnend. Wahre Stürme des Beifalls lohnten ihn. Zahlreiche Mitglieder traten der Ortsgruppe bei. Schönlanke, .25. Fevr. Die zion. Ortsgruppe hielt heute einen Diskussionsabend über den Distriktstag in Posen ab. Das Referat erstattete Herr Salinger -Filehne. An der Diskussion beteiligten sich die Herren Rabbiner Dr. Bamberger, Bochner und Grunwald. Tie Debatte wurde zum Schluß sehr lebhaft, da die Errichtung einer jüdischen höheren Mädchenschule zur Besprechung kam. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit ber Redaktion.) Die Bilanz der Brüsseler Konferenz. (Ein Ueberblick.) (Schluß). Nur Mandelstamm hat den Westlern seine Meinung über ihre liebenswürdige Ratschläge nicht verheimlicht: „Die harte Klausel: „Bleibe zu Hanse und nähre dich redlich," die den unglücklichen russischen Almosenempfängern eingeschärft wird, ist, meiner Ansicht nach, gleichbedeutend mit dem Rate, sich zuerst abschlachten zu lassen, um alsdann russischer Vollbürger zu werdeit." Das mußte einmal gesagt werden! Die westseuropäischen Vormünder der osteuropäischen Jndenheit haben gar eine revolutionäre Sprache zu führen begonnen. Merkwürdig! Diest ewigen Philister sind nun plötzlich Revolutionäre geworden — freilich auf Kosten anderer: Ihr russische Juden — schreien jetzt die Hilfsvereine — dürfet nicht mehr auswandern, mag man Euch, noch so grausam ausschlachten; Ihr sollet in Rußland bleiben, — und was. nach den Blutbädern an jüdischen Kräften noch übrig bleibt, muh dem Freiheitskampf geopfert werden. — Wahrlich, die russische Revolution; kann noch viel Kanonenfutter brauchen.... Doch ist es mehr Tragik als Komik, wenn die feigen lleberläufer, schmählichen Ausreißer und ge-

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