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Neue jüdische Presse · 1906-02-16 · Heft 7 (16.2.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7. An der Einrichtung dieser Institutionen nimmt die Nation Anteil auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts." Also sprach der Bund von heute! Eine schöne Sprache — und doch müssen wir gestehen, dass uns auch der Bund von heute kein, .allzugroßes Vertrauen einflößt, und nach >vie vor hegen wir die größten Zweifel an seiner Bejahung des .Nationalismus. Tenn was soll man von einem jüdischen Nationalismus halten, der weder die jüdische.Religion,*) noch. die jüdische Sprache (die Sprache, für die der Bund eiutritt, ist nicht das Hebräische, sondern der Jargon!), noch das jüdische Land anerkennt? Auch seine Handlungen, die sich nicht mit den Interessen der russischen Juden decken, sind nicht dazu angetan, ihm Vertrauen zu schenken. Noch in den lehten Tagen brachte es „Ter Wecker", das Organ des Bundes, -fertig, eine Kundgebung gegen den Zionismus von dem Dänen mosaischer Konfession Georg Brandes zu veröffentlichen; eine nationale Partei macht nicht einen Großassimilanten zu ihrem Fürsprecher. Wohl hat der sozialistische Parteitag in Brünn die Bejahung des Nationalismus gestattet, allein die j ü d i s ch e n Sozialisten aller Orts verdammen den Nationalisnlus, . und wenn der „Bund" sich national gebärdet, darf man annehmen, daß die örtlichen Verhältnisse ihn dazu zwangen, Nationalismus zu treiben — also eher aus taktischen Gründen, als ans prin.zipiellen. Auch der Dr. Klee'sche Vorschlag gehört zu den Dingen, die einen schönen Klang haben und doch einen geringen praktischen Wert besitzen, denn abgesehen davon, daß sich nicht viele Gemeinden zur Aufnahme von Kindern verstehen werden, geben sicherlich die russischen Jaden ihre Kinder, ihr heiligstes, kostbarstes Gut ans Erden, um alles in der Welt nicht her. Ein Jeder, der ein wenig das.hohe Maß von Idealismus des russischen Juden .kennt, wird dies bestätigen. Allein, wollte man von diesen Schwierigkeiten absehen, so ergeben sich noch andere Bedenken. — Hören wir, was Herr Dr. Klee zur Begründung seines Vorschlages sagt: „Die Kinder sollen in treuer Anhänglichkeit an ihr jüdisches Volk erzogen werden." Eine Frage möchten wir stellen: „Im Rebi lau schono Rabbi Chijo minajim", >vas der Lehrer nicht gelernt hat, wird er seinen Schülern unmöglich beibringen können. Wenn das nicht ans alle Gemeinden zutrifft, so doch für .viele. Der Zionismus wird sich für seine Siedlungspläne kein besseres Menschenmaterial wünschen können. Aber genügt denn die westeuropäische und a m e r i k a n i s ch e L u f t allein, u m jemanden zum Mn st e r j u d e n zu machen, oder sind vielleicht alle Juden, die in Europa und A m e r i k a leben, Musterjuden?! „Die russischen, jüdischen Kinder", heißt es weiter, „werden für manche Länder — Italien, Schweden usw. — eine hochwillkommene Auffrischung der jüdischen Bevölkerung und somit des jüdischen Lebens bedeuten." — Also 5jährige Kinder sollen in schwedische jüdische Gemeinden verpflanzt werden und von diesen erzögen werden, und die im Geiste der Schweden mosaischer Konfession Auferzogenen sollen alsdann ihre Erzieher in die Lehre nehmen, nm sie zu guten Juden zu machen! Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 13. Febr Die kräftige Agi tation, die der Zentralverein vor einigen Monaten anläßlich der Wahlen zum Ausschuß der jüdischen Gemeinden entfaltete, hat nach seinem damaligen Siege jetzt eine weitere Folge gehabt, indem die Gemeindeverwaltung seinem Verlangen nach Oesfentlichkeit. der Ausschüßsitzungen statt gab. D i e e r st e ö f f e n t l i ch e A u s s ch u ß s i tz u n g der jüdischen Gemeinde war auf heute Abend G3A Uhr anberaumt. Trotz des Reizes der Neuheit hatten sich kaum 10 Zuschauer auf der Galerie des Hörsaales in der Synagoge am Börneplatz eingefunden. Die Tagesordnung war nur kurz, und währte des¬ *) Als Beispiel sei folgendes angeführt : Der„Hasman" publizierte vor kurzem einen Aufruf des Lidaer Gaon Rabbiner Reines zur Unterstützung seiner „Jeschibo", die auf moderner Grundlage fußt; darob Zeter und Mordio seitens des Bundes in seinem Organe. „Der Wecker". Frankfurter Israelitische- Familienblati. halb die öffentliche Sitzung nicht länger als 1 Stunde. Ter Vorsitzende teilt ein Schreiben des Vorstandes mit, in dem er von dem Beschlüsse Kenntnis gibt, für die Sitzungen des Ausschusses die Oeffentlichkeit zuzulassen, und mitteilt, daß er für diese Sitzungen vorläufig den Hörsaal ansersehen habe. — Herr Ludwig Kausfm avit n stellt den Antrag, den Vorstand zu ersuchen, auch die gemeinsamen Sitzungen des Vorstandes und des Ausschusses in dem vorzüglich geeigneten Hörsaale stattfinden zu lassen, bis neue Räume vorhanden sind. Da die Tagesordnung vorher fcststehe, so könne der Syndikus die Schriftstücke aus dem Archiv mit Leichtigkeit mitbringen. — Herr Dr. Arnold Bacrwald bekämpft diesen Antrag, da das Sitzungszimmer nicht vom Archiv getrennt werden könne, Herr Dr. Wilhelm Hanauer unterstützt den Antrag Kansfmann. In der Abstimmung wird der Antrag Kaussmann angenommen. Der Ausschuß hatte beantragt, der Israeli t. R e l i g i o n s s ch u l e neben der Subvention von 3000 Mark das Defizit des letzten Jahres in der Höhe von Jk 4000 zu decken. Der Vorstand hat in seiner Sitzung, nachdem er in den Etat der Jsr. Religionsschule Einsicht genommen hatte, diesem Anträge keine Folge geleistet, und stellt nun wiederum den Antrag, der Jsr. Religionsschule zu ihrer bewilligten Subvention von 3000 Jk für 1905 eine Nachsubvention von 1500 Mark und ein unverzinsliches Darlehen von 1600 Jk zu gewähren. —Der Antrag des Vorstandes wird angenommen. Der nächste Punkt der Tagesordnung behandelt das stenographische Protokoll des Jude n t a g e s, von dem der Ausschuß beschlossen hatte, 1000 Exemplare für 200 Jk anznkansen, während der Vorstand die Zusendung dieses Protokolls an sämtliche Gemeindemitglieder (Kosten Jk 1800) wünschte. — Es entspinnt sich eine lebhafte Debatte. . Herr Dr. Arnold Baerwald hat selten etwas Schöneres, Erhebenderes und Bedeutenderes gelesen als die Rede des Rechtsanwaltes Dr. Eugen Fuchs auf dein Judentage und wünscht deshalb dringend die Zusendung an sämtliche Gemeindemitglieder. — Herr Joseph W i s l o ch ist der Ansicht, daß jeder, .der Interesse habe, die Verhandlungen des Judentages in ausführlicher Weise in den jüdischen Zeitungen gelesen habe. — Es sprechen noch einige Herren, und dann wird der Antrag angenoiniiieii, den Vorstand zu ersuchen, mitzuteilen, auf welche Weise er _i>ic 1000 Exemplare zur Verteilung bringen will. Der Vorsitzende verliest nunmehr ein Schreiben der Firma Benjamin Roth Sühne, in dem diese mitteilt, daß sic von jetzt ab für die Stellung der Beipannung eines Leichenwagens Jk! 6 (bisher Jk 4.80) und für den Beiwagen Jk 6.20 verlangen müsse. Der Vorstand ersucht Jk 5.50 zu bewilligen, da die Firma zu dem bisherigen Preise seit 30 Jahren liefert und eine Erhöhung gerechtfertigt erscheint. Es komnien im Jahre ca. 300 Fuhren in Frage. — Herr Wisloch wünscht die Einsendung von Dsferten anderer Firmen, Herr I u st i z r a t D r. Hecht spricht dagegen und wird darauf der Vorstands-Antrag angenommen. Sodann gibt der Vorsitzende von einem Gutachten, das Herr Rabbiner D r. H o r o v i tz auf Wunsch des Vorstandes abgab, Kenntnis. Um die Einheitlichkeit zu wahren, war der Wunsch ausgesprochen worden, daß am Hauptweg des Friedhofes die Leichensteine alte am Fußende sein möchten. Herr Rabb. Dr. Horovitz gibt die Entscheidung ab, daß dieses Verlangen religionsgesetzlich genehmigt werden dürfe, doch sei dem Wunsche der Grabstättenbesitzer Rechnung zu tragen. Am Schluß nimmt die Versammlung von einer Adresse des Vorstandes an das verdiente Vorstandsmitglied Henry S e l i g m a n anläßlich seiner goldenen Hochzeit Kenntnis und beschließt einstimmig, zur Erinnerung an die demnächstige Silberhochzeit unseres Kaiserpaares eine Stistung von 10000 0 Mark für eine geburtshilfliche Abteilung 'in dem neu zu erbauenden Gemeinde-Krankenhause. Berlin. In der Sitzung der Repräsent a n t e n - V e r s a m m l u n g vom 4. d. M. machte Professor Blaschke den Vorschlag, den Metzgern die Kosten für die Rabbinatsaufsicht zu erlassen, nm dadurch eine Herabminderung der Preise für das K o s ch e r f l e i s ch herbeiznführen. Die Anregung wird von dem Repräsentant Weinberg, der wünscht, daß allen Koscherfleischhändlern die Möglichkeit gegeben werde, sich unter Rabbinatsaufsicht zu stellen, unterstützt. Die Versammlung beschloß, am Tage der silbernen Hochzeit unseres K a i s e r p a a r e s mit einer Summe von 100 0 0 0 Mark eine Stiftung zu begründen, die den Grundstock zur späteren Errichtung einer gynaekologischen Station nebst Entbindungsanstalt in dem neu zu erbauenden Krankenhause der Gemeinde zu bilden bestimmt sein soll. Von den zahlreichen Punkten der Tagesordnung ist ferner noch der Antrag des Vorstandes interessant, eine An lci h e in Höhe von ö1/? Millionen M a r k anfznnehmen. Es kommen für diesen Zweck folgende Summen in Betracht: Die Kosten für den Ankauf der Grundstücke Auguststraße 11/13 mit rund 250000 Jk, der Grundstücke Rosenstraße 3/4 mit 100 000 Jk, der Anzahlung "ans das Terrain für das Seite 3. neue Krankenhaus mit 283000 M (der Rest der Kaufsumme wird voraussichtlich seinerzeit aus dem Erlös der Grundstücke in der Auguststraße gedeckt werden können), des Kaufgeldes für das Grundstück Orianienburgerstraße 28 mit 325 000 Jk, für den Bau des zweiten Verwaltungsgebäudes mit 283000 Mark, für' den Bau der Knabenschule mit 400 000 Mark, für den Ankauf der Grundstücke Fasanenstraße 79/80 zuzüglich der Ausgaben für Steuern, Notariatskosten und Verzinsung des Kaufpreises mit 624 000 Jk, für den Ban einer neuen Synagoge mit 750 000 Jk, für den Bau des Krankenhauses mit 2500000 Jk, für den Umbau des Hauses Oranienburgerstraße 28 mit 250 000 Jk — Die Anleihe wird genehmigt. Berlin. 11. Febr. Der Vorsitzende der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance I s r a 6111 e Universelle, Geheimer Kommerzienrat Goldberger, hat eine Tagung der Mitglieder der Deutschen Konferenzgemeinschaft nach Berlin einberufen. Diese Tagung, der auch ein Vertreter der Pariser Zentrale beiwohnen wird, findet am Dienstag, den 13. Febr. statt. Die sehr reichhaltige Tagesordnung betrisft in der Hauptsache innere Organisationsfragen. Insoweit die Ergebnisse der Tagung von allgemeinerem Interesse sind, wird Veranlassung genommen werden, hierüber zu berichten. Berlin, 14. Febr. Die antisemitische Staats - b ü r g e r z e i t u n g. die in der letzten Zeit mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, ist durch Kauf in den Besitz des Stöcker'schen Blattes „2 as Rei ch" übergegangen. Die Nebergabc dürfte Ende dieses Monats erfolgen. Die Staatsbürgerzeitung wird dann unter ihrem alten Titel weiter erscheinen» im übrigen aber inhaltlich vollständig mit dem „Reich" übereinstimmen. Berlin, 12. Febr. Ohne ein bischen Judenhetze darf die Generalversammlung des Bundes der Landwirte sich nie abspielen. Freiherr v. .Wangenheim, der Vorsitzende, genügte in seiner Rede dieser Pflicht mit folgenden Worten: „Meine Herren, ich liebe es nicht, in Antisemitismus zu machen, es kommen da billige Schlagworte heraus. Alber ich meine doch, es sollten sich heute einmal die Arbeiter, sodann aber alle gewerblichen Stände klar machen: wer sind die Führer auf dem Wege zum Umsturz, nicht nur in Rußland, sondern auch bei uns? Das ist das internationale Judentum!" (Anhaltender, lebhafter Beifall.) Breslau. Ein unbegreifliches Meisterstück der die Germanisierung der Ostmarken betreibenden Regierung, ein Meisterstück, das diese nur ihrem Antisemitismus zu verdanken hat, ist die Vertreibung der Juden aus der Ostmark, denn damit hat sie nur erreicht, daß an Stelle der deutsch fühlenden Juden die Polen getreten sind. — Recht treffend illustriert eine Vergleichung der Volkszählungen von 1900 und von 1905 diese Tatsache. Es haben nach einer Zusammenstellung dem bereits zugängigen Zählmaterial zufolge in diesen 5 Jahren folgende Bevölkerungsveränderungen stattgefunden: Evang. Kath. Juden Kalmar. 848 + 524 — 50 Wreschen. 821 + 727 — 180 Stadt Schrimm. . . - 567 + 378 — 73 Kreis Schrimm. . . - H 829 + 1109 — 168 Kurnik. 48 + 47 — 57 Janowitz. + 78 + 277 — 31 Ostrowo. - + 270 + 1105 — 46 Schroda . - 4- 67 + 603 — 10 Liffa. 4- 992 + 936 — 168 Kr. Wrongowltz . . . . + 3551. + 277 — 130 Kr. Strelno.— 139 + 3848 — 148 Rogasen.— 7 + 395 — 67 Hierzu bemerkt das „Jüd. Bolksbl.": „Bon wesentlicher volkswirtschaftlicher Bedeutung ist die Auswanderung der Juden. Daß diese nur unter dem Zwange der für sie traurigen Erwerbsverhältnisse statthat, bedarf keines Beweises; denn gerade den östlichen Juden zieht nicht der Glanz des Großstadtlebens von seiner alten Scholle fort, er ist viel zu nüchtern und neigt viel zu wenig zuni Uebermut, als daß er sich entschließen könnte, ohne Not einen Ort zu verlassen, an deni Eltern und Ureltern ihr Auskommen gefunden haben. Zwischen ihnen und den eingeborenen Christen besteht nirgends ein so vertrautes geschäftliches Verhältnis zum Mißen beider Teile, wie in unserer Provinz, so daß es keinem Juden beikommen wird, das sichere Brot in der alten Heimat gegen das unsichere in der Ferne zu vertauschen, wenn er nicht eben gezwungen ist, auszuwandern. Das konzentrierte Kesseltreiben aller protestantischen Behörden richtete sich zunächst gegen die akademischen jüdischen Berufe, dann durch das staatlich unterstützte Genossenschaftswesen gegen die jüdischen Handwerker und Kaufleute. lind der Erfolg? Das Ergebnis der Volkszählung von 1905! lind welches .ist das Resultat aus dem Opfer all der immeusen Summen, welche von dem Staate nach dem Osten geworfen werden? TaS rapide Erstarken der polnischen Banken! Die .Regierung ist mit ihrer Polenpolitik gescheitert, weil der weitsichtige Mann fehlt, welcher dem untergeordneten Beamten, dem Landrat und Assessor, klar vor Augen führt, daß man die Ostmarkeu nur dann sichert, wenn man einen schaffeliskräftigen Bürgerstand hält, nicht aber auskommt mit

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