Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«eite 2. Frankfurter JsraelitisHe- Famitienblatt. Nr 6. die erhitzte, zur Anarchie neigende Jugend wirken, enthalten. , ' Das unseren Brüdern im Osten zu sagen, war unsere Bruderpflicht. 8—n. Ungarischer Brief. Wie ein schwerer Alp liegt die politische Lage des Landes auf aller Herzen. Der Konflikt zwischen der Mehrheit des ungarischen Reichstages linb dem Träger der Stephanskrone, der schon seit länger als einem vollen Jahre dauert, hat eine Stagnation nicht nur des politischen, sondern auch des ganzen 'öffentlichen Lebens zur Folge, ein Stillstehen, das für den weiteren Fortschritt des Landes nicht ohne größere Gefahren ist. Mit großem Interesse sah daher das ganze Land den Ereignissen entgegen, wenn während der langen Krisis sich auf der einen oder anderen Seite Zriedensneigung zeigte und man hoffen konnte, daß dieser unleidliche Zustand eine Acnderung erfahren würde. Jedoch bisher vergebens. Auch der letzte Fricdensversuch des Grafen Andrassy, auf den man hüben und drüben große Hoffnungen gesetzt hatte, scheiterte an der Meinungsverschiedenheit der beiden Faktoren der Regierung, des Parlaments und des Königs. Was nun kommen soll, weiß man weder auf der einen noch aus der anderen Seite. Die Unsicherheit in der politischen Lage erfährt nun durch das Scheitern dieses Friedensversuches eine bedeutende Verstärkung. Es kommt nun die Besorgnis hinzu, was wohl der morgige Tag bringen soll, eine Besorgnis, die keinesfalls unbegründet ist. Denn wenn cs nicht gelingt, noch im letzten Momente -den parlamentarischen Frieden hcrzustellen, so ist zu gewärtigen, daß der Absolutismus nunmehr an Stelle des konstitutionellen Regimes gesetzt wird. Ist das absolute Regime für das ganze Volk, seine Verfassung und seine Weiterentwickelung von größtem Nachteile, so kommt bei der Judenheit des Landes noch ein weiteres Moment hinzu, das sie besorgt in die nächste Zukunft blicken läßt. Ein Rückblick auf den Anfang der letzten absolutistischen Aera in Ungarn (1848—49) genügt, um zu erkennen, welche Gefahren eine allgemeine Erregung der Gemüter, wie sie eine solche gewaltsame Aenderung des politischen Regimes mit sich bringt, gerade für die Juden bedeutet. Wenn der Weg des Absolutismus beschrittcn wird, so wird von Seiten der Gewalthaber alles versucht, was den Widerstand des Landes brechen kann. Und die Herren von der Politik verstehen sich nur allzu gut auf das verschrieene zwar, aber gutbewährte Mittel „divide et impera", um nicht and) den Versuch zu machen, durch dieses Mittel zum Ziele zu gelangen. Leider liegen die Verhältnisse hierzulande so, daß durch obige Maxime viel erreicht werden kann, eine Verhetzung des einen Teiles des Volkes gegen den anderen nicht allzu schwer ist.1 Es braucht nur zu dem Mittel, der Verhetzung der Nationalitäten gegen die Suprematie der magyarischen Rasse gegriffen zu werden, wie dies im Jahre 1848 geschehen ist, und das Land steht in hellen Flammen. Diese das ganze Land bedrohende Eventualität bedeutet eine eminente Gefahr für die Juden, die unter den verschiedenen nicht-magyarischen Nationalitäten leben. Wenn da ein Zusammenstoß der einzelnen Volksrasse mit den Magyaren erfolgt, so haben sich die Juden, die immer unentwegt zu den Magyaren und zu dem einheitlichen ungarischen Staat halten, keines Guten zu versehen. Bei einem feindseligen Rekontre würden die Nationalitäten in ihnen ihre Feinde sehen und sie, die nicht zahlreich unter ihnen wohnen, nicht die beste Behandlung angedeihen lassen. Ist es nun enffchieden im Interesse des ganzen Landes, wenn der beide Teile schädigende Absolutismus vermieden wird, so wäre es für die ungarische Judenheit als ein Glück zu bezeichnen, wenn noch in zwölfter Stunde eine beide Teile befriedigende Einigung zustande kommt. Allerdings ist das vorhin erwähnte Wort „Glück" nur cum grano salis zu nehmen und bedarf einer ganz gründlichen Reduktion. „Glück" wäre unter den obwaltenden Verhältnissen nur iu negativem Sinne zu perstehen, als bei einer besseren Wendung der Dinge der Absolutismus ausbleiben würde. Andererseits würde in diesem Falle die vereinigte Opposition die Regierung des Landes übernehmen und zwar würden sich die einzelnen Parteien der Koalition in die Ministcrportefeuilles und in die Administration des Landes teilen. Dies bedeutet, daß die reaktionäre klerikale Partei, die sich „Volkspartci" nennt, auch zur Regierung gelangt. Es ist dies ein gewaltiger Rückschritt gegenüber dem bisherigen 40jährigcn Regiment der liberalen Partei. Die Besorgnis siegt zu nahe, daß diese, antisemitisch angehauchte Partei ihren Einfluß, der ihr vermöge ihrer Teilnahme an der Regierung znkommt, in antisemitichcm Sinne geltend machen würde. Noch größer ist die Gefahr, wenn man bedenkt, daß diese Partei auch vom größte» Einflüsse auf das katholische Volk ist. Unter diesem' Einflüsse ist seit etwa 8 Jahren eine Bewegung im Gange, die auf.dem iflachen Lande die Juden ans dem Geschäfte expropoiieren will und die in manchen Gegenden zu einem richtigen Boykott der jüdischen Geschäfte geführt hat. Eine Vergrößerung des Einflusses dieser Partei eröffnet keine günstige Auspizien dem jüdischen Kaufmannsstande wie auch der Judenheit überhaupt. Dazu kommt noch die Gefahr, daß die anderen liberalen Parteien von diesen reaktionären Elementen in's Schlepptau genommen werden könnten. .Diese Gefahr liegt nicht ern, ivenn man bedenkt, daß auch die anderen Parteien Elemente enthalten, die gegen den Antisemitismus nicht allzusehr gefeit sind. Die Judenheit des Landes hat daher keine besondere Veranlassung, die Entwirrung der Lage auf Grund der Regierungs- Übernahme seitens der Koalition hcrbeiznschnen. Wenn trotzdem auch in jüdischen Kreisen dieser Wunsch gehegt und ihm auch in der jüdischen Presse des Landes Ausdruck gegeben wird, so ist cs auf den allgemeinen, von den Inden nicht minder gehegten Wunsch zurückzuführen, vor allem die Wohlfahrt des Landes gesichert zu wissen. Es läßt sich in dieser Stunde nicht sagen, otz und iu welcher Weise der unselige Konflikt beigelegt oder seine Erledigung finden wird. Hoffentlich gelingt es noch, eine Lösung hcrbeizuführc», bei welcher die Ruhe des Landes gewahrt bleibt. Denn nur, wenn cs ruhig und bei unentwegter Achtung vor dem Gesetze bleibt, läßt es sich hoffen, daß diese Krisis ohne schwere Folgen für das Land überhaupt und für die Judenheit insbesondere bleiben wird. Vergleicht man die Verhältnisse der Inden hierzulande mit der . Lage der Inden in de» ostwärts liegenden Ländern, so ist man immerhin froh, doch noch im eigentlichen Europa zu wohnen. Da kamen in den letzten Tagen einige jüdische Bankiers aus Bukarest, die von Rumänien ausgewiesen worden sind, nach Budapest. Ihr Vergehen bestand darin, daß sic dem Sohne eines Ministers gegen Wechsel, unter welche der hoffnungsvolle Ministersprößling die Unterschrift seines Vaters setzte, Geld gegeben, d. h. Geld geben mußten. Sic sind unter den schrecklichsteil Androhungen dazu gezwungen worden. Als es an's Zahlen kam, präsentierten die neun Bankiers, die das Geld hergegcben, unter denen sich auch zlvei Nichtjuven befanden, die Wechsel dem Minister. Dieser Vollstrecker der Gesetze Rumäniens beglich die Forderungen der beiden nichtjüdischen Bankiers, während er den 7 jüdischen Gläubigern seines Sohnes vorerst die Türe wies, um sie schließlich aus dem Lande zu weise». Dies die Leidensgeschichte der 7 rumänischen Bankiers, die nun im gastlicheren Westen eine neue Heimat suchen. ' F. Die Rede Pros. Max Mandelftamin's aus der Brüsseler Konferenz. . . . Der Zlveck meines Hierseins ist, Sie zu einer Tat zu bewegen, welche nicht nur momentan Hilfe schaffen, sondern vielleicht deir Weg bahnen könnte, auf welchem die Judenfrage in Rußland, welche so ziemlich der Kern der Judenfrage überhaupt ist, einer radikalen Lösung, loclm auch in einem langen, aber demroch absehbaren Zeitraum, entgcgengeführt werden könnte. . . . Ich komme zu Ihnen mit den: Rüstzeug einer 40—50jährigen Beobachtung und Erfahrung, mit dein Einsatz meiner tiesinnersten Ueberzeugung und meiner ganzen Persönlichkeit, um Ihnen nachzuweisen, daß der im Westen eingenistete Glaube, die glückliche Lösung der Iu d e n fr a g e sei nur in Rußland selbst möglich — meiner Ueberzeugung nach — reiner Aberglaube ist. Und wenn gar dieser Glaube zum unfehlbaren Dogma erhoben und zur einzigen Richtschnur splendider Hilfeleistungen gemacht wird, so könnten letztere vielleicht zum Danaergeschenk ausartcn. Die harte Klausel: „Bleibe zu Hause und nähre dich redlich", die den unglücklichen russischen Almosenempfängern eingeschärst wird, ist, meiner Ansicht nach. gleichbedeutend mit dem Rate, sich zuerst abschlachten zu lassen, um alsdann russischer Vollbürger zu werden. Vielleicht ist es das letzte Mal in meinem Leben — mein Alter gestattet mir nicht, nach dieser Richtung hin ryjige Hoffnungen zu hegen, — daß ich vor Vertretern der verschiedensten jüdischen Korporationen und Wohltätigkeilsvereine rede, vor einer illnstreu Versammlung, die am geeignetsten wäre, das Problem, welches ich hier stellen will, dreist, zielbewußt und opferfreudig anzupacken; deshalb halte ich's für meine erste Pflicht, so objektiv wie möglich die, Dinge, die sich jetzt im großen Rußland und peziell im jüdischen Ghetto abspielen, zu schildern, und Ihrem Ermessen wird es anheimgestellt bleiben, ob die Beweggründe, die ich zu meinem Versuch der Lösung der Judcnfrage außerhalb Rußlands anführe, überzeugend genug sind, damit das Problem in Angriff genommen werde. Es ist aber nicht so leicht, das Bild, welches der Ghettosumps. gegenwärtig darbietet, in photographischer Treue wiederzngeben, weil es bereits eit vielen Jahren so buntscheckig, so .kaleidoskopisch verworren ist, wie die Zustände in Rußland überhaupt: wie es sich christelt, so jüdelt es sich. Gruppen und politische Parteien sonder Zahl, die sich gegenseitig befehden und um des Bären Fell streiten, bevor sie noch das Wild eclcgt. . . . Alles durcheinander gewürfelt, ein echtes Babel, wobei der eine Jude aufgehört hat, die Sprache des andern zu verstehen. . . . Keine Spur von einheitlichem Streben. . . . Arme, gequälte Sklaven, die mit aller Kraft an ihren Ketten rütteln, dabei sich die Glieder wund und blutig reiben und trotzdem den Einzug aus den dumpfen Ghettomauern — in spanische Schlösser erträumen. Vor allen Dingen sei nun eine Klasse russischer Juden hervorzuheben, welche die Ansicht der Westler teilen, daß die endgültige Lösung der Judenfragc in Rußland selbst erfolgen müsse. . . Zu diesen sind die besser situierten und intelligenten Kreise zu zählen, welche die Judcnfrage als Teilfrage der allgemein russischen aussassen. Sobald in Rußland geregelte, rechtliche, freiheitliche Zustände eintretcn, meinen diese Herren, müsse auch den Juden die Freiheit erblühen. Die Juden müssen die Leiden der russischen Freiheitskämpfer teilen, damit sie auch ihre Freuden ernten. Die Juden müssen sich ihre Sporen erkämpfen und am russischen Freiheitstisch einen Ehrenvlatz erobern. . . . Die einen schließen sich nun ocn liberalen, gemäßigten, russischen Parteien an, wirken durch Wort und Schrift, in Meetings, Vereine», Verbindungen jeglicher Art, in Gemeinschaft mit ihren russischen Gesinnungsgenossen; die andern schließen sich den radikalsten, revolntionärsten Parteien an und suchen, die Freiheit mit den Waffen in der Hand zu erkämpfen. Und wenn auch die russische Regierung nnd das russische Volk gewissenhaft dafür sorgen, daß der Glaube au eine Judencmanzipation nicht zu sehr Wurzel fasse nnd zu diesem Zwecke uns regelmäßig als „momsnto mori" Ueberraschungen jeglicher Art, Pogroinchen nnd Pogronic bescheert, so verschlägt das recht wenig. Im Gegenteil, diese Glaubensscligen fassen die Jndenkrawalle als letzte Zuckungen eines vertrackten Regimes, als letzte Anstrengung einer verkrachten Bureaukratie auf, das Heft in den Händen zu behalten, nnd stürzen sich mit um so größerem Eifer in den Strudel der Revolution. . . . Nur die Negierung und nicht das Volk selbst sei der Feind, heißt cs, und cs dürfte ein Leichtes sein, ersterer beizukommen. . . . Einer zweiten,'recht zahlreichen Gruppe russischer Juden sei erwähnt, welche seit Jahr und Tag die Aufmerksamkeit, nicht sowohl der Juden, als der russischen Regierung auf sich' lenken. Im Lande des Elends und des Jammers, im Ghettosumpse nämlich, ist ganz Ivider Erwarten, eine Passionsblütc entsprossen, ein bis dahin nie dagewesenes Geschlecht junger Makkabäer in Jakobinermützen, bekannt unter dem Namen „B u n d". Diese russisch-jüdischen Sozialdemokraten, die ganz stramm, nach deutschen! Muster organisiert sind, ans Fabriksarbeitern und hauptsächlich aus kleinen Handwerkern sich rekrutierend, haben den Marxismus in Bausch und Bogen dem Ghetto aufgepfropft, ohne Mcksicht ans Zeit, Raum und alle Lebensverhältnisse. In verbum magistri schwörend, erwecken sich durch ihr mathematisch abgezirkeltes Programm, welches keine Kritik und keinen Widerspruch duldet, den Neid eines jeden denkenden Menschen. Mit kühnem Mute, weder Gefängnis, noch Sibirien, noch den Galgen fürchtend, wollen sie in dem autokratischen Mßland, und gar im verelendigten Ghetto, mit Bomben und Revolvern iu der Hand, eine solche soziale Ordnung einführen, wie sie den Sozialdemokraten der kulturellsten Ländern Europas, mit Hilfe aller ihnen zu Gebote stehenden Kulturmittel, bis nun nicht.'gelungen ist Eines werden diese, zum größten Teile unreifen, politisch nicht geschulten,-über einen Schatz von einem ' Dutzend geflügelter Worte verfügenden „Bundisten" durch ihre immerwährenden Streiks wohl erreichen: die Proletarisierung, alias Verelendigung' selbst derjenigen Ghettojuden, welche sich bis nun noch einigermaßen über Wasser halten und sowohl sich, als auch diese Lumpenproletarier kümmerlich ernähren können. Das Schlimmste dahei ist, daß die russische bureaukratische Maschine, die über Millionen Pferdekräste