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Neue jüdische Presse · 1906-02-23 · Heft 8 (23.2.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. gerichtsrat Hoffmann hatte Anlaß gegeben zu großer Verstimmung in Breslau, nicht nur in jüdischen Kreisen. Jetzt schwebt die Untersuchung noch. Wir müssen einen vornehmenToninbenrichterl i ch e n Kreisen a u s r e ch t e r h a l t e n. (Lehr richtig! links.) Ter Landgerichtsrat Hoffmann hat sich, wie der Vorredner erwähnte, dadurch sin großes Verdienst erworben, daß er ein Kind gerettet hat. Daß es jüdischen Glaubens war, hat er ja doch nicht vorher gewußt. (Große Heiterkeit.) Ich will Znm Schluß nur noch bemerken, daß wir ein taktloses Verhalten nicht dulden können. (Beifall.) Berlin. Die illustrierte Halbmonatsschrift für die jüdische Jugend „I u n g I s r a e l", früher „Jsr. Jugendfreund", hat vorläufig ihr Erscheinen eingestellt. Berlin. In einem Artikel „Der Niedergang des Gcschäftsantisemitisnms" schreiben die „Mitteil. a. d. Verein zur Abwehr &.• Antisemitismus": „Jedenfalls hat die „S t a a t s b ü r g e r z t g." ihre Rolle ausgespielt, und dieser Schluß märe schon eher eingetreten, wenn nicht eine wenig ziemliche Neugier oder ähnliche Triebkräfte ans Seiten eines Teiles des jüdischen Publikums viel dazu beigetragen hätten, ihr die Existenz zu fristen. Derselbe Mangel an politischer E r z i e h u n g, der sich in der mittelbaren Förderung der „Staatsbürgerztg." durch j ü d i s ch e L e s e r u n d Inserenten gezeigt hat, kommt zur Erscheinung in der Art, wie vielfach gerade jüdische Herren das in jedem Betracht wertlose Bruhnsche Wochenblättchen „Tie Wahrheit" unterstützen, indem sic es kaufen." Berlin, 13. Febr. Schon seit mehreren Jahren waren unter den deutschen Mitgliedern de-?- Zcntral- Komitces der Alliance Jfraslite Universelle Bestrebungen im Gange, um zunächst innerhalb des eigenen engeren Kreises und weiterhin unter den deutschen Komitees der Alliance überhaupt einen festeren Zusammenschluß und damit eine leistungsfähigere Organisation der im Dienste der Alliance sich betätigenden deutschen Kräfte zn schaffen. Diese Bestrebungen sind nunmehr zum Abschluß gediehen. Am 13. d. Mts. vereinigten sich zn Berlin unter dem Vorsitz des Geheimen Kommerzienrats Goldberger eine beträchtliche Zahl von Vertretern der Alliance. Das Hauptergebnis der Beratungen war, daß sich die Deutsche Konserenzgemeinschaft der Alliance als eine freie Vereinigung deutscher Mitglieder des Zentral-Komitecs der Alliance Jsraelite Universelle mit dem Sitz in Berlin fest konstituierte und Satzungen beschloß. Danach ist der Zweck der Deutschen Konserenzgemeinschaft, die deutschen Mitglieder des Zentral- Komitecs zu vereinigen, um in Anpassung au die allgemeinen Satzungen und an die Verfassung der Alliance Jsraelite Universelle deren Aufgaben und Interesse» in gemeinsamer Arbeit zn fördern. Die Deutsche Konserenzgemeinschaft bildet im Einverständnis mit dem Zentralkomitee in Paris die Zentralstelle für die Organisation und Verwaltung der A. I. II. in Deutschland. Ihre Geschäftsführung wird durch ein Bureau' in Berlin bewirkt, das die Bezeichnung führt: „Deutsches Bureau der Alliance Jfraslite Universelle". Das Bureau untersteht der Leitung des Vorsitzenden der Deutschen Konferenzgemeinschaft, der seinen Wohnsitz in Berlin haben pruß. Mindestens alljährlich einmal beruft der Vorsitzende eine Tagung der Mitglieder nach Berlin oder anderswohin in Deutschland. Ten regelmäßigen Jahrestagungen der Konfcrenzgemeinschaft wird ein Alliancetag angegliedert, zu dem alle Vertreter der deutschen Bezirks- und Lokalkomitecs einbernfen werden und alle Mitglieder der Alliance Zutritt haben. Auch sonst kann der Vorstand der Konserenzgemeinschaft einen Alliancetag cinberufen, wenn er es für erforderlich erachtet. Auf diesen Versammlungen wird über die allgemeine Lage der Alliance sowie über Schritte, die im Interesse der Glaubensgenossen in Gemäßheit des Artikels 1 der Statuten der A. I. U. notwendig sein sollten, beraten werden. Ter Vorstand der Deutschen Konferenzgemeinschaft besteht aus sechs Mitgliedern. Gewählt tvurben zum Vorsitzenden Herr Geheimrat Goldberger- Berlin, zum stellvertretenden Vorsitzenden Herr Charles Hallgarten -Frankfurt a. M., zu Beisitzern die Herren Rechtsanwalt I o h. Behrendt- Danzig, Sally Flörsheim -Dortmund, Rabbiner Dr. Frank- Köln a. Rh. und Theodor Oschinsky - Breslau. Man hat ferner eine Reihe von Beschlüssen gefaßt, die demnächst durch Rundschreiben allen deutschen Alliance-Komitces"zur Kenntnis gebracht werden sollen. Alle Aktionen der Komitees werden künftig an der Konferenzgeineinichaft eine kräftige Stütze finden und vom Deutschen Bureau ans tnnlich einheitlich geleitet werden. Nach Erledigung der Organisationsangelegenheiten beschäftigte sich die Versammlung mit der Frage, wie von Deutschland aus eine Mitwirkung an den Arbeiten der Zentrale in Paris am zweckmäßigsten erfolgen könne und welche besondere Wünsche gegenwärtig in Bezug auf die Arbeiten der Zentrale zu äußern seien. Bei diesen: Punkte wurde einmütig ein Beschluß gefaßt, ' der die Erweiterung bezw. Einführung des deutschen Unterrichts in de »Schulen der Alliance vorsieht. Es sei erwähnt, baß die Alliance zurzeit in den Orientländern über 48000 Schüler unterrichtet, von denen sie außerdem einen Teil kleidet und speist. Schließlich besprach man die Stellung der Alliance und ihrer Deutschen Konserenzgemeinschaft zn den anderen jüdischen Organisationen im In- und Aus-, lande. Der Verkehr mit allen jüdischen Organisationen außerhalb Deutschlands untersteht der Leitung der Zentrale in Paris. Dagegen wurde der Grundsatz aufgestellt, daß die Regelung und Ausrechterhaltung der Beziehungen zn den Organisationen innerhalb Deutschlands ausschließlich der Deutschen Konferenzgemeinschast obliegt. Mit allen diesen Verbänden soll ein gutes und einträchtliches Verhältnis fortbczw. herbcigeführt werden. Oesterreich-Ungarn. Wien. Auf Anregung des Restaurateirrs Hertinger bildete sich ei» Komitee aus Hörern der hiesigen israelitisch - theologischen Lehranstalt und anderen jüdischen Studenten, um für die russischen E m i - grauten bei mehreren hiesigen jüdischen Restaurationen die M i t t a g s k o st zn erwirken. — Restaurateur Herlinger spendete sofort 40 Mittagsmahlzeiten, Hotelier Gckth ebenfalls 40, Restaurateur Baläsz 80, Restaurateur Korn 40: auch die anderen jüdischen Restaurateurs beteiligte» sich mit einer Anzahl Mahlzeiten. - Budapest. Zum Freitagabend-Gottesdienste in der R o in b a ch - S Y n a g d'g e erschien am 9. d. M. der Oberbürgermeister Joseph Markus in Begleitung des Stadtrepräsentanten Gustav G. Ehrlich, um den Vortrag des jüngst installierten Oberkautors Joseph T k ä t s aus Kischincw anzuhören.. Direktor Arnold Kohu als Vorsteher begrüßte Herrn v. Markus, woraus dieser in der ersten Bankrcihe Platz nahm und bis zum Schlüsse im Tempel blieb. Es ist bezeichnend, daß Tkats unter der Bedingung engagiert wurde, daß er das ungarische Bürgerrecht erwerbe und seinen Namen in a g y a r i - s i e r e. Budapest. Am I. Adar tritt hier ein Kongreß der I c s ch i w o h - B a ch u r i m zusamnien. Die Tagesordnung lautet: 1) Gründung eines Landes- Jeschiwoh-Verbandes, 2) Verbesserung der materiellen Lage der Jcschiwans in der Zukunft, 3) Gründung eines allgemeinen Bachurim-Nnterstütznugs-Vercius, bestehend aus Nabbonim und wohlhabenden Baalebatim, 4) Statuten, 5) Anträge. . Lemberg. Das Anwachsen der jüdischen Bevölkerung in Galizien veranschaulicht (nach den Publikationen des hiesigen Landcsstatistischen Amtes) folgende Tabelle: 1780 . . . 153 302 Juden — 5,51o/o 1786 . , , . 215 500 — 7,75o/o 1803 . . . . 201277 7,24o/o 1818 . . , . 205000 — 5,74o/o 1841 . . . . 273000 — 6,23o/o 1850 . , . . 333451 — 7,32o/o 1857 . , . . 448 973 „ — 9,69o/o 1869 . , , . 575 433 — 10,62o/o 1880 . , . . 686 598 — ll,52o/o 1900 . , . . 811132 ,, — H,10o/o Ter rapide Aufschwung 1786 ist nach Pater Siarczvnski einer größeren Einwanderung aus Rußland znznschrcibeii, der beträchtliche Rückgang zwischen 1786 und 1803 und die Stagnation bis 1818 wieder der Emigration nach deni Westen, während der Napolconischen Kriege, die Tausenden von. Lieferanten und .Händlern Erwerb gaben. Tie Zahlen sind natürlich nicht ganz genau. Die Konskription der Juden fand bekanntlich in früheren Zeiten nach besonderen Normen statt. Bei der bekannten damaligen Bestechlichkeit der Zivil- und Militärbehörden war das Nichterscheinen vor den Assentkommissionen aus der Tagesordnung und damit stand die mangelhafte Eintragnilg der neugeborenen Knaben in die Geburtsbücher in Verbindung. — Im letzten Jahrzehnt ist ein prozentualer Rückgang zu konstatieren, der darin seine Ursache hat, daß infolge ökonomischer Miseren und reaktionärer Gesetzgebung mehr wie 100000 Juden auswanderten. Zur Vermehrung der Juden in Galizien ist noch zu vermerken, daß der jährliche Zuwachs der Eesamtbevölkerung 1857—1869 1,46 Prozent betrug, 1869—1900 0,86 Prozent; der der jüdischen dagegen 2,36 resp. 1,73 .Prozent, so daß man sagen kann, die jüdische Bevölkerung vermehrt sich zweimal so schnell wie die nichtjüdische. Rußland. Ldeffa, 14. Febr. Hier erwartet man von Tag zu Tag einen Pogrom. Die „Partei der rechtlichen Ordnung", die aus einem Häufen von nichtsnutzigen Kerls besteht und von der sich auf dem letzten Parteitage alle anständigen Mitglieder lossagten, treibt eine wüste Agitation. Ihre V e r s a m m l u n g e n w e r - den in den Kasernen veran staltet, w a s n a t n r l i ch n i d) t o I) n e (S11 n u 6 n i § b e r m a fj « gebend en Beh ör den. g es che h en kann. Unter den Soldaten wird eine besonders heftige Agitation geführt. Es kursieren entsetzliche Gerüchte. Man erwartet die Aufhebung des Kriegszustandes, eine Maßregel, die die Regierung gewissermaßen nachträglich für die zn erwartenden Vorkommnisse unverantwortlich machen soll, und die Abberufung des Stadthauptmanns Grigorieff, der bisher noch als einziger Be¬ Nr. 8. amter der Agitation von Pogroms Widerstand entgegensetzte. Die Stimmung ist eine sehr gedrückte. Die jüdischen bürgerlichen Kreise verlassen die Stadt. Eine große Panik hatte die Anordnung des Generals Kaulbars zur Folge, die mit Todesstrafe ohne, vorherige gerichtliche Untersuchung nicht nur die Hersteller, sondern auch die Aufbewahrer von Bomben bedroht. Diese Verordnung zielt nicht auf die Anarchisten und die Mitglieder der revolutionären Partei, die ihr Leben bewußt opfern, da sie keinen 'anderen Kampfestveg gegen die herrschenden Mörder und Plünderer sehen, sondern nur aus jenen Teil der friedlichen Bevölkerung, der als Schutzwehr gegen die Pogroms, die Waffen bei sich behält, um in den Zeiten höchster Gefahr für Leib und Leben sein Teuerstes damit zu verteidigen. Es .liegt auch der Gedanke nicht fern — der letzte Homeler Pogrom weist darauf hin — d a ß. die Regierung die Pogroms dazu benutzt, um die al le r o rts o r g a ni s i e rt e jü - dis che Selb st wehr zum Hervortreten zu v e r a n l a s s e n, u in s i e d a n n z u t ö t e n, o d e r z u v e r h a s t e n u n d z u e n t w a f f n e n. In Homel waren es fast allein Polizei und Kosaken, die — jetzt schon ohne Hilfe oder Vorwand des als „Hooligans" bezeichnet«:» Pöbels — die Plünderungen und Brandstiftungen übernahmen. Mit dem Pöbel allein wäre die Selbstwchr wohl leicht fertig geworden. „Rufs. Korresp." G Feuilleton. 0 Ein kleines Drama. Erzählung von Ben-Ami. Autorisierte llebersetzung aus dem Russischen von L. C a r o. (Fortsetzung,. Jetzt, wo alles ringsum nackt dasteht, hat der Freiplatz das Aussehen eines verlassenen Friedhofes. Hie und da schweifen in kleinen Gruppen — bis zur Hälfte mit Schmutz bedeckt — Schweine umher—, die sich mit ihren bis zur Erde herabhängenden Rüsseln langsam bewegen und mißgestimmt grunzen. Einige von ihnen, die mit der Rückenseitc im Mist herumwühlcn, liegen da mit aus^espreizten Füßen und wärmen an der Sonne ihre nassen Bäuche. Stellenweise begegnet man einzelnen halberwachsenen Kälbern, die sich osfenbar sehr langweilen und ihre Füße nur schlaff bewegen.' Manche wiederum stehen, indem sie sich mit der Stirn an die Erde anlehnen, unbewegt da, erheben träge den Kopf und starren mit ihren großen blauen Augen die Vorübergehenden an. . . . Aber da ist nun das Bndehaus! — Ein verhältnismäßig großes Gebäude, das ans kleinen Steinchcn zusainmcngcfügt und mit Lehm befestigt ist. Oben — einige kleine Fcnsterchen, so daß es äußerlich an ein Bezirks- oder Lokal-Arrestzimmer erinnert. Das Innere besteht aus einem taugen Vorbadezimmer, wo das Ofenloch und. der Treppenabstieg nach der Mikwch sich befinden, und dem cigentlichc» Badezimmer. Dieses letztere besteht wiederum aus einem großen dunkeln Zimmer mit kleinen Fensterchcn oben. An einer Seite sind Wandbretter, stufenweise eingerichtet, die zum Ablegen der Aeider dienen. Auf der hölzernen Diele ist ein Halbdntzend großer Zuber oder Kübel voll siedenden Wassers ausgestellt, in welchen die ganze jüdische Einwohnerschaft unseres Städtchens ihre sündigen Körper eintaucht und reinigt. Das heiße Wasser wird mit Eimern aus einem großen Kessel geschöpft, der in einer Ecke gegenüber den Wandbrettern eingefngt und nur ein wenig mit Brettern bedeckt ist. Als wir cintraten, war das Vorbadezimmer mit stachligem Steppengras, das zum Beheizen des Bades dient, halb gefüllt. Vor dem großen schwarzen Ofenrache» sitzt der auch einem kleinen Jungen in unserem Städtchen wohlbekannte A l e x a. Mit Ausnahme nur des Wäschewaschens übt Alexa innerhalb der jüdischen Einwohnerschaft dieselben Funktionell aus, wie die bereits erwähnte Jänbocha. Er ist ein kleiner schmächtiger Mann, von unbestimmtem .Alter, mit einer großen runden Glatze in der Mitte des Kopfes. Diese Glatze ist ringsum mit zerzausten, nach oben schmutzig dunkelbraunen Haaren umsäumt, und

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