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Neue jüdische Presse · 1906-02-23 · Heft 8 (23.2.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8. Frankfurter Israelitisches Famllienblatt. Seit» 5. Wer, Mutter, Leo und Sarah, Ihre Eltern und iSSrfitrtrftor SVfih. hie tDOttn i(t QQX tstllC so erinnert sie im großen und ganzen an eine Pfütze, die mit niedrigem Gebüsch bewachsen ist. . . Sein Gesicht ist aufgedunsen, farblos, init einer großen, dicken Nase, die mit vielen schwarzen Punkten besäet und einem welken Rettig sehr ähnlich ist. Die Augen triibgrau, ohne bestimmten Ausdruck. Das borstige Kinn und die struppigen Backen verleihen ihm ein strenges Aussehen. Sommer wie Winter trägt er einen kurzen schwarzbraunen Bauernlittel voll verschiedenartiger Flicke, der mit einem Rieincn unterbunden ist. Es ist, als wäre er mit diesem Bauernkittel geboren worden. Noch 'Niemand sah ihn je in einer anderen Bekleidung, obwohl es gar viele gibt, die ihn seit mehr als zwanzig Jahren kennen. Er war schweigsam ivie ein Fisch, lind nur selten hat man von ihm einen großen Satz hören können. Auf Fragen antwortete er mit gewissen abgerissenen Worten, wie etwa: „Ist es wahr?", „Ja, so ist's", „also, was denn". Er hatte in der Stadt keine intimen Bekanntschaften und lebte einsam, ohne sogar mit Jemandem in der Schenke, in welcher er seine ganze freie Zeit zubrachte, zusammeiiznkommen. Wenn er viel zusammcngetrunken hatte, setzte er sich in irgend einen Wiisi'el auf den Boden hin und sang, ununterbrochen den Kops nach verschiedenen Seiten schüttelnd, mit einem monotonen, immer cinunddemselben Motiv die ersten Worte irgend eines Liedes, tute zum Beispiel: „Hätt' ich eine Nadel und Zwirn, Hält' ich Mutz' und Kittel. . ." oder: „Oh, er war und ist nicht mehr Und fuhr er zur Mühle . . . Singt er nicht, so wiederholt er ununterbrochen gewisse Worte oder Sätze, wie etwa: „Mögest du ein böses Jahr haben", „möge dich die Mutter ohrfeigen" und dergl. Für seine Arbeit bekam er die unbedeutendste Belohnung und selten im baren Gelbe. Ein Stück Brot und ein halbes Gläschen Schnaps waren für ihn wie eine gangbare Münze. Im allgemeinen war er ein ziemlich sanftmütiger Mensch, der nie jemand beleidigte. Er hatte nur einen Fehler: er konnte nicht ertragen, wenn etwas nicht auf der richtigen Stelle war — und räumte, sofort auf. Wenn der aufgeräumte Gegenstand etwas mehr oder weniger wertvoll war, wie zum Beispiel: ei» Comutt, ei» Umlnttfriemeii, ein Joch, ein Sack mit Weizen oder Korn, ei» Bündel Wäsche, gute Leuchter nsw. — dann war Alexa zwei, drei Wochen nicht zu sehen, als ob ihn die Erde verschlungen hätte. Und noch nie gelang es Jemandem, seine Spuren ausfindig zu machen,!vic sehr man sich darum abmühen mochte. Nachher, eines schöne» Tages findet man ihn plötzlich im Vorbadezimmcr, wo er immer wohnte, ganz unschuldig schlafend. Alle Nachfragen sind nutzlos: er beantwortet sie nicht, als ob er überhaupt nicht verstehe, um was es sich cigeuilich handelt. Weniger wertvolle Gegenstände vertat er hinter der Stadt für ein oder zwei Gläschen Schnaps. Und auch da verstand er cs zu verheimlichen und wurde nur selten ertappt. Bei Juden kam er glücklich davon, die Bauern aber rechneten mit ihm oft auf grausamste Weise ab. Manchmal hauten sie ihn so durch, daß er blutbefleckt, und mit blauen Streifen bedeckt,^einige Tage liegen mußte und nicht anfstehcn konnte. Sobald er sich aber davon erholt hatte und sich wieder eine Gelegenheit darbot — setzte er sein Treiben nach dem alten Muster fort. So einer war Alexa, der eben den Ofen, vor welchem er jetzt sitzt, bis zum Rande mit Steppengras anfüllte. * * Das Badchans war mit Menschen vollgepfropft. Viele zogen sich aus Platzmangel im Vorbadezimmer aus. . Es waren aber hier die ärmsten Leute, die nichts zahlten. Freilich wurde für den Eintritt ins Badehans — da es ein öffentliches war — keine Gebühr ent- . richtet; doch mußte jeder, >ver nur einen nicht völlig abgenutzten Badequast, einen bequemen Platz zum Ablegen der Kleider, mehr Dampf, mehr heißes Wasser- Haben wollte, dem halbblinden Bader R. Leiser — eine Kopeke oder zwei jedes Mal, oder eine größere Summe an den Vorabende» der große» Feiertage zahlen. Wer nichts gab, hing völlig von der Gunst R. Leiser's ab. Air gehörten selbstverständlich zu den Nichtprivilegierten, und darum fand sich für uns im eigentlichen Badezimmer kein Platz. — (Fortsetzung folgt.) Kindesgrübeleien. Skizze von I. iö. Wiederum sehe ich.dich weinen, liebe Mutter, und chmerzerfüllt aus meinem Bette sitzen und deine trüben, sorgenvollen Blicke unabwendbar auf mich gerichtet. — — — Aber ich sagte dir ja, und es ist ivirklich wahr, ich bin bereits genesen und frohen Mutes und auch die sengende Hitze ist aus meinem Jiruern geschwunden. Auch der Kopfschwindel und die gräßlichen, rotfarbigen Schatten, die mich ängstigten, quälen und erchauern mich nicht mehr. lind wenn du mir dein liebes Anttiy hinneigst, und ich eS so — so — so heißglühend küsse, wie in den Tagen, da ich noch ganz klein war, — und du mich fest, ganz fest an deine weiche Brust drückest, mich erwärmst und ermunterst, so fühle ich mich wiederum ganz wohl, als ob alles Geschehene und Gehörte ein bloßer Traum und nicht wirklich gechehen wäre.. Bloß darfst du nicht weinen und deine Blicke o düster — wehmütig über mich gleiten lassen. Ties stimmt mich so unsäglich traurig und birgt grauenhafte Erinnerungen. . . Und bald werde ich gesunden, die Schule besuchen, Spiele treiben, heiter sein und auch lachen können, wie ich es vorher, vorige Woche und noch früher konnte. . . . All die Spiele, die du mich, den kleinen Leo und Särchen lehrtest — — — — — — aber nein, — — nein, — weine nicht, sie sind ja wieder — spurlos vorbeigchuscht und würgen mich — nicht mehr — — ach, ach, Mutter, — Mutter, — so. . . so, presse mich fester — fester. . . » * * Du bist noch hier und weinst nicht, ich bin wirklich froh, deine lieben Augen trüucnlos zu sehen, wenn sie auch ein wenig unheimlich ausschauen. Aber wieder haben mich die blutroten Schatten so — wehvoll angehaucht und mich mißmutig gemacht. Du darsst dich aber nicht grämen, sonst erzähle ich cs dir nicht. . . . Beruhige dich — ich werde bald wieder spielen, wie, wie vorher. — — — — — — — — — Tante Gretels Hänschen lebt ja. Tn erzähltest mir doch, daß er belustigt durch die Straßen läuft, und auch mit ihm kann ich ja spielen. Nicht wahr, Mutter! .... Du schweigst, du magst ihn nicht! Ich weiß es, und auch ich werde ungern mit ihm spielen. . . . Leo und Särchen, die waren ja ganz anders. Sie verstanden so schöne Feenmärchen zu erzählen, und spielen konnte ich init ihnen. Nie taten sic mir weh und ich liebte sie. . . . Auch bu liebtest sie, teuere Mutier: ich weiß es, denn oft verlangtest du nach ihnen, und wenn sie hier waren, spaßest und lachtest du mit ihnen, lehrtest sie Spiele und hast auch Särchen einmal so herzlich ans die Stirne geküßt — ach,' du weinst wieder. . . aber nein, nicht doch, nicht doch, — sonst muß auch ich weinen. . . . * * * Nun wohl, ich werde mit Hans spielen, aber ich mag ihn wirklich nicht. ... Er hat den kleinen Leo, den ich liebte und auch du liebtest, oft beschimpst, Judenjunge genannt und sagte einst, daß Onkel Franz alle Juden Ivie Schafe lind Ochsen hinschlachten wird. .... Er betrübte den Leo, und seit damals grolle ich ihni... Und weißt du, wie ich da vorbeikam am Hause von Leo und Sara und beide unbeweglich ans der Straße lagen, so ganz in Blut getaucht und ihre Augen weit ausgerisseu zu mir emporglotzten — und ich so grausig erschauerte und anfschreien wollte — da lies Hälschen auf mich zu und erzählte vergnügt, wie auch er dem — „Jndcnbnb" Leo einen Stein an den Schädel geworfen. . . . Dies war ja gräßlich von ihm, nicht wahr, Mutter? Sage, Mutter, weshalb tat ec es, weshalb, ich liebte ja den Leo, und Leo liebte auch mich und dich. — Ach nein, nein — warte — warte — wie fürchte ich diese ausgeglotzten Augen . . . 'Nun ist es vorbei — und ich kann wieder mit dir sprechen. Alle die da standen, auch Oukel Franz, schrieen: „Tötet die Juden!".... . Die waren doch so lieblich, und gottesfürchtig waren sie, bewirteten Arme und teilten ihnen Spenden, und Vater sagt ja, daß alle „Juden" Blutsauger und verteufelt wären. . . . Mchk war, Mutter, Vater mordete nicht... Aber ich sah wie jemand Sarchens Leichnam ergriff und seinen Kops init den schönen lockigen Haaren, die ganz blu^g waren, an die Wandmauer drückte, so ganz zerdrückte und mir schien so, als ob — als ob — ich weiß nicht — als ob es Vater wäre. . . . Mutter ich fürchte dich, du erbleichest.... Aber nein, dies ist ja unmöglich, Vater wird doch nicht morden und er wußte ja, wie sehr ich Särchen liebte .... — So — noch ein Schluck — der Wein tut mir gut. . . so — , Als ich vorige Woche aus der Schule kommend, den kleinen Leo besuchte, der erkältet war und draußen nicht gehen durfte — da schenke mir seine Schwester Leah auch ein Gläschen Wein ein, das ich austrank und mir ebenso gut tat. Ich 'erzählte es dir und du sagtest, daß Leah ein gutes Mädchen wäre. Ties hörte ich auch von vielen Armen, denen sie viele Spenden austcilte. Und nun, Mutter blieb Leah allein, so ganz allein, ohne Vater, Mutter, Leo und Särchen, die sie so liebte und. die nun alle von schlechten Mensche» erschlagen sind. . . . Auch dir, Mutter, tut sie leid, auch du bemitleidest sie, nicht wahr. . . .? ja doch, Mutter, ja doch. Oft nahte sie sich uns, wenn wir so alle drei saßen: Leo, Särchen und ich. Sie setzte sich rieben uns und erzählte uns verschiedene Geschichten und Märchen mit so süßlicher Melodie, die immer wieder erklingt und von denen ich manche dir wicdererzählte, wie das Märchen vom goldenen Reiche, wo 'Armut überhaupt verschwunden und alle Menschen friedlich mit einander leben. . . . lind auch vom häßlichen ist im goldenen Reiche nichts vorhanden . . . Auch du möchtest iu so einem Reiche leben, wie du mir damals sagtest. Und dann las sie uns Gedichte vor, die sie ja selbst' versaßt hatte und schrieb mir einige, die mir besonders gefielen, in mein Gedenkbüchlein. . . . Und einst, bei Abenddämmerung nahm sie mich ans ihren SKotz, erzählte mir von den Schmerzen, Leide» vieler Menschen, wobei sie mit ihren zarten Händen mein Haar streichelte. Und weißt du, Mutter, dieses Elend der Mensche» ärgerte mich und schmerzte mich so sehr, daß ich ansrief: Tics muß anders werden! — Leah beschwichtigte mich und drückte sanft ihre weiche» Lippen ans sneino Stirne. ... Wie seltsam, daß gerade jetzt das wonnigliche Gesühl in mir anssteigt, das mich damals so ganz durchströmte, gerade jetzt, wo Särchen von Vater — aber nein, nein Mutter, dies ist ja abscheulich, so über Vater zu denken, es kann nicht sein. Leah's große und runde Augen blickten oft so seltsam mich an. Sie schienen mir etwas sagen zu wollen. Ich verstand sie aber nicht, bloß merkte ich sonderbar wehmütige Gefühle in mir aufsteigen. . . . Sie gestattete mir, mit ihren dichten, langen Haaren zu spielen, das ich so liebte. Auch ihr dunkles Gesicht liebte ich, das voll Güte ist. . . und ihre Augen, die so geheimnisvoll ansschauen. . . . Wenn ich sie sah, und sie mit mir sprach, da war ich so wunderfroh und verlangte ihre Stirne zu küssen. ... Und nun sind ihr Vater, Mutter, Särchen und Leo geraubt und totgeschlagen und ganz allein muß sie dasitzen und weinen.... * * * Nein Mutter, Hänschen grolle ich gar zu sehr. Ich kann nicht mit ihm spielen und draußen ist so düster und so — so — Aber weinen sollst du nicht, Mutter, denn schon bin ich ganz wohl und wünsche nur Leah in meiner Nähe, damit sie mir Geschichten erzählt, Gedichte vorträgt und von Särchen und Leo spricht. . . . * * * Mutter, ich möchte ans Fenster. So ist es gut, daß du dich ans Fenster gesetzt und mich ans deinem Schoße hältst. — Mit dir, liebe Mutter, spreche ich so leicht und herzlich; mit Vater könnte ich es nicht mehr. . . Und doch liebe ich ihn, aber sonderbar, seitdem ich erkrankte, hege ich nach ihm kein Verlangen. . . Dies ist eine Sünde, Muttes aber ich kann es nicht anders.....

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