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Neue jüdische Presse · 1906-03-02 · Heft 9 (2.3.1906) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 9 . Frankfurter JsraelitisHeS Familienblatt. Seite 11. wissenlosen Verräter unseres Volkes von Kampf und Mut zu , sprechen wagen.; . J!n einem solch kritischen Moment einen solch brutalen Ratschlag zu geben — dazu sind wirklich nur die Assimilationsjuden fähig, die fortwährend Attentate auf sein Leben zu machen nicht müde werden. Und Mandelstamm erhob gegen sie von der Tribüne der. Brüsseler Konferenz die schwere Anklage der obdachlosen russischen Jjidc»^ — die so frech sind, auch leben zu wollen Hatte aber dieser schmerzerfülltc Protest die zu erwartende Wirkung erzielt? — darüber wird uns später die Resolution betr. Auswanderung beschämend Antwort geben. Wenn nun die Juden sich nicht ausschlachten lassen sollen, um alsdann russische Vollbürger zu werden — was soll also geschehen? Immigration? Ties geschieht freilich ohne unsere Hilfe, und auch gegen jegliche Verhinderung. Aber die Frage ist: Wohin? Eine zerstreut« Immigration, wie sie von den vcrschwindsüchtigen Israeliten der Heiratsännoncen jahrelang als einWohltätigkcitssport und gleichzeitig auch als ein assimilatorisches Mittel für die Dezentralisation des jüdischen Volkes betrieben wurde, hat sich nicht bewährt. Das jüdische Volk existiert noch immer, die Jüdenfrage wird immcrmehr akut — auch in Westeuropa. „Wohin nur. die Juden ln größeren Scharen ziehen mögen, überall tragen sic in ihrem Rucksacke die Judenfrage mit." Also keine Pfuscherarbeit, keine Halbheit, keine Palliativmittel. Die Jüdenfrage ist eine radikale Frage, die Antwort muß auch radikal sein. Und eine solche Antwort 'ist — d i e ter ri t ori a l i sti s ch c. „Eine menschenwürdige Lösung der Jüdenfrage kann nur dadurch erreicht werden, daß ein freies Territorium geschaffen werde, auf welchem sie sich frei ausleben und ihren Volksgenius entfalten könnten." , So sprach Mandelstamin, her. erste Referent der Konferenz. : Freilich, die Konferenz wurde von der z i o n i st i - scheu Organisätioil-einberufen; die eingeladenen Mitglieder der Konferenz waren fast Dreiviertel — Z i o n isten. Aber Mandelstamm fühlte cs doch als seine Pflicht, sich von der erdrückenden Majorität der hier anwesenden Widersacher des Territorialismns nicht abschrecken zw lassen und ihnen unbeirrt und rücksichtslos seine tiefe Ueberzeugung cntgcgenzustellen. Und dies dürften ivohl auch die Zionisten zugeben: daß das! Referat des Territorialisten kraftvoller und überzeugender war, als die Referate der Zionisten. Es war der Glanzpunkt der Konferenz. — Die folgenden drei Referate stechen scharf gegen ihren Vorangeher ab; wie matte Färberei gegen ein grandioses Bild. Ihr Ton ist schwach, dumpf, unsicher. Als ob sie auf die Gemüter abkühlend wirken sollten — nach den glutvollen Worten Mandelshamm's über die Aussichtslosigkeit der russischen Juden in Rußland selbst. M o tz k i n ivill uns gar trösten: die russische Intelligenz sei den Juden freundlich gesinnt; auch die letzten Pogrome sprächen noch immer nicht zu ihren Ungunsten. . . . Man fühlt es hier so deutlich: ein gewisser Druck seitens der westeuropäischen Vertreter des neugebackenen Kredo — der russische Jude dürfe nicht auswandern, er müsse die Freiheit für Rußland erkämpfen — lastet wie ein Alp auf der Konferenz und besonders merkbar auf dem Referat des Herrn Motzkin. Daher eben die zaghafte Zurückgehaltenheit, die peinliche Rücksichtsnahme — die in den Verhandlungen der Konferenz schroff hervortritt und in den Resolutionen gar verdächtig erscheint. Man könnte fast versucht sein zu ' glauben: das Entgegenkommen der Konferenz, die. aus Treiviertel Zionisten bestand, inbezug auf die -Resolution N a t.h a n - H i l d e s h e i m e r sei vielleicht eine wohl vereinbarte Gegenleistung für die Unterstützung der Resolution betr. Kolonisation im prient. Es ist sonst an den Referaten noch bemerkenswert: daß der Zionist Nossig in seinem Referate zu einem territorialistischen Resultate gelangt; und daß der territorialistisch gesinnte Motzkin unbegreiflicherweise ant Schluß« seines Referates plötzlich einen Sprung in das zionistische Lager macht; dieser Schluß ist ohne jegliche Motivierung, ohne begründeten Zusammenhang mit dem Borangegangenen und erscheint nur wie ein cksus ox machina. So waren die Referate. Und nun die Resolutionen. Tie Resolution K o h a n - W a r b u r g besagt: Es soll eine Kommission ins Leben gerufen werden, die sich mit der Aufsuchung der Jürmigrationsländer, vornehmlich 'des Orients, befassen soll. Was für eine Immigration ist hier gemeinl? Eine zentralisierende? Das ist ja die Aufgabe des Territorialismus. Es heißt ja nicht Palästina, sondern Länder überhaupt — Jmmigrationsländer. Doch vornehnllich Orient — das verschlägt ja inehr. Mithin wäre also der Territorialismus von der Brüsseler Konferenz — das will sagen.: von den Zionisten und Vertretern westeuropäischer jüdischer Wohltätigkeitsinstitutionen — akzeptiert worden. Es ist aber hier wohl zerstreute Immigration zu verstehen. Nun fragt es sich: wieso kommen plötzlich die Zionisten dazu, eine dezentralisierende Immigration zu propagieren — sie, die doch stets dagegen eifrig kämpften? Man sieht hier, was man nicht alles zu tun imstande ist, wenn man nämlich nichts zu tun hat. Die R e s o l u t i on Moser will die Schaffung einer Organisation aller Juden. Darüber braucht man kaum ein Wort zu verlieren. Jeder ehrliche Jude wird in diese Resolution einstimmen. Aber cs ist und bleibt nur ein srommer Wunsch, dem wir viel Glück wünschen. — Und nun die dritte Resolution, vielmehr die Zurkenntnisnahme der Resolution Nathan- Hildesheimer: daß die Auswanderung der russischen Juden verhindert werden soll. Was will das bedeuten? Tie Sachlage ist ganz klar. Die Jüden in Rußland sind jetzt vogelfrei. Wer es nur will, ivem es nur einfällt; ob er daran seinen Spaß hat oder damit ernst ineint — jeder kann sie unbestraft und noch gut'belohnt ansplündern, ausschlachte», schänden, martern. Es ist begreiflich und auch wohl verzeihlich, ivenn nun viele Jüden diesem Schicksal zu entgehen suchen; ivenn sie, um mit Aiandelstamm zu sprechen, dem unerträglichen Druck des Elends, Hungers, des Ausgeraubtwcrdens weichen, aus dem Lande fliehen, nach allen Richtungen der Windrose sich zerstreuen und ihr Heit in der Fremde suchen: arnie, unglückliche Menschen, welche es instinktiv fühlen, daß sie von ihrer Heimat selbst in ferner Zukunft nichts zu erhoffen und daß sie anderswo nichts zu verlieren, haben, — und daher fliehen sic den sicheren Untergang, wenn sie auch nicht wissen: wohin? Sie wissen aber eins: hier können sie nicht mehr bleiben, hier existiert für sie kein Leben. Wie es ihnen in dem unbestimmten Torf ergehen ivürde? — es ist jetzt aber nicht die Zeit, sich das zu fragen: es gibt keine Wahl! Und diesen Unglücklichsten aller.• Unglüstlichcn rufen jetzt die glücklichen westeuropäischen jüdischen Hilfsvereinler, die ihrer Barmherzigkeit bereits müde geworden, so dreist und tapfer zu: Bleibet zu Hause! Diesen Elendsten aller Elendsten, die sich erlauben vor dem Tode zu fliehen, wird jetzt von der schüchternen Bourgeois — denen die süße Ruhe und das Nachmittagsschläfchen die erste Bürgerpflicht sind — der Vorwurf gemacht: Ihr seid Ausreißer, Deserteure im russischen Freihcitskampfe! — Und das Losungswort heißt nun: Verhinderung der Emigration ist die größte Tugend. Es bedeutet also nicht mehr und nicht weniger als: die Verhinderung der Juden an ihren letzten Rettungsversuchen. So beschlossen neulich unsere Wohltäter, die aus finanziellen Förderern der russischen Bureaukratie in allzuheiße Freunde der russischen Freiheitsbewegung Plötzlich — freilich nicht ganz plötzlich, sondern erst dann, als der Kurs sich bereits geändert hatte und die neue Macht gut fühlbar war — verwandelt wurden. Ihr eigenes Beschließen war ihnen noch nicht genug; sie wollten es auch von Nationaljuden sanktioniert wissen. Es ist! dabei wahrlich Erfreuliches zu konstatieren: daß die Assimilanten ihre Schwäche, ihren Mißkredit zu fühlen und die nationalen Vertreter als eine Autorität, als eine Bolkskraft zu schätzen beginnen. Und darum eben wollten sie jetzt die nationale Brüsseler Konferenz dazu mißbrauchen, um ihrem neuen Grundsatz der Emigrationsverhinderung mehr Ansehen zu verschaffen. Und die Konferenz hat sich mißbrauchen lassen. Es ist ein Mißbrauch, weil die Konferenz einen nationalen Charakter hatte. Es beleidigtuns nicht so, wenn'' Assimilationsjuden solche grausamen Beschlüsse fassen — sie können uns nicht mehr beleidigen; aber es ist tief beschämeird, wenn ihnen Nationaljuden ihre Zustimmung geben — und die Majorität der Konferenz, in deren Macht also die Entscheidung über jede Resolution lag, war ja zionistisch! ■- Steckt da nicht Diplomatie dahinter? Wir vermuteten sie bereits oben. Man würde hier wohl einwenden: diese Resolution wurde ja nicht angenommen, sondern zur Kenntnis genommen. Was heißt' denn aber: zur Kenntnis nehmen? Das ist eine gelinde Form der Zustimmung. Wenn man etwas zur Kenntnis nimmt und es nicht mißbilligt — so billigt man es eben dadurch. Aber auch abgesehen davon! Die Konferenz hätte selbst mich ein neutrales Verhalten einer solchen Resolution gegenüber nicht rechtfertigen können. Eine — nationale Konferenz mußte gegen dieses leichtfertige Umgehen mit Tausenden von Juden einen Protest erheben; einen scharfen, deutlichen, rücksichtslosen Protest — ini Namen der jüdischen Masse, die gegenwärtig keinen Ausweg als die Flucht hat und nun an ihrer Flucht verhindert werden sollte. Und die Brüsseler Konferenz hat nicht nur dagegen nicht protestiert, sondern sogar es zur liebenswürdigen Kenntnis genommen. Und dies bleibt ein Schandfleck! * Wir sind nun mit der Tätigkeit der Konferenz fertig — mit ihren Referaten und Resolutionen. Was hat die Brüsseler Konferenz geleistet? — haben wir am Anfang unserer Betrachtung gefragt. Wir können jetzt die Antwort geben: die günstige Leistung der Konferenz ist — das äesiäerivm pium betreffs Schaffung einer alljüdischen Organisation und das Referat des Pros. Mandelstamm. Aber ein frommer Wunsch istnochkeine Leistung und das Referat Mandelstamms ist wohl vielmehr I e i u e Leistung als etwa eine Leistung der Konferenz. -Jakob b. Elijah. In der Nacht von Freitag ans Samstag brach bei i»ir der Uhrmacher Hermann Abraham aus Kassa (Ungarn) ein und raubte 800 JL bares Geld, von dem der größte Teil einer Witwe Sultan, die es mir ivährend ihres Aufenthaltes im Rothschild-Spitale zur Aufbewahrung übergeben hatte, gehört. Der Mraham ist etwa 27 Jahre alt, mittelgroß und trägt einen schwarzen Bollbart. Ich bitte alle jüdischen U n t e r st ü tz u n g s - lassen, hiervon Notiz zu nehmen und bei Vorsprechen den Abraham von der Polizei festnehmen zu lassen. Frankfurt a. M. Josef Horngrad, Eierhandlung, Langestraße 63. Vereins - Kalender. Verein Mekor-Chajim. Sonntag, den 4. März 1906, abends 6 Uhr, Vorlesung des Herrn Julius Hirsch aus „Jesaias". Zionistische Bereinigung Frankfurt a. M. Dienstag, den 6. März, Kürsaal Milani, Friedb. Anlage, abends 8:1/i Uhr präzise: Vortrag des Herrn Referendar Dr. Schwarzschild: Heinrich Heine und seine Beziehungen zu den Juden. Im Anschlüsse daran findet eine geschlossene Mitgliederversammlung statt: T.-O.: Ergänzungswahl zum Vorstande. Verein Montefiore. Mittwoch, den 7. März, abends 9 Uhr, Seilcrstraße 22,Part., Vortrag des Herrn Leo Horovitz: „Kunstgewerbliche Bearbeitung des Silbers". Verein Tiseres Bachurim. Sonntag, den 4. März, abends 8% Uhr, Hermesweg 25/27, Vortrag des Herrn Baracker: „Rabbi Jochanan ben Sakkai". Israelitischer Mädchenklub Fahrpwse 148. V" Jeden Abend von 7^—lO XJhr geöffnet. Vertretungen leistungsfähiger Fabriken in Oefen und Herde. VAamtAlJAn von Rahmen int Möbel V ergfOHieiljoh. Cour. Ufirth, Gegründet 1889. Waldsclimidtstrasse 49. Telephon 7433. X Hermann Randenberg» * X Telefon 9798. Bergerstrasse 33. X X Täglich frische Süssrahmbutter, X X Eier, Käse, Bienenhonig u. s. w. X

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