Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 8 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Unsere Bureaux befinden sich ab 1. März: Bleichstrane 2. Geschäftsstelle u. UedaKtion des IranKsurter Israel. Jamilienblattes. Inhalt -er Beilage: Artikel: Neue Mussacres. — Die Juden in Kanada. — Aus aller W e l t. — Per so n allen. Aus den Vereinen. — Aus der zionist B e w e g u n g. — S p r e ch s a a l. — Kunst und Literatur. — Bunte Chronik. —„Schule u n d H a u §." Neue Maffacres? Kiew, 7. Februar 1906. Eine s ehr gef ä h r - l i ch e Wühlarbeit betriebe» in letzter Zeit die finsteren Mächte in ganz Südrußland, namentlich aber in Kiew, einer der reaktionärsten Städte des ganzen Reiches. In Kiew gibt es vier Organisationen, die den Zwecken der Reaktion dienen sollen: die „Russische Versammlung", die Gruppe der „Partei der Rechtsordnnngs!)", die „Monarchistische Partei" und die „Russische Brüderschaft". Alle diese Gruppen, die' ihre Existenz hauptsächlich den Kreisen Jjcv Verwaltung, der Gendarmerie, der schwärzesten Geistlichkeit und gewissen nrreaktionärcn bürgerlichen Elementen verdanken, haben sich neuerdings znsaminengeschlossen, nin gemeinsam zu kämpfen, in Wahrheit jedoch um durch 'die Mittel her äußersten Gewalt und Grausamkeit jede freiheitliche Aeußerung zu unterdrücken. Diese schwarzen Parteien vertreten nicht einmal mehr die Interessen der jetzigen Regierung, sondern nur die einstige Selbstherrschaft mit allen ihren Attributen. Gegenwärtig sammeln sie bei den unwissenden und unreifen Elementen Unterschristen für eine Adresse an den Kaiser, die die Autokratie wieder herzuslellen bezweckt und zugleich den S t u r z W i t - t c s h e r b e i f ü h r e n soll. Außerdem beabsichtige» sie, an den Zaren eine Deputation zu entsenden, für die Graf Jgnatiew bereits eine Audienz ansgewirkt hat. Aber selbst dieser Finsterling genügt ihren reaktionären Gelüsten nicht; der Mann, in dessen Hände sie das Schicksal Rußlands überliefert sehe» möchten, ist D n r n o w o. Um ihre Hetzarbeit in der Provinz zu besorgen, haben sie vor kurzem 6 34 Spezialagenten über den ganzen Rayon a » s g e s ch i ck t. Denn es.handelt sich bei ihnen um gründliche-Hctzarbeit, vor allem um Pogrome gegen die I nd e n. Zu diesem Zweck sind sie bereit, alle ihnen zu Gebote stehenden Machtmittel ausznnntzen. Der Geist, der bei ihnen herrscht, ist der Geist von Pichno, eines zweiten Krnschcwan, der tagtäglich in langen Artikeln.seines „Kiewjanin" geradezu zu Mord und Raub anspornt und sich so toll gcberdet, daß vor einigen Tagen das Gerücht austauchte, er sei tatsächlich wahnsinnig getoorden. Derartige Hetzpredigten werden jetzt regelmäßig im „Hanse des Fleißes" abgchalten, wobei auch Soldaten scheinbar zum Schutz und znr Bewachung der Veranstaltungen, in Wirklichkeit jedoch zwecks Gewöhnung an die Mordansichten herangezogen werden. So werden die furchtbarsten Pogrome vorbereitet. Iu dc n in a ssa k r es sind von den Mordparteien in der letzten Zeitbcrcits mehrmals projektiert gewesen. Vor einigen Wochen hatte Pichno, wie berichtet wird, den Generalgouvcrneur Ssuchomlinow um die Erlaubnis zu einer patriotischen Straßenmanifestation gebeten, aber von diesem, der in Wirklichkeit die Ordnung zu erhalten bemüht sein soll, eine schroff ablehnende Antwort erhalten; denn jedes Kind in Kiew weiß, daß eine „patriotische Manifestation" nur ein Deckmantel für eine regelrechte Judcnmetzelei ist. Ebenso war für den 22. Januar, dem Gedenktag der Petersburger Ereignisse, ein Judcnmassakres als Antwort auf eine etwaige freiheitliche Demonstration geplant!'. .Fetzt ist nun ein neues Datum in Aussicht gestellt: die Tage nach dem Empfang der Svezialdeputation durch den Kaiser, d. h. nach dem 16. Februar. In den Michai- Ivwski- und den Pokrvwskiklöstern soll die Antwort deS Zaren abgewartet werden, und entsprechend der etwaigen Parole der Rädelsführer sollen die gedungenen und die freiivilligen schwarzen .Horden über die freiheitlichen Elemente und über die Inden hcrfallen, und schreckliche Abschlachtnugen veranstalten. M a n sie h t, i n we lch e r Gef a h r T ü dr u ß l a » d lv i c d e r u m s ch w e b t. Da die R eg i e r n n g über die Wü h l a rb e i t unterrichtet i st, so lvi r d W e st e n r o p a w i ss e n, w o die Verantwortlichkeit zu suchen i st. Die Juden in Kanada. Der bekannte Beschützer der jüdischen Emigranten in London, Mr. Hermann Landau, hat im dortigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur einen Vortrag über Kanada gehalten, dem wir Nachstehendes entnehmen: Tie jüdische Bevölkerung Kanadas gehört sasl mit zu den ersten weißen Bewohnern des Landes. Schon der berühmte General Wolf, der Eroberer von Anebec, hatte einen Juden .namens Aron Hardt znm Kommissär, und als während der nordamerikanischen Revolution ein Unterbcfehlshaber Washingtons, General Montgomery, in Kanada eindringen wollte, befanden sich unter den englischen Soldaten, die die Invasion zurückwiesen, auch einige Inden. Auch die Gleichberechtigung der Juden in Kanada ist bereits alteren Datums. Sie ist sogar älter als die in England; und 20 Jahre bevor der erste Jude in das englische Unterhaus hincingcwählt wurde, hat schon Quebec einen Inden in die gesetzgebende Körperschaft geschickt. Auch im föderativen Parlament saß als erster Vertreter von British Columbia ein Jude. Trotzdem und obgleich Kanada mit 150 000 englische Quadratmcileu größer ist als die Vereinigten Staaten von Nordamerika, blieb die jüdische Bevölkerung dieses Landes längere Zeit hindurch sehr gering und betrug zur Zeit der Eröffnung der Pacificbahn kaum 12 000. Nebst dem rauhen kanadischen Winter war cs der Mangel an Eisenbahnen, der die Emigranten davon abschreckte, ihren Weg statt nach den ferneren Bereinigten Staaten nach dem Europa weit näher gelegenen Kanada zu nehmen. Mit der Eröffnung der Canadian Pacific Nailway nahm die Entwicklung des Landes einen so großen Aufschwung, daß allein längs dieser über Winnipeg zum Pacific ziehenden Linie fünf Millionen Acres Land in Anbau gcnoninien worden sind. Teinentsprechend ist auch die jüdische Bevölkerung gewachsen, erreichte im Jahre 1900 die Zahl 16 000 und dürfte gegenwärtig gegen 40 000 betragen. Tic Hälfte davon lebt in der Hauptstadt Montreal, die mit Nemyorc durch eine gute Eisenbahn direkt verbunden ist. In wenigen Jahren wird die Grand Trunk Pacific-Bahn hergestetlt sein und wird etwa 300Mill. fruchtbaren Acres Land der Kultur erschließen. Tas von der neuen Bahn durchzogene Gebiet ist so fruchtbar, daß der Boden ohne allen Tünger 20 bis 30 Jahre lang reichlich Weizen produzieren dürste. 'Nebst den auf der Oberfläche der Erde gedeihenden Naturschätzen gibt es da auch unter der Erde unermeßliche Reichtümer an Eisen, Kohle und sonstigen Mineralien, die, wenn sic erst zu Tage gefördert werden können, Kanada zu einem an Wohlfahrt mit den Vereinigten Staaten rivalisierenden Lande machen werden. Es wäre daher sehr klug, wenn die Juden beizeiten an eine Besiedelung Kanadas dächten, um so rechtzeitig am Platze zu sein, wenn der große Anfschiviing Kanadas beginnen kvird. Taß Kanada, dessen Klima gleich dem in Rußland ist, für jüdische Kolonisationszwecke sich ganz besonders eignet, ist schon aus den billigen LebenSmittelpreifcn zu ersehen. So kostet beispielsweise überall in Kanada das Pfund Fleisch 5 Pfg., Weizenmehl pro Bushel etwas mehr als eine Mark. .Tabei sind die Löhne sehr hoch und die jüdischen Einwanderer können schon als Eisenbahnarbeiter 2 bis 2,5 Dollars pro Tag verdienen und so bei ihrer bekannten Sparsamkeit, Nüchternheit und Bescheidenheit sich binnen weniger Monate einen für ihre Verhältnisse sehr ansehnlichen Spargroschen zurücklegen. Auch vom politischen Standpunkt auS kann die jüdische Besiedlung Kanadas empfohlen werden. Im Jahre 1897 erklärte Sir Wilfried Laurier Herrn Hermann Landau: „Wenn die Juden eine planvolle Organisation nach Kanada einleiten wollten, so will ich ihnen in Manitoba, das weniger als 100 000 Einwohner hat, einen Platz reservieren, und den jüdischen Kolonisten daselbst volle Autonomie gewähren; dann könnten sie meinetwegen an Stelle des Sonntags den Sonnabend für den gesetzlichen Ruhetag erklären." Auch Baron Hirsch soll nach Hermann Landaus Angaben ursprünglich die Idee gehabt haben, den Wirkungskreis der von ihm geplanten Jewish Colonization 'Association nach Kanada zu verlegen. Gerade aber, als die Pläne für ein Kolonisationswerk in Kanada ansgearbeitet wurden, fallierte das Londoner Bankhaus Mourietta u. Co., bei dem Baron Hirsch mit 20 Millionen Mark interessiert war. Tas Geld wurde von ihm gegen Hypotheken auf argentinische Ländereien geliehen und Baron Hirsch benützte die ihm so ohne sein Zutun zugefallcncn großen Landstrecken, um auf ihnen eine jüdische Ansiedlung anzulegen. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Das Kollegium der akademijch gebiloeten Lehrer des Philanthropins schreibt der „Franfturter Zeitung": „In Ihrem ersten Morgenblatt vom 17. Februar findet sich ein Bericht über die Festgabe znni 25jährigen Besteyen des Vereins akademisch gebildeter Lehrer zu Frankfurt a. M. Dieser Beriait lönnte den 'Anschein erwecken, als ob der Verein akademisch gebildeter Lehrer alle öffentlichen höheren Schulen unserer Stadt umfaßt. Dies entspricht nicht den Tatsachen. Vielmehr sind nach Paragr. 4 der Statuten dieses Vereins die akademisch gebildeten Lehrer der Realschulen der israelitischen Gemeinde (Philanthropin) und der israelitischen Religionsgesellschast von der ordentlichen Mitgliedschaft ausgeschlossen." Berlin. In der letzten Sitzung des geschäftsführcnden Ausschusses naym der Hilfsverein der deutschen Inden u. a. zu den Beschlüssen der Brüsseler Konferenz vom 29. Januar Stellung. Der Ausschuß erklärte sich nach dem Reserat des Herrn Tr. Nathan mit dein Beschlüsse einverstanden, eine Organisation zu schassen, die eine stäydige Kooperation allerjüd i s ch e ii humanitäre n Vereine für die Z n k n n f t g e w ä h r l c i st e t. Der geschäfts.ührende '.'lnsschuß stimmte um so lieber der in Brüsjel gefaßten Resolution bei, da bereits früher auf 'Antrag des Hilfsvercins bei der von ihm zusammenberufenen Kischinew-Konfercnz genau derselbe Beschluß gefaßt worden war, der aber leider -bisher durch Hinderungen verschiedenster Art znr Durchführung nicht gelangt ist. Ter Hilfsverein wird sich auch an der Bildung einer Kommission beteiligen, welche die verschiedenen Länder bezüglich Immigration s- und Kolonisationsmöglichkeiten ft u d i e r e n soll. . Unter lebhafter Zustimmung der Versammlung resümierte .Herr James Simon, der Vorsitzende, den Standpunkt des Hilfsvereins in der Frage der Kooporation der Organisationen und der Bildung einer Studienkommisjion dahin, daß wo immer die Hand gereicht werde, damit die zu erfüllenden humanitären Aufgaben in Gcnieinsamteit gefördert werden, der Hilfsverein zur Stelle wäre und immer bereit sein werde, gleichen Schrittes mit den ander» Vereinen vorwärts zu gehen. Bewilligt wurden in der Sitzung weitere 4000 M. für die Herberge für russische Auswanderer in Königsberg, die unter der umsichtigen Leitung des dortigen Schutzkomitees des Hilfsveceins segensreich wirkt. Ferner beschloß der Ausschuß, daß in der Kont r o l l st a t i o n R u h l e b e n bei Spandau eine B a - racke für die durchreisenden russischen A n s w a n d e r e r gebaut werde und daß in der Baracke zugleich für die Verpflegung der Durchreisenden Sorge getragen werden solle. — Es wurde aber nachdrücklich hervorgehoben, daß der Hilssverein und das für spezielle Zwecke der Answandererfürsorge organisierte Zentralburean und die Schutzkomitees des Hilfsvereins zwar für Gewährung von Schutz und Jnformationsertcilung nach wie vor jederzeit znr Verfügung stehen würden, daß aber — in Gemäßheit des auch auf der Brüsseler Konferenz gefaßten Beschlusses — die Ms.- wanderung der russischen Glaubensgenossen pekuniär e 1l n t e r st ü tz u n g n i ch t e r s a h r e n k a n n.