Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite ä. zu begehen, die der jüdischen Gesamtheit schaden. Ein Jude kann sich nicht allein Uns der jüdischen Gesellschaft ausschließeu, der menschlichen Gesellschaft ist es Vorbehalten, seine nationale Zugehörigkeit anzuerkennen. Wenn sich noch einer xmal Ex-JNdc nennt, solange die . nichtjüdische Gesellschaft seine Ex- Judenschaft nicht anerkemkt, und das tut sie immer, ist er Jude. Mein nicht genug damit. In noch einer ganz anderen Beziehung übt die Assiniilation einen Einfluß auf die ganze politische Kultur. Als Sohn eines Volkes, das auf ein Phramidenalter zurückblickt, als einer der Träger einer selbständigen, individualisierten, in sich abgeschlossenen Kultur ist ein 'Jude ein Glied ' des jüdischen Volkes nicht nur durch die, Geburt als Jude, sondern auch durch seine jüdische Empfindungsart und jüdischen Geist. Mit dem faktischen Austritt aus der jüdischen Interessensphäre zieht er in ein Milieu ein, das von entgegengesetzter Geistesveranlagung durchtränkt ist. Bei jeder Betätigung seinerseits kommt es bald zu Reibungen mit seinem neuen Milieu. Denn im neuen Milieu kann er als Sohn eines so viel gequälten Volkes nur negativ wirken. Man sehe sich heute die literarischen Strömungen in Deutschland an. Alberti, Linda, Harden, Blumenthal, Nordau,*) als negative Kritiker „Zerstörer". Ihre „Zerstörungswut" hat natürlich eine Reaktion heraufbeschworen, die sich in der Heimatkunst (vertreten von Lindheim und Bartels) dokumentiert. Der Kampf bleibt aber nicht in der Literatur, sondern dehnt sich auf die Politik aus. So entsteht der Antisemitismus als Produkt aus kulturhistorischen Differenzen. Wären aber diese Albertis, Blumentals ysw. im Schoße des Judentums geblieben, ihre allgemein schriftstellerische Betätigung würde zunächst mehr positiver Natur sein und die jüdischen Kulturgüter hätten eine wesentliche Bereicherung erfahren. r Ich habe noch, bevor ich schließe, ein politisches Uebel zu registrieren, daß die Assimilation in ihrer Folge verkörpert: - In einem Nationalstaate wie Deutschland, Frankreich oder Italien strebt der Assimilant, Deutscher, Franzosen usw. zu werden. In einem Völkerstaate ivie Oesterreich oder Rußland kann er höchstens danach streben, in seinem enger» nationalen Milieu unterzutauchen, z. B. unter Tschechen ein Tscheche, unter Polen ein Pole, und Kroaten ein Kroat usw. zu sein. Da aber diese Völkerschaften sich immer in den Haaren liegen, so kann es oft passieren, daß ein jüd. Pole den jüdischen Ruthenen, ein jüdischer Kroate den jüdischen Magyaren bekämpft. Im Falle sogar, wenn schon der Ruthene seinen Jüden als Ruthenen ansieht, wird er aber den tschechischen Juden, mit dem er im Aampse ' siegt, immer als Juden ansehen. Ich brauche nicht auf die Konsequenzen dieses absurden Geschehens hinzuweisen. Sie sind lächerlich und traurig genug. So greift die Assimilation, abgesehen von dem materiellen Schaden, den sie dem jüdischen Volke bringt, und abgesehen von ihrem unästhetischen Charakter (denn alle Ausreißerei ist schmutzig), tief in das Leben. des jüdischen Volkes und in die Politik der Völker ein. Ihre Folgen sind traurig für uns und bitter für die anderen. Die Erbitterung der Andern gegen uns bringt uns nur Verderben. Aber nur ein Mittel gibt es, diesen! Uebel vorzubeugen: Zurück zum Judentum, zurück in ein jüdisches Heini. Eine Unterredung mit Max Nordau. Kurz vor der Brüsseler Konferenz hatte ich als Vertreter des' frankfurter Israel. -Familienblattes ein Interview mit''-Max Nordau. Unsere Unterhaltung hatte zuerst die Brüsseler Konferenz zum Gegenstand und ging dann zu der Lage unserer Brüder in Rußland über. Hierüber äußerte sich Max Nordau wie folgt: „Da nach menschlicher Voraussicht die Lage der russischen Juden in Bälde keine Aenderung zum Besse- *) Bei der Nennung des Namens Nordau ist hervorzuheben, daß seitdem er sich als Jude betätigt, eine Aenderung in seiner Geistesart eingetreten ist. Er hat, seitdem er sich als Sohn des Wischen Volkes wiedergefunden, viel von seinem Verneinungsgeifle verloren.— Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ren erfahren wird, inüssen die russischen Juden in Rußland Politik machen. Die Politik muß aber eine rein jüdische sein und darf mir die Erlangung der vollen bürgerlichen Rechte für alle in Rußland lebenden Inden ohne Unterschied der religiösen und politischen Ueberzeugung erstreben-. Nur durch eine Organisation der russischen Juden kann ans diesem Gebiete Ersprießliches geleistet werden; die westeuropäischen Juden können ihnen nur moralisch beistehen. Diese zu schassende Organisation muß, damit ihr Gedeihliches zu leisten ermöglicht sei, sich! auf einer breiten Basis aufbauen. Sie muß so beschaffen sein, daß sie nicht in die politischen .oder religiösen Bekenntnisse und Zugehörigkeit ihrer Mitglieder eingreift. In anderem Falle ist ihre Existenz, bei der in der heutigen russischen Judcnheit herrschenden Anarchie überhaupt unmöglich." „Halten Sie das Verbleibe» der russischen Juden in Rußland für politisch vereinbar mit den zentralistischen Bestrebungen des Zionismus und des Territorialismus?" Hierauf antwortete mir Nordau: „Ich halte das Verbleiben der Juden in der Zerstreuung für ein Unglück für die Iud en h eit, für ein doppeltes Unglück halte ich das Verbleiben der Inden in einer inferioren Majorität und noch dazu dort eine untergeordnete Rolle zu spielen. Wenn ich aber' von einer festen Organisation der russischen Juden spreche, lasse ich nicht aus dem Auge, daß die russischen Inden gcgezwnngen sind, einstweilen in Rußland zu bleiben. Wir können ihnen noch keine Zufluchtsstätte bieten, wenn wir auch den Faden der Unterhandlungen bereits wieder ausgenommen haben. Aber gesetzt den Fall, wir hätten schon, jvas zu besitzen wir anstreben: Denken Sie, daß nian ein Volk von sechs Millionen von heute auf inorgen in einem anderen Lande ansässig macht? Außerdem bin ich überzeugt, daß trotz ihrer unsäglichen, bitteren Lage, trotz der Pogrome, kaum die Hälfte der russischen Juden unserem Ruf Folge leisten ivird. Die größere Hälfte wird in Rußland verbleiben, und weil unsere jüdische Politik zentralistischer Natur ist, müssen >vir eben im Interesse unserer Bestrebungen mit den russischen Inden bleiben, ihnen nach Kräften an die Hand gehen und für eine Verbesserung ihrer trostlosen Lage sorgen — „Halten Sic nicht, Herr Doktor, eine jüdischrussische Assiniilation für weit gefährlicher, als eine deutsch-jüdische Assimilation?" „Ja, ich halte eine russisch-jüdische A s s s i m i l a t i o n f ü r w c i t g c f ä h r l i ch e r a l s eine jüdische Assimilation mit einem andern westeuropäischen Volke. Ich halte eine russisch-jüdische Assimilation deshalb für noch gefährlicher, weil die Juden da, abgesehen davon, daß sic dadurch der Gesamtjudenheit teilweise verloren gehen, atavistisch in eine minderwertige Kultur odef gar in eine Unkultur zurückgeschlcubert werden. Die Russen haben überhaupt keine eigene Kultur. Alles was Rußland an Kulturiverten besitzt, ist importierte Ware.*) Unter Ecatarina war es Voltaire, unter Alexander I. der Mystizismus, in den dreißiger Jahren des verflossenen Jahrhunderts Hegel, von den 60er Jahren bis aus 90 der Realismus, und seit 90 bis auf diesen Tag ist es der Sozialismus, der Rußlands Kultur ausmacht. Daß dieser Umstand einen immensen Einfluß auf die geistige Entwickelung der russischen Juden hatte und haben wird, brauche ich nicht erst zu sagen. Wo ist der Genius der russischen Juden, ivo ihr Heine, Börne, ihr Lassalle, ihr Cohen usw. ...!(?) Indessen, wenn wir sehen, daß die geistige Entwickelung der Juden in den germanischen Ländern eine bessere war, weil sie in einem großen Kulturmilieu lebten, so ist doch nicht zu vergessen, daß das Leben der Juden unter germanischen Völkern für uns eine Geißel war und noch ist. Die 'Juden in den germanischen Ländern haben unsterbliche Kulturwerte geschaffen, aber sie sind andererseits vom Sklavengeist des preußischen Unteroffiziers durchtränkt.-— Ich kann mich jetzt nicht darüber näher auslassen, aber die Zeit wird kommen, wo wir cs einsehcn werden--——-i— Wenn wir schon seit einem Jahrhundert die Tendenz der in slavischen Ländern lebenden Juden nach anglosächsischen Ländern zu imigrieren bemerken, so geschieht es nicht, weil die anglosächsischen Völker Spuren germanischer Kultur aufweisen, sondern trotz der germanischen Kulturreste der anglosächsischen Völker. Und das einzige, was eine größere Niederlassung *) So unbescheiden es auch von meiner Seite ist, kann ich doch nicht umhin, auf meinen in diesem Blatte jüngst erschienenen Artikel „Die Wurzel des Uebels" hinzuweisen. _ Nr 7. der Juden in anglosächsischen Ländern hindert, sind eben jene Ueberbleibsel und Reste gerinanischer Kultur in den anglosächsischen Ländern. Nicht.Goethe, sondern Shakespeare — aber so weit sind wir noch nicht." Ans die russischen Juden znrückkommend, sagte mir der greise Zionistenveteran: „Was den „Bund" anbetrifft, ivill ich seine Stellung zur Frage einer allgemeinen jüdischen Organisation abwarten. Im übrigen kann ich nicht genug wiederholen, daß die russischen Juden jetzt ganz auf sich selbst angewiesen sind. Nicht einmal 100 Millionen werden ausreichen, ihrer Lage eine andere Gestalt zu geben. Sie stehen jetzt vor der Alternative, entweder sich znsammenzutnn, sich zu organisieren, und für die Erlangung ihrer Bürgerrechte zu kämpsen, oder von der in Rußland herrschenden Anarchie, deren Ende nicht abzusehen ist, aufgezehrt und durch Pogrome ruiniert zu iverden. Wir werden ihnen mit unseren bescheidenen Kräften beistehen, lieber große Mittel verfügen wir nicht. Es ist an ihnen, sich znsainmenzutun, eine bewußt jüdische Aktion cinzuleiten. In anderen! Falle ist alles verloren." .... Und aus diesen Worten klang so viel Tragödie. Maxime Le Maitre. Die Woche. Wir wollen diesmal die Fäden bereits von uns behandelter Gegenstände iveiterspinnen. Zwei Aktualitäten waren es, über die wir 'in der vorigen Nummer sprachen, die eine: „Ter Bund" oder — wie sein ausführlicher Titel lautet — ,/Der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund in Rußland, Polen und Littauen", die zweite: Die Verpflanzung überschüssiger jüdischer Kinder Rußlands in jüdische Gemeinden Westeuropas und Amerikas nach dem Vorschläge des Herrn Dr. Klee ans der Brüsseler Konferenz. Vorerst der Bund! In unserem Artikel „Fm en ani li, ini li" äußerten wir uns dahin, daß der Bund eher international als national ist. Das sagten wir auf Grund seiner Vergangenheit und auf Grund seiner ganzen Tätigkeit. Sein schroffes und brutales Austreten dem Zionisinus gegenüber ist bekannt. Zwar versuchte er, als der Zionismus sich rasch auszuüreiten und ihm ernstlich Konkurrenz zu machen begann, zuiveilen von einer jüdischen Autonomie zu sprechen; allein, das war Propaganda- Schwindel; cke facto verneinte er eine jüdische Nationalität, denn nur zwei Stationen gab .es für ihn: Arnie und Reiche, bundistisch gesprochen: Proletariat und Bourgeoisie. So der Bund von gestern! — Und der Bund von heute? Hier die Resolution, die auf seiner kürzlich abgehaltenen sechsten Haupt-Konserenz gefaßt wurde: ‘ „In Anbetracht, daß die nationale Unterdrückung das Klassenbewußtsein des Proletariats verdunkelt, ist es die Pflicht der Sozialdemokratie, gegen jede nationale Unterdrückung — sei sie eine direkte, sei sie eine indirekte — zu kämpfen. Nur der Sozialismus wird die Befreiung von jeder nationalen Unterdrückung bringen. — Indessen müssen die Sozialdemokraten schon jetzt innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung bestrebt sein, das Maximum an Sicherheiten gegen nationale Konflikte zu erreichen. Diese Sicherheiten sind nur durch die Schaffung öffentlich rechtlicher Institutionen, die jeder Nation eine freie kulturelle Entwicklung ermöglichen, zu erreichen, und zwar müssen diese Institutionen in der Form einer Nation a l - k u lt u r e l l e n A nt o n o m i e zum Ausdruck gelangen." Auf Grund dieser Begründung formuliert der Bund von heute in der jüdischen Nationalfrage sein Programm wie folgt: . -- Vv 1) Volle bürgerliche" Und politische Gleichberechtigung. i 2) Eine durch das Gesetz garantierte Möglichkeit für die-Juden, die eigene Sprache im Orts-, Territorial- und Staatsverkehr zu gebrauchen. 3) National-kulturelle Autonomie. Ausschließung der national-kulturellen Fragen (Volksbildung u. a.) aus der Kompetenz des Staates und der örtlichen Verwaltungskörper und Ilebertragung der darauf bezüglichen Funktionen an die Nation s e l b st in der Gestalt besonderer Institutionen.