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Neue jüdische Presse · 1906-03-02 · Heft 9 (2.3.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Frankfurter IsraelitiMes Familienblatk. Nr 9. Seite 2. zu Hllse und machte die Versammlung daraus aufmerksam, daß der Vortrag des geehrten Referenten durchaus nicht den Charakter eines politischen Referats trage. Er bestätigte die Nachricht, daß die Pforte jetzt m i t a l l e r B e st i m m t h c i t d i c Tore Palästinas den aus Rußland fliehenden Juden ohne jede Schwierigkeit öffnen werde. Tie liberale Presse, mit dem neuen großen Morgcnblatt „Tribüne" an der Spitze, hat jetzt eine schonungslose Kampagne gegen die A l i e n b i l l eröffnet. Die Liberalen versprachen vor den Wahlen, dieses schniachvolle Gesetz, das seine Entstehung der konservativen Regierung zu verdanken hat, aus der Geschichte dieses freien Landes zu verbannen. Nach ihrem geivaltigen Wahlsiege scheinen sie nun entschlossen zu sein, das Versprechen in Erfüllung zu bringen. Zu der jetzige» Kampagne trägt auch nicht wenig die Art und Weise, wie die Beamten das Einwanderungsgesetz handhaben, bei. Diese' Beamten, die noch von der konservativen Negierung eingesetzt wurden auf Empfehlung Sir Evans-Gordons, der sie wahrscheinlich antialienistisch überzeugungstüchtig gefunden hat, brachten in der letzten Zeit einen solchen Eifer in der Ausübung des Gesetzes an den Tag, daß sie die grausamsten Pläne der wildesten Fremdcnfcindc übertrafcn. Sic scheinen nicht bemerkt zu haben, daß sich die Verhältnisse so verändert haben. Unzählige Fälle kamen vor, wo Immigranten, die körperlich und geistig vollkommen gesund waren, einen guten Ruf hatten und über die nötigen fünf Pfund Sterling verfügten, zurückgewiescn wurden, weil, sie irgend eine minderwertige Frage des Beamten nicht zu seiner Befriedigung beantworten konnten. Auch Transmigrantcn, die im Besitze von Fahrkartei: nach Süd - Afrika und Anicrika waren, wurde ans irgend cineni unbedeutenden Grunde die Landung verweigert, ja, selbst politische Fremdlinge und Deserteure wurden zurückgeschickt, obwohl alle Beweise dafür vorhanden waren, daß sie die Wahrheit erzählten und obgleich die Beamten wußten, daß diese Unglücklichen, die die Ufer dieses . Landes unter den größten Gefahren aufsuchten, um hier Ivenigstcns ihres Lebens sicher zu sein, einem sicheren Tode entgegcngehcn. So lange die öffentliche Meinung mit den Wahlen beschäftigt war, beachtete niemand das Treiben des Immigration-Board, jetzt aber, wo die Liberalen zu handeln beginnen, konnten solche Dinge in „kree England" nicht unbestraft Vorkommen -und die öffentliche Meinung mußte ihre Stimme des Protestes und der Einpörung erheben. Es ist jetzt natürlich noch unmöglich zu sagen, welche Resultate die Kampagne erzielen wird, es unterliegt jedoch keinen: Zweifel, daß die Alienbill unmöglich ihre jetzige Form behält. Ein bedauerlicher Vorfall ereignete sich hier vorige Woche, der ein sehr schlechtes Licht auf die russischjüdische Jugend wirft und nur dazu angetan ist, die Sympathie, die man hier in jüdischen sowohl als in christlichen Kreisen:nit den russischen Flüchtlingen zu erwecken bestrebt ist, bei ihrem ersten Aufkommen zu vernichten. Die russisch-jüdische Jugend aus der bundistischen Schule denkt, daß die russischen Kampfesmethoden auch hier anwendbar seien und tritt in einer solchen Weise auf, die manchen glauben machen könnte, die beste Negierung könnte sich ihnen gegenüber nicht besser benehmen. Vier russische junge Leute erschienen in: hiesigen jüdischen Board of Guardian als „Deputation" von einer Gruppe von Emigranten, die auf Kosten des Board nach Kanada und andren Plätzen befördert werden wollten. Ter Sekretär jagte, daß er sie nur einzeln sprechen und behandeln könnte und daß er ihnen lieber hier Arbeit verschaffen wollte. Am folgenden Tage erschien die „Deputation" wieder und stellte die gleiche Forderung. Ms der Sekretär seine gestrige Antwort wiederholte, inszenierte die „Deputation" i:n Bureau einen „Pogrom", zerstörte das Möbel und tvollte sogar von ihrem Messer Gebrauch machen. Die Polizei erschien bald und verhaftete die Deputation, die diese Woche vor Gericht erscheinen mußte, das einen zu vier Monaten und einen andren zu zwei Monaten-Zuchthaus verurteilte, die übrigen aber mit dem guten Rate, sich besser aufzuführen, in die Freiheit setzte. Vor ein paar Monaten, als die Frage der Arbeitslosen am brennendsten war, stellte LordRoths ch i l d den: Bezirk Tottenham eine große S n m me Geld zur Verfügung, um den Arbeitslosen dieses Bezirkes „ohne llnterschicd der Konfession" zur Auswanderung n a ch K a n a d a zu verhelfen. Diese Woche verließ die erste Gruppe, 180 Mann stark, England. Vor ihrer Abreise wurde ihnen ein Abschiedsessc» veranstaltet, zu dem Mr. Lioncl de Rothschild erschienen war, um ihnen die Glückwünsche seines Onkels zu übermitteln. Unter den Auswanderern befindet sich kein einzigcr I u d e, da es in diesen: Viertel fast gar keine Juden gibt. Nun werden die Tottenhamcr Arbeitslosen nach Kanada gehen, und wenn sie sich dort niedergelassen haben werden und die russischen Juden ihnen Nachfolgen, so werden sie eine kanadische Alienbill ins Leben rufen, um die „undesirablos" so viel als nur möglich sernzuhalten. Daß Lord Rothschild ähnliches zu. Gunsten seiner aus der russischen Hölle sich flüchtenden Brüder unternommen hätte, ist noch bisher unbekannt. Unsre Großjnden scheinen von jüdischer Kolonisation und Emigration nur gerne zu sprechen; besonders wenn es gilt, dem verhaßten Nationaljnden, den: Zionisten und Territorialisten, meuchlings einen Schlag zu versetzen, mit der Aussicht auf Vereitlung ihrer Pläne, die dahingehcn, „die Juden nach dem Ghetto znrückzubringcn". Unsre Philanthropen ziehen es vor, Emigration „ohne Unterschied der Konfession" zu treiben. Für ihre Konfessionsgcnossen von Kischinew und Odessa haben sic Protcstvcrsammlnngen in Queens Hall und Konferenzen im Hotel Mcngellc, wo ihre Schleppenträger zu Kenntnis nehmen, daß man in Anbetracht usw. die Emigration gegenwärtig nicht empfehlen könne, dürfe oder solle. Mr. L. I. Greenberg, dem es gelungen ist, die E n t st e h u n g s g e s ch i ch t e des bekannten Aufrufs des Rnsso-Jewish Fund, der von: Lord Rothschild und sieben anderen hiesigen Kchilloführern unterzeichnet war, zu entdecken und der S i r S a m u c l M o n t a g u öffentlich anfforderte, sich zu äußern, ob er wirklich den Namen der liberalen Negierung in diesem abscheulichen Trick gebraucht hätte, um die Unterschriften zu bckoiiuuci: oder nicht, wartet noch immer ans eine Antwort. Interessant ist/ daß Sir Montagu sich auch an den.Chief-Rabbi Dr. Adler wandte, mit dessen Unterschrift er am meisten zu iinponieren glaubte, Dr. Adler ging jedoch darauf unter keiner Bedingung ein und wagte cs, dem allmächtigen Präsidenten der Federation of Synagogues und Financier usw. ein kräftiges Stein zu sagen. Dies die neueste Entdeckung auf diesem so interessanten Gebiete. Ei« Märtyrer. Rabbiner David Schlomo Slouschz. Von Llaxims Es Llsitre. Mit denk Ableben des Odessacr Rabbiners, Rabbi David Schlomo Slouschz ist die schicksalsreiche Geschichte des jüdischen Volkes um eine jener grandiosen Märtyrergestalten, die uns an die Assore Arugei Malchus erinnern, reicher geworden. Rabbi Schlomo Slouschz ist ein Opfer jener grauenhaften „Bartholomäus - Tage" in Odessa, die unser ganzes nationales Martyrium in so schauriger Gestalt verkörpern. Und der Verblichene gehört zu den markantesten Gestalten, die in jenem Blntbade ihren Tod gesunden — vielmehr ihr Leben verloren, denn Rabbiner Slouschz sollte noch eine kurze Zeit die Odessacr Judemnassakres überleben, die anderen Kedoschim im Gottcshause beweinen, um ihnen alsdann im Tode zu folgen. Mit seinem Hci:ngang ist einer der Zeugen unseres jüdischen Schicksalsschlagcs, unseres ganzen Martyriums ans' dem Leben geschieden, und :nit seinem Tode verliert die ganze südrussische Judenheit einen ihrer besten Söhne, die viel geprüfte Odessacr Gemeinde ihr Haupt und ihren populärsten Rabbiner. Der große Kodausch war nicht nur ein Rabbiner vom alten Schlage, sondern er war auch ein großer Patriot und ein beliebter Volksführer. Während der vierundzwanzig Jahre seines Odessacr Rabbinats hat er mit Hingebung und Mut auf der Wache gestanden, an allen großen jüdischen Fragen der russischen wie der Gesamtjudenheit regen Anteil genonunen und es verstanden, mit Energie und Weisheit die wahren Interessen des. jüdischen Volkes zu verteidigen. Bereits vor dem politischen Zionismus gehörte er eine Reihe von Jahren den! Ausschüsse der Chowewe-Ziou in Odessa an. Als Achab-Haam:::it seinen: Kulturjudcntnin auftrat, war es der große Heimgegangene, der seine Gegnerschaft zu dieser neuen Richtung in einer Serie von waringcschriebenen Aussätzen im „Chaw.ezcles" und in anderen hebräischen Journalen offen bekundete. Er verteidigte neben der Frage des Landes auch die aktuellen Interessen des jüdischen Volkes. Er schloß sich dem politischen Zionisnius an und kämpfte für ihn in Wort und Schrift, lind er war nicht wenig betrübt, als die Kunde zu ihm drang, daß der letzte Zionistenkongreß das hochherzige Angebot der englischen Negierung ablehnte. Er kannte eben am besten die unsägliche Not seines Volkes, denn er lebte in und mit dem Volke, er lebte in Rußland — in Odessa —. mit seinem Volke. Sein Volk, insbesondere seine Geineinde, erkannte in ihm, was sie in ihm besaß: den ergebenen Patrioten, den mutigen und ehrlichen Vorkämpfer für seine Interessen. Es brachte ihm auch deshalb Vertrauen und Liebe entgegen und lauschte mit Andacht seinen Worten. Charakteristisch für seine Beliebtheit beim Volke ist die Tatsache, daß ihn sogar die sozialistisch gesinnte Jugend hörte und nicht — wie es jetzt in russischen Synagogen so oft vorkommt — seine Droscho zu einer Stunde bundistischer Tobsucht machte. Mit seinem Tode beklagt die Talmndistenwelt den Verlust eines tiefen und scharfsinnigen Talmndisten. Für seine tiefen Kenntnisse der ganzen talmudischcn Literatur legt sein talmndisches Werk „Resclütk David", Zeugnis ab. Sieben diesem Hauptwerke hat Rabbi David Schlomo Slouschz eine große Reihe von „Tschuwos" (talmndische Response::) publiziert, die sich ebenfalls durch Scharfsinn und Klarheit' auszcichnen. Und dieser große Jude und eifrige Patriot, der sein ganzes Leben den: Wohl des Judentums und der Judenheit geweiht, dieser Mnsterrabbiner und warme Volkstribun mußte in so qualvoller Art aus dein Leben scheiden, zum Unglück seines Volkes und seiner engeren Geineinde. Rabbiner David Schlomo Slouschz ist 54 Jahre alt geworden. Wie er gelebt und was er gewirkt, habe ich in knappen Zügen geschildert, wie er geendigt — darüber erzählt er in seiner Einleitung zu feiner jetzt erschienenen Schrift „Eerssclüs-llasedondh" selbst. „Auch ich," so heißt es in der Einleitung, „habe den Leidensbecher bis auf seinen Grund gekostet. Nachdem ich das Leben der Weinigen in Sicherheit gebracht hatte, drangen in meine Wohnung drei Mörder ein, erbrachen :::it Mordinstrnmenten die Haustür, den Geldschrank, raubten aus demselben das :nir von andern zur Bewahrung anvertrautc Geld und Kleinodien, zerstörten alles, was ihnen unter die Hände kam, und schleuderten die ihnen nützlichen ganz gelassenen Geräte durchs Fenster. Alles fiel den unten wartenden Hoolygans znn: Raub. Und mich — in meinen großen Sünden — mich packten alsdann die Mörder, schlugen mich erbarnrungslos, würgten mich, schlugen mich mit Hämmern, bis ich blutüberströmt, bewußtlos blieb. Die Mörder hielten mich für tot, da ich keine Lebensspur mehr verriet, rissen mir die Kleider vom Leib, nahmen alles weg, sogar — das Hemd — die Schuhe, in welche ich das mir anvertraute Geld versteckt hatte, und nachden: sie alles in meinen! Hause zertrümmert, gingen sie von dannen." Erinnert cs nicht an die Klagen eines Rabbiners aus deni 10. Jahrhundert, zur Zeit der Krcuzzüge? In vielen talmudischen Werken aus den! Mittelalter finden wir ähnliche Beschreibungen christlicher „Nächstenliebe". Hat - sich vom Mittelalter bis jetzt etwas, geändert? Dasselbe Brummen der Bestie in Menschen-Christcngestalt und für uns dasselbe Martyrium, dasselbe Lied. Rabbi D. S. Slouschz, der jetzt seinen Odessacr Mitopfern in den Tod folgte, überlebte noch drei Monate jene grauenvollen Tage. Ihm war es. noch vergönnt, die Odessacr Kedoschim anläßlich der Wieder-.

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