Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Anhalt der Beilage: Artikel: Gedächtnisblätter einer jüdischen Hutter. — G ed i ch t. — Die Rede Prof Max Mandelstamnr's auf der Brüsseler Konferenz. — Maxim Gorki über den Grafen.Witte. —Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. —Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionistisch en Bewegung. — „Jüdische Jugend"; Gediichtnisbliilter einet* jüdischen Mutter. (Nachdruck verboten.) III. Euer lieber, treuer, gottseliger Vater ist das achte Kind meiner lieben Schwiegereltern gewesen. Von seinen Geschwistern werde ich anch noch berichten, damit, wenn euch eure Kinder und Enkel dereinst nach, eurer Herkunft fragen, ihr ihnen sagen könnt, von welchen Leuten ihr abstammct. Nach meiner Hochzeit habe, ich mit meinem lieben. Gatten in Hameln gewohnt und wir haben gar wenig Beschäftigung gehabt, denn Hameln ist kein Handelsplatz gewesen. Wir hätten nur mit den Bauern Tausch- und Leihgeschäste machen können und darauf hat sich mein sel. Mann nicht einlassen wollen. Darum hat er auch von der ersten Stunde unserer Vernrählung an danach getrachtet, sich in Hamburg anznsiedcln. Und wie es im Talmud heißt: „Den Weg, den der Mensch beschreiten will, führt man ihn", so hat uns der große, gütige Gott denn auch gar wohl geführt seither, wenn uns nur „die Krone unseres Hauptes" erhalten geblieben wäre! . Nun, der Allgütige hat cs gegeben und hat es genommen. Was nicht zu ändern ist, muß man in Geduld ertragen! .Nach Beendigung des ersten Jahres unserer Ehe hat mein lieber Mann aber durchaus nicht länger in Hameln wohnen bleiben wollen, obgleich es meine lieben Schwiegereltern gern gesehen hätten und uns Haus und Hof vollständig überlassen wollten. ‘ So sind wir denn unter den besten Segenswünschen . von. den lieben Eltern geschieden und nach Hamburg gezogen. Wir waren damals beide noch junge, . unerfahrene Menschenkinder, die wenig oder gar nichts voin Geschäftsleben verstanden, wie es in Hamburg gang und gäbe war. Der große, barmherzige Gott aber, der meinen lieben Mann aus der Heimat und dem Elternhause hinweggeführt, hat ihm auch allezeit treu zur Seite gestanden und ihm stets geholfen. „Gesegnet seiest Du Allgütiger für all das Gute, das Du an uns geübt!" Als wir nun in Hamburg ankanien, hat uns mein lieber Vater für 2 Jahre in seinem Hause Freistätte gegeben. Als vollständig orts- und sittenunkundiger Mann hat sich mein lieber Gatte sogleich nach einem passenden Erwerbe umgesehcn. Damals "war der Juwelcnhandel noch nicht so ausgedehnt wie heute und die nichtjüdischen Bürgersleute haben wenig oder gar keine Edelsteine getragen. Vielmehr waren goldene Schmucksachen mehr an der Mode und mit diesen haben sie sich auch beschenkt. Trotzdem nun der Verdienst hieran viel geringer war als heute mi Juwelen, so . hat sich mein lieber Mann doch zuerst durch diesen Handel mit Goldwaren ernährt. Er ist in .den Häusern herumgelaufen, hat Gold angekäuft, hat es dann wieder an Goldschmiede oder -Händler verkauft und einen recht hübschen Verdienst daran erzielt. Wiewohl er nun keine Mühe gescheut und tagaus, tagein auf den Beinen gewesen ist, hat er doch niemals verfehlt, seinen Schiur zu lernen und hat lange, liebe Zeit stets zu Krias hatauroh (jeden Montag und Donnerstag) gefastet.. Bis er dann große Meisen unternahm und sich so sehr überanstrengte, daß er schon in jungen Jahren kränklich wurde und viel herumdökterte. . Trotzdem aber scheute er keinerlei Mühe, Frau und Kinder ehrbar zu ernähren. Er ist ein so) treüer' Väter seiner Familie gewesen, wie man selten seinesgleichen findet und hat Frau und Kitckerin einer Weise geliebt, die nicht zu beschreiben ist. '. Seine Lebensführung war beispiellos. Nach irdischen^ Genüssen stand nie sein Sinn, im Gegenteil, er lachte die Leute aus, die derartiges Begehren trugen. Mit cinenr Worte! Er war ein gerade solcher „Ausbund" eines frommen Jehudi, wie sein Vater und seine Brüder. Wenn ich auch schon große, fromme Rabbiner kennen gelernt habe, so weiß ich doch keinen, der sein Gebet mit einer der seinen vergleichbaren Würde und Andacht verrichtet hätte. So ist mir erinnerlich, daß, wenn er inr Zimmer im Gebet verweilte und cs kani jemand, um ihn zu einem großen Geschäfte abzurufen, weder ich noch jemand sonst im Hause, den Mut hatte, ihn zu stören. Tatsächlich hat er auch ein Mal in dieser Weise einen großen Verdienst eingcbüßt. Er hat aber Gott ständig so beharrlich und treu gedient, und so unbekümmert zu ihm gebetet, daß ihm alles doppelt und dreifach wieder zufloß, wie es im .Schriftworte heißt: „Vertraue auf Gott, dann tvird er Dein Helfer sein." Wie demütig und bescheiden er gewesen ohnegleichen,. ist kaum zu schildern. Was ihm auch von Freunden und Fremden zugefügt wurde, er trug's geduldig, und wenn ich in meiner menschlichen Schwäche darüber ungehalten tvurdc, lachte er mich aus und sagte: „Du bist eine Närrin, ich vertraue ans Gott und achte der Menschen Rede gering." Möge uns sein Verdienst ewiglich bcistehen' Wir blieben nun 1 Jahr lang im Elternhause wohnen. Obschon wir aber für 2 Jahre von den lieben Eltern verköstigt werden sollten, so toollte mein lieber Gatte doch nicht länger dort weilen, waren wir doch inzwischen mit einem Töchterchen beglückt worden und hatte sich auch meinen Geschwistern noch eines zugesellt, sodaß der Raum im Hause zu sehr beengt wurde. Mein lieber Mann nahm jedoch von meinen lieben Eltern keinen Pfennig als Entgelt für das noch versprochene Jahr freier Wohnung. Wir mieteten uns ein schönes Haus für jährlich 50 Reichstalcr und zogen mit Kind und Kegel in unsere neue Behausung, allwo wir unter dem Schutze des Höchsten bis heute in Frieden gewohnt. Und wenn der Allmächtige uns nicht die große Wunde geschlagen und uns die „Krone meines? Hauptes" nicht gar so frühe entrissen hätte, glaube ich nicht, daß es ein glücklicheres Ehepaar auf der Welt gegeben als wir. Man nmß jedoch alle Schickungen in Geduld ertragen und allezeit auf Gott vertrauen,' daß er unserer stets in Gnade und Barmherzigkeit gedenke, denn unendlich groß ist seine Güte. . So lebten >vir denn als junge Eheleute im eigenen Heinr, und wenn es auch zeitweilig etwas knapp zuging, so führten wir: doch stets, ein behagliches, hübsches Haus. Unser erster Aufwärter, der auch auf die Kinder acht hatte, hieß Abraham Kantor aus Hildesheim. Er war längere Jahre bei uns im Dienst, fing dann einen eigenen Handel an und heiratete schließlich. Er wohnte auch in Hamburg und wir schossen ihm Geld vor und schickten ihn in Geschäften nach Kopenhagen. Heute soll er mehr als zehntausend Reichstaler reich sein. Kurze Zeit nach unserem Einzuge wurde uns unser Sohn Nathan geboren, zur unbeschreiblichen Freude meines lieben Mannes, der eine herrliche Brismiloh richtete. Gebe Gott, daß ich weiter viele Freuden an meinen lieben Kindern erlebe! Da ich nunmehr auf dieser Welt kein Heil und keinen Trost mehr finde als das Gute, was ich an meinen lieben Kindern zu erleben hoffe, so bitte ich den großen Gott, dazu seine Hilfe zu leihen. Die. aber meine Niederschrift lesen, bitte ich, mir meine Torheiten zu Gutem auszulegen, da ich alles nur aus Gram und Harm niederschreibe. Mit Gottes Hilfe aber, „der dem Ermatteten Kraft gibt", und auch mich aufrecht hält in meinem Kunimer, hoffe ich, auch mein weiteres Leben noch zu schildern. (Fortsetzung folgt.) Euch. Mir klang aus weiter Ferne her einMufen, Des Halljahrs Hörner bliesen heimwehstark, Ich sah im Osten Z>ons Tempelstusen, Da griff ein Sehnen mir ins tiefste Mark. Und wie ich ging des alten Volkes Pfade, Da stiegen greise Schatten aus dem Grund, Da klang die Erde, und des Ewgen Gnade Lat ineinem Ohr verschollne Lieder kund. . . Geächtet Volk, ich zeige dir die Stege Aus Haß und Hohn zu deiner Jugend Glück, Verlorner Stamm, ich weise dir die Wege, Und deiner Wege Losung heißt: Zurück! Zurück zur Schönheit einst gesungner Psalmen, Zurück zum Heilgen Bach bei Anathot, Zurück zu deiner Heimat Balsampalmen. Zurück zu deinem alten großen Gott! Börries Freiherr v. Münchhausen. Die Rede Prof. Max Mandelstamm's aus der Brüffeler Konferenz. lSchluß aus dem Hauptblatt). Noch nie, glauhe ich, hat der Zionismus im weiteren Sinne 'eine solche Existenzberechtigung erlangt, wie gerade jetzt, allerdings für diejenigen bloß, die Augen und Ohren zwar hatten, aber nicht hören und sehen wollten. Tenn für uns Zionisten, waren ja die Pogrome keine Ueberraschung, keine vulkanische Eruption; wir wußten vielmehr, daß das Verhängte kommen, das Gefürchtete nahen müßte. Tiefe Judenkrawalle sind die natürliche Folge eines Judenhasses, der seit Jahrhunderten gezüchtet, durch eine Rechtlosigkeit sonder gleichen genährt — eine Rechtlosigkeit, welche in Bezug auf das WohnrechtselbstdieeinesHnndesübertrifft. Hunde nämlich dürfen ohne Maulkorb und Paß überall in Rußland herumlaufen; Juden dürfen es nicht, selbst mit Paß und Maulkorb — eines Hasses, der daher zu jeder gelegenen und ungelegenen Stunde ausbrechen konnte und cs noch ferner kann. . . . Was sich, ich will in der Sprache Darwin's und Häckel's reden, p h i l o g e n e t i s ch durch lange Zeitläufc allmählich abgespielt hat, hat sich in den Oktobcrtagen o »t o g e n e t i s ch wiederholt; mit anderen Worten: die Oktobertage waren bloß eine kurze Wiederholung, ein auf drei Tage und drei 'Rächte zusaminengedrängter Extrakt desselben Vernichtungsprozesses, der allmählich, von Geschlecht zu Geschlecht, an den Juden verübt worden ist. Tie allgemeine Lage in Rußland ist gegenwärtig eine der schrecklichsten, w e l ch e die Weltgeschichte kennt. Der japanische Krieg hat den Riesen zu Boden gestreckt, und nun liegt er da, ans tausend Wunden blutend, aus tausend Beulen eiternd. Ter Gährnngsprozeß, welcher seit langer Zeit im Lande begonnen und nur aus Mangel an Licht und Luftzutritt' bis nun nicht in Erscheinung treten konnte, hat gegenwärtig riesige Dimensionen angenommen. Es brodelt, es brauset und zischt Ivie in einem Hexenkessel. 'Alles in Ausruhr. Ein Kampf auf Leben und Tod zwischen Ahriman und Ormuzd! Wo ist der Weise, welcher auch nur annähernd Voraussagen könnte, was aus diesem Zersetzungs- und Zerstörungsprozeß entstehen werde? Ob Zkußland geläutert, konstitutionell und frei hervorgehen und in seiner Integrität und Größe sich den anderen Kulturstaaten wird anreihen oder ob es als Congloinerat von Völkerschaften, welche nicht organisch miteinander verknüpft, sondern durch Blut, Eisen und den Unverstand Europas zu einem Riesenreich zusammengeschweißt, auseinander fallen wird? — wer kann das wissen und berechnen? Gegenwärtig stehen sich zwei Parteien mit ungleicher Krastvertcilung gegenüber. 'Eine Schar von freien, zielbewußten Männern, die durch ihren Geist und ihr Wissen cinenr jeden Kulturstaate Europas Ehre machen würden, von Männern, die eine friedliche, kulturelle Entwickelung, Recht und Freiheit anstreben; ihnen zur Linken eine heißspornige Jugend, welche nichts' geringer schätzt als ihr eigenes Leben, Barrikadenhelden, durch die edelsten Motive geleitet, aber politisch nngeschult, schlecht organisiert, ihre eigene Kraft überschätzend und die des Feindes unterschätzend; Leute, die aus einmal den kühnen Sprung, das Salto mortale aus dem autokratischen Gefängnis in eine demokratische Republik zu machen sich anschicken. Andrerseits eine durch Jahrhunderte zum Tier herabgewürdigte Bauernmasse, der seit dem Tar-