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Neue jüdische Presse · 1906-02-23 · Heft 8 (23.2.1906) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Endlich wurde für die Unterbringung und Ausbildung galizijcher Lehrlinge in Westösterreich eine Aktion, die der Hilfsverein für die notleidende Milche Bevölkerung in Galizien, zu Wien unter finanzieller Beteiligung des Hilfsvereins der deurschen Innen unternoinmen hat — für laüö gemäß dem Vorschlag des Wiener Vereins ein weiterer Beitrag von 3000 Kr. gewährt. Oesterreich -Ungarn. Wien. In der Jnrerpettation, welche der Abgeoronete Straucher und Genvfsen im Reichsrat wegen Revision des Hilsner-Prozef ses einorachren, wird auf die Schrift de- Berliner Rechtsanwalts Dr. Ä. Ätugbaum uver den Pomaer Ritualinordprozeß verwiefen, welche auf Gruno des Queilenmaieriates zu dem Schluffe gelangt, daß die am 14. vlovember 1900 vom Schwutgerichie in Pifer erfolgte Schutdigfprechung des Leopold Hüsner wegen Ermordung der Mädchen Llgnes Hruza und Marie Klima und dessen Verurteilung zum Tode ein grauenvoller Justizmord, eine furchtbare Verirrung menschlicher Justiz i,r, und es als eine unabweisbare Pflicht detrachret werden muß, die>en Juftizicrtum zu sühnen. Die Jnrerpellation fuhrt au-, dag es auf Grund des aktenmäßig gelieferten Nachweises in der Schrift Dr. vtllßbaum's gewiß i|t, daß die Gefchworenen uno Zeugen unter Vorurteilen und Wahnvorstellungen gefmnden und gehandelt haben, uno daß die zur Ausübung eines gerechten Richteramtes notwendige Unparteilichkeit bei der Prozeßsührung und bei der Fällung des Veroiits gänzlich gefehlt habe. Was früher die Ansicht Vieler gewesen, daß nämlich Hilsuer unschuldig verurteilt wurde, sei jetzt zur Gewißheit geworden. Rrchlaud. Petersburg. Deal Verband zur Gleichberechtigung der Juden ist vom russ. Minister des Jimern gestattet worden, rn Petersburg vom 23. bis 25. Februar eine Konferenz zu veranstalten. Hierbei soll u. a. nachfolgende Resolution gefaßt werden: „Ein Volk, das auf dem Kriegsschauplätze im fernen Osten durch mehr als 40000 Mann vertreten war und alle Lasten und Pflichten in derselben Weise wie alle anderen Völker in Rußland trägt, hat wohl das Recht, um Gleichberechtigung zu bitten. Die russischen Juden haften, daß die ihnen gewährte Gleichberechtigung den Interessen der Stammbevöllerung nicht schaden, sondern im Gegenteil nur dem Vaterlande zum Segen sein wird." Jekateriuoslaw. Wie erfinderisch die russische Regierung in Erpressungen ist! Seit der Verhängung des Kriegszustandes über unsere Stadt belegt die Polizei die jüdischen Bewohner für unbegründete Vergehen gegen die harten Vorschriften des Kriegsrechts mit großen Geldstrafen, die manchmal bis zu einer Höhe von 2000 Rubel gehen. Tie Polizei will — auf Weisung von Petersburg — unter allen Umständen, daß die Bevölkerung ihre von der Staatsbank zurückgenvmmenen Einlagen wieder einlegt, und so ziehen ganze Scharen von Hooligans in Uniform und ohne Uniform in der Stadt umher, überfallen am hellen Tag die jüdischen Häuser und rauben alles in bar Vorgefundene; geht jemand aus die Polizei, um darüber Klage zu erheben, so bekommt er zur Antwort: Legt euer Geld aus die Staatsbank, dann wird es niemand rauben können. Riederland. Amsterdam. Spenden. Bei dem Vorstande des Vereins „Niederländisches Jsr. Zentral-Krankenhaus" gingen von drei Sendern insgesamt 40000 Gulden ein. Personalien. Berliu. Der berühmte Orientalist Professor Moritz Steinschneider in Berlin vollendet am 30. März sein 90. Lebensjahr. An diesem Tage soll dem Gelehrten eine große geruckte Sammlung seiner in allen gelehrten Zeitschriften der orientalischen Wissenschaften verstreuten Aufsätze überreicht, werden. Berlin. Kommerzienrat Joseph Pinkuß, der Seniorchef der seit einigen Jahren in Liquidation befindlichen Firma Feig u. Pinkuß-ist g e st o r b e n Ter Verstorbene begründete im Jahre 1857 seine Firma, die in den 60er und 70er Fahren ein reges und ausgedehntes Bankgeschäft betrieb. Sein weiter Blick zeigte sich insbesondere durch das Interesse, das er hiesigen städtischen Unternehmungen und namentlich der Hebung der Verlehrsverhältnisse entgegenbrachte. Sein erstes derartiges Unternehmen war die Einführung der Aktien der Berliner Wasserwerke, die später von der Stadt übernommen wurden. Auch der Berliner Viehmarkt, durch den die Fleischversorgung Berlins erfolgte, bis die Stadt einen eigenen Viehhof errichtete, verdankte der Firma Feig u. Pinkuß seine Entstehung. Im Jahre 1868 hat die Firma die Allgemeine Berliner Omnibus-Gesellschaft begründet, indem sie die bestehenden fünf ein¬ Frankfurter Israelitischer FamUienblatt. zelnen Konzessionen zum Betriebe von Omnibuslinien zu einer Ge>ettschast vereinigte. Dem folgte im Jahre 1871 die Konstituierung der Großen Berliner Pserdeeijeubahn-Alt.-Ges. Nicht zum wenigsten dem Einfluß, der Tatkraft uno der Geschicklichkeit des Kommerzienrats Pinruß ist die gewaltige Entwickelung zu danken,, welche das Unternehmen aus den kleinsten Anfängen genommen hat. Der Verstorbene zeichnete sich durch einen hohen Wohltätigkeitssinn ans. Er hat ein Alter von 75 Jahren erreicht. Berlin. Gedemrer Sanuatsial Dr. I. Blumenthal, der stcllvertretenoe Vorsitzende der Repräsentanten der jüdifchen Geineinde, feiert am 2. März seinen 70. Geburtstag. Wien. Eine der wohltätigsten Frauen Wiens, Frau Hosrat Emilie von Pfeiffer, beging am 10. ds. Mts. ihren 70. Geburtstag. Frau Hofrat von Pfeiffer sieht seit Jahrzehnten dem Israel. Frauen-Wvhltatig.ecks-Verein, dem Mäschen-Waiseiiyause und anderen Wohltätigkeirsvercinen mit Opferwilligkeit und Hingebung vor. Budapest. In fernem 72. Lebensjahre verschied Anton I. Hör n (Einhorn), der Bruder des einstigen Staatssekretärs Eduaro Horn. 1859 engagierte ihn der damals in Paris weilende Herausgeber des „Journal de St. Petersbourg", Dufour, für sein Blatt als Leiter der deutschen und italienischen Rubrik. In die>em Blatte pirbrizierte er auch seine größere Arbeit „Revue öconomique de l'etranger". 1864 wurde er provisorischer und 18/1 verantwortlicher Redakteur die>es Blattes. Es erregte nicht geringes Aufsehen, daß ein Jude an die Spitze des offiziösen Organs der russischen Negierung gestellt wurde; allerdings hatte sich Horn durch seine hervorragende journalistische Tätigteit, seinen lauteren Charakter und seine urbanen Umgangsformen binnen wenigen Jahren das Vertrauen und die Sympathien der maßgebenden Kreise errungen. Fast zwanzig Jahre blieb er in seiner hervorragenden Stellung, auf welche er 1890 verzichtete. Er kain nach Budapest, wo er seither in stiller Zurückgezogenheit, von der 'Mitwelt fast vergessen, lebte. Nur hie und da gab er durch eine publizistische Arbeit in ausländischen Blättern ein Lebenszeichen von sich. Er schrieb ins „Journal des Econoinistes" Berichte unter dem Titel „Lcttrcs d'Autriche-Hongric", in die Jahrgänge von 1894 und 1895 des in Paris erscheinenden „Marchö" Abhandlungen über die finanziellen Verhältnisse Ungarns, 1894, jn die „Revue de Paris", „Le mariage civil xn Hongrie", in die „Revue politique et parlamentaire" eine größere Studie unter denr Titel „25 ans de regime financiers cn Hongrie" usw. Odessa. Ravvi David Schromo Slouschz ist als Opfer des November-Pogroms im 54. Lebensjahre verschieden. (Eine eingehende Würdigung dieses großen Mannes werden wir in der nächsten Nummer bringen. Die Redaktion.) Amsterdam. Nach langem Leiden verschied im Alter von 50 Jahren Herr D. Abrahams. Ter Verstorbene, ein Schwager des Herrn Direktor Dr. Lange in Frankfurt a. M., war ein prächtiger Jehudi und zeichnete sich neben seiner tiefen Neligiösität besonders durch eine echt jüdische Anowoh aus. Er nahin an dem jüdischen Leben Hollands den lebhaftesten Airteil und spielte in der holländischen Judenheit eine hervorragende Rolle. Da er verlangt hatte, daß von allen Ehrenbezeugungen Abstand genommen werde, so mußte sich Herr Oberrabbiner Dr. Dünner darauf beschränken, ihm bei seiner Kewuroh die Morenu zu erteilen. Christburg. Die städtischen Körperschaften haben den Rentier Heymann zum Ehrenbürger der Stadt ernannt. Herr H. gehörte 53 Jahre ununterbrochen der dortigen Stadtverordneten - Versammlung an. Cincinnati. Julius H. Goodhart, der älteste Bürger Cincinnati's, ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Er war in Deutschland geboren und kam bereits 1837 nach Cincinnati. An den religiösen und wohltätigen Institutionen der jüdischen Gemeinde nahm er stets lebhaften Anteil. Aus den Vereinen. Frankfurt a. SR., 22. Febr. Der Verband der Sabbatsreunde hielt in Gemeinschaft mit dem Verein „Nachalaß Zwi" gestern Abend in dem Saale des Mekor-Chajim-Vereins eine Versammlung ab, in der Herr Mor itz A. Loeb über die Erfolge und Ziele des Verbandes referierte? Herr Loeb warf zunächst die Frage auf, ob der vor einem Jahre gegründete Verband eine Notwendigkeit sei, eine Frage, die in unserer Zeit der Vereinsmeierei wohl am Platze ist. Der Referent bejahte diese Frage. Als die Kehilla noch ein organischer Körper war, der auf alle Wirkungen von außen reagierte, da bot die Kehilla auch genügenden Schutz für die Interessen der Sabbatheiligung. Inzwischen ist es jedoch anders geworden. Die Reform, die Entwicklung der sozialen Verhältnisse, und zuletzt die Sonntagsruhe haben viele Tausende der Sabbatentweihung in die Arme getrieben; und wie traurig sich die Verhältnisse heute gestaltet haben, das illustrieren die Antworten auf ein Rundschreiben, das der Ver- Nr. 8. band an die Gemeinden Deutschlands erließ: von deu 267 eingelausenen Antworten erklärt e i n D r i t t c l, daß in der Gemeinde nicht ein Geschäft am Samstag geschlossen ist, bezw. daß nicht ein Mann in der Gemeinde ein Interesse an der Sabbatheiligiing hat. ' Die Schwierigkeit der Sabbatbeobachtung unter den modernen Zuständen veranlaßte die Gründung von.Vereinen, die für die gesetzestreuen jungen Leute die Stellenvermittlung regeln. So entstanden 1885 in Breslau, 1892 in Hamburg und später in Berlin und Frankfurt „Schomre-Schabbos-Vereine". Der Frankfurter Verein fügte zur Stellenvermittlung noch die Versicherung gegen Stellenlosigkeit hinzu, er hat in den 7 Jahren seines Bestehens 12 000 JL an die Versicherten ausbezahlt und dadurch manchen jungen Mann in seiner stellenlosen Zeit vor der Snbbatentweihung bewahrt. Mit all' den Schomre-Schabbos-Vereinen war jedoch kein Schutzwall gegen die fortschreitende Sabbateniweihung errichtet. Es ergab sich die Notwendigkeit, die gesamten Kräfte der Gesetzestreuen zusammenzusassen, welche Notwendigkeit zur Gründung des Verbandes führte. Was hat nun der Verband bereits geleistet rrud welches sind seine nächsten Ziele? Jn seiner Zeitschrist „Der Sabbat" sammelt er alle Regierungserlasse, die auf die Sabbatweihe Bezug haben. Es hat sich ergeben, daß die meisten Direktoren und Lehrer der Lehranstalten Preußens nichts von einer Ministcrialverordnung wissen, die die jüdischen Kinoer nicht nur vom Schreiben, sondern aus Wunsch sogar vom Schulbesuch am Sabbat entbindet. Der Verein wird sämtliche „Erlasse", in einem Buche vereinigt, herausgeben. Eine weitere Aufgabe wird es sein, einen „Berussführer" abzufassen, denn es ist von größter Wichtigkeit, bei der Wahl eines Berufes für unsere Kinder zu wissen, inwieweit es bei diesem oder jenem Beruf möglich ist, den Sabbat zu beobachten. Ins Auge zu fassen ist ferner die Gründung eines „Kreditinstitutes". Das sind die Nächstliegenden Ausgaben, nach deren Lösung der Verband neuen Ausgaben zustreben wird. Nach dem mit Beifall ausgenommenen Vortrag richtete Herr Jacob Rosen heim, der Leiter der Versammlung, einen Appell an die Damen — cs war das erste Mal, daß in den Räumen des Mekor- Chajim-Vereins Damen anwesend waren — ihren Männern in der. (sabbatbeobachtung zur Seite zu stehen und forderte sie auf zu erwägen, ob nicht auch, ein Verein für den Säbbatschutz unter den crwerbstreibenden Damen notwendig sei. Frankfurt a. M., 19. Febr. Die gestrige,' gut besuchte Generalversammlung des „C e u - tralvereiu israelitischer Gemeinde- Mitglieder" erösfnete Herr Dr. JsaacHeinem a u n mit der Mitteilung, daß Herr Alfred Geiger, der bisherige Vorsitzende, sich zu seinem Bedauern genötigt gesehen habe, seinAmt niederzulcgen. Herr Dr. Heinemai,n ging dann auf die Tätigkeit im abgclaufeueu Jahre über. Tie Aenderung des Gemcindcstatuts und den Neubau des Spitals zu erreichen, hatte der Verein als die Nächstliegende Ausgabe ins Äuge gefaßt. Bezüglich des Statuts handelte es sich darum, zu erfahren, ob die Regierung der Uingestaltung des gegenwärtigen, veralteten Statuts günstig gegenüber stehe. Ta nun die Regierung einstlveilen nicht gewillt ist, für irgend eine Gemeinde ein besonderes Regulativ zu verfassen, denn sie erwägt für sämtliche jüdischen Gemeinden ein Norinal-Regulativ, so war man gezwungen, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob im Rahmen des gegenwärtigen Statuts Aenderungen möglich seien. Ter Erfolg dieser Bemühungen war zunächst, daß der Vorstand die Oeffentlichkeit der Ansschußsitzungen einführte. Auch dem Neubau des Spitals ist der Vorstand bereits näher getreten; die anläßlich der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares für eine geburtshilfliche Abteilung des Krankenhauses bewilligten 100 000 Jk sind der beste Beweis dafür. — Das wichtigste Ereignis für den Verein war aber die Wahl zum Ausschuß; es handelte sich um eine Kraftprobe, und diese — wurde bestanden: nach heißem Wahlkampfe ging zum dritten Male die Liste des Centralvereins durch! Mit seinem diesjährigen Siege ist der Centralverein. ausschlaggebend in der Gemeinde geworden; es ist ihm damit die Verpflichtung erwachsen, positive Arbeit zu leisten, besonders, indem er dem Vorstand Anregungen gibt. Jetzt ist der Centralverein nicht mehr nur ein Wahlverein, sondern ein Gemeindeverein, der sich mit allen aktuellen Angelegenheiten der Gemeinde eingehend zu beschäftigen hat. Zum Schluß machte Redner noch die Mitteilung, baß der Vereinsvorstand einen neungliedrigen Agftationsausschuß ernannte. Hierauf erstattete Herr Lehrer Schwab den Kassenbericht. Tie Mitgliederzahl hat sich von 396 auf 445 Mitglieder erhöht. Während die vorjährige Kasse mit Jk 195,81 abschloß, schließt sie diesmal mit Jk 598,03 ab. Zu Revisoren der Rechnung wurden die Herren Josef Wiesloch und Hugo Frankel bestimmt und dann wird in die Diskussion über die beiden Berichte eingetreten; es sprachen die Herren Leo A. Bonn, Salo Stern, Einannel Lehmann, Jnstizrat Hecht und Raphael Ettlünger. Eine sehr lebhafte und lange Debatte verursachte der Antrag, den Herr Fritz So.nbheimer

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