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Neue jüdische Presse · 1906-02-23 · Heft 8 (23.2.1906) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 8. Seite 11. int Naiiien des Agitationsausschusses stellte, nämlich: die Zahl der Vorstandsmitglieder van fünf auf fünfzehn zu erhöheit und den Agitationsausschuß eiugeheu zu lassen. Nachdem zahlreiche, Herren für und gegen deir Antrag gesprochen haben, wird der Antrag angenontmen. — In der mm folgenden Neuwahl des V o r st a u d e s Iverdcu gewählt die Herren: Dr.; Phil. Isaac Heinemaun, Justizrat Dr. jur. Ludwig Hecht, Dr. med. Wilhelm Hanauer, Julius C a r l e b a ch, Lehrer S ch w a b, Eli E. Michael, Hugo Frankel, Heinrich Rothschild, Max Appel- Bockeilheim, Leo A. Bh ii n, Fritz So 11 dheimer, Lothar Stark, Salo Stern, Rechtsanwalt Katzenst e i n und Tr. med. Gustav S t i e b e l. Nachdem noch Herr Alfred Geiger einstim- »rig zum Ehrenvorsitzenden ernannt worden war, wurde die Versammlung geschlossen. Ter letzte Punkt der Tagesordnung „Anträge" mußte mit Rücksicht auf die vorgeschrittene Zeit auf eine spätere Sitzung vertagt werde». Fulda. Der Iungfrauen-Verein Liwjas- C h e i u veranstaltete anr 17. dss. Mts. zum B e st e n der russischen I n & e n eine AbendUnterhaltung, deren Verlauf auch weitere Kreise interessieren dürfte. Kunstsinit und Opfersinn paarten sich miteinander und iveckten frohe Empfindungen im Herzen der Beteiligten. Da der Wohltätigkeit keine Grenze gesetzt war, flössen reichlich die Gaben. Im Saale waren Buben mit Speiseit und Getränken ausgestellt, die unentgeltlich geliefert und von schmucken Damen und Dämchen verkauft ivnrdeit. An die Abendunterhaltuug schloß sich eine Verlosung an, deren Gewinne ebenfalls gespendet wurden. Das Arrangement lag in den Händeit der Vorsteherin des Liwias-Cbein-Vereins, Frl. Dilla Katzenstein, die ihre Aufgabe mit unermüdlichem Fleiße und großem Geschicke löste und allseitig gebührende Anerkennnug fand. Nun eilt Wort über die Abendunterhaltung selbst. Eingeleitet wurde diese durch einen von Herrn Lehrer Spiro, hier, gedichteten und von Frl. Thekla Gottlieb vorgetragenen Prolog. Tann folgte ein Klaviervortrag der Fräulein Bella Spiro. Die sich daran anschließenden theatralischen Aufführungen der Mitglieder des Vereins, wie verschiedene musikalische und deklamatorische Vorträge, unter denen der von dem Töchterleiu des Herrn Prov.-Rabbiner Dr. Caün gesprochene Prolog besonders erwähnt su werden verdient, ernteten reichen Beifall. Es war ein genußreicher Abend, der den Zuschauern geboten wurde, aber nicht minder ergebnisreich für die armen unglücklichen Glanbensbriider und Gtaubensschwestern im Zarenreiche. Berlin. In der Delegiertenversammlung des VerbairdesfürsüdischeWohltätigkeitspflege besvrach Herr Dr. Wilhelm Neustadt die dringende Notwendigkeit der Errichtung einer A nstalt für jüdische Schwachsinnige. Von jüdischen Schwachsinnigen befindeir sich in Anstalts- Pfleae iir Deutschlaitd 233. davon 136 in geistlichen Instituten; in Privatanstalten befinden sich 52 jüdische Zöglinge, bisher nicht in Pflege 216. von denen 105 iini» schi'lvflichtioen Alter sieben. Die lektaenauntcn Zahlen köniteir nicht als vollständig angesehen werben, da viele Antworten seitens der anaefragten jüdischen Gemeinden ausgeblieben sind. Die Errichtung der Anstalt ist bereits so weit gefördert, baß ein Terrain vorhanden ist, eine Banskizze vorliegt: doch nur noch die Hauptsache fehlt — das erforderliche Geld. Die Anstalt wird voraussichtlich in Beelitz bei Potsdam erbaut werden, deren Stadtverwaltung ein hvgienisch einivandfreies fünf Morgen umfassendes Terrain kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Die Airstalt ist zunächst.für 90 Kinder qevlant. Tie Baukosten sind auf 90000 JL veranschlagt, der jährliche Etat «uf etwa 20000 JL Mit den noch ans den drei größte» Gemeinden ausstehenden Bewiltigunaen wird das Sammelergebnis bisher leider nur etwa die Hälfte der nötigen Bannimme znsamuienbrinaen, die andere Hälfte muß von dem nie versagenden Opfermut von Gönnern erhofft werden, gilt es doch, einen drückenden Gewissenszwang von vielen doppelt bedauernswerten Familien abzuwälzen und die jüdische Gemeinschaft auf einem wichtigen Gebiete der Krankenpflege von fremder Hilfe unabhängig zu machen. Hierauf gab Frau Direktor Hen riette Map eilten Bericht über die Verhandlungen der 25. Jahresversammlung des Deutschen Vereins für Armenpflege und Wohltätigkeit, auf ivelchenr Kongresse Redncrin den Verband vertrat. Herr Justizrat Breslauer, der Vorsitzende, erstattete . sodann den Bericht über die V e r - banbstätigkeit. Ein neues Mitglied ist dem Verbände beigetreten: es existieren wohl kaum noch größere Vereine, die nicht an den Verband angeschlossen sind. In den letzten neun Moitaten sind 10102 Anfragen erfolgt und 9145 Berichte erstattet worden. Auf Grund der an die ciuzcliten Vereine gerichteten Ilmfragen ivird eine lückenlose Zusammenstellung der Zwecke und Mittel der Vereine erfolgen können, die Armenkommission wird daran die Uebersicht über die Stiftnnaen der jüdischen Gemeinde dnreihen, und voraussichtlich werben daran noch die Stiftungen der Stadt angeschlossen iverden, die für interkonfessionelle Zwecke bestimmt oder die ausdrücklich für Frankfurker JsraelitiWes FamMenblaK. Christen und Juden errichtet sind. Der Vorsitzende berichtet ferner über das neue Verwaltungsgebäude in der Roseustraße, in welchem voraussichtlich allen jüdischen Wohltätigkeitsvereinen Sitzungs- und Arbeitsräume zur Verfügung gestellt werben können. Nachdem der Vorsitzende noch einen zahlenmäßigen Ueberblick über die vorzüglich arbeitende Organisation der Wöchuerinuenvereiue gegeben, begründete der Vorsitzende der Armenkommission, Dr. W. Feilchenf e l d, iir der Tisknssion die Notivendigkeit des bereits erwähnten Nachschlagebnches, das eine vollständige Zusammenstellung sämtlicher Hilfsmittel in der Gemeinde bringeir ivird. In lebhafter Debatte bestreitet Dr. Albert L e v y die Notwendigkeit dieses Buches, da bas von der Auskutrstsstelle der Ethischen Kultur herausgegebcue Werk für jüdische Interessen völlig ausreichend ist; Dr. Neumann verweist auf das statistische Jahrbuch des Gemeiudebunbes, während der Vcrbandsvorsitzende und der Vorsitzende der Armenkommission nochmals die Ziveckmäßigkeit der Zusammenstellung sämtlicher Berliner jüdischen Institute betonte. Basel. Der Bericht über bas Israel. Ai hl H e g e n h e i m gedenkt zunächst des verstorbenen Prädenten Dreyfus-Neumann, der feit dem Bestehen der Anstalt bis zu seinem 'Lebensende derselben vorgestanden. Die Anstalt entwickelte sich normal. In der Leitung ist eine Acnderuug cinqetreten: seit dem 1. Juli 1901 ivirkt als Verwalter das Ehepaar Marcus Berch von Uffheim. Mit der jüdischen Gemeinde Basel wurde eine Vereinbarung getroffen, die die Aussichtsrechte und -pflichten derselben gegenüber dem Asyl regelt. In der Anstalt befinden sich gegenwärtig 13 Pfründner. Das Vermögen beträgt ca. 176000 Fr. Aus der zionistische« Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Expedition des Frankk. Jsr. Familieiiblattes gingen ein: Für den Natwiialfouds: Gesammelt auf der Hochzeit von Rosa Simon mit Jäkob Grätsch, Frankfurt a. M. 11.10 „Ä> N. B. 0,50 JL A. H. 0,50 Jk Selbitbesteuernug N. Liebes 0,90 JL Selbstbesteueruiiq S. Gt., S. N., Dr. E., Beno Lainni. Leop. Oppenheimer. Jos. Oppen- ■; heimer, Saly ©eis, Selmar Geis a 30 Pfg. 2,40 JL 15,70 JL 1 Oclbaum gestiftet von Herrn Josef Hackenbroch für Fräulein Adele Strauß 6,— JL Marken: Louis Kahn. N. N. 1 Kistchen Zigarrenspitzen. Für unsere notleidenden Stammesbrüder in Rußland : Walter Wolfs 5,— JL N. N. Erkelenz 4.— JL r; : 9,—jt Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Die Bilanz der Brüsseler Konferenz. (Ein Ueberblick.) Was hat die Brüsseler Konferenz geleistet? Was hat sie uns gegeben? Sie gab uns vier Referate und drei Resolutionen. Das ist ihre Leistung. Wollen ivir nun diese Arbeit der Konferenz auf ihren Wert prüfen. Zunächst die Referate. Das bedeutendste und wirkungsvollste Referat ist das des Pros. M a n b e l st a nt nt. Es ist ein Meisterwerk, reich an Inhalt und seltsam schön in der Form. Jedes Wort eilt Stück Seele. Es bricht mit verhaltenem Wutaeschrei hervor, es schäumt vor Raserei. Es schreit »ach Rache. — Kein Bittaesuch au die Humanität und Zivilisation, kein Avvell an bas euroväische Gewissen: sondern ein Mahnruf an sich selbst, a>i die eigene Würde: Wollet ein. Land für das Volk! Es gnält und nagt der so tief gekränkte Stolz, es bäumt sich nun ans 'bas .grausam aeschändete Ehrgefühl —. man möchte sich selbst fsuckten. Man ist nicht wert, ein ehrenvolles Leben zu leben, wenn man ein schmähliches Leben rubiq erträgt. Und wir hätte» bereits »»>er Hundeleben in ein ivürdiaes Lebcit eines Volkes auf seinem Lande verwandelt, wenn wir nur frei genug wären, um es zu wollen. Wollet ein Land! — das ist der innere kategorische Jmverativ unseres Lebens im Gotus. Es gibt nur eine Alternative: ein ehrenvolles Volksleben oder Selbstmord. Sein oder Nichtsein: eilt Jnbeuland ober — FinisJudaeae . . . „Wir würden dann — sollten wir kein Land erreichen — zur Miksioiistbeorie unserer Rabbi"en z»- rückkehren müssen, die da b-bauvten. da» mir bestimmt seien, in der Welt nnstät und flüchtig herumzuwandern, die Kolporteure ethischer Begriffe zu sein. damit sie andere ansnntzen, der Dünger, auf welchem der Freiheitsbaum für alle grünt, nur für die Juden selber nicht." — Kurzum, entweder oder: entweder menschenwürdig zu leben, oder Missionsrabbiner, jüdische Selbstmordprebiger zu werden. — Eine klare, deutliche Sprache. Kein Wanken, ketn Hinnndherpendelit, keine Kompromisse. Nun schildert er die gegenwärtige Lage der Inden in Rußland. Man fühlt es da: jedes Wort kommt ans dem Herzen, ans der Tiefe alter und neuer Wunden — von Mark und Blut durchtränkt. Keine Sentimentalität, keine vathetischen Klagelieder. — Mer auch keine selbtrügerischen Zukunstsmelo» dien, keine salbungsvollen Schönfärbereien —_ die wir sonst bei solchen Anlässen von der solde m Pfau gen den und segenspendenden Kanzel der duckmäuserischen, Knicks und Bücklinge machenden Seelensorger und auf den selbstgefälligen Anstandshalber-Konferen-en des westeuropäischen Winkel- Jndentums gar oft und auch noch in der letzten Zeit zu hören gewöhnt sind. Und wahrlich! Die Prediger der Lammesaednld und Vertiischungsiveisheit, des Schleich- und Schmuggel-Judentums: die seelenarmen Missionsham'ierer mit dem gewerbevateittierten Leierkasten, voll heuchlerischer Hnldiqunaslieder, ausim Buckel: die koketten, zieräffiichen Alleriveltsliebhaber, die harthäutigen, zudringlichen Aisimilationsschnorrer — und wie all die gar zu vielen erbärmlichen Krebsaänger. Kriechlinge und Krüppel in Juda noch heißen mögen: — ibre Lakaienseele würde schmerzliche .Kränkungen erfahren haben, hätten sie der Brüsseler Konferenz beiqewohnt und das Mandelstammsche Referat anhören müssen. Und es war mehr als verwegen, wenn man sie dazu einzuladen wagte: und es war sehr vorsichtig und bedächtig, wenn sie dieser unverschämten Einladung keine Folge leisteten. Wir können ihnen also durchaus keinen Vorwurf machen, daß sie ihren soaen. praktische» Prinzipien der lebensscheuen Selbstverlengnung treu bkieben und mit den frechen, durch ihr stolzes Auftreten anstoßerregenden, „Rischns" machenden Nationaljuden nicht znsammenkommen wollten. Und M a n d e l st a »t in ist einer der frechsten Inden und erwies sich als solcher auch stuf dieser Konferenz. Er war hier der einzige, der die volle Wahrheit beranssagte, hartnäckig und rücksichtslos. Die übrigen Referenteit hingegen scheinen unter einem gewissen hinter den Kulissen ansgeübten Druck seitens der westlichen Jndenvositiker nicht wenig an sreimütiger Aussprache eingebüßt zu Huben: sie haben sich zu auffallend geduckt — darüber aber noch später. ' (Schluß folgt.) Jakob v. Elijah. Kunst und Literatur. Der Polnaer Ri tu alm or d vr oz e ß. Eine kriminalvsvcho'l'oaische lTn+emtrfntnn auf aktenmäßiaerGrundlagevon Dr. ArthurNußbanm, Rechtsanwalt in Berlin. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Fr.,r,z van Lis't. G"b Z'üi'eat ""d o. 5. Professor der Rechte an der Universität Berlin. VH. 5259. S. 8° mit einer Karte. Berlin» 1906. Druck und Verlag von A. W. Hayns Erben, s^ronz von Li^zt. b-r rnä"te i-bt r-b"«de Strosrechtslebrer. bezeichnet in seinem Bormort den Polnaer Prozeß und feine akteumäßiae Darstellung als eine Urkunde von einziaartiaer Bedeutung für die Kulturgeschichte des ansklingenden 19. Jahrhunderts. Das all-in m"ü schon vorliegendem Pmbe die Beoch- *»nn aller Gebildeten sichern. Dr. Nnüba»"» luft die uuag. ,>icbt affe und ©"lochten dieses Prozesses Einblick zu nehmen, fa er hat sogar zwei einaehende Gutachten Berliner Autoritäten einaebolt, um einerseits die Mäuael des Faknltnts-Gutochtens der Präger Universität, andererseits die Glaubwürdigkeit des Kronzeuaen Peiak ins richtige Licht zu rücken. Die Gutachten sind der akteumäüinen Darstellung in fünf Anhängen bejoe'üat. Wir wollen hier nur den Inhalt des ersten Teiles von Nußbaunrs Werk: „Der Hintergrund des Prozesses" besvrecheir. weik dieses Milieu geradezu typisch ist für ieben Ritualmordvrozeß. Kaum war der Mord an der Agnes Hrnza bekannt geworden, da setzt schon die antisemitische ^frttfAtiOU mit Qviltt oin. f^in Stufet — ein iibekbeleumnnde^es Individuum, das schon int Jahre 1893 zu verschärftem Kerker verurteilt worden war, weil es einen indischen Schlächter verleumderisch der rit»elfen Blntabzavsimg be'chnldiate — schreibt an den Abgeordneten Schneider, bekannter m*t»i7 h«»nt entölt B-ies, indem er sich beschwert, daß der indische Bezirksrichter Reichenbach — selbstverständlich ein Cb-ist — die ganze Anaeleaenheit zn veüuschen suche. Sofort wird der Redakteur des Wiener Volksblattes Schwer nach Polna aeichickt. um sofort die vrivaten Untersuchtmgen einzuleiten. Damit beatnnt auch schon die Preßkamvaane; in der gan-en tschechischnationalen und antisemitischen Preise wimmelt es täasich von Anstnelungen wie .»es handelt sich wohl wieder um den soaenannten Schächtschnktt", es muß ein nnaewöhnliches Messer verwendet worden sein, die Leiche ser

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