Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. Nr. 6 verfügt und es weder fassen noch vertragen kann, daß Juden, dieses Lorpus vile, diese Zigeunerbande, welche bis in den letzten Jahren ihren Rücken geduldige wie ein Wurm krümmte — und wie eine Zitrone sich auspressen ließ, daß diese Juden junge, kühne Helden zeugen, welche ihr Rückgrat gerade strecken wollen; deshalb läßt sie Tausende von Wehrwölfen, Chuligans genannt, auf das gesamte unglückliche Volk los, uin es zu lynchen. Eine zahlreiche, bis nahe an die Hunderttauscnde gehende Gruppe Ghettojuden gibts ferner, welche politisch ganz indifferent, den nächsten Augenblick in's Auge fassend, dem unerträglichen Druck des Elends, Hungers, des Ausgeraubtwerdens weichend, aus dem Lande fliehen, nach allen Richtungen der Windrose sich zerstreuen und ihr Heil in der Freinde suchen, zum größten Teil ohne es zu finden; arme unglückliche Menschen, welche instinktiv fühlen, daß sie von ihrem teuren Vaterlande selbst irr ferner Zukunft nichts zu erhoffen, und daß sie anderswo nichts zu verlieren haben. Diese Emigration von Desperados, oder richtiger diese Flucht, ist durch nichts einzudämmen, weil sie naturgemäß, kraft des Gesetzes des geringsten Widerstandes, sich ein Flußbett graben muß. Wer eine erschreckend große Gruppe Ghettojuden gibts noch -- laut statistischem Nachweis gegen 20o/o — eine Gruppe von Bettlern und Schnorrern, von L u f t m e n s ch e n, wie sie Max Nordau nennt, die am frühen Morgen aufstehend, nicht recht wissen, wo sie für Weib und Kind das Stück Brot ergattern sollen, die Türen der Wohlhabenden belagern, halb bittend, halst drohend, um Hülfe flehen. Die Zahl derselben nimmt in dem Maße horrend zu, als jetzt in Rußland keine konstruktive, sondern eine zerstörende, zersetzende Arbeit vor sich geht und das Land einem unausweichlichen Bankrott entgegensteuert. Aus diesem Gewimmel von kämpfenden und fliehenden Juden, von Glaubensseligen, Assimilanten, Polen und Russen mosaischer Konfession, von Sozial- Revolutionären und Sozialdemokraten, von Leuten, die eine Gleichberechtigung erträunien und gar eine nationale Autonomie erkämpfen wollen, aus diesem rührigen und ach! so elend hilflosen, politisch ungeschulten Ameisenhaufen, ragt gleich ,.dem ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht" Line zahlreiche, so vielfach verlästerte Gruppe russischer Juden hervor, — der auch ich aiizugehöreu die Ehre habe — die lman „Zionisten." und in ihrer neuen Entwicklungsphase „Territorialisten" nennt und die bereits so viele Anhänger in den Ländern der ganzen Welt zählt; Leute, die auf der national-jüdischen Warte hoch oben stehen, sich weder durch das Wiegenlied, das Eiapoveia zukünftiger Gleichberechtigung oder kosmopolitischer Träumereien, noch durch die Hoffnung auf Lohn für das um den russischen Freiheitskampf vergossene Blut einlullen lassen. Diese Judengruppe, welche so vorsichtig war, gründlich Geschichte zu treiben, hat in ihrem Gedächtnis die Zeit des „Völkerfrühlings", das Jahr 1848, lebhaft aufbewahrt, und vor ihrem geistigen Mlge stehen noch in scharfen Umrissen die unzähligen jüdischen Opfer, welche die Barrikaden Oesterreichs und Deutschlands verschlungen, die Treue und Ehrlichkeit, mit welcher sic in Gemeinschaft mit' ihren deutschen und slavischen Brüdern den Freiheitskampf gekämpft; und auch der Lohn, den sie dafür eingeheimst, liegt vor aller Welt zu Tage. Diese Zionisten, welche auch jetzt für den russischen Freiheitskampf ihren Mann stellen und während der Oktobertage sich nicht etwa feige verkrochen, sondern ihre besten Jünglinge Kur Selbstwehr Hingaben, ivelche zu Dutzenden unter den Flintenkugeln und Bajonettstichen der Soldateska und den Keulenschlägen der schwarzen Bande gefallen sind, — sind nichtsdestoweniger tief davon überzeugt, daß eine menschenwürdige Lösung der Iudenfrage nur dadurch e r r c i ch t w e r d e n kann, daß ein freies Territorium geschaffen >v e r d e, a u f w e l ch e m s i e s i ch f r e i a u s l e b e n uud4hren.Bolksgeniusentfalteukönnt e n. Ohne eigenen Boden ist die Existenz und Entwicklung eines Volkes unmöglich; Antäus gleich schöpft ein Volk seine Kraft, sobald es mit eigenem! Boden in Berührung kommt. Die Zionisten hegen die tiefe Ueberzeugung, daß das jüdische Volk, ebenso wie die andern Kulturvölker, seine Knlturmission erfüllen könne; daß das Endziel der Kulturbestrebungen der ganzen Menschheit — der Kosmopolitismus, b. h. das Nebeneinanderleben der Völker auf gemeinschaftlicher ethischer Grundlage — nur auf nationaler Basis möglich sei; daß die nationalen Einheiten sich unabhängig und frei entwickeln müssen, daß sie sich ebenso differenzieren müssen, wie sich etwa die Gehirnzellen zu höhern, aber dennoch von einander verschiedenen Funktionep entwickeln. Die Zionisten sind endlich davon überzeugt, daß zur Erreichung dieses großen Zieles nur die Bedingungen geschaffen werden müssen, welche der Wiedergeburt der jüdischen Nation günstig sind. Diese Bedingungen können wir schaffen, wenn wir nur wollen — „wo ein Wille — da ist auch ein Weg.". (Schluß in der Beilage). Die Woche. Gegen alle Bestrebungen, die Juden in Preußen den übrigen Bekenntnissen hinsichtlich der Beschulung gleichzustellen, wenden die konservative und Zentrumspartei im Landtage ein, daß die V e r f a s s u n g dem entgegenstehe. Es ist sehr dankenswert von Herrn Rechtsanwalt M a k o w c r, daß er diesen Einwand vom streng juristischen Standpunkte in der „D rutschen I ir r i st e » z c i t n n g" (Nr. 3 vom 1. Februar 1906) einer Erörterung unterzogen hat. Die ominöse Berfassungsstcllc ist der Art. 14, wonach die christliche Religion zu Grunde gelegt wird bei denjenigen Einrichtungen des Staates, „welche mit der Religionsübung im Zusammenhänge stehen". Die Verhandlungen des Herrenhauses zeigen, daß der staatsrechtliche Führer der damaligen Konservativen, Professor Stahl (früher Schlesinger), vorgeschlagen hatte, das Christentum maßgebend sein zu lassen „für alle öffentlichen Einrichtungen, die mit der Religion in Zusammenhang stehen". Der Antrag wurde abgelehut. Die jetzige Fassung ist hervorgcgangen aus einem Anträge v. Bilbahn im Abgeordnetenhause, welche das Herrenhaus später genehmigte. Makower, der die Zwischenschicksale der Redaktion des Gesetzes mitteilt, faßt die Geschichte des Entwurfs dahin zusammen: Man war sich der Beschränkung wohl bewußt, die darin lag, daß statt der „öffentlichen" Einrichtungen Stahls „die Einrichtungen des Staates" nach Bilbahn und daß statt der „Religion" die „Religionsübung" gesetzt wurde. Aber weder die Ernennung eines Lehrers an einer Volksschule, noch das Einrichten des Religionsunterrichts ans Kosten des Tchutverbaudes steht mit der ReligionSiibung im Zusammenhang. Als Beispiele der mit der Religions- Übung im Zusammenhänge stehenden Ttaa'scinrichtunge» sei die Anordnung der gesetzlichen Feiertage, die Feiertagsruhe und die Militär-Tcclsorge angeführt worden. Makolver lveist mit Recht zum Schlüsse auf Art. 12, S. 2 der Verfassung hin: „Der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von dem religiöse» Bekenntnisse." * * * Dr. Isidor Singer-New-Nork, der Herausgeber der Jcwish Encyclopedia, gibt in ,7Ost und West" einen Ueberblick über „Die Entwickelung der amerikanischen Jndcnheit in den letzten 250 Jahren" und kommt bei dieser Gelegenheit auch auf die in der Gegenwart unter den Juden Amerikas h e r r s ch e n d c n r e t i g i ö s e 11 Z u st ä n d e zu sprechen. Nachdem er konstatiert hat, daß die New- Uorker Gemeinde von 100000 Seelen im Jahre 1880 auf über 700 000 Seelen gestiegen ist und daß das sogenannte Judenviertel heute allein 350000 Juden beherbergt, fährt er fort: „Daß es hier, wo die russischen, galizischen, rumänischen und ungarischen Juden ihre ersten amerikanischen Lehr- und Wanderjahre verbringen, ein Dutzend regelrechter Tempel, 200—300 Privathäuser und un qefähr ebenso viele rituelle Restaurants gibt; daß da selbst beinahe 400 Chedarim mit einem Jahresbudget von Doll. 120 000 erhalten werden; daß die große Talmud-Thoraschule, die Machazikei Hadat, der Herr Jacob H. Schiff vor kurzem einen Check von Doll. 25 000 sandte, ungefähr 1000 Schüler zählt, daß die sogenannte» Hebrew Free Schools, welche unter der Oberverwaltung der riesigen jüdischen Amerikanisierungsanstalt des Ghetto, der Educational Alliance, stehen, 2800 Schüler (ungefähr 80 Prozent Mädchen) zählen, ist geradezu selbstverständlich. Aber peinlich überraschen wird es sicherlich die konservativen Leser von „Ost und West", zu erfahren, daß cs in jenem anscheinenden Zentrum der Orthodoxie kaum ein Dutzend bedeutender Haudclshäuscr gibt, welche am Sabbat geschlossen sind; daß Tausende junger Arbeiter und Arbeiterinnen jeden Sabbatmorgcn aus dem Judenviertel nonchalant in die Fabriken wandern; daß die vornehmsten jüdischen Restaurants sogar das Koschcrinsignum von ihrem Schilde entfernt haben und offen Schinken und Austern, und während des Pesach Brot veräußern; daß sich keine einzige jüdische Buchhandlung von einiger Bedeutung in der ungeheuren jüdischen Gemeinde von New- Aork befindet; daß 81,5 Proz. Familien außerhalb des Judeuviertels ohne jede Synagogeuverbiuduug sind und demgemäß 'ihr häusliches Familienleben eingerichtet haben, und daß diese Zustände entsprechend schlimmer werden, je weiter man nach dem Weste» zieht. . . . Wenn unsere Konservativen hierzulande dieselbe Vogel-Strauß-Politik spielen als ihre Brüder in Europa, so beweist, dies einfach, daß es Leute gibt, die nicht imstande sind, den Dingen klar ins Auge zu. blicken und logische Konklusionen aus gegebenen Zuständen zu ziehen." Diese Mitteilungen des Herrn Tr. Singer sprechen eine solch deutliche Sprache, daß ein Kommentar zu ihnen überflüssig ist. * * * Herr D r. Alfred 5k l e e machte auf der Brüsseler Konferenz den Vorschlag, jüdische Kinder aus Rußland h e ra u s z u - n e h m e n und sie außerhalb Rußlands zu erziehen, um auf diese Weise die Zahl der der russischen Barbarei ausgesetzten Opfer zu vermindern. Es dürste für unsere Leser von Interesse sein, Herrn Dr. Klee's Begründung zu seinem Vorschläge, der noch das Komitee für die Pogromwaisen beschäftigen wird, zu vernehmen. Herr Dr. Klee hat seinen Vorschlag, ivie folgt, begründet (siehe Nr. 4 der Welt): „Wenn aber auch die Auswanderung niittelloser Personen nicht ermuntert werden darf, so ist doch vielleicht eine andere Möglichkeit gegeben, die Zahl der der russischen Barbarei ausgesehten Opfer zu vermindern. Wie man die Pogromwaisen aus Rußland herausnehmen will, so möge man überhaupt ständig Kinder Herausnehmen. Ter jährliche Geburtenlieberschuß wird auf etwa 50000 geschätzt. Nehmen wir an, - daß die Eltern von 15 000 dieser Kinder ihr Brot haben, daß weitere Eltern von 20000 Kindern sich von ihnen nicht trennen würden, so bleiben etwa 15000 Kinder für die Erziehung im Auslande übrig. Wenn'für diesen Zweck eine große Organisation geschaffen wird, mit einem hervorragenden, organisatorischen und fachmännischen Talent au der Spitze, die Oesterreich-Ungarn» Deutschland,. Holland, Belgien, Italien, Frankreich, England, die amerikanischen Staaten usw. umfaßt, so wird cs mit der Zeit möglich sein, sämtliche zur Verfügung stehenden Kinder — Knaben und Mädchen im Alter von nicht unter 5 und nicht über 10 Jahren — in Westeuropa und Amerika mit einer guten Schulbildung und tüchtigen, ihrem Stande entsprechenden Fachkenntnissen auszurüsten, die es ihnen ermöglichen, in der ganzen Welt in Anstand und Ehren weiterzukommen. Besonders wird natürlich auch dafür Sorge getragen werden müssen, daß die Kinder in treuer Anhänglichkeit an ihr jüdisches Volk erzogen werden.-Die von allen Einsichtigen ersehnte physische Regeneration wird bald eintreten, umsomehr als die Kinderchen nach und nach ganz aufhören werden. Der Zionismus wird sich für seine Siedlungspläne kein besseres Menschenmaterial wünschen können; wo aber auch inimer auf der Welt diese Kinder einst selbständig geworden sind, werden sie ihren Eltern und Geschwistern eine Stütze sein, sie in den meisten Fällen in die neue Heimat nach sich ziehen, und so an der organischen Lösung des Emigrations-Problems mithclfcu. Daß diese russisch-jüdischen Kinder für manche Länder — Italien, Schweden usw. — eine hochwillkommene Auffrischung der jüdischen Bevölkerung und somit des jüdischen Lebens bedeuten werden, daß weiter der enge Zusammenhang zwischen Ost und West inniger und wirkungsvoller hergestellt wird, als eS andere an sich noch so dankenswerte Maßnahmen vermögen, sei nebenbei bemerkt. Die Unterbringung der Kinder muß sich aus alle Gemeinden, auch die kleinsten, erstrecken. Gerade in den kleinen Gemeinden — ich kenne sie besonders in Deutschland am Rhein genau — lebt viel warmes, jüdisches Gefühl, das nach Betätigung drängt. Die durch ein oder zwei Kinder herbeigerufene Erhöhung des Gemeindeetats ist für den Einzelnen nicht allzu fühlbar. Viele kinderlose jüdische Ehepaare werden sich dieser Liebespfticht ohne Entgelt unterziehen; in den »leisten anderen Fällen werden nur kleinere Zuschüsse erforderlich sein. Wir haben allein in Deutschland ca. 2300 Gemeinden! Welch' weites Feld der Betätigung auch für die fast überall in Westeuropa und Amerika bestehenden Frauenvereine! Uebrigens ist" ein ähnlicher Gedanke schon im Jahre 1868, anläßlich der Hungersnot in Westrußland, vom Altmeister Dr. Rülf in Memel und vom Liegnitzer