Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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\ Seite 10. tarenjoche und bei: Leibeigenschaft durch die Knute alle ethischen Begriffe herausgeklopst worden sind, nichts schaffend, alles zerstörend, in eine aussichtslose Armut versunken, weil jeder Kultur bar; ausgebeutet durch eine nach Millionen zählende Bande Äon Beamten; eine käufliche Polizei und geldgierige, unwissende Pfaffen, deren Kulturniveau zumeist nicht höher ist als das der Bauern, eine Soldateska, welche ihre eigenen Brüder zu jeder Stunde auf Befehl wie die Sperlinge hcrunterschicßt, eine Hofkamarilla, welche um ihre Existenz, d. h. die, Rosinenkuchen, kämpft, die sie auf Kosten des Volkes zu verspeisen atavistisch gewöhnt ist; .... zwischen diese Elemente 5 Millionen Juden, wie zwischen zwei Mühlsteine eingekeilt, rechtlos, bodenlos, ohne die geringste Aussicht auf irgend eine Selbständigkeit, eine Autonomie, welche die anderen Völkerschaften über kurz oder lang zu erkämpfen hoffen und auch erkämpfen werden; zu jeder Stunde der Volkswut als Zielscheibe ausgesetzt, zwischen Polen und Russen herumpendelnd, dadurch den eigenen Charakter immer mehr einbüßend und einer moral insanity entgegcngehend, — das ist die jetzige, düstere Sachlage, aus der sich ein jeder Unparteiische das Zukunftsbild der Juden innerhalb Rußlands zurechtlcgen kann.Mer auch nach außen hin ist das Bild recht düster. Im Verlaufe der letzten 25 Jahre, seit den Judcnhetzen von 1881, emigrierten aus Rußland gegen l1/« Millionen. Die Zahl der Emigranten erreicht in den letzten Jahren fast den Nachwuchs. Wohin aber auch die Juden in größeren Scharen ziehen mögen, überalltragen sie in ihrem Rucksack die Judenfrage, d. h. den Antisemit i s m u sm i t s i ch: je größer dieEmigrantcnzahl in irgend einem Lande, desto drohender wird die Judenfrage daselbst. Die Tore Amerikas beginnen allmählich sich zu schließen; England fürchtet die Mischen Paupers und erläßt die Atienbill. Es überfällt einen ein wahrer Schauer, wenn man die Berichte über die Drangsale und Quälereien liest, denen die Auswanderer schon an der preußischen Grenze unterworfen sind, die sich in Hamburg, Bremen und anderen Hafenstädten noch steigern. Dir schimpfliche Untersuchung, der sie sich unterziehen müssen, gleicht der Untersuchung von Verpesteten. Sehr häufig geschieht es, daß die Elenden zwei Mal die Reise von Hamburg nach Newyork und von Newyork nach Hamburg zurücklegen, 'um zuguterletzt wieder nach Rußland zurück verschlagen zu werden. Ein Teil der Emigranten geht unter Krankheit und Entbehrung jeglicher Art zu Grunde; aber selbst diejenigen, die in England oder Amerika Boden fassen, führen ein jämmerliches Leben. Da sic nämlich in hochkultivierte Länder geraten, der Sprache unkundig, die Sitten und Gebräuche nicht kennend, weder mit dem geistigen noch mit dem physischen Rüstzeug ausgestattet sind, um mit dem neuen Wirtsvolk einen Konkurrenzkampf aufnehmen zu können, so bleiben sie auch daselbst minderwertig, Bürger zweiter oder dritter Klasse. Allerdings wird ein Teil derselben innerhalb der Bevölkerung aufgelöst; der größere .Teil aber, der einen unaufhörlichen Zufluß aus Rumänien, Galizien und Rußland erhält, vermehrt die Zahl des Lumpenproletariats. Die verzweifelle Lage eines 5—6 Millionen zählenden Volles, welches nicht sterbe» will und nicht leben kann, eine Lage, die nicht erst durch die Oktobertage oder die Wirren in Rußland geschaffen, sondern in der letzten Zeit bloß akutere Formen angenommen, hat ja seit undenklicher Zeit dem Zio- . nismus den Boden gedünkt; die Lage der Juden in Rumänien und Galizien — ihn befruchtet, der Antisemitismus in andern Ländern ihn zur Reife gebracht. Es ist ein Irrtum zu glauben, Herzl habe ihn geschaffen; das Umgekehrte ist der Fall. Herzl, dieser große Mann/ mit goldenem Herzen und eisernem Wlllen, hat ihm bloß eine konkrete Gestalt verliehen. Herzl stellte die Frage klar und unzweideutig: entweder das jüdische Volk existiert noch als solches und ist im Stande, sich wiederum zusammenzuscharen und a»ls den zersprengten Gliedern ein Ganzes zu schaffen, oder, es kann dies nicht inehr tun. Die Probe auf das Exeinpel waren 1>ie Baseler Kongresse, die er geschaffen. Diese Tribüne, aus der die Jndenfrage in Angriff genommen werden sollte, wurde eben zum Orte, wo das Selbstbestimmungsrecht der Juden dekretiert worden ist. Es wurde daselbst beschlossen, daß die Juden ein für alle mal ihr Schicksal in ihre eigene Hand nehmen müssen, anstatt von der Gnade ihrer Wirtsvölker abzuhängen. Als erste Bedingung dazu gehört ein Land, ein Territorium, wie ich bereits erwähnt habe. Das Wohin erschien Herzl anfangs sehr klar und einleuchtend: „Das Land unserer Väter — Palästina." Diese Synthese, ein wenig bevölkertes, zwar fruchtbares, aber verkommenes Land, auf autonomer Grundlage und dazu das frühere Heimatland, an welches die' Judenmassen durch unzählige Traditionen geknüpft sind, — schien ihm eine der glücklichsten zu sein, um die Judenfrage einer endgültigen Lösung entgegenzuführen, um so eher, als bereits vor 25 Jahren, nach den Judenkrawallen von 1881, die ersten Anfänge einer Kolonisation Palästinas gemacht worden sind. Mit übermenschlicher Anstrengung und Anspannung seines eminenten Talents, bis zur Selbstaufopferung, setzte er alle Hebel in Bewegung, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Er verschaffte sich Audienzen bei fast allen gekrönten Häuptern Europas, Frankfurter Israelitischer Familienblatt. von Kaiser Wilhelm bis zmn Papste, er strengte alle Kräfte an, um die Jndenfrage zu einer' internationalen auszugestaltcn und die maßgebenden Sphären für eine Besiedelung Palästinas auf autonomer Grundlage zu gewinnen. Er erreichte Vieles — die Hauptsache aber erreichte er nicht. Der Sultan,' der ihn mit Ehrenbezeugungen aller Art überhäufte, der ihn als Gast bei sich beherbergte, ihm Orden verlieh — erklärte ihm zuletzt, daß. von einem Abtreten Palästinas an die Juden nicht die Rede sein könne. Dieser Mißerfolg entmutigte jedoch Herzl durchaus nicht. Als er eingesehcn hatte, daß die Synthese — ein freies Volk im eigenen Laude vorläufig nicht zu erreichen sei, so evolutionierte er den Ziouismus und beschränkte sich ad iioc darauf, daß er die Hälfte dieser Synthese — ein freies Territorium — erlangen Ivolltc. Im Grunde genomnien, ist es ja ausschlaggebend, daß zunächst das Volk auflebe, bevor das eigene Land wiedererlangt wird. Ohne Judenvolk — kein Judenland; und es könnte ja geschehen, daß, bevor die Konstellationen in der Türkei sich derart gestalten, daß Palästina für die Juden zu erlangen wäre, es keine Juden mehr gäbe, die es besetzen könnten. — Ju dem nie ruhenden Kopfe Herzl's entstand nim eine neue Kombination. Zwischen Palästina und Egypten liegt ein Landstrich, die Halbinsel Sinai nebst El Arisch, ein Gebiet am niittclländischen Meer, tvelchcs nicht der Türkei, sondern Egypten gehört, d. h. England. Dorthin nun. lenkte Herzl seinen Blick. Er rüstete eine Expedition von sachkundigen Männern aus — den verstorbenen Goldsmid an der Spitze — welche dieses Gebiet nach allen Richtungen hin gründlich erforschten. Das Unternehmen scheiterte aber an dem Widerstande Lord Cromers, des englischen Residenten, der das Nilwasscr zur Berieselung nicht hergeben wollte, und außerdem noch an den großen. Unkosten zur Herstellung von Wasserwerken. 9hm kam Chamberlai» auf den Gedanken, uns ein Gebiet in Ostafrika abzutreten, auf einem Hochplateau, welches am Aequawr liegt, seitwärts von der Eisenbahn von Mombassa, die ins Innere des Landes führt, bekannt unter dem Namen „Uganda".Ich übergehe die Ugandaaffäre,' welche zwei Jahre dauerte und viel böses Blut machte, mit Stillschweigen; will nur kurz erwähnen, daß der 7. Kongreß den hochherzigen Vorschlag Englands ablehnte und mit Stimmenmehrheit erklärte, daß er Überhaupt kein anderes Territorium, welches ihm möglicherweise angcboten werden würde, akzeptiere, außer demjenigen, welches man ihm nicht anbietet. Dabei aber blieb's nicht stehn; die Minderheit des Kongresses legte nicht die Hände in den Schoß, sondern suchte die Beziehungen, die Herzl mit England angeknüpft, fortzuspinncn und die Verhandlungen fortzusetzen. ' Zangwill übernahm die Führung dieser Gruppe Politischer Zionisten, die sich eine territorialistische nennt und zum Zweck gesetzt hat, von England ein Territorium zu erlangen, welches für eine jüdische Ansiedelung günstig sei. Die territorialistische Bewegung ist keine phantastische, sondern eine äußerst reelle, praktische; die Judennot ist zur brennenden Frage g'eworden, nicht nur für die östlichen Juden selbst, sondern auch für ihre westlichen Glaubensgenossen, welchen die fluchtartige Emigration russischer Juden äußerst lästig, ja unerträglich werden könnte. Wir müssen nun diesen Moment der allgemeinen Stimmung innerhalb des gesamten Judentums ausnützen, um die Emigration in richtige Bahnen, in ein gesundes Flußbett zu lenken. Wir müssen einen Abfluß suchen. Dies aber kann einzig und allein geschehen, wenn ein Territorium geschaffen werden sollte, welches zur autonomen Ansiedelung geeignet wäre, wo die Inden Werte schaffen und sich Achtung verschaffen könnten d. h. den Befähigungsnachweis für ein gesundes Kolonisieren ablcgen können. Die unglücklichen Menschen, welche jetzt, ohne sich umzuschauen, dahingehen, wo der geringste Widerstand ist, könnten sich mit der Zeit ein „Home", ein ,„Jr-Miklot" schaffen, auf welches auch diejenigen Hinschauen würden, welche in ihren jetzigen Vaterländern bleiben. Es handelt sich hier nicht etwa uni eine Versetzung von Bergen/ um das Hinüberführen von 100 000 Menschen auf einmal in ein neues Land, sondern um eine langsame, vernünftige Pionierarbeit mit geeignetem Mcnschenmaterial auf günstigem Boden, um eine Arbeit, wie sie .sich im Verlaufe von 60 Jahren in Neuseeland vollzogen hat, woselbst vor etwa. 50 Jahren die Ureinwohner noch Menschenfleisch,, ihre Feinde-mit Wonne verspeisten und wo jetzt gegen eine Million Menschen sich die allerhöchste politische und soziale Freiheit erkämpft haben, ebenfalls unter dem Protektorate Englands, dermaßen, daß dieselben Menschenfresser, Maori samt Frauen an den Parlamentsverhandlungen teilnehmen und Stimmberechtigung genießen. Eine solche Kolonisation wird mit jedem Jahre umso ausführbarer iverden niüssen, als aus allen Gebieten der Technik, des Verkehrs riesige Fortschritte geinacht werden und wäre für uns um so leichter, als. den vielfachen jüdisch-philanthropischen Vereinen kolossale Geldmittel zur Verfügung stehen. Hat ja Baron Hirsch fein enormes Vermögen der Jca ausschließlich zu Kolonisatiouszwecken vermacht! Ich bin fest davon überzeugt, daß, wenn es uns gelingen würde, im Verlaufe der ersten fünf Jahre | Nr. 6. _ . - T li nur 2000 Familien in ein Land zu bringen, bas zur Kolonisation geeignet, das Judenproblem in. der Theorie als gelöst angesehen iverden könnte, denn diese 2000 Familien, sobald es ihnen gelingen würde, positive! Werte zu schaffen, würden in den nächsten Jahren.!, in .geometrischer Proportion wachsen und von einer jeden Negierung, unter deren Schutz sic sich stelle» würden, namentlich von der englischen, bei der alle Völker der Welt in Kolonisationsfragen in die Schule gehen sollten — unter die Arme gegriffen und schnell gefördert werden. Das entsprechende Material besitzen wir; wir haben Landbauer, die kein Land besitzen, wir haben Handwerker, die am Hungertuch nagen, wir haben ein intelligentes Proletariat, welches gegenwärtig seine Kraft und sein Leben unnütz znr Vermenschlichung halb wilder Massen verzettelt; wir haben heldenhafte Jünglinge sonder- Zahl, die sich viel eher dazu entschließen würden zu Nutz und Frommen ihres Volkes mit Tigern zu kämpfen, als mit Kosakenhorden; Ich glaube, wir müssen durchdringen. . . Sollte aber dieser Versuch, dieser letzte mißlingen — ein Versuch, der nicht mehr kosten würde, als der Versuch, die zerstörten Existenzen in Rußland heute durch Hilfsaktionen wieder aufzurichten, damit sie morgen aufs Neue zerstört werden, dann, ja dann, wäre die Jndenfrage in ihrer Art gelöst, wir würden dann sagen müssen: kinis Judaeae . . ., wir würden dann zur Missionstheorie unsrer Rabbinen zurückkehren müssen, die da behaupten, daß wir bestimmt seien, in der Welt unstät und flüchtig herumzuwandern, die Kolporteure ethischer Begriffe zu sein, damit sie andere ausnutzen, der Dünger, auf welchem der Freiheitsbaum für alle grünt, nur für die Juden selber nicht. Ich hoffe aber, daß letzteres nicht eintreffen werde und daß unser gequältes, unglückliches Volk endlich eine Heimstätte finden werde. Maxim Gorki über de» Grafen Witte. Ueber den Grafen Witte urteilt Maxim Gorki in einem Briefe an den bekannten englischen Sozialisten Hyndman folgendermaßen: „Das russische Proletariat kämpft bewußt für die politische Freiheit, die es dringend braucht, und es hat der Regierung-das Manifest vom 30. Oktober durch seine eigene Kraft abgcrungen. Man erzählt Ihnen, dieses Manifest sei eine Tat des freien Willens des Zaren gewesen; die Wahrheit ist, daß es eine Trophäe des Sieges des Volkes ist. Sofort nach der Veröffentlichung des Manifestes in Petersburg ersannen Gouverneure und andere hohe Beamte einen Anschlag gegen das Volk, einen Anschlag, dessen Ziel war, zu zeigen, das russische Volk sei noch nicht fähig, die Segnung politischer Freiheit zu würdigen oder sie in angemessener Weise zu benutzen. Der Anschlag wurde nachher in der Presse von einem der Mitverschworeiien enthüllt. Die Ergebnisse dieses Anschlages waren die brutalen lieberfälle auf die Juden, diese großen Dulder, auf die revolutionären Intellektuellen und auf die Arbeiter. Sic haben von diesen weisen Taten russischer Regierer gelesen. Diese Leute haben ein Verbrechen begangen, das in der Geschichte der Menschheit nicht seinesgleichen hat, ein Verbrechen, fiir dessen Gemeinheit einen Namen zu finden unmöglich ist. Es ist vielleicht für mich kaum nötig, zu erklären, daß die Quelle des in Rußland herrschenden Zustandes der Anarchie in der russischen Negierung und zwar-im Haupte dieser Regierung, dem kraftlosen, wankelmütigen Sergius Witte, gesucht werden muß. Es heißt, daß dieser Alaun von der Bourgeoisie Westeuropas und Amerikas als ein großer Staatsmann 'betrachtet wird. Wenn das wahr wäre, würde es mir leid tun. Ich habe eine sehr hohe Meinung vop der Intelligenz und der Verstandsschärfe der Bourgeoisie des Westens, und es fällt mir. schwer,, zu begreifen, wie jemand staatsmännische Begabung und Klugheit in einem Manne finden kann,, der sein Land zu Grunde richtet, und es. dann stückweise ausverkauft. Denn sein Vorschlag, die russischeit Eisenbahnen äüslänpischen Kapitalisten zu verpfänden, kann, nur türkische Politik genanntwerden,, die.in,.Rußland nicht einmal Blödlinge, für intelligent halten. Seit dem 30. Oktober,hat Wittes Regierung frei un.d"'Äf fern-Ä-aL. ,r«fische Volk sterausgeford'ert, und' versucht, durch Ausspielung v.on Nationalität gebest''Nationalität, von Klasse gegen Klass e, von Stadt gegen Land, und von Dorf gegen Dorf der russischen Revo«