Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 11. lution einen anarchistischen Charakter zu geben.-.Alle Handlungen der Regierung in den Monaten Oktober, November und Dezember bis zum heutigen Tage sind offene Durchbrechungen der vom Volke errungenen und als ihm gehörig aner-> kannten Rechte gewesen; und es ist reichlich Grund zu der Annahme, das; diese Durchbrechungen vorsätzlich geschehen sind, um das Volk zu reizen, es in den Aufstand zu treiben und seine Kraft durch die Kraft der Armee zu brechen. „Das Proletariat ist geschlagen, die Revolution ist ausgerottet," kreischt unsere reaktionäre Presse in boshaftem Entzücken. Dieses Entzücken i st v e rf r ü h t. Das Proletariat i st nicht geschlagen. Wenn sie auch Verluste erlitten hat, ist die Revolution doch durch neue Hoffnungen gekräftigt, und während dieser Tage haben sich ihre Reihen gewaltig verstärkt." Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Wir werden darauf aufmerksam gemacht, daß in unserem Berichte über die Brüsseler Konferenz der Antrag Dr. Rath a n - D r. Hildesheimer, der zur Kenntnis genommen wurde, nicht genau wiedergegeben ist; derselbe wurde, wie folgt, zur Kenntnis geuonimeil: „Die Konferenz hat die Erklärung der jüdischen Hilfsorganisationen zur Kenntnis genommen, wonach eine Emigration Mittelloser gegenwärtig von ihnen nicht gefördert werden kann, weil 1. die erforderlichen materiellen Mittel fehlen, 2. zur Zeit für diese Kategorien von Auswanderern Eniigrationsländer nicht zu Gebote stehen." München. Berwaltungsgerichtshof. Der Bezirksrabbiner Dr. Bicher von Zweibrücken verweigerte der dortigen israelitischen Knltnsgcineinde die Bezahlung der Umlage, tveil dieselbe ihm die vertragsmäßige Gehaltsaufbesserung nicht gewährt und auch nicht ein rituelles Bad eingerichtet habe. Das Bezirksamt Zweibrücken und nunmehr auch der Verwaltungsgerichtshof verurteilten ihn zur Zahlung der Kultusumlage, nachdem diese als eine öffentlich rechtliche Leistung mit den auf Privatverträgen beruhenden Gehaltsansprüchen nicht kompensiert werden könne. Bremen. Das diesige Komitee für hilfsbedürftige durchreisende I n d e n hat inr abgelaufenen Jahre eine segensreiche Tätigkeit entfaltet. Die Ausgaben des genannten Komitees beliefen sich auf 23 210,68 JL Die Summe verteilt sich im einzelnen auf folgende Posten: Reisezuschüsse 10158,20 JL, Beköstigung und Logis 7454,55 JL, Bekleidnngs- und diverse Unkosten 946,22 JL, ärztliche Behandlungen und Krankenhaus 1014,07 JL, diverse Barnnterstützungcn 3627,64 JL Zusammen 23 210,68 JL Die Zahl der Personen, welche das Komitee um Rat und Unterstützung angingen, betrug 5571, die Zahl der eingekleideten 1148. Bei dieser Zahl kommen nicht nur Auswanderer in Frage, sonder» in.nicht unerheblichem Maße auch 9tückwanderer und sonstige Durchreisende. Lissa i. Posen. Während unsere Stadt in den vierziger Jahren noch 4000 jüdische Einwohner hatte, die eine Massige jüdische Volksschule mit 6 jüdischen Lehrern ihr Eigen nannten, ist mit dem Sinken Lissa's in seiner Bedeutung als Handelsplatz auch die jüdische Einwohnerzahl konstant zurückgegangen; die vorletzte Volkszählung ergab nur noch 1200 jüdische Seelen und die letzte sogar nur 900. Rußland. Homel, 3. Februar Gestern Nacht wurde in verschiedenen ch r i st l i ch e n Häusern H a u s - s u ch u n g vorgcnoininen. Eine Christin, bei der inan viele Manufakturwarcn vorfand, schrie die Polizisten an: „Was sucht Ihr bei mir! Geht auf's Revier, dort findet Ihr das Hundertfache!" Personalien. Frankfurt a. M. Am 4. Februar begingen Herr Henry S e l i g m a n und Frau Regine geb. Levi das Fest der goldenen Hochzeit. Zahlreich waren die Ehrenbezeugungen, die dem Jubelpaare zuteil wurden; besonders in den Vormittagsstunden ..löste eine Glückwunsch-Deputation die andere ab. Herr Seliginann ist in de» Frankfurter Vereinen als generöser, unermüdlicher Geber bekannt. 'Auch an seinem Jubeltage gab er wieder einen Beweis seines großzügigen, menschenfreundlichen Herzens, indem er 100000 Jt. zu öffentlichen wohltätigen Zwecken ohne Unterschied der Konfession — V» der jährlichen Summe ist stets für jüdische Petenten zu benutzen — stiftete. Herr SeligmaN wanderte im Jahre 1842 nach Amerika aus, lebte dort zuerst in den südlichen Staaten der Union und alsdann eine längere Reihe von Jahren rn San Francisco, wo er mit seinen Brüdern ein Warengeschäft betrieb. Anfangs der 60er Jahre, siedelte er nach Deutschland über und nahm seinen Wohnsitz dauernd in Frankfurt. Hier war er Mitbegründer, der bekannten Bankfirma Seligman u. Stettheimer. Vor etwa zwei Jahren hat sich Herr Seligman in's Privatleben zurückgezogen und widmet sich vornehmlich gemeinnützigen und wohltätigen Arbeiten. Frankfurt a. M. Oberlevrer Adolf Wehl, Lehrer an der 'Realschule der Israel. Religionsgesellschaft, wurde zum Professor ernannt. Berlin. Die .Allg. Zeitg d. Indent" stellt unsere Meldungen richtig: Der zum ordentlichen Honorarprofessor an der Berliner Universität ernannte Geh. Justizrat Dr. Jacob 9!ießer ist nicht in ehr Jude. — Die Ernennung des Professors Ascoli zum Ritter des Ordens pour Ie merite ist nicht der erste Fall, daß ein Jude zum Mitgliede dieses hohen Ordens ernannt wurde, denn 1842 wurde Meyerbcer Ritter dieses Ordens. Berlin. Der persische Konsul Julius Wagner, Inhaber der Großfirma Wagner u. Jaooby, ist zum Kommerzienrat ernannt worden. Breslau. Tie hiesige jüdische Gemeinde hat den Verlust einer Esches chajil, der Frau Johanna Radlauer, geb. Bnrch ardt, die im Alter von 86 Jahren das Zeitliche segnete, zu beklagen. Besonders für den Ehrendienst der Chewrah-Kadischah ist das Hinscheiden dieser Frau ein empfindlicher Verlust, denn nunmehr versehen nur noch zwei, ebenfalls betagte Damen, das Amt. Posen. Am 5. dss. Mts.'verschied im 62. Lebensjahr der Stadtverordnete M a x W a r s ch a n e r, ein Mann, der an dem öffentlichen Leben regen Anteil nahm. Bern, 3. Februar. Der Student Ernst Adolf Stein, der Sohn des Professors und Dekans Dr. Ludwig Stein, hat sich gestern Abend erschossen. Das Motiv der Tat ist noch nicht bekannt. Zürich. Das frühere langjährige Mitglied des Vorstandes, Herr Simon Weil, ist nach kurzem Krankenlager im Alter von 73 Jahren gestorben. In B i e l verschied Herr S a in n e l L e v y, der Präsident der jüdischen Gemeinde, 80 Jahre alt. Haag (Holland). Proieffor Rosenstein von der Universität Leyden verschied hier. Der Verstorbene war zur Zeit Kurator des Riederl. Israelit. Seminars. Abbazia (Oesterreich). Rudolf Kuffler. Grundbesitzer und Ausschußmitglied des Trencsiner Komitats, ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Eisenstadt (Ungarn). Herr Ignatz Wolf, Seniorchef der weltbekannten Weingroßhandlung Leopold Wolf's Söhne, ein hervorragender Philanthrop, hat Las Zeitliche gesegnet. Er erreichte ein Alter von 64 Jahren. Paris. Der bisherige Vertreter der indogermanischen Sprachwissenschaft am College de France, Professor Blichet Bröal, tritt in den Ruhestand. Bröal, einer der wenigen Schüler Franz Bopps, des Begründers der indogermanischen Sprachwissenschaft, ist 1832 in Landau (Rheinbayern) geboren, wurde aber in Frankreich erzogen. Philadelphia lAmerika). In seinem 64. Lebensjahre verschied das sehr angesehene Mitglied der jüdischen Gemeinde, Herr Emannel Leopold (geboren in Osthofen bei Worms). Der Bankier L e w i s H e ch t, ein bekannter Philanthrop, ist in Brookline bei Boston gestorben. Er war in Herrnstadt (Schlesien) 1827 geboren und kam bereits als Knabe nach Amerika. Baltimore (Amerika). Dr Jacob H. Holländer. Professor der politischen Oekonoinie in der hiesigen John-Hopkin-Univcrsität, der sich dieser Tage verheiratete, ist einer der angesehensten Oekonornisten Amerikas. 1900 war er Spezial-Kommissar zur Prüfung der Gesetze in Betreff der Abgaben in Porto Rico und Staatssekretär der Finanzen für diese Insel. Letztes Jahr bestimmte ihn die Regierung, die Finanzlage von San Domingo und von den Westindischen Inseln zu prüfen. Aus den Vereinen. Berlin. Die 12. Generalversammlung der I ü d. Lesehalle und B i b li o t h e k (E. V.) wurde von Herrn Dr. Max Ginsberg, dein Vorsitzenden, eröffnet, der auch den Jahresbericht erstattete. Die Bibliothek umfaßt 5207 Bände, 67 jüdische Zeitungen liegen im Lcsesaale aus. Der Besuch des Institutes war ein überaus starker: 24 202 Personen benutzten die Lesehalle im Jahre 1905! Von den Bibliotheksbeständen waren 2571 Bücher (etwa 50 Prozent) entliehen. — Der Schatzmeister, Herr Benas Levy, erstattete den Kassenbericht. Die Einnahmen betrugen 3892.35 JL, die Ausgaben 4187.29 JL Er wies darauf hin, daß unsere laufenden Einnahincn nicht groß genug sind, um das Institut weiter auSbaucn zu können und um allen berechtigten Wünschen nachznkoinmen. Deswegen müßte versucht werden, die Zahl der beitragenden Mitglieder zu erhöhen. — Der Vorsitzende teilte mit dem Ausdrucke lebhaftesten Bedauerns mit, daß das überaus verdienstvolle Vorstandsmitglied, Herr Maximilian Heymann, aus Gesundheitsrücksichten sich veranlaßt sah, sein Amt niedcrzulegc». Die Versammlung beschloß, dem bewährten Manne den Dank des Vereins in einer Adresse zum 'Ausdruck zu bringen. — Bei den sodann folgenden Vorstandsivahlen wurden die bisherigen Herren wicdergewählt, und an Stelle des Herrn Heymann Herr Karl Schiff, am Karlsbad 33, neu gewählt. — .Der Vorstand besteht nunmehr aus den folgenden Herren: Dr. Max Ginsberg, Vorsitzender, Benas Levy, Schatzmeister, Dr. Zlocisti, Schriftführer, Professor Moritz Schäfer, Carl Schwarz, Dr. Erich Alexander, Heinrich Fränkel, Dr. Hirsch Hildesheimer, Dr Gustav Karpeles, .Professor M. Philippson, Oberlehrer Dr. Felix Rosenberg, Karl Schiff, Gustav Spiewkowski, Rabbiner Dr. Stier. Hamburg. Was wir lange ersehnt, hat sich endlich erfüllt. In Hamburg ist unter dem Vorsitz des bekannten Zionisten Dr. Victor ein Volksv er ein ins Leben getreten, dessen Bestrebungen die wärmste Unterstützung verdlenen. Ter Verein hat sich die Aufgabe gestellt, den aus fremden Ländern, besonders aus Rußland einwandernden Inden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Er veranstaltet zu diesem Zweck gesellige Zusammenkünfte, bei denen durch Borträge und freie Aussprache den mit den Landesverhältnissen völlig Unbekannten die reichhaltigste und vielseitigste Belehrung zuteil wird, und es ist wirklich erfreulich zu sehen, wie hier alt und jung, Männer und Frauen zusammenströmen, um den Vorträgen des Herrn Dr. Victor u. a. zu lauschen, die sie mit den geographischen, politischen und sozialen Verhältnissen der westeuropäischen Länder bekannt machen. Die Einwanderer lernen da die Anforderungen kennen, die der Staat bez. die Polizei an sie stellt, und man zeigt ihnen Mittel und Wege, diesen Ansprüchen zu genügen. Gleichzeitig findet sich hier Gelegenheit zu gegenseitiger Aussprache, und mancher begüterte Einwanderer findet sich vielleicht veranlaßt, seinem armen und darum noch unglücklicheren Leidensgefährten beizustehen. So können wir hoffen, daß die Tätigkeit des Vereins nach allen Seiten segensreich wirken wird, und wir wünschen deshalb, daß er wachse, blühe und gedeihe. 8. dl. Breslau. Ostrowoer Hilfsverein zu Breslau. Da die jüd. Bevölkerung in den Landstädten der Provinz Posen abnimmt, und sich nach Berlin und Breslau wendet, erließe» eine Anzahl Ostrowoer im Jahre 1904 einen Aufruf zur Gründung eines Hilfsvereins in Breslau. Infolge, dieses Aufrufes wurde am '1. Febr. 1904 die Gründung des Vereins beschlossen. Am 10. März 1904 fand die erste Generalversammlung statt, in der folgende Herren als Vorstand gewählt wurden: Leopold Callom o n und D r. F. K a l i s k i, Vorsitzende, Moritz Warschauer und Emil Helling er, Kassierer, D r. Bruno Teich m a n it und Isidor Goldst e i n, Schriftführer, Justiz rat M. Neumann und Berthold Lewy, Beisitzer. — Me vier Wochen wurde, eine Sitzung, am 2. Oktober ein geselliger Abend, am 26. Januar 1905 die zweite Generalversammlung und am 2. März das Stiftungsfest veranstaltet. Am 2. Dez. hielt Herr Archivrat Prof. Dr. Warschauer-Posen eine» Vortrag über die Geschichte Ostrowos. — Der Verein zählt heute 88 Mitglieder, darunter ein inimerwährendes Mitglied, Herr M. Warschauer, der zum ersten Stiftungsfeste JL 300 spendete. Aus der Lehrerwett. Dortmund. Der neue Rabbiner, der von der hiesigen israelitischen Gemeinde erwählt ist, Herr Dr. Phil. Jakob aus Göttingen, der bisher dort in gleicher Stellung amtiert, wird sein hiesiges Amt anr 1. März antreten. Aus der zionistische« Bewegung. Hamburg. In der zionistischen Ortsgruppe Hamburg-Altona hielt am 1. Febr. Frau L. Tarlau einen Vortrag über den Jargondichter Morris 9t o s e n f e l d. Die Rednerin schilderte in feinsinnigen 'Ausführungen das Leben, Fühlen und Schassen dieses hochbegabten Dichters und zeigte, daß zwei Atomente, das Judentum und die Judennot, die Kunst Rosenfelds zur Entfaltung gebracht hatten. Der Vortrag, der zahlreiche Proben aus den „Ghettoliedern" brachte, wurde mit lebhaftem Beifall belohnt. — Die Versammlung hatte noch Gelegenheit, von Herrn Dr. Halpern eine Reihe Rosenfeld'scher Gedichte und eine Novelle von Perez im jüdisch-deutschen Originaltext vortragen zu hören. Frankfurt a. M. Mittwoch, den 14. Februar, abends 83/» Uhr, wird Herr Dr. Sonderling- Berlin, ein hier bereits überaus geschätzter Redner, im Saale der Alemannia (Schillerplatz) einen Vortrag, betitelt „Jüdische K ult ur p r o b lerne", halten. Der Eintritt ist sowohl für Mitglieder der Zionistischen Vereinigung, als auch für Gäste frei. Briefkasten. G. 9. Wir nehmen grundsätzlich nie von anonymen Einsendungen Notiz. Diskretion unsrerseits stets selbstverständlich! — Uebrigens ist der Bericht über den Vortrag selbst gar zu kurz. D. L. Homel hat 31000 Einwohner.