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Neue jüdische Presse · 1906-03-02 · Heft 9 (2.3.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Beilage zu Nr. 9 des Frankfurter Jsmelitischea FamiliMattes. Inhalt -er Beilage: ' Artikel: Gedächtnisblätter einer jüdischen Mutter. — Von den Leiden der marokkanischen Juden. Pers onalien. — Aus der Lehr er Welt. — Aus den Vereinen. — Aus der zionist. Bewegung. — Sprechsaal. — Vereinsk a l e n d er. — „JüdischeJugcn d." Gcdächtnisblätter einer jüdischen Mutter. (Nachdruck verboten.) IV. Wer kann oder darf alles schreiben oder sagen, was uns sündigen Menschen im Leben passiert und was sich alles an wunderlichen Dingen zuträgt. Ich bin ungefähr 25 Jahre alt gewesen und mein lieber Mann ging gar fleißig seinen Geschäften nach und obgleich ich damals doch noch recht jung an Jahren >var — ich sage das nicht etwa mir zum Ruhme — hat mein lieber Mann von niemandem eineu Rat angenommen, ohne daß wir die betreffende Sache zusammen durchgesprochen hatten. Damals kam ein junger Mann, naniens Mordechai, der bei meinem Schwager Lippmann, genannt Leffmann Behrens in Hannover, in Dienst gestanden, von Hannover zu uns nach Hamburg. Er hat uns sehr gut gefallen, sodaß wir beschlossen, ihn als Gehülfen bei tins aufzunehmen, um ihn in Geschäften auf die Reise zu schicken. Obwohl er aus Polen stammte, so merkte man ihm das an der Sprache nicht, an. Da wir gehört hatten, daß "in Danzig viele Unzen Perlen, die damals besonders gangbar waren, zu Kauf standen, so schickten wir ihn mit einem Kreditbrief auf mehrere Hundert Rcichstaler dorthin, nachdem wir ihn genau im Einkauf unterwiesen hatten. Hätten wir damals versucht, lieber in Danzig Juwelen zu verkaufen als einzukaufen, so hätten wir ein viel größeres Geschäft machen können, aber man war damals so sehr auf den Perlenhandel versessen, daß man alle anderen Geschäfte bei Seite ließ. Unser Mordechai reiste also nach Danzig, kaufte Perlen ein, schickte sie uns hierher und wir machten ein gutes Geschäft damit. Trotzdem nun Mordechai ein noch junger Mann war, Nwlltc er heiraten und nicht länger in Danzig bleiben. Er kehrte nach Hamburg zurück, verlobte sich und wollte in einem halben Jahre Hochzeit machen. Mein lieber Mann wollte ihn in der "Zwischenzeit wieder nach Danzig schicken, aber leider wollte ein Verhängnis, daß er dazu nicht zu bewegen war. Er sagte, bis ich hin und her gereist bin, ist meine Brautzeit vorüber, lieber will ich in Deutschland auf de» Einkauf von Wein gehen. „Was kommt Dir in den Sinn, Wein zu kaufen," sagte mein lieber Mann, „an Deinem Weingeschäft will ich keinen Anteil haben." „Nun, wenn Ihr Euch nicht beteiligen wollt, so werde ich für mein eigenes Geld einkaufen," entgcgncte Mordechai darauf. Obschon mein lieber Mann davon nichts wissen wollte, und versuchte, ihm in Guten: und Bösem diesen Gedanken auszureden, hals dennoch alles nichts. Er hatte sich diese Reise so fest vorgenommen, daß ihn kein Mensch davon abbringen konnte. Mein lieber Mann hat seinen zukünftigen Schwiegervater zu ihm geschickt, damit der ihn von der unglückseligen Reise zurückhalte, aber alles hat nichts gefruchtet. Es scheint Bestimmung gewesen zu sein, daß dieser gute Mensch anderen den Platz räumen sollte, denn wenn ihn Gott am "Leben erhalten hätte, wären vielleicht Juda und Jisachar Katz nicht zu ihrem Reicht::»: gekou:n:en, wovon ich noch berichten werde. Mordechai ist also auf eigene Rechnung auf den Weinhandel ausgezogen und hat ungefähr 600 Reichstaler mitgenommen. Als er nach Hannover kam, gab er meinem Schwager Lippmann das Geld, damit der es ihn: nach dem betreffenden Einkaufsplatze, den er aufsuchen wollte, überweise. Von Hannover aus mußte er nach Hildesheim, und da er sehr sparsam war und es nicht über sich bringen konnte, von Hannover aus die Post zu benutzen, oder vielmehr Gott es nicht hat haben wollen, ist er zu Fuße marschiert, denn Hannover ist nur drei Wegemeilen von Hildesheim entfernt. Noch keine Sabbatgrenze (tchum schabbas gleich 18 Wegminuten) von Hannover aus begegnet ihm ein Bauersmann, ein Wildschütz, und sagt zu ihm, gib mir ein Trinkgeld oder ich erschieße dich. Mordechai lacht ihn aus, denn zwischen Hannover und Hildcsheim ist der Weg so sicher, wie zwischen Hamburg und Altona. Der Schütze aber sagt: „Du jüdisches Aas, was bedenkst Du Dich lang, sage Ja oder Nein." Darauf legt er sein Gewehr an und schießt den Mordechai durch den Kopf, daß er auf der Stelle tot hinfällt. Sonst ist auf diesem Wege keine Viertelstunde Ruhe, zum großen Unglücke ist aber zufällig kein Mensch in der Nähe gewesen. Auf diese schreckliche Weise hat so der wackere, redliche Jüngling den Tod gefunden und hat anstatt seinen Hochzcits- und Ehrentag zu feiern, so schuldlos ins finstere Grab sinken müssen. Mein Gott! Wenn ich heute noch daran denke, stehen mir die Haare zu Berge. Was war er für ein recht frommes, gottesfürchtiges Kind! Hätte ihm Gott das Leben erhalten, so wäre er für große Dinge ausersehen und auch für ::ns wäre es von Vorteil gewesen. Gott weiß es, wie tief cs mich und meinen lieben Mann geschmerzt hat und wie sehr bekün:u:ert wir gewesen. Nachden: der Jüngling kaum am Boden gelegen und sich in seinen: jungen Blute gewälzt, kamen Leute aus Hildesheim und fanden den entseelten Leichnam. Sofort erkannten sic ihn, denn er war in der ganzen Gegend wohlbekannt gewesen und sorgten, daß er sofort bestattet wurde. Was war das für eine Trauer und ein Wehklage:: im ganzen Umkreis. Was half das aber alles, sein junges Leben war hinweggcnommen. Sofort hat man von Hildesheim und Hannover an uns geschrieben, in dem Glauben, er habe viele Gelder von uns bei sich getragen. Er hatte aber nur einige Taler für Reisezehrung in der Tasche. Man ließ nun von Hannover und Hildesheim aus nichts unversucht, um den Mörder ausfindig zu machen, jedoch vergebens. Der Mörder war auf Nimmerwiedersehen geflüchtet. „Gott möge sein Strafgericht an ihn: üben, wie an allen Blutschuldigen der Heiligen und Frommen!" „Alles, was geschehen ist, ist nicht mehr zu ändern und besonders die Waltung über Tod und Leben muß man dem Höchsten anheimstellen!" (Fortsetzung folgt.) Bon den Leiden der marokkanischen Juden. (Aus einem Schreiben des Direktors der Alliance- Schule, Herrn Gnöron, in Casablanca.) < A. Die Inden von M 'zab. Vier Tagemärschc nordöstlich von Casablanca liegt der Flecken M'zab, auch „Stadt des Riti Jzon Amaöl" genannt, rings umgeben von Bedukncndörfern wie z. B. Beni Hof Ouardiga, wo zahlreiche Juden leben, zumeist Hausierer, oder Schuhslicker, die von den Märkten und Messen, die in diesen Kiistengegenden häufig sind, hierher gezogen wurden. Das Ausbleiben der Ernte hat die Araber in diesem Jahre besonders anspruchsvoll gemacht, der Hunger peitschte alle ihre räuberischen Instinkte ans» sodaß sie unsere armen Glaubensgenossen ohne Gnade mißhandeln. Ter Maghzen, wegen der Rivalitäten der Mächte an keine Rücksicht gebunden, setzt seine Drangsalierungen fort; unaufhörlich werden unsere Glaubensgenossen durch neue Schreckensnachrichten beunruhigt. Viele, die die Angriffe der Araber auf Leben und Habe nicht länger ertragen können, verlassen ihre Dörfer, um sich in die Städte an der Küste zu zerstreuen, wo sie bei ihren Brüdern Zuflucht zu finden hoffen. Ein trauriger Exodus hat begonnen. Meist werde,x die Unglücklichen auf dem Wege all ihrer Habseligkeiten beraubt und gelangen in schauderhaftem Zustande an: Ziel ihrer Reise an. So ging es einigen Unglücklichen, aus deren Munde ich das Folgende vernahm: Tie Schuhflickerfamilie Zenou bewohnte seit langem M'zab. Ta sie seine Arbeit mehr fand, so entschloß sie sich, nach Casablanca zu gehen. Der Vater, 3 Söhne, ihre Frauen, 2 Schwestern und 2 kleine Kinder machten sich auf die Reise. Kaum hatten sie M'zab verlassen, als eine Räuberbande sich ans sie stürzte und sie ausplünderte. In Ouardiga stoßen sie auf einen 'Araber, dem sie eine Geldsumme schulden und der nun die Schuld von ihnen cinfordert. Umsonst erzählen die Flüchtlinge ihr Abenteuer. Ter Araber verhindert die Beerdigung des auf dem Wege vor Schreck gestorbenen Familienvaters und behält als Geisel eine der Frauen zurück, die im 8. Monat schwanger ist: er droht, sie zwangsweise den: Islam znznführen, wenn man ihm nicht seine 10 Duros gibt. Jetzt hat sich der Trupp in unserer Schule eingefunden. Ein und einen halben Monat hatte er für die Reise von M'zab nach Casablanca gebraucht. Ich gab den Unglücklichen Kost und schrieb dem englischen Konsul, er möge sich bei dem Kaid verwenden, dainit man die Frau zurückgebc. Konsul Mac Lean schickte mir einen seiner persönlichen Freunde, der mich zuin Kaid begleitete. Wir erhielten ein Schreiben an den Kaid von Ouardiga und veranstalteten eine kleine Sammlung. Tie Flüchtlinge nrarschierten zurück, um die junge Frau zurückzuholcn, und ich erfahre soeben, daß sie ihren Angehörigen übergeben worden ist. li. Gefangene Juden i n C a s a b l a n c a. In: April 1905 setzte solgender Vorfall die jüdische Gemeinde von Casablanca in Bewegung. Ein arabischer Trunkenbold hatte die Gewohnheit, täglich in dem Laden eines unserer Glaubensgenossen zu betteln. Eines Abends, voller noch als gewöhnlich und erbittert durch die Abweisung, die er erfuhr, wollte er aus dem Laden eine Flasche Getränk gewaltsam wegnehmen. Ter jüdische Budiker entriß sie ihm. Ein Handgemenge folgte. Tie Einen sagen, daß der Budiker den Trunkenbold stieß, sodaß er rücklings hinsiel und auf der Stelle einem Schlaganfall erlag. 'Andere nreinten, daß der Jude ihn ans den Kvpf schlug und der Araber an den Folgen dieser Schläge starb. Wie dem auch sei, die Bevölkerung fand darin eine schöne Gelegenheit, ans die Juden loszngehen. Mehrere wurden schwer, andere leichter verwundet. Während einiger Tage herrschte Panik. 'Aus »reine 'Anregung schritt der französische Konsul energisch ein. Tie Unruhen legten sich allmählich, aber der Kaid sperrte den angeblich Schuldigen, um den Forderungen der Menge ein wenig entgegenznkommen, ein. Tie Zeugen, auf welche dieser sich berief, wurden festgenommen und ebensatls ohne irgend ein Prozeßverfahren auf brutalste Weise eingekerkert. Von dreser Zeit an verblieben die Aermsten im Gesängnis trotz aller zu ihren Gunsten unternommenen Schritte. Erst vor wenigen Tagen wurden sie in Freiheit, gesetzt dank dem neuerlichen Eingreifen des sranzösischen Konsularsekretärs, der sich auf mein Betreiben beim Gouverneur für sie verwendete. Einer der bisher gefangen gehaltenen verfiel soeben in schwere Krankheit. Ter Konsularsekretär begab sich darauf zum Gouverneur und erklärte ihm, daß er ihn persönlich verantwortlich mache, wenn der Kranke sterben sollte. Darauf befahl der Gouverneur, daß man für die Wiederherstellung der Gefangenen Sorge trage. Personalien. Berlin. In jugendlicher Frische feierte der Geh. Kommerzienrat H e l f f t seinen 70. Geburtstag. Zahlreiche Deputationen überbrachtcn dem Jubilare ihre Glückwünsche. Unter den hohen Würdenträgern, die persönlich gratulierten, befanden sich der Chef der Reichskanzlei v. L ö b e l l, der die Glückwünsche des Reichskanzlers nberbrachte, General-Adjutant v. P l e s s e n und der mecklenburgische Gesandte 'Exzellenz v. O e r tz e n. Letzterer überreichte dem Jubilar das „Komturkreuz des mecklenburgischstrelitzschen Greifenordens" und sprach den Wunsch aus, daß die Beziehungen zwischen hem großherzoglichen Hofe und dem Bankhause Helfft noch lange fortbestehen mögen. Berlin. Die Oberlehrer Dr. Fernbach, Kutncsky, Dr. S amter, Dr. Oppenheim, Dr. Türk und Dr. Schlesinger, sämtlich in Berlin, erhielten den Titel „P r o f e s s o r". Berlin. Professor Dr. Fritz Straß mann, der angesehene Lehrer der gerichtlichen Medizin und gerichtliche Sachverständige, ist zum Geheimen Medizinalrat ernannt worden. Liegnitz. Die städtischen Körperschaften verlieben den: seit 30 Jahren dem Stadtverordneten-Kollegium angehörenden Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Cohn das Ehrenbürgerrecht. Schönlanle i. Posen. Die Erben des in Posen verstorbenen Herrn S ch ö n l a n k haben der jüdischen Gemeinde JL 3000 überwiesen, die als Grundstock zum Bau eines Gemeinde-Armenhauses verwendet werden sollen.

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