Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692468--02241-2696824- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 8. norme in Oesterreich sich burchznringen beginne. Was die Sprache betrifft, so besitzen V« der Juden eine solche, doch ist auch sie für den Begriff Nation nicht wesentlich. Die Sprache ist eine große soziologische v Erscheinung eines schon bestehenden Volles; das Volk ist daher von der Sprache nicht abhängig. Me Iren besitzen auch keine eigene Sprache nnd bilden doch unleugbar eine eigene Nation. Das Wesen der Nation liegt vielmehr in der geschichtlich gewordenen Eigenart des Volkes, es ist seine nationale Geistigkeit. An Stelle jener mangelnden Organisationsmittel können andere gesetzt werden. ■ Worin dieser Ersatz zu bestehen habe, darauf blieb Herr sicher die rechte Antwort schuldig. Herr Sicher war bekanntlich früher Zionist; zu sehr aber hat er sich dem besonderen österreichisch-jüdischen Problem hingegeben, und indem er sich zu sehr in dieses vertieft nnd ihm seine Kraft gewidmet hat, ging ihm der Blick für das gesamtjübische Problem verloren, das er nunmehr nur niit österreich. Augen beurteilt. Es verfehlten nicht Redner auf dieses Stehenbleiben auf halbem Wege hinzuweisen, das theoretische Aufwachen des nationalen Empfindens allein genügt nicht, heute ist .der Zuknnftsgedanke, der Gedanke der Schaffung einer Heimat auf eigenem Boden, der eigentlich gcschichtsbildende Faktor im jüdischen Volke. Das ist die Auffassung, die die Logik des Verstandes und die Gewalt der Tatsachen diktieren, die auch hier inimer weiter an Boden gewinnt. Die Woche. In Kreisen der Reform sängt man allmählich an, die großen Schäden der Mimilation einzusehen und — was noch mehr ist — einzngestehen. Freilich sind die Wege, die zur Rückkehr cingeschlagen werden, gar manchmal eigentümlich. Die Einen suchen den wundgeschlagenen Körper auf die Weise zu kurieren, daß sie ihm noch mehr Wunden beibringen; andere lviedernm tasten verschämt nnd ängstlich nach der alten Kost, mit der der Körper Jahrhunderte lang gesund erhalten war, fürchten sich aber vor einein energischen Griff; ihnen fällt cs schwer, sich ganz voin Neuen, für sie Unverdaulichen, zu trennen. Die Kost soll also eine gemischte werden. Zu einer Genesung kommt es natürlich dabei nicht, aber cs ist Hoffnung vorhanden, daß man mit, der Zeit herzhafter wird nnd von den alten, bewährten, Mitteln eines nach dem andern wieder holt. — Zn dieser Kategorie scheint auch Herr Rabbiner Dr. Ziegler in Karlsbad zu gehöre», denn er schreibt in der „Allg. Zcitg. d. Indent.": „Ich glaube nicht, daß ein denkender Jude, der die Ideale des Judentums ausgenommen hat, sich des Schmerzes erwehren kann über den B e r l n st des Sabbats. Und je mehr sich das Staatsgesetz des Sonntags bemächtigt, je mehr er der allgemeine bürgerliche Ruhetag wird, um so krasser gestaltet sich der Unterschied zwischen ihm und dem Sabbat für uns Juden. Die biblische Gesetzgebung hat in unvergleichlicher Kraftfülle im Sabbat das Rnhegesetz mit der Gotteslveihe verbunden. .... „Daß die Sabbatentweihung konstant sortschreitet, sieht jeder; von Jahr zu Jahr mehren sich die Familien, in denen die Sabbatweihe isich stetig vermindert und schließlich gänzlich verloren geht. Dabei gebe ich ohne weiteres zu, daß Tausende, die den Sabbat halten könnten, ihn nicht halten; aber ebenso wahr ist es, daß Tausende ihn tatsächlich nicht halten können. Viele gehen nicht in die Synagoge aus Indolenz, vielen aber ist es einfach unmöglich. Wie viele Angestellten möchten gern zur Andacht, können aber nicht. Da heißt es also, etwas retten, wo nicht alles gerettet werden kann. Geht es nicht, den ganzen Tag der religiös-sittlichen Erhebung nnd Belehrung zu widmen, weihe man ihr einige Stünden. Eine kleine Ahnung davon beschlich schon mehrere Gemeinden, die nunmehr auf den Freitagabend größeres Gelvicht legen und die Predigt auch am Freitagabend halten lassen, Aber der Nutzen dieser Neuerung scheitert an der Stunde des Gottesdienstes. Den ganzen Winter hindurch wird zwischen 1 nnd Vs 7 gebetet. Ja, für wen wurde diese Reform cingeführt? Jene, die Zeit haben, oder sich Zeit nehmen, in diesen Stunden das Gotteshaus zu besuchen, können füglich auch am Sabbatvormittag da sein." Die aber am Sabbatvormittag geschäftlich der- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. hindert find, find es am Freitagabend vielleicht noch mehr. Und doch ist cs richtig, den Freitagabend der Sabbatruhe retten zu wollen, nur muß die Neuerung recht angefaßt werden, so daß sie einen wahren Aufbau bedeute. Ter Gottesdienst am Freitagabend mutz ju einer Stunde abgehalten werden, da jedem möglich ist, in die Synagoge zu kommen, um 7 Uhr. Ich weiß, daß diese Reform dem Gesetz über Kabbolath Schabboth schnurstracks zuwiderläuft, aber es gibt Pilnkte, über die man einmal hinweg mutz. Es ist ein oft gebrauchter Satz unserer Weisen, es sei besser, daß ein Buchstabe 'des Gesetzes entwurzelt werde, ehe es zur Entweihung deS göttlichen Namens komme, oder, positiv gesprochen, um Gott zu heiligen, darf auch ein Gesetz anders gedeutet werden. Geben wir uns doch keiner Selbsttäuschung hin. Bon 1000 modernen Synagogenbesnchern halten 800 die Sabbatgesetze nicht, warum sollen wir uns vor einer Reform scheuen, die Tausenden die Möglichkeit gibt, am Freitagabend die Synagoge zu besuchen? Der Segen dieser Neuerung dehne sich aber auch auf die Familie ans. Heute geht der Synagogenbesucher zumeist ans dem Tempel in das Geschäft zurück, oder er geht spazieren, und die Weihe, die ihm Predigt und Gottesdienst gegeben, verflüchtigen sich bis zu seiner. Heimkunst. > Kommt aber der Vater, der Sohn ans dem Gotteshause 'direkt in sein Haus, so bringt er unbewußt die Weihe des Tempels mit, überträgt sie auf seine Familie und rettet damit einen Teil der Sabbatheiligung. Daß sodann ein solcher religiöser Freitagabend notwcndigermaßen auch den folgenden Tag beeinflußt, die Entweihung des Sabbats vielfach hintanhält, ist sicher." Tie Früchte, welche eine Arbeit von rund hundert Jahren gezeitigt hat, lassen sich nicht von heute auf morgen ansrottcu. „Manschet" hat volle hundert Jahre die Führerschaft seines? Volkes (man entschuldige das scheinbar unverständliche, aber doch richtige Fragezeichen; „Manschet" gehört ja keinem Volke an, ebenso wie er keinem Gotte angehört . . . .) gehabt und seinem Wesen gemäß alles vermanschelt. . . und sichebenbürtig gemacht. Jetzt versuche man, den ganzen Unrat, den er in den Zelten Jakobs angehäuft, im Nu fortzuschaffen! Jahrzehnte müssen verstreichen, bis die verpestete Luft gereinigt ist. Wackere Leute sind schon seit Jahren an der Arbeit nnd haben bereits ein gut Stück Arbeit verrichtet, aber noch lange ist das Werk nicht am Ende; fehlt es doch an mitschaffenden Händen. Die einen liegen und schlafen, die andern spazieren mit g e s ch l o s s e n e n .Augen umher, wieder andere haben ihre Augen offen, sie sehen, aber sie sehen alles schief. . . . Die Stunde für „Mauschel" hat noch nicht geschlagen, aber sie wird schlagen, sie muß schlagen! „Mauschel" wird zwar nicht ganz aus der Welt verschwinden, und wenn er auch im Lager Judas selten zu treffen sein wird, so wird er in einem andern Lager — vielleicht als „L a k a i" im Lager der Schönerer und Stöcker — anzntreffen sein; aber, wo er sich auch befinden mag, als Führer Israels wird er dann nicht mehr gelten. Diese Gedanken sieten uns ein, als uns die Nachricht zukam, daß der österreichische Minister des Innern dem Obmann des zionistischen Landeskomitees Tr. Schalit betreffs der Autonomie der österreichischen Juden einen ablehnenden Bescheid gegeben hat. Welcher Natur die von der Negierung angegebenen Gründe sind, geht uns hier nichts an; sind sie doch nur pure Ausreden. Uns ist der wahre Grund sehr verständlich: „Mauschel" in Gestalt des Dr. Byk, des traurigen Führers der österreichischen Inden, steht und schreit nach Art der Knechte und Lakaien: „Oliarrti es Adauni, lau eze lachofschi“ — mit dem Moment aber, wo Israel richtige Führer bekommen wird, wird auch ein österreichischer Minister einer jüdischen Forderung zu entsprechen wissen. * * Zu den vielen in der revolutionären Lust Rußlands umherschwirrenden Phrasen gehört auch die Phrase des Boykotts. Mit dein gesellschaftlichen Boykott soll jeder, der nicht im Sinne der Revolution handelt, bestraft werden. Daß die Träger der Knute sich . ob dieses Verhängnisses keine grauen Haare wachsen lassen, ist klar. : . Leite 3. Es soll jetzt eine Duma im Knuten-Lande geschaffen werden, der leere Staatssäckel.erheischt es, die Börsen-Könige wollen es haben; und deshalb muß eine Verfassung, wenn auch eine halbe, kommen! —> Da sollte man nun meinen, daß ein unterjochtes Volk, ein Volk in Ketten, diese Verfassung widerspruchslos entgegennehmen werde — aber nein! Hoch lebe das Prinzip: „G a n z, oder g a r n i ch t". — Heller Wahnsinn! Hat man denn je von einer absolutistische» Regierung, die noch ziemlich fest im Zattel sitzt, eine ganze Verfassung verlangt und ihr mit Boykott gedroht! Jedoch sei es den Russen vergönnt, unter anderm auch diesen Wahnsinn zu begehen, aber daß unsere Brüder, allerdings nicht alle, es mitmachen, ist eine sehr traurige Erscheinung. Aus tMer Welt. Deutsches Reich. Berlin. Interkonfessionelle Stiftungen jüdischer Stifter. Zur Begründung einer „M o r i tz S t r a u ß - 's t i f t u n g" zur Unterstützung von Rekonvaleszenten sind von Frau Hermann Strauß geb. Massenbach dem Magistrat von Berlin 20000 Mark überwiesen worden. { ' Bankier Angela Wassermann - Bamberg hat mit einem Kapital von 20000 JL eine Stiftung errichtet zur Ermöglichung einer Kur zwecks Wiederherstellung der Gesundheit für in Bamberg heinmtberechtigte, mittellose, selbständige Personen beiderlei Geschlechts, welche dem Kaufmannsstande angehören oder früher angehörten. Die Stiftung führt den Namen „Angela n n d D o r a W a s s e r m a n n s ch e S t i f t u n g f ü r erholungsbedürftigeKaufleute" mit dem Sitze in B a m b e r g und hat bereits die Genehmigung erhalten. Die verstorbenen Privatierseheleute Gabriel nnd Rosa Ritter in München haben eine Kapital von 225 000 für dir Errichtnng erner öffentlichen Speisehalle bestimmt. Die Kultusgemeinde München ist zur Verwaltung dieser Wohltätigkeitsanstalt berufen worden. Berlin. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 17. dss. Mts. wurde des antisemitischen Tischliedes im Verein ch r i st l i ch e r Referendare in Breslau, wie folgt, Erwähnung getan: Abg. Straffer (kons.): Die Tatsache, daß im Verein christlicher Referendare in Breslau ein antisemitisches Tischlied gesungen worden ist, kann nur durch einen groben Vertrauensbruch zur Kenntnis eines jüdischen Rechtsanwaltes gelangt sein. Gegen den Verfasser des Liedes, den Landgerichtsrat Hoffman», ist leider ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden. Wer von Ihnen hat in seiner Jugend nicht einmal ein Lied gesungen oder gedichtet, das er jetzt nicht mehr singen und dichten würde? Der Referendarverein nknimt auch nicht jeden christlichen Referendar auf. Znr Aufnahme gehört vielmehr Einstimmigkeit der Mitglieder. Und war denn der Verfasser wirklich ein so gefährlicher Mann, wie es nach all' dem Lärnr, der von deni Falle gemacht wurde, scheinen könnte? Er ist Besitzer der Rettungsmedaille, weil er einen Knaben mit eigener Lebensgefahr aus den Fluten der Oder gerettet hat. Er ist also ein Mann von Verdiensten. Aber mehr! Der Knabe, den er gerettet hat, war jüdischer Konfession! (Stürmische Heiterkeit rechts.) Der Landgerichtsrat ist also nach der Anschauung gewisser Kreise sogar ei» Mann von ganz besonderen Verdiensten. (Erneute Heiterkeit rechts.) Es wäre also nicht nötig gewesen, ein Disziplinarverfahren gegen ihn einzuleiten. (Lebhafter Beifall rechts.) Minister Befeler: Was den Vorgang in Breslau anbetrifft, so habe ich bereits in der Kommission gesagt, und ich bleibe dabei, daß ich gar nicht daran denke, den Beamten in der Justizpflegc irgendwelche Vorschriften zu machen, wie sie sich ihren Verkehr wählen dürfen. Ich würde das für verkehrt halten. Was würde denn daraus werden? Daraus würbe ja nur Zwietracht und Unheil entstehen. (Lebhafte Zustimmung.) Aber etwas ganz anderes ist es, wenn einzelne Richter die Rücksicht außer Acht lassen, die sie aus Rücksicht auf ihr Amt walten lassen müssen. Der Verein christlicher Referendare feierte ein Fest, an deni etwa 20 Herren teilgenommen haben. Das waren zum großen Teil ältere Herren. Das Lied, von dem der Herr Vorredner sprach, hatte der Landgerichtsrat Hofsmann gedichtet und mitgebracht. Man hatte wohl Bedenken dagegen geäußert und hatte auch die Vorsicht walten lassen, daß das Lied durch den Truck nicht bekannt geworden ist. Nun ist es aber eine eigene Sache, wenn ein derartiges Lied verteilt wird; es ist das etwas bedenllich. (Sehr richtig! links.) Nun habe ich keineswegs dem Verein christlicher Referendare zu nahe treten wollen; man hat sich lediglich darauf beschränkt, dem Vorsitzenden einen Vorhalt zu machen, daß er das Singen des Liedes nicht hätte dulden sollen; aber etwas weiteres wird nicht geschehen, und gegen die Referendare wird nicht eingeschritten werden. Der Land-