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Neue jüdische Presse · 1906-02-23 · Heft 8 (23.2.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr 8. alS mit dem ganzen übrigen Judentum« in Konflikt zu geraten! Mer eben dieser Vorwurf kann in den Augen dieser Liberalen allerwenigste Geltung haben. Ihre Zumutung, das durch die rituelle Satzungen aufgeführte nwralische Ghetto niederzureißen, belehrt uns über die wahren Beweggründe dieser Rcforinbcstrebungen. Es ist das alte Lied der Assiinilationssucht! Wenn auch unter den Urhebern dieser Reform manche ganz aufrichtig und redlich wähnen, dadurch der Unreligiosität zu steuern, so ist nichtsdestoweniger feststehend, das; die meisten dieser Professoren, Aerzte, Juristen und Kaufleute, die auf der erwähnten Versammlung die Reform anzubahuen beschlossen, nicht aus einem nach höheren! Ideal ringenden Bewußtsein zu einer Reform greifen. Die tonangebenden Persönlichkeiten dieses sogenannten Liberalismus sind uns von jeher als Zeloten der Assimilation, als Bekämpfer der nationalen Einheit bekannt. Ihrem Schlepptau folgen dann manche reiche Snobs, die viükicht manche andern Sports, wie Pferderennen, Ballonaufstiege ober Automobil-Wettlaufen, satt haben und nun auf eine neue Art von kortes ömotions jagen, nämlich Orgel mit Frauenchörc, oder — warum auch nicht — als Stifter einer neuen Religion zu gelten und so mit einem Sprung in die Geschichte einzutreten! Wieder andere gefallen sich an dieser Bewegung einfach aus Langeweile, die wie der Moralist Labruyöre sagt „eines Tages der Einförmig- .kcit zur Welt kam". Ihre aller jüdischen Kenntnis bare Seele muß den jüdischen Kultus zu einförmig finden nnd sie möchten ihn deshalb etwas variieren. Ihnen gesellt sich auch ein junger Rabbiner, ein etwas zu eilig streberischer Rabbiner, zu. — Uebrigens kommt auch für alle das erhebende Bewußtsein mit ins Spiel, dem Zug der Zeit zu fröhnen. Tie Kirche zieht nunmehr ja den kürzeren. Es wäre wahrlich patriotisch, auch seitens den Juden zu zeigen, ßmtz man mit der alten inneren Verfassung des Judentums aufräumen wolle. Dieses angekündigte Schisma im Judentume, das Sensation in den christlichen Kreisen erweckte, begegnet keiner erbitterten Bekämpfung seitens der Orthodoxen. Soll das etwa auf die allgemeine Stockung und Mgespanntheit des französischen Judentums hindenten, das kraftlos die liberale Anfechtungen gewähren läßt? Vielleicht ist dem so. Indessen zeigt eben die Gleichgiltigkeit dieser Umwälzung gegenüber, daß man hier nicht mit idealtrunlenen Reformeiferern zu tun hat, sondern .mit einem auf Abwechselung erpichten Protzentume, mit einem fratzenhaften Auswuchs der Blasiertheit! Die offiziellen Organe des hiesigen Judentums haben diese Neuigkeit, die in der französischen Presse gewisses AussHen erregte, mit Stillschweigen übergangen. In den maßgebenden jüdischen Kreisen spricht man davon mit wegwerfendem Kopfschütteln, obwohl die Anstifter dieses sogenannten religiösen Liberalismus über viel Macht und Einfluß verfügen. Das Merkwürdigste dabei ist, daß diese Vertreter des „liberalen Judentums", wie sie es im Anschluß an den liberalen Protestantismus, nennen, dagegen. Verwahrung einlegen, daß sie etwa ein Schisma bilden 'wollen! Me wenig Ernst muß ihren Bestrebungen mit unterlaufen, wenn sie die Versetzung des Ruhetages aus Sonntag, Wschaffung der Speiscverbote, Ausmerzung des Hebräischen aus den Gebeten, und Tolerierung von Mischehen für kein Schisma ausmachend hinstellen! Das erinnert wohl an den talmudischen Ausspruch: „Das Faß zerbrechen, ohne daß der Wein . ausrinne." Sei dem, wie es wolle: der Uebelstand, den sie als angeblichen Beweggrund ihrer. Resormbestrebungen vorschützen, nämlich der zunehmende Verfall des hiesigen Judentums, ist nicht wegzudeuten! Dieser Vorwurf trifft ins Gesicht die berufenen Wächter des altüberlieferten Glaubens. Wer nicht mit den plumpen Händen einer Reform darf man die wunden Glieder des hiesigen Judentums betasten. Was der Heranwachsenden Jugend fehlt, es ist das Ideal, das der Sterv des Glaubens ist. Dieses Ideal kami nur in der ewig sprudelnden Quelle der Bibel und der hebräischen Literatur geschöpft werden. Nur in der Kenntnis der hebräischen Lfteratur soll man den Balsam suchen, der das hiesige gebrechliche Judentum aufzurichtcu imstande ist. Die Vertrautheit mit dem unvergänglichen Monumente des jüdischen Geistes wird der Jugend die lichtvollen Horizonte des jüdischen und allmenschlichen Ideals erschließen. Und anstatt die erhebenden Aussichten des Zionismus als eine Heresie und Verrat am Menschenideal der Jugend zu entziehen, soll vielmehr diese frohe Botschaft, die soviel befruchtendes Ideal, jüdisches wie allmenschliches, in sich birgt, als Leitstern in der Erziehung vorleuchten. J. Car i> v. Berliner Brief. Von O n a ch. Berlin ist gewiß nicht das Herz Deutschlands. Dennoch sind die Gedanken und Gesinnungen, die in dieser Metropole ihren Boden gefunden haben, kennzeichnend für nnd nicht wenig rückwirkend auf das übrige Land und Volk. Hier sind ja sämtliche Klassen und Schichten des Volkes vertreten, und ihre Handlungen und Worte sind daher nicht nur für Berlin allein 'charakteristisch. Es ist für ein Land von 60 000 000 Einwohnern mit nur etwa 1 Prozent Juden eigentümlich, aber doch wahr, daß die Judenfrage ein Problem ist, mit dem sich alle zu schaffen machen. Es findet hier keine noch so allgemeine Vcrsainmlung statt, von der nicht Jirden in irgend einer Weise berührt werden; geliebkost werden sic dabei natürlich nicht. Doch geht die Judenfrage der deutchcn Bevölkerung so sehr zu Herzen, daß ihr ganze Mende ganz und gar gewidmet werden. Das beginnt unten in den tiefern Schichten und endigt oben bei den Besten des Volkes. Da sorgt zunächst GrafPnckler für die breitem Massen. Man mag für diesen sehr komischen Dreschgrafen nur ein Lächeln des Mitleids übrig haben, aber doch nicht für die ganze Erscheinung, die ihn gezeitigt hat und der er wieder reichliche Nahrung gibt. Es bleibt eine Tatsache, daß dieser famose Graf während seiner hiesigen „Saison" alle 5—6 Tage Versanimlungeu in den größten Sälen Berlins veranstalten konnte, die wegen des übermächtigen Andrangs schon Stunden vor Beginn abgesperrt werden mußten. Kann man auch dafür ein Lächeln haben, wenn ein doch immerhin sehr bestimmbarer Bevölkerungsteil dazu erzogen wird, mit bestialischem Vergnügen die schmunzelnd erzählten Berichte darüber zu hören, wie in Rußland Judenkinder zerquetscht, Weiber gepeinigt und Männer zerrissen wurden? Wer als Jude sich einmal der Seelenpein unterzogen hat, mit dabei zn sein, der geht betäubt hinaus ob dieser Verworfenheit, von der man im Zweifel ist, wer mehr von ihr beherrscht wird: der Veranstalter oder seine Zuhörer! Nachdem die Pückler-Saison nach zirka dreimonatlicher Tauer zu Ende zu sein scheint, sorgt der Herr „H o f p r e - diger" Tr. Stöcker einer etwas bessern Bevölkerung für etwas weniger derbe, aber um so vergiftetere Nahrung. Dieser süßliche, glatte Pfaffe übertreibt weniger, als sein Freund Pückler, er scheut sich sogar nicht, auch viele Wahrheiten cinzugestehcii, und unter ekelhaften Liebkosungen handhabt er den vergifteten Dolch. Das nennt der Herr Hofprediger christlich-sozial. — Auch die „Besten" des Volkes stehen nicht zurück; die Jünger der Wissenschaft, die ernstlichen Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit, haben sich der Judenfrage mit 'besonderem Eifer angenommen. Was früher vielleicht in einem tieferen Winkel des Herzens geschlummert, das wagt sich heute empor in brutalster Gestalt. Die diesjährigen Vorbereitungen zu den Wahlen der Akademischen Lesehalle sind in Forinen vor sich gegangen, die der Pücklcr-Erziehung Ehre machen und eineu nur allzudentlichen Einblick in die Gesinnung dieser künftigen.Führer der Nation eröffneten. Das .ist die Atmosphäre hier, die sich Mit der des Ostens fast schwesterlich vermengt. Der Osten regt uns gar nicht mehr so besonders aus. Und die Art und Weise, wie wir hier an ihn erinnert werden, ist gar keine so unfreundliche. Die Friedrichstraße zeigt immer ein Huntes, bewegtes Bild, jetzt ist diese Buntheit vermehrt durch die zahlreichen „R u s s e n", die sich auf ihr bewegen. Ihre Zahl ist gewiß nicht so groß, wie übertrieben wird, doch erscheint.sie so, weil diese östlichen Gäste sich viel im Freien und besonders in der Friedrichstraße auszuhalten lieben. Sie machen meist einen Angenehmen Einbnick, sind vornehm in Kleidung und Bewegung. Ich habe gewiß nichts gegen die Reichen, und es ist nur zu begrciflich, wenn sie während dieser unruhigen Zeit ihre Haut herüberrctten, doch haben sie niemals dem Judenvolke gute Dienste geleistet. Die große Unbekanntschaft des deutschen Volkes mit dem jüdischen Problem, das im großen und ganzen nach der Existenz eines Rothschild, Bleichröder» Wertheim beurteilt wird, wird durch die Anwesenheit dieser Gäste, die übrigens der Stadt große» materiellen Gewinn bringen, nur noch vergrößert. Sie vermögen hier nnd anderwärts bessere Zeiten abzuwarten, und wenn sic wieder zurückkchren, so werden diese Elemente gewiß nicht verfehlen, von dem Antisemitismus als einer „vorübergehenden Erscheinung" zu sprechen. Für die Deutschen sind das „chic" Juden überhaupt. Denn die Masse jener Unglücklichen, die bittere Not und die Sorge für das nackte Leben übers Mtzer in die Ungewißheit hinausgejagt, wird mit größter Peinlichkeit de» Blicken der Welt vorenthalten. Berlin dürfen diese Wanderer in's Ungewisse nicht berühre», sie werden in Ruhleben abgefertigt und. weiter abgeschoben, nachdem sie schmachvollen Prozeduren sich haben unterwerfen müssen, schmachvoll nicht für sic, auch nicht für' Deutschland, sondern schmachvoll für das Land, aus dem sie kommen^ in das ein grausames Geschick manche von ihnen bald vielleicht wieder zurückbringt, wenn ihnen die Landung in den ehemals gastlichen Ländern verweigert wird. Es ist erfreulich, daß auch von einer neuartigen jüdischen Bewegung, aus breiterer Grundlage als bis jetzt, gesprochen werden' kann, die von den Zeiten, die imnier wiederkehren, belehrt, das '.Judenproblem gründlicher zu erfassen, sich anschickt. Versammlungen und Zusammenschlüsse sind gewiß keine Taten, doch können sie zu Taten führen. Es sind Lebensäußerungen, die zeigen/ daß es auch im Leben der deutschen Juden stärker jüdischer zu pulsieren beginnt. Die drei Versanimlungeu, die, zwar von altbewährter Seite einberufen, in der letzten Zeit in kurzer Aufeinanderfolge stattgefnndcn haben, erfreuten sich einer Beteiligung, wie sie hier schon lange nicht zu verzeichnen war. Die erste handelte von der „allgemeinenjüdischen KonferenzinBrüsse l". Wenn auch ein gewisser Wettbewerb der an der Konferenz beteiligten Gruppen darin besteht zn konstatieren, welche von ihnen auch theoretisch einen besonder» Erfolg zu verzeichnen hat, die Hilfsvereinler sind erfreut darüber, die Zionisten an „praktischer" Arbeit beteiligt zn sehen, und sie selbst fange» ihrerseits jetzt endlich au, ihre Scham abzulegen und die Notwendigkeft 'der Solidarität der Gesamtheit des jüdischen Volkes in seinen geistigen wie materiellen Interesse» zu bekennen. Wie es sich in Oesterreich unter den dortigen Juden jetzt lebendig regt, wie der Gedanke der n a t i o - nalen Autonomie auch der Juden dort bereits tief Wurzel gefaßt hat, das hat uns in seiner geistvollen klaren Weise in der zweiten der erwähnten drei Versammlungen Herr Matthias A ch e r vor Augen geführt. In Oesterreich liegen iin allgemeinen Verhältnisse vor, die eine Anerkennung der nationalen Autonomie der Juden durchaus im Bereiche der Möglichkeit erscheinen lassen, doch fehlte cs nicht an' Rednern, die ein Gleiches für Rußland und auch für Deutschland fordern und erhoffen zu können glaubten. Diese Versammlung machte eine dritte notwendig, in der das nationale Problem auf breiterer Grundlage behandelt wurde. In dieser referierte wieder Herr Matthias Acher über „die Juden als Nation". Er entkräftete die gewöhnlich von gegnerischer Seite vorgebrachten Einwände, die den Juden die Qualifikation als Nation versagen, weil mit diesem Begriffe der.Besitz eines eigenen Territoriums,..sowie einer einheitlichen Sprache unbedingt verbunden ist. Der Zusammenhang mit dem Territorium sei kein organischer. Die Nationen haben sich auf bestimmten Territorien entwickelt, dort sind sie entstanden, die meisten haben sich aber von ihrem llrsprungslande entfernt und ihre Eigenart ist ihnen geblieben. Der Boden spielt eine wichtige Rolle im Leben eines BES, er hat organisierende Kraft, doch kann dafür Ersatz geschaffen werden; heute gewinnt die Auffassung immer mehr an Boden, baß eine Nation auch auf fremdem Boden Anspruch 'auf Unabhängigkeit habe, welches Prinzip im Kampfe um' die nationale Auto-

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