Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Welches .ist unsere Ansicht, gegen die Herr Dr. Cahu Sturm läuft? — Zum dritten Male sei sie an dieser Stelle ausgeführt: Wir Juden sind ein Volk; es gibt eine jüdische Gesamtheit, ein Klal Jisroel. Das jüdische Volk, wie jedes andere, war von jeher und ist noch sowohl in Dliegen politischer und sozialer, als auch in Dingen religiöser Natur in seinen Ansichten geteilt; — und doch ist gemäs; dem Grundsatz „Jisrocl af al pi schechotv, Jisroel hu" ein Jeder ein Glied der jüdischen Gesamtheit. „Kol Jisroel Chawerim", als eine große Brudergesellschaft steht das jüdische Volk von innen heraus da und als solche wird es von außen angesehen! — Nun ist es wahr, das; die 'Anschauungen der Durchschnittsmenschen zu ihrer Erhaltung eines gleichen Milieu bedürfen; doch zu diesem Zwecke genügt die Fraktion, die gleichgesinnte Gemeinschaft. — Also, eine Fractioniernng, eine Sonderung nach prinzipiellen, grundsätzlichen Lebensanschauuugcn ist etwas Natürliches und daher Gesundes für jedes Volk; mehr als das — eine Treunuitg — ist unnatürlich und daher schädlich — und das nicht nur für den gesamten Körper des Volkes, sondern auch für die getrennte Gemeinschaft selbst, die in die Gefahr einer verknöchernden Sektierung kommt! So bei einem Volke, das sich in natürlicher Weise auf seinem eigenen Boden auslebt; — bei einem Volke aber, das aus freindem Boden lebt, birgt eine Trennung noch viele größere Gefahren in sich! Die Lage des jüdischen Volkes hat nach dem vorhergegangenen Kosmopolitenrausch mit dem Erwachen des Nationalbewußtseins unter den Völkern drohend zu werden begonnen, nicht etwa darum, >veil die Völker nicht noch ein Volk unter vielen dulden mögen, sondern vielinehr, weil sic nicht recht wußten, was sie von diesem Wolke zu halten haben. Hat es doch keine Farbe bekennen wollen — hier deutsch, dort französisch —> kurz: es wollte alles sein, und deshalb ward es nichts! — Will das jüdische Volk nicht> weiter dem geistigen und materiellen Ruin zusteuern, bann niuß seine Zerfahrenheit aufhören, es muß Farbe bekennen, es muß sich als Nation, wie die änderen, fühlen und nruß als Nation organisiert dastehen! Was wir wollen? — Wir wollen die Konstituierung des jüdischen Volkes als ei n.e »geeinte,internationale Organis ation, die geteilt ift in Organisationen der Juden jedes Landes; und dicse Org a n i s a t i o n e n m ü s s e n, damit s i c lebensfähig sind, in Fr a cti o ue n nach A ns ch a uungen und Ständen zerfallen! E r st c r e für das Einigende und Gemeinschaftliche, letztere für das Besonder e und Trennende! Das ist unsere Ansicht; das ist die Ansicht, aus der heraus wir den Verband der deutschen Juden und den Lehrerverband im Prinzip begrüßten! — Und nun der Standpunkt des Herrn Provinzial- Rabbiner Tr. Cahu! Zwei schwerwiegende Bedenken sührt Herr Dr. Cahn ins Feld. — Zunächst: Der Verband der deutsche» Juden erstrebt die vollständige Gleichberechtigung der Juden mit den christlichen Bürgern des Landes; diese Gleichstellung würde uns die Osfizicrskarrivre öffne», lvomit zu befürchten ist, daß der zukünftige jüdische Offizier sich der Gefahr einer Sabbatcntweihnng aussetzcn wird. Abgesehen davon, daß der neologc Jude auch im Zivil den Sabbat entweiht und den traditionellen Juden niemand zum Eintritt in den Offiziersstand zwingt, ist mit diesem Bedenken eine Befürchtung ausgestellt, von der sich der Jude in der Diaspora überhaupt nicht befreien kann; es sei denn, daß wir Juden eine weitgehende Ausnahmestellung ä la Mittelalter einnehmen wollen. Denn wenn unsere Kinder das Recht haben, Gymnasien zu besuchen, wenn unsere jungen Leute das Recht haben, bei Nichtjudcn Stellung anzunchmen, setzen sie sich der Gefahr der Sabbatentweihung aus. Die Freizügigkeit hat nicht nur die Gefahr der Sabbateutweihung, sondern auch des Genusses von unrituellen Speisen im Gefolge. Dadurch, daß unsere Rabbinatskandidate» das Recht haben, auf den Hochschulen Philosophie zu studieren, setzen sie sich der Gefahr des Atheismus aus usw. usw. — Es ist ein Leichtes, Gefahren solcher Natur in die Hunderte aufzuzählen, allein das Angeführte genügt zu dem Beweise, daß wir für zukünftige eventuelle Gefahren nicht zu fürchten brauchen, während deren in viel größerem und weit alltäglicherem Maße in der Gegenwart auf Schritt und Tritt vorhanden sind. Besonders aber kann für jeden objektiv Denkenden eine solche Gefahr nicht in Betracht kommen, wenn es sich um die Schaffung einer Organisation handelt, deren Aufgabe cs ist, für die gesamten Rechte der Ju'denheit Deutschlands einzutreten. Sie, Herr Dr. Cahn, fürchten eine Gleichstellung der Juden, durch die irgend ein neologer Offizier in seinem Dienst den Sabbat zu entweihen sich genötigt sieht, und wir fürchten, daß bei einer zunehmenden Entrechtung, die von einer andauernden Zerfahrenheit der Juden kommen kann, unser ganzes traditionelles Leben in Frage kommt; hat doch die freie Schweiz, da sie mit den Juden wegen ihrer geringen Zahl nicht zu rechnen braucht, die Schechitoh verboten; das einseitige Auftreten eines Ehrmann vermochte nicht, etwas auszurichten. Es ist eben nur eine Frage der Macht; mit einer organisierten Judeuhcit rechnet auch eine Regierung wie die der Deutschen. (Schluß folgt.) Eine Schisma im französische« Jndentnme. Die Reformbestrebungen, die sich in einzelnen Kreisen der hiesigen Judenheit seit einigen Fahren bemerkbar machen, die aber die allgebietcnde Autorität des seligen Groß-Rabbiuers Zadoc Kahn im Zaume zu halten wußte, sind nun zum Durchbruch gekommen. Wie die Blätter melden, hat vorige Woche eine Versammlung stattgefunden, in der der Grund zu einer reformierten Gemeinde gelegt wurde. Es heißt, daß die Urheber dieser Reform zu diesem Mittel greifen, um dem zusehends einreißenden Verfall des Judentums in Frankreich Einhalt zu tun. Es ist nicht zu verkenne», daß das hiesige Judentum eine bedenkliche Krisis durchmacht. Ein erbärmlicher, träger Jndifferentismus der Religion gegenüber zersetzt das jüd. Bewußtsein und lockert die Bande der Zusammengehörigkeit. Durch ihre politische Affinität den radikalen .Parteien zugekehrt, gehen die vom Haus aus dürftig gepflogenen religiösen Ucbcrzengungen besonders der jungen Generation in SkepticisnlUs und Atheismus auf, die gegenwärtig ein Kampfmittel gegen die politische Reaktion ausmachcn. Roch vor 25 Jahren wäre der bloße Gedanke an Mischehen skandalös erschienen. Heutzickage ist dem nicht mehr so — und wenn die Ehen zwischen Freidenkern jüdischen Ursprungs und denjenigen .christlicher Herkunft noch ziemlich gering find, so ist es eher aus Ehrerbietigkeit für die Traditionen der Eltern, als ans innerer Ueberzengung der Betreffenden. Run erklären die „Liberalen", diese .Verkümmerung der Religion rühre ans dem Umstande her, daß manche Satzungen, wie die Speiseverbote, das Beobachten des Sabbats usw., die Juden in ein moralisches Ghetto einsperren, das grell gegen den sozialen Fond absticht; zweitens, daß die Gebete hebräisch verrichtet werden, welche Sprache nicht fünf Prozent der französischen Juden zu entziffern imstande ist. Ferner, daß der Ruhetag Samstags anstatt Sonntags gefeiert wird. Das seien nach ihrer Meinung die Hauptgründe des Verfall des hiesigen Judentums, die entsprechend abgeschafft lverden müßten. Sie glauben in ihrein Wahne, dadurch Wandel zu schaffen, daß sie aus den alten Schläuchen viel alte» Wein abzapfen wollen, ohne zu bedenken, daß sie durch diese Operation nur eine Leere machen. Anstatt das Uebcl an der Wurzel zu fassen, indem sie der Heranwachsenden Jugend eine gediegene jüdische und hebräische Erziehung angedeihen lassen, greisen. sie zu eineni homöopathischem^Mittel: „Wenn die Jugend an Unkenntnis des Hebräischen leidet, so soll das Hebräische ihr entzogen werden!" Soll man doch eher dafür sorgen, daß sie hebräisch verstehe, anstatt mit der ganzen jüdischen Geschichte sowohl.