Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Bauern waren auch sofort bereit, die Menge anzuführen, um den Befehl zu befolgen. — Ein Jude, der dem Vorgang beiwohnte, eilte ins nächste Polizei-Revier und teilte den Vorgang mit. Ter Kommissar und einige Polizisten eilten zur Kirche. Vor derselben standen bereits Hunderte von Bauern. Ter Kommissar förderte den Priester auf, sich sofort zu entfernen. .Doch dieser weigerte sich. Darauf erhielten die Schutzleute den Befehl, den Priester zu verhaften. Bevor sie jedoch die Kuppel erreicht hatten, tat der Priester einen Fehltritt, stürzte von oben herab und blieb zerschmettert liegen. Kiew, 9. Febr. Russische Justizpraxis! Ein jüdischer Arbeiter namens Saslawsky, der während einer der letzten politischen Manifestationen einen Anschlag auf das Leben eines Polizisten verübt habe» sollte, wurde, da keine Betveise Vorlagen, und alle Augenzeugen das Attentat ablcngneten, vom hiesigen Kreisgerichte frcigcsprochen und nur wegen Ruhestörung zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Das antisemitische, offiziöse Blatt „Kiewljanin" brachte daraus eine Reihe Artikel gegen dieses Urteil mit heftigen Hetzereien gegen die Juden, worauf Saslawsky dann wieder verhaftet und diesmal dem Kriegsgerichte übergeben wurde, das ihn nun zum Tode verurteilt hat. Die letzte Entscheidung hängt vom Generalgouvernenr Suchvmlinow ab, der den zum Tode Verurteilten zu Zwangsarbeit begnadigen kann. Snchomlinow, der einer der wenigen Generalgouverneure ist, welche die Rache der Revolutionäre nicht auf sich gezogen haben, und der in Kiew sehr populär ist, hat bisher noch kein Todesurteil unterschrieben. Schweiz. Zürich. Am 4. ds. Mts. fand die Generalv e r s a m m l n n g d e r i s r a e l i t i s ch e u K u l t u sgemeinbe statt, auf der von 379 Mitgliedern etwa 130 anwesend waren. — Aus den Berichten ist folgendes hervorzuheben: Für neu eiutretende Mitglieder sind in der Synagoge steine Plätze mehr vorhanden; eine Vergrößerung der Synagoge dürfte sich wahrscheinlich nicht bewerkstelligen lassen. Für die Religionsschule, die in 7 Klassen von 213 Schülern besucht wird und au der Rabbiner Tr. Littmanu, Dr. Strauß und Ältkantor Laug unterrichten, wird die Anstellung einer weiteren Lehrkraft notwendig. — Die Versammlung beschloß die Einführung der elektrischen Beleuchtung in der Synagoge. Bulgarien. Philippopel, 8. Februar. E i n M o r d. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich hier Ende voriger Woche die tieftraurige Nachricht aus Tatar-Basardschick, daß der 16jährige Sohn des sehr beliebten Arztes. Dr. Nachemsohn als Opfer des schon in der bulgarischen Jugend eingepflanzten Judenhasses fiel. Der junge Nachemsohn war Schüler der vierten Gymnasialklasse und wurde wegen eines unbedeutenden Streites mit einem bulgarischen Mitschüler, dessen Ursachen noch nicht genügend aufgeklärt sind, von demselben meuchlings ermordet. Dieses Ereignis erzeugte bei der jüdische» und christlichen Bevölkerung Basardschiks eine sehr unangenehme Bewegung. Am Tage der Beerdigung waren die jüdischen, wie die bulgarischen Schulen geschlossen. Auch die christlichen Mitschüler folgten in Begleitung der Lehrer dem aus etwa 2000 Personen sich zufanimensetzenden Leichenzuge, an dem viele christliche Persönlichkeiten tcilnahmcn. Der Mörder, 17 Jahre alt, sagte vor dem Richterstuhlc, er wollte einfach jüdisch Blut fließen sehen. Seine Strafe ist noch nicht festgesetzt. Die Folge dieses Ereignisses ist, daß die Gymnasiasten, wie verlautet, ihren jüdischen Mitschülern feierlich versprachen, sie alle auf diese Weise zu ermorden. Der Slave ist nun einmal ein Barbar, welcher Nation er. auch angehören möge. 0 leuiffefoti. 0 Ein kleines Drama. Erzählung von Ben-Ami. Autorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von L. Caro. _ (Fortsetzung). Siehe! Tort, dort bewegt sich etwas in der Richtung von der Erdhütte des R. Schmuöl. Weiß, der Teufel! — irgend eine russische Bäuerin, --welche die Schweine verjagt. Ich bin ganz verzweifelt. „Papa, ich will zu R. Schmuöl hinlaufen," — wende ich mich an den Vater. Ich mußte zweimal wiederholen, bis der im Lesen vertiefte Vater mich hörte. „Nu, Du kannst gehen." - Ich bin nun im Begriffe fortzügehen — da rennt, kaum atmend, Herschelc herein: „Leib! Ta kommt R. Schmnel mit Deinen Stiefeln!" Ich erzitterte ganz und geriet in Wallung. „Und Geld hat er gebracht?" „Nein. (Sie sagten: erst nach bejt Feiertagen." Frankfurter Israelitischer Familienblatt. „Mein schwarzes Schicksal möge über sie kommen! Hat man denn je solche Hunde gesehen! Nach den Feiertagen! Haben sie denn nichts, was? Womit werden wir jetzt die Stiefel bezahlen?" In diesem Augenblick öffnet sich die Tür — und es tritt R. Schmuöl ein. Nach Begrüßung holt er langsam aus dem Rockschoße seines grauen, warmen Burnus die Stiefel hervor, die ich fieberhaft aus seinen Hände» cherausreißc. 'Vor lanter Freude gerate ich in vollständige Verwirrung: ich höre nichts und verstehe nicht, was man zu mir spricht. t Ich besichtige meine Stiefel von allen Seiten — und will meinen Augen nicht glauben. O, welche Stiefel! Welch ein wunderbares Aroma des frischen Leders! Ach, diese roten Stulpen! diese lackierten Absätze! Aber noch besser gefallen mir die Sohlen! Kann denn etwas hübscher sein als die zivei Reihen hölzerner Stifte, die oben lackiert und mit einem geraden, angeschwärzten Anschnitt umgeben sind! Und das klebrige der Sohlen — poliert, glatt, dunkelbraun, mit hübschen rote» Windungen au der Stelle, .wo sie spitz zulaufen. Und hauptsächlich ja — diese Oehrchcn, diese gestreiften, vielfarbigen Oehrchen, die so stolz aufrecht stehen, wie die Ohren eines stolzen arabischen Pferdes! Kurzum — ich kann mich nicht sattsehcn an meiner Neubekleidnng, die mir wie eine wahre Vollkommenheit erscheint. Es hat wohl kaum ein königlicher Pnrpnrmantel seinen Trägern je so viel Vergnügen verschafft, wie mir eben meine Stiefel. * * * Mau setzt mich endlich auf's Tabouret hin.' Die Mutter wischt mit einem Lappen meine Füße rein, umhüllt sie darauf mit sauberen Fußlappen — und ich probiere die Stiefel an, die ich mit großer Mühe anziehe. Herschele steht neben mir und blickt auf mich so ehrfurchtsvoll und doch gleichzeitig — neidisch. Die Stiefel sind nun angezogen. Ich mache einige Schritte im Zimmer. Der linke Stiefel ist gerade vorne zu eng, svdaß es stark schmerzt. Jedoch auf die Frage des R. Schmuöl, ob er nicht zu eng sei, anttvortctc ich mit einem entschiedenen: „Dicht!" Es scheint mir, als ob ich plötzlich emporgewachsen, als ob ich iu diesen wenigen Minuten ein ganz anderer geworden fei. ... Nur dem Vater ist es etwas unheimlich, und er blickt wie unbeteiligt hin, während die Mutter die Stiefel an allen Seiten betastet. Endlich war die Besichtigung zu Ende. „R. Schmuöl" — sagt der Vater verlege» — „ich muß gegen Sie ein Lügner bleiben. Nur der Allmächtige weiß, daß ich keine Schuld daran habe. Ich. besitze jetzt im ganzen siebzig Kopeke». Den Rest werde ich Ihnen, mit Gottes Hilfe, nach den Feiertagen bezahlen." 1 „Es macht nichts, R. Beinifch, ich kenne Sie doch! Sie werden mir später bezahle». . . . Wenn nur Chinka nichts sagen würde," — antwortete R. Schmuöl leise und gar schüchtern. Der Vater bückte sich nieder, öffnete einen'großen Kasten und begann, große Kupfermünzen aus einer kleinen Abteilung des Kastens hervorzuholen. Es erwiesen sich aber dort nicht siebzig, sondern nur fünfzig Kopeken. R. Schmuöl war genötigt, diese Summe anzunehmen; er band sie in sein rotes Taschentuch, wünschte uns allen das Beste und frohe Feiertage — und ging fort. „Nun, Rachel, jetzt gib uns Hemden — es ist schon Zeit ins Bad zu gehen, sonst wird es ganz spät" — wandte sich der Vater an die Mutter. Die Mutter bückte sichüber denselben Kasten, wühlte dort einige Minuten herum und holte für den Vater'und blich zwei Hemden voll unzähliger Flicken hervor. Es entstand die Frage: ob ich ins Bad iu den Stiefeln oder barfüßig gehen solle. Nach gründlicher Beratung wurde beschlossen, daß ich dorthin die Stiefel in den Händen trage, sie aber schon aus dem Rückweg anziehe. Endlich gingen wir fort, nachdem wir ein Gefäß Mitnahmen, das vor dem Gebrauch in die Mikwoh, die am Bade sich befand, eingetaucht werden sollte. * * Seite 5. Um dem großen Sumpf, der im Mittelpunkte des Städtchens dastand, auszuweichen, gehen wir durch Sackgassen, hinter den Häusern. Hier ist es fast ganz trocken, stellenweise zeigen sich grüne Gräschen und die ersten Frühlingsblumen. Nach sieben, acht Minuten Gehen gelangten wir an einen freien, unbebauten Platz, an dessen Ende, neben einem Hügelchen, sich das Bad befand. Dieser unbebaute Platz pflegte im Sommer mit aller Art Türner, die im Pflanzenreich nur existieren, bewachsen zu sein. Besonders loaren von ihnen die vielzähligen Gruben und Gräben überfüllt, von welchen der Platz in verschiedenen Richtungen durchwühlt ist. Diese Gruben und Gräben stellen die einzigen traurigen Reste der hier einst prangenden Häuschen und Erdhütten dar. Tenn unsere Stadt verkürzte sich und nahni mit jedem Tage immer mehr ab. Und diese Verkürzung ging in der Richtung nach dem Bade. Plötzlich, eines schönen Tages verwandelt sich das noch den Tag zuvor bewohnte Häuschen in eine traurige Oede und bleibt so der Willkür wes Schicksals ausgesetzt, wie eine Höhle, wo irgend ein Tier hauste, oder wie eine Hütte inmitten einer Steppe, an der alles, lvas auf ihr geivesen, heruntergerissen wurde. Nach etwa zwei Wochen verschwinden Fenster und Türen, die von Verwandten oder einfach von anderweitigen Mtertümlichkcitsfreunden zuni Andenken weggeschleppt werden. Es verfließt noch eine Woche — das Dach wurde entblößt und es ragt einzig das bloße hölzerne Gerippe hervor. .... Bald verschwindet auch dies, und es ist nur noch ein halbzerstörter, schwarzgewordener Schornstein ans der Ferne zu sehen. Und siehe! Dort — durch die wie ausgesperrtc Rachen ausseheuden Fensterlöcher hängt der stark hervorstechende, schon bemostc Plafond herab, der nach einem Tag wohl ganz einstürzen wird; ihm werden folgen die Oefcu, Wände: und allmählich wird sich so alles in einen Erdhaufen verwandeln, der einmal wie ein Grabhügel zum 'Andenken der Bewohner und der Wohnung dastehen wird. (Fortsetzung folgt.) Kunst und Literatur. tl n s e r e Indens r a g c. Von einem Juden deutscher Kultur. Berlin 1906. Verlag von Louis Lamm. Man muß cs dem Zionismus lassen, er hat das Verständnis für die Judensrage, für die unbedingte Notwendigkeit ihrer Lösung in die breite Masse des jüdischen — und vielleicht auch deS nichtjüdische» — Volkes getragen. Und wenn auch seine Gegner ihm die Richtigkeit und Zielsicherheit seines Weges bestreiten, so stimmen sie doch mit ihm darin überein, daß die Judensrage heute brennender ist denn je. Freilich tritt sie in de» verschiedenen Ländern in verschiedener Form auf, in dem einen schlägt nian die Juden physisch, in dem anderen moralisch tot, aber jedes Land hat seine Judenfrage, nicht zuletzt Deutschland. Diese letztere nun zu beleuchten, hat sich ein'„Jude deutscher Kultur", mit anderen Worten ein deutscher Zionist, die Aufgabe gestellt, wobei er. um cs gleich vorweg zu nehmen» zum Teil das wiederholt, was in anderen Broschüren schon so und so oft geschrieben, worden ist, zuni Teil das Neue, was er bringt, so wenig überzeugend darstellt, daß cs zum Widerspruch reizt. Der Haß und die Antipathie gegen die Juden machen nach dem Verfasser den Kern der Judenfrage aus. Dieser Hatz wurzelt zum Teil in dem Gegensatz zwischen Junkertum Und Kapitalismus, als dessen Vorkämpfer die Juden gelten und gegen die sich nun naturgemäß der instinktive Haß der Ostelbier richten muß. Eine fernere Ursache dieser Antipathie liege in dem religiösen Unterschiede zwischen Judentum und' Christentum. Das Judentum habe nämlich, von dem Liberalismus veranlaßt, alle nationalen Eigentümlichkeiten preisgegeben und sich so von jeder Grundlage losgelöst, es ist zu einer Art ethischer Kultur verwässert. So steht denn dem mit seinem Herzen glaubenden Deutschen der sogenannte gebildete Jude gegenüber, „das deutsche Volk hat in seiner großen Gesamtheit — besonders soweit es katholisch ist — ein tiefes religiöses Empfinden," „der deutsche Jude hat seinen wahre» Glauben verloren und an seine Stelle einen ethisch bedingten Skeptizismus gesetzt." Zunächst möchte ich bestreiten, daß das deutsche Volk, das Volk der Dichter und Denker, ein tiefes religiöses Gefühl habe und so einen Gegensatz bilde zur gebildeten Judenheit. Man sehe sich doch die gebildete Christenheit an! Wo ist denn da die tiefe Religiosität, besonders der vom Verfasser so sehr betonte „dem Christentum innewohnende, dem Sehnen der Seele entgegenkommende Mystizismus?" Welches ist denn nach Harnack das Wesen des Christentums?