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Neue jüdische Presse · 1906-02-09 · Heft 6 (9.2.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Leite 5. 0 #euiÜefon. 0 Ei« kleines Drama. Erzählung von Ben-Ami. Autorisierte Uebersetzung aus dem Russische» von L. Caro. (Fortsetzung). Diese arme» Begleiter unseres arinen Lebens, diese erbärmlichen Gegenstände, denen wir fast das ganze Jahr hindurch keine Aufmerksamkeit schenken, sind plötzlich zuni Gegenstände besonderer Sorgfalt geworden. Ganze zwei Wochen wurden ihnen gewidmet. Man hat sie gescheuert, gewaschen, gereinigt, geschabtz geebnet, geweißt, geschminkt. Kein einziger Punkt ist, ungeputzt geblieben, kein Stäubchen ist auf ihnen $11 finden. Und nun sehen sie jetzt so freundlich aus, so feierlich, so froh und munter, mit einem so stolzen Selbstbewußtsein! Ulrich die üppigste Einrichtung des üppigsten Salons würde in diesem Augenblick alltäglich, seelenlos aussehen und es würde von ihr eine ebensolche banale Poesie und eisige Kälte mich anwehen, wie von ihrem Bewohner. Der Vater sitzt ohne Rock am Tisch, der zwischen zwei Fenstern steht — er sitzt vor seinem geliebten Sohar (Ein Buch der Kabbala), in welchen er sich an den Feiertagen zu vertiefen liebte und in ihm mit seiner ganzen Seele aufgiug. Und der Vater ist nicht derselbe, gar nicht derselbe. Ms ob das herannahende Fest der Befreiung schon jetzt seine Strahlen auf ihn werfe und ihn mit seinem Licht überflute! Welch ein ruhiges, vor geistigeni Glück strahlendes Antlitz! Wie selig seine Augen leuchten! Man sieht wohl, daß er plötzlich in eine andere, höhere Welt versetzt wurde, die unendlich von der alltäglichen Welt entfernt ist. Wer nur diesen Menschen betrachtet, muß sofort sagen, daß dies — ein unglücklicher, rechtloser Parias ist den jeder wegblasen kann wie ein Fcderchen, fortjagen wie eine Fliege, zertreten wie eine Ameise, zerreiben wie eine Milbe. .... Wie hoch er sich jetzt über alle Welthcrrscher erhoben hat! Versuchet mal, ihm jetzt eine Krone und eine unbegrenzte Herrschaft über das größte Königreich an Stelle seiner erhabenen Poesie des Sohars vorzulegen — und er würde sich von ihnen mit Verachtung abwenden. Er findet die währe Herrlichkeit in seiner geistigen Welt, die mit Legionen" wunderlicher Gespenster voll und nrit dem Glanz entzückendster Illusionen übergossen ist. — Und in diesem Zauber-Reich ist er ein unbegrenzter Herrscher. Was ist ihm jetzt diese ganze verhaßte Welt der kleinlichen, abscheußlichen Marterer. — Vor seinen Blicken schivebt Etwas ganz anderes. . Bor ihm — das große Ereignis, das er jetzt ivie von neuem durchlebt, obwohl er von ihm dreiunddreißig Jahrhunderte entfernt ist. Er sieht die Hand Gottes, welche die schrecklichen Pharaonen ob ihrer Greueltaten, ob der Unterdrückung Israels strafte. — Und nun liegen sie im Staub, diese Peiniger Jacobs — und das triumphierende Israel zieht, von seinem Titanenführer geleitet, in das verheißene Land „mit erhobener Hand" ein. Und als ein den Gesetzen Gottes treugebliebener Mkömmling des einst anserwählten Israels fühlt er es, als ob man auch von ihm die Ketten herunter» genommen — er fühlt, daß auch er plötzlich ein freier Mensch geworden ist, daß auch er bald das verheißene Land erblicken wird, das er sich mit dem Schein Gottes immer überflutet und inmitten von Weinbergen und Feigenbäumen schwelgend nusmalt. Und darum eben leuchten seine Augen so voll Glückseligkeit, darum ist er wie von Glanz umgeben. Es ergießen sich da die Strahle» jener Sonne, die vor dreiunddreißig Jahrhunderten de» Juden anfgegangen war. Diese vor dreiunddreißig Jahrhunderten erlangte Freiheit hat ihn plötzlich unter ihren Schutz genommen und seine ganze Seele mit dem stolzen Selbstbewußtsein eines freien Menschen erfüllt, der die Freiheit, in feinem'-eigene» Herzen, in seinen eigenen Gedanken trägt; der.eine Anerkennung seitens Anderer nicht nötig hat. . Und auf allen im Hause, selbst auf den leblosen Gegenständen spiegelt sich das Licht des längst verflossenen Ereignisses ab. Me und alles sehen anders aus, ganz anders als sonst, anders selbst als. die sonstige» Feiertage. Und dies ist ja ungeachtet dessen, daß alle mit ziemlich gewöhnlichen Arbeiten beschäftigt sind. — Wer diese gewöhnlichen prosaischen Arbeiten tragen jetzt so ein ganz anderes Gepräge. Alles, alles ist jetzt wie geläutert von dem materiellen Element und stellt nur einzig Geistiges dar; hängt über alles wie eine wunderbare Poesie und es schweben die zanbervollen Gespenster der alten Legende. * Im Ofen slackert hell das Feuer, das mit seinen hunderten langen flammenden Zungen gierig die Kessel, die Pfannen, die kleinen und die großen Töpfe umschlingt, welche hier hkneingelegt wurden, damit sie durch das Feuer „koscher" gemacht werden. Schräg dem Nachen des Ofens gegenüber, aus der an die Wand sich anlehnenden, ' mit Heu bedeckten Bank, schneidet die Mutter zwei Hühner auf, deren blutige Kopfe nach unten herabhängen — und hart an die Füße der Mutter angeschmiegt steht mein dreijähriges Schwesterchen Taibele und ergötzt sich laut an den kleinen, gelben Eierchen, die aus dem Innern der Hühner herausgenommen werden. Hier steht nun unsere Katze -nur nach oben gerichtetem Kopf, mit offenem Rachen und verfolgt gierig jede Bewegung der Mutter. Am andern Ende derselben Bank hackt die Mutter Etwas, das zum Vollstopfen der Hühner bestimmt ist, wobei sie die sich da befindenden verschiedenen Küchengeräte zum Aufspringen bringt. Auf der Ofenbank verfertigt die ältere Schwester Braine ein Kleidchen für Taibele, das aus irgend einem alten entfärbten Zitzkleide der Mutter zusammengeslickt wurde. Vor ihren Füßen dreht sich ineilt kleinstes Schwesterchen Reisele herum, in einem bis ganz zum Hals hinauf von hinten zurückgeworfenen Hemdchen — sie nagt gierig an einer feuchten Möhre. Brüderchen Herschele fehlt da: man schickte ihn Schulden einzukassieren — fünfzig Kopeken von R. Leiser für das Einbinden des „Korban - Mincha"- Gebetbuches seiner jungen Schwiegertochter und fünfunddreißig Kopeken von R. Mejer für das Einbinden des „Machsor". Herschel lief zu ihnen schon zum fünsten oder sechsten Mal hin, obwohl sie ziemlich wohlhabende Leute sind » * * Als ich nach Hause kam und die Stiesel nicht vorfand, trat ich ans Fenster und klammerte mich um die Ferne. . . Vielleicht erblicke ich R. Schmuel. Was mag es doch sein! Mir traten schon TrKnen in die Augen — vor Unruhe und .Verdrilß. Da kehrt bereits schon der Melamed R. Nachim aus dem Bade zurück, mit eigener Hand sein Söhnchen Jossele führend und unter dem Arm schmutzige Wäsche tragend. Da kommt auf dein Markt der Schneider Faiwel und sein Nachbar R. Welwel vorüber mit hölzernen Kannen Wein für den Seder. Da ist mein Cheder-Kollegc Gedalje, schon ganz feierlich gekleidet — er trägt etwas in einer Serviette eingehüllt. Da trägt er wohl vom Rabbiner für seinen Vater „Schmureh" - Mazzes.*) (Fortsetzung folgt.) Kunst uud Literatur. MeyersGroßeSKonversationslexikon. Ein Nachschlagewerk des allgemeineil Wissens. Sechste, gänzlich nenbearbeitete und vermehrte Auflage. Mehr als 148000 Artikel und Verweisungen auf über IS 240 (Seiten Text mit mehr als 11000 Wbildungen, Karten und Plänen im Text und auf über 1400 Jllustrationstafeln (darunter -etwa 190 Farbendrncktafeln und 300 selbständige Kartenbeilagen) sowie 130 Textbeilagen. 20 Bände in Halbleder gebunden zu je 10 Jk oder in Prachtband 51t je 12 M. (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien.) Wieder ist ein Band von Meyers Großem Konversations-Lexikon fertig und so die stattliche Serie bereits auf 12 Bände angewachsen. Band XU von L bis Lyra bringt uns aus allen Gebieten eine solche Wissensfülle, daß die Wahl schwer wird, das Beste herauszugreifen. Aus dem Gebiete der Natur- *) Aus einem Mehl, das besonders streng vor Rasssr gehütet wurde. Wissenschaften sind der Luft und deut Licht eine Reihe Artikel gewidmet, die uns hochinteressante Ausschlüsse über diese beiden dem Menschen unentbehrlichen Naturkräste und Materien geben. Namentlich über „Luftdruck", „Lufttemperatur" werden wir durch sehr instruktive Karten aufgeklärt. Die so rätselhaft erscheinende Fata Morgana wird durch ein stimmungsvolles Farbenbild einer „Luftspiegelung" in der Wüste gegenwärtig. Ein reicher Sonderartikel von Ländern, wie „Litauen", „Livland", die uns gerade jetzt durch ihre politischen Unruhen interessieren, „Lothringen". „Luxemburg", und Städteartikel, von denen „Leipzig". „London" und .Lübeck" mit gründlich erneuerten Plänen hervorzuheben sind, sind sowohl ihres geographischen, wie geschichtlichen und wirtschaftlichen Gehalts wegen zu betonen, bei „Leidig" interessieren uns auch besonders die trefflichen Tafeln hervorragender Bauten aus dieser in den letzten Jahrzehnten architektonisch so gewaltig entwickelten Stadt und die von einer guten Kartenskizze begleitete Beschreibung der Völkerschlacht. Wie eine Landkarte entsteht, zeigt uns die von einem eingehenden Slrtikel begleitete Tafel..Landkartendarstellung", wie ein lithographischer Farbendruck zu Stande kommt, eine sehr klare Chromotafel. Einen breiten Raum nimmt die „Landwirtschaft" mit einer Reihe einschlägiger Artikel ein. Sehr hübsch ausgeführt sind die Chromotafelu „Landwirtschaftliche Schädlinge". Wlgemeines Interesse haben die Artikel „Lebensversicherung", .Liquidation", „Lotterie". Einen ganz prächtigen Schmuck hat die „Literatur" durch Beigabe! von vier Holzfchnitttafelir mit Porträts der „Klassiker der Weltliteratur" erhalten; es ist eine treffliche Zusammenstellung, die uns ein Eingehen in die Lebensabrisse der einzelnen Geistesheroen nur noch lieber macht. Aus denr Reich der Technik, deren lneisterhafte Holzschnittwiedergaben zu den Hanptschätzen des „Großen Meyer" ° gehören, sind die fast neuen Tafeln „Lampen", „Leuchtturm", „Lokomobilen". „Lokomotiven" und „Luftschisfahrt" hervorzuheben. P u r i in - O. u e l l, geflossen ans der Feder von Salomo» Goldschmidt. (Des Purim-Mmanachs 5. Sammlung.) Hamburg 1906, Verlag von A. Goldschmidt. (Preis JL 1.20.) Gereimtes, und Ungereimtes für Leute, die in Purimstimmung sind! Doch Einiges ist dabei, das auch vor der nüchternen Kritik des anderen Teils des Jahres Bestand hat. Besonders das nette Purimspicl „Der Purim vor Gericht" habe ich da inr Auge. Unsere Jugend möge sich dieses Purimspicl usurpieren und es aufführeu — sich zum Nutzen und Den Erwachsenen zum Vergnügen! Malchijos - Sichronos - Schosros. Drei Rezitativ-Gruppen für Kantor-Solo von Rudolf lllanowskh. Verlag von Hugo Knepler, Wien. Die Zahl der in den letzten Jahren erschienenen kantoralen Kompositionen ist Legion. Wir haben auf' diesem Gebiete manches gute, aber leider vielmehr minderwertiges zu registrieren. Zwei-, drei- und vierstimmige Männer- und gemischte Chöre, ja sogar eine achtstimniige Keduschah — wobei aber vorweg gesagt werden soll, daß uns ein solches Machwerk nicht behagt — sind in letzter Zeit im Handel erschienen. Alles inehr oder weniger äußerliche Effekthascherei, wobei derjenige, der diese Werke alle kaufen soll, der Chasan, am schlechtesten wegkommt. Ilm so dankenswerter soll es anerkannt werden, wenn auch einmal für den Kantor etwas geschrieben wird, das, jegliches Chorbeiwerk ausschließend, nur für den Borbeter bestimmt ist. Rudolf lllanowskh hat in seiner obigen Erstlinasarbeit ein Werk geschaffen, das in keiner Kantorenbibliothek fehlen sollte. Das Rezitativ ist der Stil, der auch von unseren größten Koryphäen, wie Sulzer, Lewandowsky »sw. stiefmütterlich behandelt wurde; erst Herr Kantor Fried-' mann hat in seiner Riesenarbeit „Chasonus" den unserem Gottesdienste ureigensten Rezitativstil voll und ganz berücksichtigt. Illanowskhs Malchijos- Sichronos-Schofros ist, wenn auch sehr gering an Umfang, so doch an geistigem Gehalt eine würdige Ergänzung zu Friedmanns kolossalem Werke. Ich weiß nicht, welcher Grnpve ich den Vorzug geben soll; sie sind alle drei musikalisch tief empfunden, fußen vor allen Dingen ans jenen drei eigentümlichen, erstmals von Snlzers Nachfolger Oberkantor Singer- Wien ausgestellten Skalen. Besonders enipfthlenswert ist das Heftchen für jüngere Kantoren, für deren Vorbereitungen auf die Joiuün noroim es geradezu unentbehrlich sein dürfte, zumal es zugleich eine gute Koloraturschule genannt werden darf. Zum Schluß möchte ich dem Werkchen des Herrn Ulanowsky weiteste Verbreitung wünschen und zugleich die Bitte aussprechen, diesem seiner Erstlingsarbeit bald weitere Veröffentlichungen folgen zu lassem Die russischen F i n a >r z e n. Eine wirtschaftliche Bilanz des absoluten Regiments in Rußland. Bon M. Friedmann (Dozent am Polytechnischen Institut in Kiew). Verlag von Siegsried Cronbach, Berlin. Herausgcgeben von der Russischen Korrespondenz. In dem Buch finden wir u. m folgende Betrachtung über die russischen Finanzen, die vielleicht auf unsere Finanziers endlich doch von Wirkung sein wird, wenn sie auch bisher keine Rücksicht auf ihre Stammesgenossen wegen geglaubter materieller Vorteile nehmen wollten und die Macht des absterbenben

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