Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die ganze abnormale Existenzform des jüdischen Volkes manifestiert in seinem äußern Druck und in seiner inneren Zerrissenheit. Das eherne, unabänderliche Geschichtsgesetz, das den Werdegang der Menschheit bestimmt, der Genius des jüdischen Volkes und seiner Kultur hat einem etwaigen lintergehcn des jüdischen Volkes oder auch nur eines beträchtlichen Teiles unsrer nationalen Gesamtheit einen Riegel vorgeschoben. 2lls kleine, winzige Minorität mit einer selbständigen individualisierten Kultur in einer uns fast überwältigenden Majorität, mit einer Geistesveranlagung, die der unsrigen schnurstracks entgegenläust, lebend, sind wir dazu verurteilt, entweder im Ghetto zu bleiben — oder — wenn nicht im Lande der Väter, resp. auf eigenem Boden zu leben — als kranker Kulturorganismus unser Dasein zu fristen. Ein ewiges Eingeschlosscnsein in das Ghetto ist aber schon aus soziologischen Gründen ein Ding der Unmöglichkeit, und da wir durch den zweitausendjährigen Aufenthalt in der Diaspora in unserem Mationalegoismus geschwächt und aus diesem Grunde auf ein unbestinimtes, ferneres Exilleben angewiesen sind, so können wir nur als abnormale gesellschaftliche Gliederung, als. kranker Körper ferner in der Diaspora weilen. Warum gar das! wird mancher kopfschüttelnd fragen. Haben wir doch schon Jahrtausende ohne Land, oft Jahrhunderte ohne Ghetto gelebt, ohne daß unsere Existenz irgendwie gefährdet tvar. 2lber, was einst möglich war, muß noch heute Nicht möglich sein. Die eisernen Reifen des geschichtlichen Rades sind mit der rapiden Entwicklung des Verkehrswesens schwerer geworden, die Kulturmenschheit legt jetzt in kürzerer Zeit größere Strecken zurück. Was einst ein Jahr gedauert, kann heute in einem Tage erledigt werden. Dieser Wechsel der Zeit hat auch eine Umgestaltung der geschichtlichen Verhältnisse mit sich ge- . . Von außen her aus kulturhistorischen Ursachen auf unser engeres Zentrum. mit gewaltiger Wucht zurückgeschleudert, sind tvir, da wir denr Gesetze der Kulturentwicklung und Selbsterhaltung uuterlvorfen, dazu gezwungen, einen 2lusfall in das fremde Lager zu Mächen. Wir lassen auf unseren Wanderungen immerunsere Spuren zurück und kehren -mit neuen Kulturgütern ausgerüstet in das eigene Heim ein. Nach einiger Zeit fühlen tvir uns abgespannt und krank. Wir haben auf unseren Wanderungen ausgenommen, was wir nicht aufzehren können. Dieses , Hineinzehren ' fremder Kultusorgauismen in das Judentum hat seit einem Jahrhundert die .Ursache , zur-inneren Zerrissenheit und-zu inneren Spaltungen gegeben. Aber im letzten Grunde ist alle innere jüdische Zerrissenheit, die ganze nationale Anarchie auf das Leben in einer fremden Majorität zurückzuführen. Nationale Indifferenz und chaotische Zustände innerhalb unserer Gesamtheit sind Zeugen für das bittere Los des Goluslcbens, sie sind der traurige Abglanz unserer Existenz. Aber nicht genug damit. — — Tie zivilisierte Menschheit besitzt auch Dokumente unseres nationalen Elends, und unsere Wirtsvölker leiden nicht weniger dadurch als wir selbst. Es wehte dainals, als die Mauern der Jndeughettis erbrochen wurden, ein kosmopolitischer Wind. Ter Uebergang von Gefangenschaft zur Freiheit war ein plötzlicher. Jener Wind raste aber schnell vorbei, und die Völker des Westens kamen wieder zu nationalem Bewußtsein. Bei ihrem nationalen Wiedererwachen fanden sie einen fremden Knlturorganismus in ihrem Milien. Dieser im christlichen Milien fremde Kulturorganismns war das jüdische Volk. Durch die Jahrhunderte lange Eingeschlossenhcit in das Ghetto warfen sich die westeuropäischen Inden mit Gier auf die vorgefuudeuen fremden Kulturgüter, kosteten alles bis auf des Bechers letztem Rande aus. Sie holten in kurzer Zeit ein, was sic so lange haben entbehren müssen. Und was sie an Bitterkeit, Wut, Empörung innerhalb eines so langen Zeitraumes in der erstickenden Ghettoluft eingeatmet, fingen sie, kaum reif geworden, an, in genialen. Variationen;u reproduzieren. Tie Erbitterung des Judentums seinen Peinigern gegenüber fand ihren ersten genialen 2lusdruck in Heinrich Heine. Sein beißender Witz, sein giftiger Humor galt vor allem der Flegelei des Junkertums und der „Auch"-Humanität der Träger der christlichen Kultur. - Aber Heinrich Heine war nur Episode in dem Orkanausbruch der Jahrhunderte lang zurückgehaltenen Erbitterung. Die ganze Fülle der Erbitterung verkörperlicht erst Carl Marx.-Er ist eine Reaktion aus den verlotterten christlichen Feudalismus, tvie Luther eine Reaktion auf den Scholasticismus des Mittelalters tvar. Die christliche Kulturgemcinschaft mit ihrer chronischen Engherzigkeit war es, die einen Carl Marx gezüchtet und die Wut seines Genies herausbeschworen.*) Tenn bei normalen Verhältnissen hätteeinjüdischerMarxstattHegelnmznwerten, den Prophetismus und den jüdischen KultnrgeniuS mit seinem Scharfsinn ansgebaut, entwickelt und den m o d e r n e n Verhältnissen nach eine solide sozialphilosophische Basis gegeben. Mit der Umwertung und Umkehrung der H e g e l i a d e durch Carl Marx hat eben *) Der geschätzte Verfasser führt die Tätigkeit eines Marx nur auf das eine Moment der Erbitterung zurück, allein es gibt noch ein zweites, vielleicht noch stärkeres Moment und zwar das in dem Wesen des Inden innelebende Gefühl der Gerechtigkeit und des Mitleids, das beweist die gesamtejüdische Literatur und das ganze Handeln des jüdischen Volkes vom Beginn seines Auftretens auf der geschichtlichen Arena. D. Redakt. die 'Assimilation ihre allgemein politische Bedeutung bekonnnen. Die materialistische Geschichtsanffassuug mit ihrem synthetischen Charakter, wie sie Marx begründet, gibt der ganzen modernen Kultur ihre eigentümliche Physiognomie. Die international politische Bedeutung dieses 'Ausschnittes ans der Gesamtassimilatiou, wie sie der Marxismus trägt, ist von einer unabsehbaren Tragweite. Ter Marxismus hat mit starker Hand den zusammengekitteten Bau der christlich-fciidal-aiitisemitischen Gesellschaft zertrümmert. — — — Aber wem ist daiuit geholfen? Ter schwarzen Reaktion des sich christlich heißenden Feudalismus hat zwar die marxistische Lehre unheilbare Schläge versetzt, und eben diese schwarze Reaktion macht sich Lust, indem sie fortgesetzt das jüdische Volk mit noch größerer Wut zu maltraitieren und zu peinigen sucht. Je härter sich der K am p s zwischen den beiden Gegnern, dieCarlMarx b e st eilt, gestaltet, d e st o mehr w i r d das jüdische Volk zu leiden haben. Für die „edeln" Jünger des Meisters sind wir die Kapitalisten, Geldsäckc und Bourgeois, sür die Reaktion die Sozialisten und Zerstörer ihrer Gesellschaftsordnung. Auf diese Weise sind wir zwei Feuern ausgcsetzt, was noch natürlich die Abnormität unserer nationalen Entwicklung in der Diaspora vermehrt und vergrößert. Einmal in den Ruf des Zerstörers gekommen, wird die Reaktion, die heutigen Gewalthaber, es nimmermehr zulasscn, daß wir in unsere Menschen- und Bürgerrechte eingesetzt werde». — -- Tie Assimilation und die nationale Ausreißerei waren immer ein zweischneidiges Schwert, und jede assimilatorische Verhetzung kann eben daher nicht genug bestraft werden. Sie ist das größte h i st o r i s ch e B e r b r e ch e n, das nur ein Jude begehen kann. Es ist nicht der Sozialismus allein, den ein Jude geschaffen, und aus den die heutige unerquickliche Lage der westeuropäischen Juden zurückzuführen ist. Sie ist auch zu gutem Teil ans Rechnung unserer „bürgerlichen" 'Assimilationsapostel und TaufrabbiS zurückzuführen. Ein Jude, der schon jenseits des Jndcntums steht, ist in der Regel, wenn nicht Sozialist, doch Freisinniger oder Radikaler. Er beteiligt sich oft als Parteimaun an politischen Geschäften, die der Natur der Sache gemäß dem Judentume und dem jüdischen Volke schaden müssen. Ich bin gewiß kein Freund des Katholizisnius, aber die Verfolgung seiner Träger durch Juden, wenn sie es auch nur nominell sind, kann ich nicht genug verurteilen. In der Tat sind diese 'Assimilationsjuden ihrem Freisinn als Menschen ohne Berücksichtigung ihrer nationalen oder religiösen Zugehörigkeit ergeben, jedoch ihre Widersacher, die sic bekämpfen, setzen ihre Handlung auf Konto des jüdischen Volkes. Und das hat nachher „Dreyfußasfäreu" und Pogrome zur Folge. Es steht natürlich jedem Inden frei, über Fragen wie Religion, Nation nsw. zu denken, resp. zu handeln, wie er will, da uns doch die Macht fehlt, den Verrat gebührend zu bestrafen: aber, indem sich ein Jude nicht mehr als Jude „fühlt", hat er noch lange kein -Recht, Handlungen