Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Frankfurter Israelitisches FamilienLlati. Seite 3. kehr des dreißigsten Tages nach ihrer Beerdigung in der größten Odessaer Synagoge zu betrauern. Die Rede liegt mir jetzt 'gedruckt vor, und ich will einige charakteristische Stellen ans dieser in jeder Beziehung .historischen Rede wiedergeben. „Ladet misoüomajim ured, nechschawnu kazaun latewach juwol". Ter Tod ist das Ende aller Menschen. Aber cs ist nicht zu vergleichen der gewöhnliche Tod eines Menschen mit dein Tod, wie ihm jetzt, viele unserer Brüder und Schwestern zum Opfer gefallen sind. Dieser Tod ist ein doppelter Tod, -ein schmachvoller Tod. Man hat uns wie'Vieh zur Schlachtbank geführt, aus der Odessaer Gemeinde ein Schlachthaus gemacht. Jene Märtyrer sind dem Tiere in dem Mensche» zum Opfer gefallen, und daher ist der Schmerz ein größerer, das Unglück ein gewaltigeres. Aber doch ein Trost „Uwecliol saus Schimclio lau schochoclmu". Inmitten dieser Schlacht, inmitten dieses Morden» von Greisen, Frauen und Kindern haben wir Gottes nicht vergessen. Wir haben die heiligen Thorarollen in den heiligen Läden verteidigt, mit unserem Leben verteidigt, damit der Name des Allmächtigen nicht geschändet wird. — Der Besitz dieses jüdischen Bewußtseins in diesem großen Unglück möge uns noch Trost bieten. IN dieser seiner letzten Rede spricht der Verblichene von den Aufgaben des jüdischen Volkes und brandmarkt diejenigen unserer Jungen, welche wegen einiger utopistischer Ideale so viel Blutvergießen verursacht. (Gemeint sind die Bundisten. D. Redakt.) Seine letzten Worte in dieser Rede lauten: „Das Unglück des jüdischen Volkes ist ein doppeltes. Innerlich werden wir durch Pogrome aufgezehrt, und als ganzes stehen wir heimatlos, ohne Boden unter unfern Füßen da: Wenn es nur ein Mittel gibt, die Wunde unseres Volkes zu heilen, so ist es nur das eigene Heim, ein eigener Boden. Nur auf eigenem Boden können wir uns von den großen Schlägen erholen." So sprach Rabbi David Slouschzin der Schloschimfeier vor zehntausend Juden der vielgeprüften Stadt. Und wer' wie er kannte unsere Bedürfnisse und wußte, was uns not tut? — — — — — Als großer .Jude znm Wohle seines Volkes gelebt, als großer Jude gestorben. In den Annalen aller jüdischen Kedoschim wird auch der Name David Schlomo Slouschz in goldenen Lettern geschrieben sein. Die Woche. Die D i s k u s s i o n über die Brüsseler Konferenz ist noch nicht zu Ende; doch so weit man aus den Berichten und Preßstimmcn entnehmen kann, werden Verlauf und Resultate der Konferenz güpstig beurteilt. Die einzigen, die init beizender Ironie Kritik üben, sind die Jtoisten. Auch in unserem Blatte finden die Leser den negativen Artikel eines Jtoisten, dem wir trotz seiner scharfen Ausfälle Raum gewährten, um die Stimmung in jenen Kreisen wiederzngeben. Wir haben schon bereits früher unserer Zufriedenheit über das Zusammengehen der großen Korporationen in dem Hilfswerk für die russische» Brüder Ausdruck gegeben; was wir heute noch hinzufügen wollen, ist, daß wohl die Konferenz noch manches zu bewerkstellige» gehabt hätte, daß sie aber mangels genügender Kräfte nicht in c h r b e w e r kst e l l i g e n konnte. Mit dieser Tatsache mutz jeder objektiv Denkende rechnen, da nützen alle scharfen Worte nichts. * * Eine Zeitlang galt der russische Premier als Liberaler; doch bald sollte die Welt ihren Irrtum einsehen, und heute herrscht Einstimmigkeit darüber, daß der sich liberal gebärdende Graf ein waschechter Reaktionär ist. Uns scheint, daß man den Grafen Witte auch heute noch nicht richtig beurteilt. Wenn er manchen liberalen Akt vorgenommcn hat, so waren unseres Erachtens nicht nur Anleihe-Rücksichten, sondern auch der wankelmütige Charakter Wittes bestinimcnd. Witte fehlt jegliche Ueberzeugung, er ist gleichzeitig liberal und konservativ und daher keines von beiden; nur das eine kann man von ihm bestimmt sagen, daß er Großstreber ist, der unter allen Umständen die Zügel in der Hand behalten will. Beständig sind ^seiue Blicke auf "den^ kaiserlichen Hof gerichtet; welcher Wind dort weht, solche Töne läßt er erklingen. Als die Wogen der Revolution hoch gingen und alles — vom Chederjnngcn bis znm siechen Greis — revolutionär gestimmt war und man auch am Hof zu Konzessionen geneigt zu sein schien, sang der Graf ein liberales Lied. Nachdem aber die Wogen zu überfluten begannen und die Gesellschaft von der Anarchie müde zu werden anfing und auch am Hofe sich die Gesinnung wieder änderte, fing der Gras ein Totenlied von Kugeln und Kanonen zu singen an. Mein der Graf ging — wie jeder, der keine Ueberzeugung hat — beide Male in seinem Uebereifer zu weit, und alle Welt beginnt heute, wie damals, des Witte'schen Spieles müde zu weiden. Jetzt heißt es, der Graf macht wieder eine Schwenkung nach links. Daß man ihm nicht trauen kann, liegt auf der Hand. Nunmehr hängt alles von der Duma ab, die endlich am 10. Mai zusammentreten wird. Was da kommt, ist schwer im Voraus mit Bestimmtheit zu sagen: Vorläufig bietet die Regierung alles auf, die Oppositionellen von der Dumä sernzuhalten. Und doch ist es nicht unmöglich — bei dem Haß und Mißtrauen, die die Gesellschaft der Regierung entgegenbringt, daß alle Pläne der Regierung scheitern. Was unsere Brüder anbelangt, so hängt für sie viel von der Zusammensetzung der Duma ab. Mwarten! Aus crKev Wett. Deutsches Reich. 0. Frankfurt a. M. Das herannahende Purimfest .wird wieder kleine Sammler auf ihrem Posten finden, welche für Altersgenossen, denen das Elternhaus fehlt, um eine kleine Gabe bitten werden. Allerdings nicht direkt für die Kleinen, aber für das Haus, das ihnen znm zweiten Elternhaus geworden ist, für das Kinderheim zu Diez a. d. Lahn. Dieses Kinderheim bietet den Verwaisten und Armen Erziehung, Kleidung und Nahrung, hier verleben sie eine fröhliche Jugendzeit; aber dieses alles kann nur geleistet werden, wenn die „Purimspcnde" reichlich diesem Institut zusließt. Es ist ja für jeden einzelnen nur eine ganz kleine Gabe, die die Sammler- Hand heischt, und ist cs gewiß zu erwarten, daß die kleinen Sammler freundlich werden empfangen und durch das Resultat ihres ^rammelfleißes werden erfreut werden. Wenn noch hinzugefügt wird, daß auch in Llussicht genommen ist, russischen Waisen das Heim zu öffnen, wenn es. darum angegangen wird, so wird die Geberhand gewiß noch um so bereitwilliger zur Spende sich öffnen. Frankfurt a. M- Die öffentliche Sitzung des A n s s ch u sses der israel. Gemeinde am verflossenen Donnerstag Abend war nur kurz und ohne wichtige Punkte. — Ter erste Gegenstand betraf einen Zuschuß zu der von dem Deutsch-Israelitischen Gcmeindebnnd geplanten Anstalt für schwachsinnige jüd. Kinder. Nach kurzer Debatte wiro der Antrag aus Bewilligung von 10 000 Jk angenommen mit der Maßgabe, daß tunlichst ein Frankfurter Mitglied des VerwaltnngsratcS werde. — Für die Ummaucrnug des Friedhofes in Bockenheim — der Friedhof wird nicht mehr belegt, wodurch ein Teil des Geländes zur Veräußerung frei .wird, der erst verlaust werden darf, wenn der Friedhof völlig ummauert ist — müssen Jk 163-1 aufgewendet werden. Ter Betrag wird genehmigt und die Ausführung der Firma Heinrich Fischer übertragen. — In der Hauptsynagoge ist eine Verbesserung der Heizkörper notwendig; die Firma Antrick will die Ausführung für Jk 2200 übernehmen. Ter Betrag wird bewilligt. — Tie Versammlung ist damit einverstanden, daß der Vorstand für die Leitung des Wochentaggottesdienstes in der Hauptsynagoge Herrn Lehrer Eckmann gegen sechswöchentliche Kündigung anstellte. Ta die Rabbiner in der Regel dem Wochentaggottesdienst nicht beiwohnen, erweist sich die Errichtung eines derartigen Postens als geboten. — Schließlich nimmt die Versammlung von der Mitteilung des Vorstandes Kenntnis, daß der Leopold Goldschmidt'schen Stiftung für Rekonvalescenten im Betrage von 100000 Jk, testamentarisch vermacht von der im Vorjahre in Wiesbaden verstorbenen Frau Elisabeth Sichel, geb. Goldschmidt, die landesherrliche Genehmigung erteilt ist. Berlin. Anläßlich der Silbernen Hochzeit des Kaiserpaarcs hat der Dentsch-Jsraclitische Gemeindebuud Sr. Majestät von dem Beschluß des Ausschusses Meldung gemacht, auf dem von der Stadtgemeinde Beelitz bei Potsdam geschenkten Terrain mit den von jüdischen Gemeinden und Privatleuten gespendeten Mitteln als Jubiläumsstiftung eine Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene israelitische Kinder aus ganz Deutschland zu begründen. In einer Anlage zur Äldresse sind die Namen der Spender aufgeführt worden. Tie bisher gestifteten Summen betragen insgesamt 35 000 Jk Es steht zu hoffen, daß es bald gelingen wird, die zum Bau noch fehlende beträchtliche Restsumme zusammenzubringen. Wie schon früher bei patriotischen Anlässen hat der Deutsch-Israelitische Gemeindebuud auch diesmal zum Gebrauche beim Festgottesdienst eine von einem Berliner Rabbiner verfaßte Festpredigt durch Vermittlung des Verbandes der jüdische» Lehrervereine und des.provisorischen Vorstandes des Kantoren-Berbandcs den eines Predigers entbehrenden kleinen Gemeinden zugestellt. Berlin. Zur Beratung des Preußischen S ch u l u n t e r h a l t u n g s g e s e tz e s schreibt „D i e P o st", das sreikonservative Organ des Freiherrn v. Zedlitz-Neukirch, daß die Kosten der „linksliberalen Agitation" gegen den Schulgesetzentwurf hauptsächlich mit jüdischem Gelde bestritten werde. Niemals ist ein Vorwurf unberechtigter gewesen als dieser. Wahrend früher die speziellen Wünsche der jüdischen Bevölkerung bald dieser, bald jener Partei vorgetragen wurden, ist diesmal bei dem «chulgesetzentwurf der Verband der Deutschen Inden selbständig und ohne Anschluß an eine bestimmte Partei, also auch ohne Anschluß an die linksliberalen Parteien, vor die Oesfentlichkeit und an den Landtag getreten. Es war also keine Veranlassung, die linksliberalen Parteien in irgend einer Weise besonders für diese Agitation zu interessieren oder die Kosten einer Agitation der liberalen Parteien zu übernehmen. Es ist das glte Spiel, daß manche Politiker eine gegnerische Sache dadurch zu diskreditieren suchen, daß sie dieselbe als im jüdischen Interesse stehend bezeichnen. Gerade Mitglieder der srcikonservativen Partei haben aber diesmal aus eigenem Antriebe anerkannt, daß die Beschwerden der Berbands- Tenkschrift über die Behandlung der Juden im Gesetzentwurf nur zu berechtigt waren. Eine Zeitung wie „Tie Post", sollte sich doch zu vornehm dünken, um auch nur einem gelegentlichen Mitarbeiter eine derartige Entgleisung durchgehen zu lassen. Berlin. Der geschäftsführende Ausschuß des H i l f s v e r e i n s der deutschen Juden hat sür E r z i e h u n g s - und Unterrichtszwecke i n P a l ä st i n a jetzt eine Reihe von Bewilligungen vorgenommen, insgesamt in Höhe von rund 33 600 Mark. Die Subventionen der Kindergärten in I e r u s a l e m und Jaffa wurden erhöht, in Jaffa ist eine neue Knabenschule begründet worden. Der Etat für die Lehrerbildungsanstalt, die der Hilfsverein im Jahre 1801 in Jerusalem errichtet hat und deren Ausbau im April 1907 abgeschlossen sein wird, ist für das Schuljahr 1906 bis 1907 auf 18500 Fr. festgesetzt worden. In dieser Summe sind 1500 Fr. Stipendien enthalten, die nach Lage der Verhältnisse für die Besucher der Anstalt aufgewendet werden müssen, denen der Unterhalt aus eigenen Mitteln während der Studienzeit nicht möglich ist. Außerdem ist sür Stipendien, die im Jahre 1905/06 verausgabt wurden, ein Betrag von 550 Fr. nachbewilligt worden. Die traurigen Verhältnisse in Rußland haben die Unterstützungen, die bisher von dort nach Palästina flössen, versiegen lassen, und die Ausfälle müssen von anderer Seite gedeckt werden. Für Lehrmittel und den Ausbau der Seminarbibliothek sind 1000 Fr. gewährt worden. Die Anschaffung von Lehrmitteln und die Erweiterung der Seminarbibliothek war besonders geboten, weil sich den jungen Leuten in Jerusalem nicht diejenige Gelegenheit zur Erweiterung ihres Anschauungskreises bietet, wie es in einer gleichgroßen Stadt in Europa der Fall ist und deshalb ist eine möglichst vollkommene Anschaffung von Apparaten speziell für den physikalischen und chemischen Unterricht notwendig. Zur Vervollständigung der Turngeräte und Verbesserung des Turnplatzes sind 500 Fr. ausgcsetzt worden. Für die beiden Kindergärten in Jerusalem, die sich in schönster, segensreichster Weise entwickeln, wurden 3500 Fr. bewilligt. Für den Kindergarten in Jaffa ist die gleiche Summe gewährt worden. Die Bewohner eines anderen Stadtviertels von Jerusalem projektieren die Gründung eines dritten Kindergartens; der Hilfsverein erwägt, auch für diesen einen Zuschuß zu gewähren. Einem lange enipfundenen Bedürfnis hat der Hilfsverein der deutschen Juden durch die Errichtung einer Knabenschule in Jaffa, einem der Zentren der jüdischen Bevölkerung Palästinas, abgeholfen. Die Schule soll sechsklassig sein, die beiden obersten Klassen sollen je zwei Jahrgänge enthalten. Der vollständige Ausbau dieser Schule wird im Jahre 1912 erfolgt sein. Die Kosten der Schule für das erste Jahr belaufen sich auf 5300 Fr. Für Hebron sind entsprechend einem Antrag aus dieser Stadt für Schulunterricht in Hebräisch, Rechnen und Religion 700 Fr. bewilligt worden. Ter Hilfsverein wird der iveitercn Ausgestaltung des Schulwesens in Palästina fortgesetzt das größte Interesse zuwenden und erwägt bereits die Errichtung neuer Schulen, und durch das Lehrerseminar des .Hilfsvereins wird es möglich werden, was bisher immer eine sehr große Schwierigkeit gewesen ist, die zu begründenden Schulen mit geeigneten Lehrkräften zu versehen, die eine wissenschaftliche und religiöse Bildung genossen haben und somit in jeder Hinsicht den Ausgaben gewachsen sind, die sie in Palästina zu erfüllen haben. Ferner hat der geschästsführende Ausschuß für die Schule Reschith Dath in Bukarest und die