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Neue jüdische Presse · 1906-02-16 · Heft 7 (16.2.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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rs^psfe- . <. - s~.-- -.v.:-«-* -. , ■—5? Seite 4. Frankfurter. Israelitisches Familienblatt. Nr. 7. den drei bisher beliebten Programmpunkten: Schimpfen auf die Polen, materielle Verdrängung der Juden und Hurra-Hoch bei deutschen Festen! Die neueste Gcschworenenliste jn Posen weist keinen einzigen Juden als Geschworenen auf! Nur harmlose politische Kinder glauben an das blind waltende Los. Wir aber schließen mit dem Worte des berühmten Präsidenten des deutschen Ostmarken-Vereins, des Herrn von Tiedemann: „Der Antisemitismus ist der Totengräber des Deutschtums in der Ostmark." Karlsruhe. Es muß auffallen, daß man nichts von dem neuen Gebetbuche, dessen Herausgabe die letzte Synode beschlossen hatte, hört. Das neue Gebetbuch sollte doch vor seiner Herausgabe der öffentlichen Kritik unterstellt werden? — Hoffentlich wartet man nicht bis kurz vor der nächsten Synode und macht damit eine öffentliche Kritik unmöglich! Lübeck. Ein bedeutendes Vermögen besitzt die hiesige jüdische Gemeinde, denn wie aus dem Hanshaltungsplan für 1906/07 zu ersehen ist, befindet sie sich im Besitze von runv 800000 Jh, die aus Vermächtnissen und milden Stiftungen herstammen und deren Zinsen alljährlich für unterstützungsbedürftige Gemeindemitglieder, arme Bräute usw. verwendet werden. Ta die Gemeinde kaum 1900 Seelen zählt und ein großer Teil zu den Wohlhabenden gezählt werde» darf, erhalten die Bedürftigen der Gemeinde recht ansehnliche Beträge. Posen. Die taubstumme Schneiderin Levh in Mratschen hat auf das an den Kaiser gerichtete Gesuch eine Nähmaschine als Geschenk erhalten. — JnCzarnikan ertränkte sich die 16jährige Tochter des Fleischers und Viehhändlers Lcwin Jastrow; wahrscheinlich liegt Liebeskummer vor. — In M os ch i n hat sich ein „Verein zur Pflege und Förderung des Gesanges im Synagogenchor" gebildet; zum Vorsitzenden wurde Kaufmann Michaelis Loewy und zum Dirigenten Kantor Isidor Glatz gewählt. Cöthen i. Anhalt. Ermuntert' durch die vorzüglichen Resultate des vorjährigen Kursus veranstaltet die Kommission z n r Erfors ch u n g Palästinas am 25.—28. April einen Orient- Ferienkursus am hiesigen Polytechnikum. Das Honorar beträgt 10 JL Auskünfte erteilt der Akademische Verein „Tchioh". Der Stundenplan ist folgender: 1. Rektor Eber Hardt, Zarrentin (Mecklenburg), 2 Stunden. Die Schulverhältuisse in Palästina. 2. D r. L. K a h n, Wien, 4 Stunden. Rechtliche Verhältnisse destürkis ch e n Orients. 3. A.. Kaiser, Charlottenburg, 2 Stunden. Die physischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Sinai. 4. D r. A. Klee, Berlin, 2 Stunden. Zur Staatsversassung des osmanis ch e n Reiche s. 5. D r. Franz Oppenheimer, Berlin, 2. Std. Genossenschaftliche Kolonisation. 6. S a i d R u e t e, Berlin, 2 Stunden. Die wirtschaftlich-politische» Verhältnisse in Babylonien (Süd-Mesopvtamien). 7. D r. A. Sandler, Breslau, 5 Stunden. Die epidemischen und ende in i s ch c u Seuchen des vorderasiatischen Orients. 8. D r. S. Soskin, Berlin, 4 Stunden. Palästina in >virtschaftlichcr Beziehung. 9. P r o f.' D r. O. W a r b u r g, Berlin, 4 Stunden. Kleina sie» und Syrien als Kolonisationsgebiet. Halberstadt, 13. Febr. Stiftung. Die Inhaber der bekannten Metallfirma Aron Hirsch u. Sohn stifteten zum Gedächtnis der Silberhochzeit des Kaiserpaarcs für invalide Arbeiter ihrer Werke: „Messingwerk bei Eberswalde" und „Kupserwerk bei Jlsenburg a. H." 50 000 .M. als „Kaiser Mi lh ebm- .und Kaiserin Augusta Viktor ia-S t i f tu n g". . Konstanz, 13. Februar Seit einigen Tagen weilt Graf Pückler in einer Nervenheilanstalt unweit von Konstanz. Pasewalk. Rabbiner Dr. Finkel, der Gründer des vorpommerschen Bezirksrabbinats, hat zwei neue Erfolge zu verzeichnen. Auf seine Anregung hin hat das Regimentskommando verfügt, daß die jüdischen Mannschaften, soweit cs der Dienst zukätzt, jeden v i e r t,e n S a m s t a g i n d i e S y n agoge zum Gottesdienst entsandt werden; gleichfalls hat auf seine Veranlassung der Schulinspektor angeordnet, daß die jüdischen Kinder auch in den unteren Klassen vom christlichen Religionsunterricht fortznbleiben haben. (Es hatte sich nämlich die Unsitte eingebürgert: daß die jüdischen Kinder in den ersten Schuljahren dem christlichen Religionsunterricht beiwohnen.) Oesterrcich-Ungarn. Wie«. Gegen die jüdischen Flüchtlinge aus Rußland geht die Wiener Polizei scharf vor. So ist eine geheime Polizeiverordnung ausgegeben worden, wonach die Hausbesorger russischen, mittellosen Emigranten nach einem Monate kündigen müssen. Diese Frist wird in Ausnahmsfällen, wenn der Emigrant Arbeit gefunden hat, um vier Wochen verlängert. Tiefe Maßregel steht im starken Widerspruch mit der Antwort, die der Minister des Innern dem Abgeordneten Taszynski im Parlamente gab, wonach den russischen Auswanderern keine Schwierigkeiten gemacht werden sollten. Wie«. Zwei bedeutende Städte des Ostens unseres Reiches, Drohobycz und Czernowitz, gehen daran, ein jüdisches V o l k s h a u s in ihrer Mitte zu errichten. Jn Drohobycz spendete Herr Jacob Feuerstein, ein reicher Nationaljude, ein größeres Grundstück für den Zweck, und es bildete sich dann ein Komitee, das olgende Progranimpunkte für das zu errichtende jüdische Volkshaus festsetztc: 1. Förderung von jüdischkulturellen Interessen. 2. Entwicklung der physischen und geistigen Kräfte. 3. Pflege und Uebung des jüd. Nationalbewußtseins. 4. Förderung und Hebung von Wohltätigkeit an Stammesgenossen. Jn Czernowitz, wo der beliebte Führer der Bukowinaer Juden, Reichstagsabgcordneter Dr. Strauchcr, an der Spitze steht, ist das jüdische Volkshaus als ein Monumentalbau gedacht, in dem sämtliche jüdische Institutionen von Czernowitz nntergebracht werden olle». Vorläufig ist ein von dem gesamten Vorstand und den hervorragendsten Mitgliedern der Bukowinaer Judenschaft Unterzeichneter Aufruf erlassen worden. In diesem Ausrufe heißt es: „Dieses Gemeindehaus soll in der Zeit der nationalen Wiedergeburt unseres Volkes ein wahrhaft jüd. Nationalhaus, eine Pflegestättc jüdischer Kultur, jüd. Wissenschaft und Kunst, eine Sanimelstättc, Ivosclbst sich das nationale, kulturelle und gesellige Leben der jüdischen Bevölkerung konzentrieren soll, werden. Die jüdische Tradition verlangt stürmisch nach einer jüdischen Volkslesehalle und Volksbibliothck und Kiffe sollen in unserem Gemeindehause ihr Heim jinden. Gleichwie in der Schule unserer großen Vorfahren, ollen wir in dem jüdischen Gemeindehaus unser Herz bilden und unsere Kraft schöpfen. Und wie jene Schulen einen Kayol geschaffen haben, der alle Krisen des Judentums überwunden hat, so soll uns das Gemeindehaus helfen, eine Generation heranzubilden, welche dem jüdischen Namen Ehre machen soll." Wien, 12. Zebr. Auf Veranlassung des Exekutivkomitees der jüdischen Studenten Oesterreichs wurden gestern in Wien, Prag, Brünn, Krakau, Lemberg und Czernowitz jüdische S t u d e n t e n Versammlungen gehalten, die beschlossen, an die Rektorate der Hochschulen Memoranden, an den Minister-Präsidenten und an den Unterrichtsminister Petitionen zu richten, in denen ersucht wird, die A n e r k e n n u n g der jüdischen Nationalität an allen Hochschulen in Fragen prinzipiellen und administrativen Charakters durchzuführen. Budapest, 7. Febr. Die erste Konferenz der orthodoxen Z e » t r a l k o m m i s s i o n fand gestern statt. — Präsident Adolf Frankl berichtete über die Tätigkeit der Kanzlei seit seiner Wahl; die Versammlung spricht ihm für seine hervorragenden Ersolge in seiner kann: einjährigen Amtstätigkeit den Dank aus. — Hierauf referierte Rabbiner Koppel Reich-Budapest über die Pensionsfrage der orthodoxen Kultusbeamte n. Die Versammlung erkennt an, daß diese Angelegenheit baldigst erledigt und deshalb bereits der nächsten Jahresversammlung der Landesrepräscntanz unterbreitet werden müsse; auch spricht: sie sich im Prinzip dafür ans, daß der „Agudas-Hasauwchim- Verein" in das zu gründende orthodoxe Pensions- Institut hineinzunehmen sei. — ferner tvurde beschlossen, die Bestimmung des Ergänzungs-Statuts, nach der ein Sabbat-Entweihcr in die Lan d es rep r äse»tan z n ich t w ä h'lb a r ist — welche Bestimmung in dem Protokoll, das dein Kultusminister unterbreitet wurde, aus Versehen wegblieb — in der nächsten Sitzung der Landesrepräscntanz nochmals annehmen zu lassen, damit dann die Kanzlei auch für diese Bestimmung die ministerielle Sanktion erwirken könne. — Zum Schlüsse wurde noch über den noch in der Schwebe gelassenen Rest der Organisat i o n s - E r g ä n z u u g s - B e st i m m u n g e n beraten und beschlossen, auch diese wichtige Angelegenheit auf die Tagesordnung der nächsten Versammlung der Landesrepräsentanz zu setzen. Budapest, 8. Febr. Gestern fand die zweite und Schluß-Sitzung der ersten Konferenz der orthodoxen Z e n t r a l - K o m m i s s i o n statt. — Zuerst beschäftigte sich die Versammlung mit der Frage des P e s,a ch - M e h l - M a h l e n s, welche Angelegenheit der Zentral-Kanzlei zur weiteren Behandlung und Vorlage an die nächste Konferenz überleben wurde, und ging dann zur I e s ch i w oh - Frage über. Die Versammlung ist sich darin einig, daß das entwürdigende „Schnorrcn-Gehen" der Bachurim aufhöccn muß; es sollen in allen Gemeinden Vereine zur Unterhaltung der Bachurim gegründet werden, den in Bachurimkreisen bestehenden Plan, in Budapest einen Bachurim-Kongreß abzuhaltcn, erklärt die Kommission als ungeeignet und verurteilt dieses Unternehmen. — Schließlich beauftragte die Kommission die Zentral-Kauzlei, beim Ministerium dahin zu wirken, daß für die jüdischen Kinder der Besuch der Volks¬ und Mittelschule am Sabbat in einer dem jüdischen Religionsgcsetze entsprechenden Weise geregelt Iverde. — Damit war die Tagesordnung erschöpft. Rußland. Petersburg. Die sich mit der Untersuchung des Oktober pogroms befassenden Rechtsanwälte, veranstalteten kürzlich eine Konferenz, in der sich unter anderem herausstellte, daß die Lage in den betroffenen Orten sich -etzt noch bedeutend verschlimmert hat gegen November, als die Untersuchungen begannen. In mehreren Orten ivurde das Kriegsrecht oder der „verstärkte Schutz" cingeführt, d. h., es wurden Verhältnisse geschaffen, unter denen jegliche öffentliche Tätigkeit, und zumal eine solche, die die Sammlung von Auklagematcrial gegen die Behörden zum Zwecke hat. Unmöglich geworden ist. DenRechllsanwältendrohen Ver h a f - tung,Verbannungundnochvielernstere Strusen, die ganz und gar von der Willkür des örtlichen Satrapen abhängig sind. Diejüdische Bevölkerung ist fürchterlich terrorisiert und wird wohl nicht imstande sein, den Rechtsanwälten die Hilfe zu leisten, die.zu einer erfolgreichen Untersuchung notwendig ist. Das Verhalten der Polizei ist schrecklicher als je. Ein gutes Beispiel ist Homel, was hauptsächlich auf das Konto der Polizei zu setzen jst. Unter solchen Verhältnissen stößt die Arbeit der Rechtsanwälte aus außerordentliche Schwierigkeiten. Das war die allgemeine Meinung, l Trotzdem wurde beschlossen, einige Personen nach verschiedenen Orten zu senden, wo die Arbeit der Rechtsanwälte möglich und besonders notwendig ist. - Riffs. Korresp. Petersburg, 8. Febr. Der Ministerrat beschloß gestern ein neues I u d e n g c s e tz, welches die von Witte befürwortete Gleichstellung der Israeliten aufhebt und nur allgemeine Zugeständnisse gewährt. Moskau. Freigabe des Studiums für die Juden. Der Ministcrrat beschloß, für die Zukunft die Einschränkung der Aufnahme von Juden auf russischen Universitäten aufzuheben. Jedem Inden mit dem Reifezeugnis ist in Zukunft die Ausnahme ans der Hochschule gesichert. Moskau. Generalgouverneur Admiral Durb a s s o w verfügte überaus strenge M a ß n a h - m e n bezüglich des Wohnrechts der Jude n. Gegenwärtig iverden selbst jüdische Kanflcute aus Moskau ausgewiesen,' die den Steuersatz der ersten Gilde in einigen Bezirken zehn Jahre lang bezahlten. Die Juden wollen bei der Regierung petitionieren. Homek. Wie die Kosaken mit den Juden umspringen! „Ich ging," so erzählt der 24jährige Buchhalter Simon Diamant, „Mittwoch gegen Abend auf der Romanzowstratze, da begegnet mir eine Patrouille Tscherkessen. „Halt!" schrie sie. Ich stand still. „Hast Du einen Revolver?" „Nein!" Sie durchsuchten mich Und nahmen mir mein Geld und meine Uhr. Nicht genug damit, versetzte pur einer der Tscherkessen auch noch vier Dolchstiche und wirft mich zu Boden. Ich erhielt dann noch weitere Stiche und verdankte es nur einer glücklichen Fügung, daß ich — obwohl aufs schwerste Verivundet — am Leben geblieben bin." Dasselbe Schicksal ereilte am gleichen Tage — cs war kurz vor Beginn des «letzten Pogroms) über dessen schreckliche Folgen ja bereits die ganze Welt unterrichtet ist — den 24jährigen Kaufmann Neach Atlas, und den 20jährigen Schuhmacher Mauscheh Rafkin. — Hoineler Waisenkinder! (Ans einem Briese.) Ich will nicht den letzten Pogrom beschreiben — denn wie Unruhe» in Rußland entstehen und sich abspielcn, ist heutzutage jedem bekannt — sondern das Leben der Waisen schildern. — Es ist ein stürmischer Januartag. Ter Schnee schlägt an die zerbrochenen Fenster eines fast zertrümnrerteu Häuschens. Drinnen sitzen Mutter und Kinder in grenzenlosem Elend, denn der Vater wurde bei den Unruhen bestialisch verwundet und ist nunmehr im Spital verschieden. Tie kleinen Waisen weinen: „Mutter, Brot!" Doch das ist es, was fehlt, seitdem der Ernährer geraubt. — Wer vermag es, den Schmerz nachzusühlen, der in einer Mutter wühlt und tobt, wenn sie ihren hungernden Kindern das Stückchen trocken Brot versagen muß, einer Mutter, die gern ein Stück ihres Herzens ihren Kindern opfern würde? Was für einen Schnrerz kann man mit diesem vergleichen? Gebet mir Antwort! — Und solche jüdische Mütter giebt es jetzt in Rußland sehr viele! — Abgcmattet von den schlaflosen Nächten, gequält vom nagenden Hunger, sitzen sie, umgeben von der jammernden Kinderschar auf dem Boden der-kalten, finsteren Stube und trauern'um den getöteten Gatten. Was ist ihre Zukunft, was die Zukunft ihrer Kinder? Gebet mir Antwort! N. Sigal. Kischinew. Hier ereignete sich ein Fall, von dem man leider sagen kann: Jn Rußland herrscht die Krankheit, die Juden zu morden, nicht nur bei deni schwarzen, sondern auch bei dem weißen Hundert. Samstag, den 10. Febr., um 8 Uhr ertönten von einer Kirche die Glocken. Die Vorübergehenden blieben erstaunt stehen und fragten einander nach dem Grund für das ungewöhnliche Läuten. Da erschien ein Priester auf der Kuppel der Kirche und hielt eine Ansprache, in der er sagte, daß vom Kaiser soeben der Befehl eingetroffen sei, die Juden zu töten. Einige

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