Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. frankfurter Israelitische- Familienblattr Nr- 6. Rabbiner Dr. Landsberg, als Repräsentanten der Alliance, ausgeführt worden, und in dankenswerter Weise propagiert diese Idee im engeren Kreise der Berliner Rabbiner Dr. Rosenzweig. Die Schwierigkeiten der Durchführung verhehle ich mir nicht. Sie liegen z. T. auch aus gesetzlichem Gebiete. Immerhin erscheint mir aber diese aufgeworfene Frage von großer Tragweite." Der Vorschlag des Herrn Dr. Klee ist sehr interessant, er enthält aber verschiedene Schwierigkeiten; wir werben uns iu der nächsten Stummer eingehend mit der Frage beschäftigen. Auf der-Brüss el er Ko n f e r e n z, die vorige Woche tagte, ist nach zweitägiger, ernster und würdiger Beratung u. a. eine Resolution angenommen worden, die ein geeintes Borgehen aller jüdischen Organisationen verlangt, und gleichzeitig wurde eine Kommission zu diesem Zwecke eingesetzt. Es ist mithin anerkannt worden, daß uns vor allem ein geeintes Vorgehen uottut, eine Forderung, die auch wir in unserem Leitartikel „Was und Wohin? Zur Brüsseler Konferenz" stellten. Die Koilferenz hat also ihre Schuldigkeit ihrem schwer bedrängten Volke gegenüber getan; nunmehr liegt es an den serngebliebenen Organisationen, der „Jca" und der „Alliance Jsraelite Universelle", die aus Angst vor dem Zionismus (das beweist, wie kleinlich und engherzig unsere assimilatorischen Führer sind!) wegblieben, ihren guten Willen zu bekunden, indem sie der gefaßten Resolution nachträglich zustimmen. Zwar sind wir uns nicht klar: was soll nun mit den russischen Juden geschehen, und wie soll ihre verzweifelte Lage sicherer zu gestalten sein? Auch wissen wir nicht, was mit den bereits Ausgewanderten, die gegenwärtig in den europäischen Staaten herumirren, begonnen werden soll. — Dennoch hat die Konferenz nicht vergebens getagt angesichts der uns durch den Beschluß der Konferenz cröffneten Aussicht auf ein geeintes Vorgehen seitens aller jüdischen Korporationen zur Errettung der Juden des Ostens. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berit«. Die Denkschrift des Verbandes der Deutschen Juden vom 7. Januar ist, wie wir schon mitgeteilt, sämtlichen preußischen Synagogengemeinden zum Beitritt zugcgangen. Von den höchstens 1200 Preußischen Synagogengemeinden haben bis zum 4. Februar etwa 1030 Gemeinden mit einer Seywnzahl von zusammen 323163 dem Verbände mitgeteilt, daß sie ihre "Zustimmung an das Abgeordnetenhaus eingcsandt haben. Berlin. Wie aus Wien verlautet, ist die Gründung einer großen antisemitischen Tageszeitung in Berlin ab 1. April in sichere Aussicht genommen. Finanziert wird das Unternehmen hauptsächlich von Wiener Kapitalisten, an deren Spitze der bekannte Führer der Christlichsozialen, Herr Ernst Vcrgani, der Herausgeber des „Deutschen Volksblattes" in Wien, steht. Das Gründungskapital beträgt vorläufig zirka eine halbe Million Mark. Das neue Blatt soll sich von sämtlichen konservativen und antisemitischen Richtungen unabhängig halten und alle Bestrebungen unterstützen, welche auf eine Bekämpfung des Judentums, der Sozialdemokratie und des Freisinns abzielen. Bresla«. Wegen antisemitischer Festlieder, die im Verein der christlichen Referendare in Breslau gesungen wurden, erkannte das Disziplinargericht nach der „Bresl. Ztg." gegen den Verfasser, Landgerichtsrat H o s f m a n u, auf einen Verweis im Aufsichtswege. — Auch die Mitglieder des Vereinsvorstandes wurden durch den Oberlandesgerichtspräsidcutcn Vier haus ebenfalls mit einem Verweis bestraft. Cöln a. RH. Die Ärch,ketten Gebrüder Marx projektieren den Bau eines jüdischen Asyls in Chrenfeld. Oesterreich-Ungarn. Wie«. Aus dem Nachlasse eines Wohltäters. Der am 31. v. M. hier verstorbene Privatier Herr E m a » u c l G r ü n f c l d hat für wohltätige Zwecke 80000 Kr. hinterlassen und zwar für: Die Arme» der Stadt Wien 4000 Kr. (zur Hälfte zur Verteilung durch Bürgcrmcistcr Dr. Lueger, zur Halste zur Verteilung durch die israelitische Kultusgemeinde); Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft 10000 Kr.; Verein zur Förderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten 10000 Kr.; Verein für unentgeltlichen Stellennachweis 5000 Kr.; Heim für obdachlose Familien 10 000 Kr.; israelitische Armenanstalt 5000 Kr,; israelitisches Altersversorgungs- und Siechenhaus 5000 Kr.; israelitisches Blindeninstitut 3000 Kr.; israelstische Allianz 5000 Kronen; Verein für Krankenpflege von Handlungs» angestellteu 3000 Kr.; Verein „Zukunft" 5000 Kr.; Knabenbeschäftigungsaustalt im X. Bezirk 3000 Kr. Kinderasyl im Kahlenbergerdorf 2000 Kr. Brünn. Eine in Ungorisch-Hradisch auf Anregung des dortigen Bürgermeisters abgehaltene vertrauliche Versammlung beschloß, der Judengemeinde auf deren Befragen mstzuteilen, daß es der Wunsch dert-schechischen Bevölkerung sei, die Juden mögen sich anläßlich der bevorstehenden Landtagswahlen inden tschechischen Kataster eintragen lassen. „Lidove Noviny" erklärt, daß diesem Beispiele auch andere tschechische Städte folgen werden. Budapest, 4. Februar. Nächsten Dienstag und Mittwoch wird hier die erste Versammlung der orthodoxen Zentral -Kommission stattfinden. Die wichtigsten Beratungsgegeustände werden bilden: 1. Die Lage der Orthodoxie und die Kanzlei- Tättgkcit, 2. Pensionsfrage und Regelung der Rechtsverhältnisse der orthodoxen Kultusbeamten, 3. Regelung der materiellen Seite der Jeschiwoh-Frage. Budapest. Der Jud' muß' rausl Während früher, da alles normal ging und an der Spitze des Landes eine stabile, von allen anerkannte Negierung stand, die Taktik der Antisemiten darin bestand, den Juden die Existenzmöglichkeit auf dem flachen Lande durch Errichtung „christlicher" Konkurrenzgeschäfte zu nehmen, sie auf diese Weise als zweifelhafte Proletarierexistenzen in jjie Städte zu drängen, um - dann gegen ihre Anhäufung in den Städten zetern zu können, zerbricht man sich heute nicht den Kopf über eine Taktik, um ahnen das Leben auf dem flachen Lande unmöglich zu machen, sondern man arrangiert — vorläufig noch sporadisch — Judenhetzen und zwingt ganz einfach den Dorfjuden, den Ort, iu dem er und seine Familie seit Jahrzehnten lebt, als Bettler zu verlassen. „Und gehst du nicht willig, so brauch ich Gewalt!" Einer dieser typischen Fälle sei hier erzählt: Moritz Löw ist der einzige Geschäftsmann und auch der einzige jüdische Bewohner des Dorfes Nagy- Kalota im Klausenburgcr Komitate. Die christliche Bewohnerschaft wurde systematisch gegen den Juden Löw gehetzt. Als jedoch Löw keine Miene machte, das Dorf, in welchem er seit vielen Jahren in Frieden sein Leben fristen konnte, zu verlassen, da wurden die Bauern von einem ihrer Rädelsführer ausgezogen: „Was, der Jud ist mächtiger als wir? Der Jud will gegen unseren Willen im Orte bleiben?" — Nein — war die Antwort — der Jud muß 'raus! Und ein ganzer Kriegsplan wurde entworfen. Am letzten Samstag sollte es zur entscheidenden Schlacht kommen! Die Bauern wurden erst mit Branntwein traktiert — der gewiegte Antisemit zahlt den Schandlohn stets voraus — und in dieser Stimmung wurde die Banernmenge gegen das Haus des Moritz Löw kommandiert. Der Sturm begann, man »rächte sich an die Plünderung und die Familie des Juden Löw wäre kaum mit dem Leben davongekommen, wenn nicht zufällig eine Gendarmeriepatrouille den Ort passiert und die bedrohte Jndenfamilie vor dem Acrgstcn bewahrt hätte. Zum Glück ist unsere Behörde nicht russisch und der Oberstuhlrichter von Bauffy-Hunyad hat die neun Rädelsführer bereits hinter Schloß rrnd Riegel gesetzt, während das Haus des Moritz Löw von Gendarmen bewacht wird. Nicht lange, denn Löw sieht es jetzt ein, daß dank den Antisemiten die Freizügigkeit der Juden auch in Ungarn illusorisch gemacht wird, und er wird bald im Gewoge einer größeren Stadt auftauchen oder — untergchen. Nationalztg. Budapest, 6. Febr Wie aus Debreczen gemeldet wird, wurde heute Nacht in der dortigen Synagoge ein Einbruch verübt. Die Täter drangen durch das Fenster in den Tempel und nahmen aus der erbrochenen Zdokohbüchse 500 Kr. mit, nachdem sie noch den Araun hakaudesch, den sie nicht ausbrcchen konnten, zerhackt hatten. Drohobyrz. Herr Jakob Feuer st ein, der zweite Bürgermeister unserer Stadt, hat für 52000 Kronen ein Grundstück angekaust, um auf demselben ein jüdisches N a t i o n a l h a u s zu erbauen. Großbritannien. London. Wäbrend im letzten Parlament 8 konservative und 4 liberale jüdische Abgeordnete saßen, wird das gegenwärtige Unterhaus 4 konservative und 12 liberale Abgeordnete jüdischer Religion aufweisen. Zum ersten Male ist als Vertreter einer englischen Universität ein Jude iu das Parlament entsandt worden; es ist dies der Physiker Sir Philipp Magnus, ein früherer Rabbiner, der von der Londoner Universität gewählt wurde. — Gewaltiges Aufsehen erregte die Mederlage des Mr. Louis Sinclair. Derselbe wurde in Hamburg geboren, brachte seine Jugend in Frankreich zu und wandcrte später nach England aus, wo er seinen Nwnen Schlesinger mit dem Namen Sinclair vertauschte. Trotzdem er erst im Jahre 1900 — sechs Monate vor seiner Wahl — naturalisiert wurde, war er geschmacklos genug, sich als Vertreter Old Englands zu gerieren und heftig die Fremden: zu bekämpfen. Rußland. Petersburg. Die „Petersb. Ztg." schreibt: Der einst vielgenannte Antisemit P. Kr ns chewan wird auf Grund-des Art. 1531 des Strafgesetzkobex zu gerichtlicher Verantwortung gezogen. Der betreffende Artikel lautet: „Für Verführung einer Unverheirateten durch feierliches Eheversprechen unterliegt der Schuldige" ufw. Herr Pawolaki Kruschewan teilt übrigens, wie wir den „Birsh. Wed." entnehmen, eine Kandidatur für die Reichsbuma auf. — Der BesitzA. Kruschewan wird in der Polizeizeitung zum Zwangsverkauf angesetzt. Petersburg. Der Kongreß des jüdischen Verbandes verboten. Die Petersburger Zeitung Ruß meldet, daß eine Deputation des Verbandes ür Gleichstellung der Juden beim Minister des Innern Durnowo vorstellig war, um eine Erlaubnis zur Einberufung eines Kongresses zu erhalten. Der Minister lehnte die Eingabe ab. Odessa. Heber die jüngsten Judenverfolgungen in Barsch« d, die am 20. Januar (7. alten Stils) stattgefunden haben, berichten die „Odessaer Nachrichten" folgendes: „Am Freitag, den 20. Januar (7.), morgens, kam ein Bauer in das Hutgeschäft eines Israeliten, um einen Hut zu kaufen. Nachdem ein Hut ihm geeignet chien, bat er den Juden, ihm zu erlauben, in das nächste Zimmer, das vom Laden in die Wohnung ührtc, hineingehen zu dürfen; dort hing ein Spiegel, in den er hinetnjcheu wollte. — In diesem Augenblick drangen, wie aus Verabredung, einige Ba iern in den Laden, plünderten denselben und mißhandelten den Inhaber samt der ganzen Familie. Die Nachricht über diese Gewalttat verbreitete sich mit Blitzesschnelle. Die Juden schlossen ihre Läden, aber zu spät. Das schwarze Hundert stürzte sich auf die jüdischen Geschäfte, begoß dieselben mit Petroleum und steckte sie in Brand. Innerhalb einer halben Stunde brannte Barschad an allen Ecken und Enden. Die Schutzleute sahen dem Treiben der Mordbrenner müßig zu, und niemandem siel es ein, die Metzeleien z» unterdrücken. Einige jüdische junge Leute, die der freiwilligen Feuerwehr angehörtcn, wollten den Brand löschen, wurden aber von der überlegenen Zahl des räuberischen Gesindels zurückgcdrängt. Bis spät in die Nacht dauerte der Pogrom. Endlich bequcmte sich das Stadthaupt, Dragoner aus der benachbarten Garnison herbeizurufen, die dann mit Leichtigkeit die Unruhen unterdrückten. 25 jüd. Häuser, die nicht versichert waren, wurden ein Raub der Flamme», und 42 Leute, zum großen (Teil Juden, schwer verwundet. Der Staatsanwalt übernahm die Untersuchung, die wahrscheinlich, wie so viel andere, im Sande verlaufen wird." N. S i g a l. Frankreich. Paris, 6. Februar Der .Matin" meldet aus Tanger, daß gestern Mitglieder mehrerer Stämme die Herden eines Dorfes von Anhängern Raisulis «„griffen; sie raubten die Herden und entführten die Hirten. In der Nähe von Maßgrau fanden Unruüen statt, wobei drei europäische Israeliten geplündert und ermordet wurden. Ihre Ueberreste wurden in einen Brunnen geworfen. Der Zwischenfall ruft unter der Bevölkerung große Aufregung hervor. Rumänien Bukarest. I E i n e neue antisemitische Partei! Als ob in Rumänien der Judenhaß noch nicht groß genug Iväre, ist noch eine neue antisemitische Partei gegründet worden. Dieselbe zählt bereits einige hundert Mitglieder — zumeist Aerzte und Advokaten — und bezeichnet in ihren Statuten als ihre Aufgabe, „das Vaterland vor der schädlichen Einwirkung der Juden zu beschützen." Palästina. Jerusalem, 28. Januar. Geburtstag des deutschen Kaisers. Wie alljährlich beging auch dieses Jahr die deutsche Kolonie das Geburtsfest Se. Majestät des deutschen Kaisers. Schon Tags zuvor, am 26., fand in der deutschen Schule, die in letzterer Zeit zu einem Gymnasium bis zur Obertertia erweitert wurde, ein Schülerfest, dem auch die Eltern der Schüler beiwohnen durften, statt. Die Festrede, die große Bedeutung des Tages in schönen und beredten Worten schildernd, hielt Lehrer Theodor Lorenz. In üblicher Weise ward auch im deutsch-jüdischen Waisenhause der hohe Geburtstag gefeiert. „Es' ist," hob der Direktor der Anstalt iu seiner Ansprache hervor, „ein dreifaches Fest, das wir heute begehen: Lohabdos, Bausch Chaudesch, Jaum Tauldas ha-Melech hagodaul. Die schöne Feier schloß mit dem Hanausen-Teschuoh»65eBct, welches die Anwesenden stehend anhörten und mit einem andächtigen „Qtmcn" begleiteten. Um llx/i Uhr war Empfang beim Kaiserlich Deutschen Konsul, zu dem auch die gegenwärtig hier weilenden deutschen Touristen sich einfanden. Die tiefempfundenen Worte des Herrn Konsuls fanden ein hegeistertes Echo in den Herzen der zahlreichen Festgäste. Hierauf wurde ein Huldigungstelegramm verlesen, welches an Se. Majestät abgesandt werden sollte. Um 3 Uhr nachmittags fanden sich die Mitglieder der deutschen Gemeinde zu einem Kommers auf der deutschen Kolonie ein, der bis spät abends dauerte. — Die imposante Feier machte auf dl? hiesige Bevölkerung einen gewaltigen Eindruck, Haarnitti. .