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Neue jüdische Presse · 1906-02-16 · Heft 7 (16.2.1906) · p. Seite 6

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Frankfurter Israelitisches FamilieMatt. Nr. 7. Etwa Mystizismus oder nicht etwa das, waS der Verfasser ethische Kultur nennt? Und es ist doch nicht zu leugnen, daß Harnacks Anschauung über das Christentum vom Grys der gebildeten Protestanten geteilt und übernommen wird. Meint aber der Verfasser, wenn er vom deutschen Volke spricht, die tieferen, weniger gebildeten Schichte», also die orthodoxe Christenheit, dann steht bei uns dieser die konservative Jndenheit mit ihrem tiefen religiösen Einpfindcn gegenüber, die, trotz der Emanzipation, von den nationalen Eigentümlichkeiten ihrer Religion nichts anfgegeben hat. Nun aber spricht der Verfasser bei der Gegenüberstellung der religiöse» Verschiedenheiten eigentlich nur von der katholischen und jüdischen Religion "und entgeht so dem obigen Einwurf. Dadurch aber wird das ganze Bild des Verhältnisses zwischen Deutsche», christlichen und jüdischen Deutschen, verschoben, der Verfasser schaltet den Protestantismus, das Bekenntnis der deutschen Majorität, aus seiner Rechnung vollständig aus und kommt infolgedessen ebenfalls zu einem falschen Ergebnis. Ich glaube vielmehr, das Minus der jüdischen Religiosität, falls dasselbe überhaupt existiert, resultiert nicht aus dem mangelhaften religiösen Empfinden des deutschen Juden, sondern aus seiner krankhaften Sucht der Emanzipation zu Liebe den Deutsche» in den Vordergrund zu rücken und den Juden in "sich inimer weiter zurückzudräugen. Die Folgen des Judenhasses, fährt nun der Verfasser fort, sind mannigfaltige. Die Juden, in ihren Rechten geschädigt, hoffen zum großen Teil von einer auf anderen Grundsätzen stehenden Verfassung ihr Bollbürgerrecht zu.erlangen, sie erstreben die Beseitigung der bestehenden Regierung und Gesellschaft, sie treiben Opposition, drängen hinüber zur sozialistischen Partei, die durch ihren Einfluß die Entwicklung der" deutschen Kultur hemmt. Es zeigt sich ferner alS ungesunde Folgeerscheinung des Judenhasses die Ueberfüllung gewisser Akademischer Berufe, welche dadurch, als verjudet, beim Volk an Achtung verlieren und sich in ihrer Autorität als Träger der deutschen geistigen Kultur empfindlich geschädigt sehen. Es spielt drittens die Judenfrage auch im Parteileben eine gewisse Rolle, indem sie für die Parteien, die die Juden in Schutz nehmen, ein Hemmnis i« ihrer Entwickelung bilden, insofern die antisemitisch gesinnte Masse sich von dieser Partei so, lange fern- "hält, als sie die Judenfrage in ihrem Programm führt; sie ist es auch, welche eine Verständigung zwischen den Gruppen des Mittelstandes erschwert. Dies also die deutsche Judenfrage. Und ihre Lösung? Eine solche hat der „Zentralvercin deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" versucht: die Anerkennung der deutschen Juden zu erzwingen. Aber das ist ein Kampf gegen Windmühlen, denn „Imponderabilien, die das öffentliche Leben beherrschen, sind stärker als die Verfassung." Was der Verfasser hier sagt, ist richtig und wird besonders illustriert durch die Reserveosfiziersfragc, bei der im vorigen Jahre der Kriegsminister erklärt hat, haß nicht nur in den unteren, sondern auch den oberen Kreisen eine Abneigung gegen die Juden herrsche, gegen die er machtlos sei. Wie stellt sich nun der Staat zur Judenfrage? Er macht die Juden zu Bürgern zweiter Klasse, oder er entjudet sie, er verleitet sie zun: Abfall. Aber dadurch^ erreicht er das Gegenteil: die Stärkung des südlichen Elementes, dessen Selbstbewußtsein erstarkt, da cs sich weder entrechten noch zu einem Meineid bewegen lassen will. Also diese -Lösung führt auch nicht zum Ziel. Gibt es überhaupt eine? Ja; der Zionismus mit seiner Grundidee, dem Volk ein Stück Land zu geben, wo es sich frei und selbständig entwickeln kann. Dieses .Ljand braucht nun gerade nicht Palästina zu sein, wohin bloß das Spczialsehnen der östlichen Juden gehe (was ich mir zu bezweifeln erlaube). Es braucht auch kein autonomer oder selbständiger Staat zu sein, sondern bloß ein Zentrum, das denen zunächst Heimstätte sein soll, die sonst nirgends Unterkunft finden. Ist es nun aber auch möglich, daß die Juden sich zu Kolonisten regenerieren? Ja! - Beweis: Die Kolonien in Palästina, Argentinien und Südrußland. Dies die Lösung der deutschen Judenfrage, die für Deutschland um so wichtiger ist und um so größeres Interesse bietet, als durch sie die Sanierung der Verhältnisse in Deutschland ermöglicht wird. (Durch Einigung der bürgerlichen Elemente, Abflauen der radikal-sozialistischen Bewegung, Wahrung der akademischen Autorität als Gegengewicht gegen die Beamtenwelt.) Dann wird, so schließt der Verfasser, der Jude auch als Individualität, als ein Stamm eigener Art unter den vielen Stämmen Deutschlands an der deutschen Kultur Mitarbeiten können. A. L. In seinem Blute sollst du leben! Predigt und Gebet beim Trauergottesdienst, 10. Dez. 1905, in der Rykestraß-Synagoge. Louis Lamm. Berlin 1905. Tiefer Schmerz ist's, der die Predigt durchzieht, warmes Fühlen und Mitleid mit den Opfern des modernen Sodom und Gomorrha: Hier, wo das Gemüt, und nur das Gemüt, erregt werden soll, ist die poesievolle Sprache, die die Rosenzweig'schen Reden stets auszeichnet, ganz besonders am Platze. Was den Zionisten an der Predigt speziell interessiert, ist deren Schluß, wo als Lösung der Judenfrage als ihre einzige Msung „Liebe und Gerechtigkeit" hingestellt wird. Wie sagt doch Zangwill: „Zum Lieben gehören zwei, einer der liebt, und einer, der geliebt sein will." A. L. Das Gebet. Predigt, gehalten am zweiten Tage des Neujahrsfestes in der Synagoge zu Oldenburg, von D. Mannheimer. Der Text, den der Verfasser gewählt hat: Teschuwoh, utchiloh, uzcdokoh, ist zwar sehr bekannt und beliebt, aber der Redner hat es verstanden, alles in neue, anziehende Formen zu gießen. Die Ausführung ist interessant und spannend, besonders an den Stellen, wo von den aktuellen Fragen, Orgel, deutsches Gebet, die Rede ist. Besonders schön ist bei der Behandlung der Gebetsreform das Gleichnis, das auf das Gemüt des Publikums wirkt und mehr erreicht, als ein trockener Verstandesbeweis. Man kann dem Verfasser dankbar sein, daß er seine Predigt der Oefsentlichkeit übergeben hat. A. L. Stern, Simon, Prof. Dr., Tolstoi, Zola und das Judentum. 14 S. Frankfurt a. M., I. Käufsmann. 1906. Der Verfasser zeichnet in scharfen Umrissen das Wesentliche der Weltanschauung der beiden großen Denker, um dann zu zeigen, welche Stellung die jüdische Auffassung dazu einnimmt. An Tolstoi bewundern wir den starken Gottesglauven und die tiefe Nächstenliebe. Dagegen ist sein Anarchismus' und sein Pessimismus dem jüdischen Empfinden durchaus entgegengesetzt. Bei Zola finden wir dem Judentum verwandte Züge in der Wertschätzung der Familie, der Arbeit, der Wahrheit und des Friedens; aber Zola ist Atheist und leugnet die Unsterblichkeit, und darum kann auch seine Anschauung keine Befriedigung gewähren. — Das Büchlein ist recht lesenswert. J. U. Oppert, Gustav, Tarshish und Ophir. 87 und VIII S. Berlin, 1903. .Julius Springer. Tie alte Frage nach der geographischen Lage der-in den Königsbüchern und anderwärts genannten Länder Tarschisch und Ophyr, wird von dem gelehrten Forscher von neuem einer gründlichen Erörterung unterzogen, und er kommt zu dem Resultat, daß Tarschisch in Sübspanien, dem heutigen Andalusien, lag, und daß die. dortige Landschaft wegen ihrer Fruchtbarkeit, wegen ihres Metallreichtums, ihres Handels und ihrer Rhederei berühmt gewesen sei; daß ferner die dorthin.fahrenden Schiffe später allgemein den Namen Tarschisch-Schisfe erhielten. Bei den von König Chiram und Salomo gemeinsam, unternommenen Expeditionen müsse man zwischeinvE nach Ophir gerichteten und so genannten und den ünbenannten und nicht nach Ophir gerichteten Unterscheiden; die ersieren gingen nach der Ostküste Afrikas, die letzteren nach Indien. Unter Ophir sei zimächst ein ini südlichen Arabien gelegenes Gebiet zu verstehen, allmählich aber sei der Name auf immer entferntere Küstenländer Ostafrikas übertragen worden. — Tie Schrift, die auch eine interessante sprachliche Untersuchung über die in Kön. I, 10, 22 genannten Importartikel enthält, bildet einen wertvollen Beitrag zur Lösung der vielumstrittenen Tarschisch- und Ophirfrage. J. U. Schuhmacherei DU PP. BBrneplatz 23, Beparatnr. Billigste Preise. Zum Prinzen u. ‘' " R-anfl0 Goethestrasse 10, Frankfurt a. M. Ludwig Stotz. Xocbzeits- Zeitungen and Beden, heiteren sowie ernsten Inhalts, speziell Gedichte und Couplets, verfasst Literat, Israelit, unter st engster Diskretion. 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