Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. Frankfurter Israelitisches FamilienLlati. Nr. 8. ganz blutleer gewesen, die Juden bemühen sich uni die Verwischung der Spuren u. dzl. Hand in Hand mit diesem Kesseltreiben geht die parlamentarische Agitation, die hauptsächlich darin gipfelt, die gemeinsten Verleumdungen durch ihre Anbringung in Interpellationen zu immnniisereii. Die mit der Untersuchung betrauten Gerichtspcrsonen werden der Fälschung und Unterschlagung des Beweismaterials geziehen. Hilsneransichtskarten, Hilsnerbüsten, Hilsnerlieder werden Derbreitet und die Geistlichkeit — selbst ein Bischof — tut das ihrige zur Verhetzung der Bevölkerung; auf welch fruchtbaren Boden diese Hetzereien fallen, zeigen die vielen Ritualmordafsären, die im Anschluß an Polna in Böhmen, Mähren, ja selbst in Wien entstehen. Prof. Massaryk, der die Polnaer Gerichtsärzte wegen ihres berüchtigten Gutachtens streng sachlich angegriffen, muß seine Vorlesungen sistieren, die Verteidiger Hilfners können nach der Piscker Verhandlung nur mit Mühe der Lynchjustiz der aufgeregten Menge entgehen, während die Vertreter der Privatbcteiligten, die Antisemiten Dr. Baxa und Pevny, welche in ihren Reden die Instinkte des Pöbels nur ausgereizt und ganz offene Anspielungen auf den Mtualmord gemacht hatten. Gegenstand, begeisterter Ovationen sind. Diese Stimmung beherrscht auch die ganze Verhandlung. Tie Zeugen sind voreingenommen, meist schon durch die vielen privaten Einvernehmungen und Protokolle für ihre vor Gericht abzugebenden Aussagen vorbereitet So kommt es auch, daß sich hei der zweiten Verhandlung viele Zeugen melden, die bei der ersten nichts auszusagen gewußt, andere, die Widersprüche in ihren Aussagen dahin erklären, daß .sie sich jetzt — nach Verlauf von Monaten — besser an die Tatsachen erinnern. Ein klassisches Beispiel bietet der Kronzeuge Pesak, ein schon vorbestraftes.Subjekt, das sich erst nach 4'Monaten erinnert, den Hilsner seinerzeit in einer Entfernung von mehr als 600 Meter' genau erkannt zu haben. Dieser Zeuge prozessiert dann später mit der Dorfgemeinde Klein-Wieznitz, um die von ihr ausgeschriebene Belohnung zu erlangen, und verwickelt sich dabei in einen Betrugsprozeß. Tie Gerichtsärzte stellen sich in ihrem Gutachten ganz offen in den Dienst der Ritualmordagitation, der Vorsitzende nimmt eine sehr eigentümliche Stellung ein, und die Geschworenen bekunden ihr Interesse an der Sache, indem sie iii den 20 Tagen der Verhandlungen ganze 10 Fragen stellen. Die Justizverwaltung, die in Oesterreich einen großen Einfluß auf die Rechtsprechung hat, wird vor' den Antisemiten so eingeschüchtert, daß sie nach den bis heute unwidersprochenen Darstellungen Schneiders den ganzen Prozeß in Len Antisemiten genehmere Bahnen lenkt. Diese Haltung der obersten Justizbehörde spiegelt sich auch in dem Verhalten der ihr direkt untergeordneten Staatsanwaltschaften wieder. Während den antisemitischen Hetzern stillschweigende Duldung, wenn nicht gar Förderung gelvährt wird, werden an und für sich ziemlich harmlose Acnßerungen von Zeugen und Schriftstellern,über das Beweismaterial der Anklage hart geahndet; diese Strenge mußten Professor Masaryk und Dr. Bulowa, ein christlicher Arzt, der der Sache —i wenn auch ohne Absicht — geschadet, an sich erfahren. Ter Staatsanwalt sprach übrigens ganz unverblümt von „d e m bekannten Motiv der Tat" und fand die uiuvcscntlichste» Anhaltspunkte' wichtig genug, wenn sie gegen Hilsner sprachen, während ganz schwerwiegende Verdachtsgründe gegen den Bruder der Angeklagten sehr leicht genommen wurden. So sehen lvir, wie die durch die antiseinitische Hetze in Wort und Schrift geübte Suggestion einwirkt ans die Bevölkerung, aus der Zeugen und Geschworene hervorgehen, ja selbst aus die Richter, und nicht eher zu wirken aufhört, als bis ein Menschenleben, die Ehre eines ganzen Volkes ihr zum Opfer fallen. Tr. Stußbaum hofft, daß es zu einer Revision des Hilsnerprozesses komme; fast scheint es, als sollte er Recht behalten. Denn sein Buch hat auf die ganze Presse eingewirkt, ob sich umi diese Wirkung in verlogenen Anschuldigungen wie im Cech, dem in. Prag erscheinenden Organ des cechischen Klerus oder wie in der St. Fr. Pir. kn den lichtvollen Ausführungen eines österreichischen Oberlandesgerichtsrats äußert. Darum ist es auch Pflicht eines jeden Gebildeten, insbesondere jedes Inden, Stußbaums Werk möglichst zu verbreiten itnd so mitznarbeiteu an der Beseitigung des fürchterlichen Justizirrtums, der Verurteilung Leopold Hilsners. 8. II. l . Bunte Chronik. Die Juden in Marokko. Schon im 7. Jahrhundert fanden die arabischen Eroberer zahlreiche Juden in Marokko vor. Als dann im Jahre 1492 die Juden aus Spanien vertrieben wurden, siedelte sich ein Teil derselben in Marokko an; doch vermischten sich diese spanischen Juden nicht mit den. einheimischen; sie bauten besondere Synagogen und bewahrten ihre besonderen Minhagim. Diese Trennung hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten, besonders auch deshalb, weil auch ihre Sprache verschieden ist; die im Norden bis nach Casablanca an der Küste, und bis El-Kasr im Binnenlande Wohnenden sprechen einen spanischen Jargon, der mit Arabisch und Hebräisch gemischt ist; die andere» Juden bedienen sich eines leicht hebräisierten Arabisch. In den Berggcgenden endlich sprechen die Inden die verschiedenen Dialekte der Stämme, unter denen sie wohnen. - „Ihr sozialer Zustand ist ebenfalls verschieden. Jur Blad-cl-Makhzen leben sie in den Städten als freie Männer unter dem besonderen Schutze der Behörden. Fair sie besteht die Verpflichtung, in einem Mellah zu wohnen, nur noch il(im Bjnnenlandc. In den Berbrrstämmen dagegen wohnen die Inden über das ganze Land; sie sind aber in kleine Ghettis, Mellah genannt, zusanunengedrängt und verharren den sie beschützenden Scheikhs gegenüber in einem Zustande wirklicher Dienstbarkeit. An der Küste wird den Juden der europäische Schutz zuteil, und sie sind deshalb Beschränkungen kauin noch unterworfen. Die Jugend kleidet sich europäisch, beschäftigt sich immer mehr mit deni Handel und . neigt zur Auswanderung nach Südamerika. In dieser Beziehung sind die Juden von Tetuan, Tanger und Larasch besonders expansiv geworden; die hervorragenderen ans Mogador wenden sich nach England, einige aus Fez fangen au, zum Senegal oder nach Algier zu reisen; die änderen bleiben noch seßhaft. Daher kommt es, daß inan jetzt bei den Juden an der Küste ziemlich verbreitete Spuren europäischen Wohlstandes findet; in den großen Städten des Binnenlandes begegnet man bei den Reichsten viel einheimischem Komfort, aber auch manchen europäischen Bequemlichkeiten; in den entfernteren Orten dagegen herrscht selbst bei den Bcssergestellten noch immer Niedrigkeit und Elend wie ehedem. Einige gemeinsame Züge vereinigen trotzdem das in Marokko so gespaltene Judentum. Zunächst ist die Tracht der Juden dieselbe. Bei de» Männern ein schwarzer Fez aus dem Kopse; eine schwarze Dschellaba, die an Feiertagen manchmal einen farbigen Kastan bedeckt, und schwarze Babuschen (Schuhe); bei den Frauen ein Mieder, das bei den Reichsten mit Goldstickereien beladen ist, eine Gimpe (Jacke) mis langen Aermeln, die nach hinten flattern, ein breiter Gürtel, und die Haare bedeckt mit einem seidenen Tuche. Aber was das marokkanische Judentunc ain meisten einigt und ihm zugleich seine Besonderheit verleiht, ist das starke Gepräge, das ihm seine enge Berührung mit der dem Maghreb eigentümlichen muselmanischen Richtung verleiht. Es ist bekannt, daß die Berber im Nordwestcn Afrikas stets in der schroffsten Art des Jslamismus das Symbol und die Bürgschaft ihrer llnabhängigkeit gesucht haben, und daß sie andererseits die reine Lehre des Islams durch Einmischung ihres nationalen Aberglaubens verunstaltet haben. Die marokkanischen Inden sind derselben Neigung gefolgt. Das Judentum hat sich mit den abergläubischen Gebräuchen der Berber durchdringen lassen, cs hat sich auch willig den extremen Vorstellungen hingegeben und ist in religiöser Unduldsamkeit erstarrt. Die dem Islam im Maghveb so eigentümliche Heiligenverehrung ist auch in das Judentum eingedrungen. In den meisten israelitischen Begräbnisstätten des Binnenlandes gibt cs Rabbinen und Heilige, deren Gräber für wundertätig gelten. Die gläubigen Israeliten pilgern zn ihnen und bringen ihre Kranken mit." (Aubin, Marokko S. 328 sf.) Das Familienleben wird ebenfalls von der Berührung mit der benachbarten Bevölkerung beeinflußt. Im Berberlande scheinen die Juden so bcrberisiert wie nur möglich; im arabischem Teile des. Landes haben sie sich arabisiert. Im Innern des Mellahs genießt die jüdische Gemeinde vollkommene Autonomie. Sie wird von dem Maainad verwaltet. Dieser Maamad (Gemeinderat), dessen Gewalt unbeschränkt ist, besteht aus drei Rabbinen und vier Laien, die unter den Reichsten ausgewählt werde». Ter Maamad verwaltet das Vermögen der Gemeinde, sorgt für die öffentlichen Gebäude, wacht über die Beleuchtung «nb Reinigung der Straßen des Mellahs, über das Schulwesen und die Armenpflege. Die Gemeinde untersteht . der. Jurisdiktion des Drcirichter-KollegiumÄ (Beth-Din) eines rabbinischen Gerichtshofes, der in allen Angelegenheiten richtet. Berufung kann an den marokkanischen .Gouverneur eingelegt werden. Die Polizei ist einem Juden übertragen, dem Scheikhel-Jehud, der .im Mellatz die Autorität des Maghzens (Regierung) vertritt und im Bedarfsfälle , die nötigen Polizeiorgane zur Aufrechterhaltnng der Ordnung requirieren kann. Er teilt mit dem Maamad das Recht, die Leute in das Gefängnis des Mellahs setzen zu lassen. Vkor Lhournntisrnns, Kiekt, Ischias, Nierenleiden oäor andere Krankheiten heilen oder solchen Vorbeugen will, kaufe —'■ — Bncbeye die besten und billigsten üampf- und Schwitz - Bade - Apparate. Alleinige Niederlage bei: J. G. Lorey Sohn, Frankfurt aJ. Zeii 50. Projekte gratis üifrailo. Heben der Hauptpost. jj Schublager Conr. Wiegand,!j Tel 9748. Mainzerlandstrasse 99. Tel. 9748. - Anfertigung feiner Herren* und Damen-Stiefel nach Hass. tP ---------------- Goldene Hedallle Hamburg 1903. * Mehl Sa Wetz lei* j Grosse Esdieiilieimerstras.se 2. Kleiner I^aden! Kleine Preise!. 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