Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1906-02-09 · Heft 6 (9.2.1906) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692460-2692466--02207-2696786
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

FMikMitt. , r. .. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I ------ HlsdaKliorl "nd chefchäftsstelte: Srunkfurt u. M„ Leiligkreuzgaffe 32, Ecke Llapperfeldstraße Telefon 10507. -2u~:- HerauKgeböv: Sali; Geis. ,. > Jnsertionspreise: Die viergcspaltene Pctitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeilc.100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. l. ..;i 4. Jahrgang. Freitag, den 14. Schwat 5666 (9. Februar 1966». Ro. 6. Inhalt -es Hauptblattes. Schreiben des englischen Kolonial-Ministers an den Präsidenten der Jto, Mr. Zangwill. — Im an sai, mi. li I — Ungarischer Brief. — Die Rede Prof. Max Mandelstamm'S aus der Brüsseler Konferenz — Die Woche. — Aus aller Wett. — Feuilleton: Ein kleines Drama. — Kunst und Literatur.— Briefkasten. — Vakanzen. — Vereins- Kalender. — Famitiennachrichten. — Wochen-Kalender. Schreibe» des englischen Kolonial- Ministers an den Präsidenten der Jto, Mr. Zangwill. Downingstreet, den 26. Jan, 1906. Geehrter Herr: Lord Elgin ersucht mich, auf Ihren Brief vom 23. d. M. folgende Antwort zu geben: Er empfindet tiefe Sympathie mit dein Volke Ihrer Rasse in seinem jüngsten Unglücke und versteht vollständig seinen Wunsch, ein Land zu besiedeln, in dem es Sicherheit nnd Freiheit genießen könnte, und er wäre glücklich, wenn es sich als möglich erweisen sollte, irgend einen unbesetzten oder unentwickelten Teil des Britischen Reiches ausfindig zu machen, wo, wie Sie es wünschen, eine jüdische Ansiedelung mit guten Aussichten auf Erfolg geschaffen werden könnte. Lord Elgin unterschätzt nicht die Schwierigkeiten verschiedener Art, die der Realisierung dieser edlen Bestrebung im Wege stehen; er wird jedoch seine sorgfältigste und sympathischste Aufmerksamkeit jedem Plan schenken, der ihm vorgelegt werden wird. Ich verbleibe Ihr ergebener Bernard Holland. Im en ani, mi li! Zur Lage der russischen Juden. Noch sind die Ströme jüdischen Blutes und die breiten Spuren einer wahnsinnigen Zerstörung jüdischer Habe nicht getilgt, da schlägt uns die russische Bestie schon wieder neue Wunden. Und die neuen Wunden sind in ihrer Art noch gräßlicher lals die vorhergehenden. Denn was in Homel geschah, steht in der Weltgeschichte einzig da! Reguläre Truppen einer großen Armee überfallen in Friedenszeitcn friedliche Bürger ihres Landes und brennen ganze Straßen nieder. Am hellen Tage begießt man in aller Ruhe die Häuser mit Petroleum und steckt sie darauf an. Versucht einer der Besitzer, seine brennende Habe zu retten, so wird er niedergemacht: die Feuerwehr wird mit Kanonenkugeln empfangen. Fünf Millionen Rubel beträgt der angerichtete Schaden — und das in einer Zeit, in der nach einem unglücklichen Kriege das Land vor seinem wirtschaftlichen Ruin steht! Und der Grund für. diesen unerhörten Vorgang? — M«n höre und staune : Eine Anzahl friedlicher Bundisten war auf der Straße von der Polizei überfallen, auf's Revier geschleppt und dort in der gräßlichsten Weise mißhandelt lvorde», so daß einige vor Qualen der Tobsucht verfielen nnd der Rest schwer verwnndet in's Krankenhans überführt werden mußte. Darauf das Niederschießcn des Polizcikommissars seitens der Genossen der zu Krüppeln und Wahnsinnigen Gemarterten. (Die Nachricht, daß die Bundisten den Kommissar erschossen haben, wird neueren Meldungen zufolge dementiert. Die Red.) Als der „liberale" Graf die letzten Judenmassakres inszeniert hatte, ließ er durch dick Petersburger Telcgr.-Agentur, sein bekanntes Sprachrohr, als Entschuldigung bekanntgcben, daß dies eine Kontrerevolntion sei, die die Holigans aus Aerger über die proklamierte Gewährung der Konstitution in's Werk gesetzt hätten. Zwar mancher wußte, was man von dieser Behauptung zu halten habe — besteht doch das russische Volk zu 90 Prozent aus Analphabeten, die keinen blauen Dunst von politischen Fragen besitzen —; doch versuchte wenigstens die Regierung eine Entschuldigung, indem sie ihre verbrecherische Handlung ans die Holigans abwälzte. Allein die Welt hat inzwischen gelernt, über Verbrechen der russischen Regierung sich nicht aufznhalten — nnd da sagt sich eine weise Regierung: Wozu sich unnötig in Unkosten stürzen und den Holigans, dieser feigen nnd undisziplinierten Horde, für ihre Mordbrennerei 2b Kopeken pro Tag und Kopf zahlen? Man verwende lieber die Armee, die taugt ja doch für nichts anderes. Die Sache ist also sehr einfach und klar: Rußland darf die widernatürlichsten und bestialischsten Grausamkeiten begehen — Europa sieht gleichgültig zu; — nun, so begeht es eben diese Taten. Fern sei es uns daher, an die russische Regierung oder an die zivilisierte Welt zu appellieren. Der Appell des jüd. Volkes ist ein Ruf in die Wüste; wir stehen in der Welt hilflos da und sind nur auf unsere eigenen Kräfte, wenn sie auch noch so unzulänglich sind, angewiesen. Und unsere Hilfe? — Wir glauben, es ist an der Zeit, daß wir an unsere östlichen Brüder selb st appellieren, daß sie etwas mehr Vorsicht an den Tag legen und doch etwas mehr Rücksicht als bisher auf die Regierung zu nehmen sich befleißigen. Wir haben bereits vor Monaten, während alle^Welr, insbesondere unsere russischen Brüder, die Bureaukratie tot sagten, den Juden Rußlands den Rat erteilt, bei den kommenden Wahlen keine Parole zu proklamieren, unter allen Umständen aber sich für die extremen Parteien nicht zu sehr zu engagieren. — Man verstehe uns recht: die Juden sollen durchaus nicht zu der verruchten, henkerischen Regierung halten, das ist einfach unmöglich; auch der orthodoxeste Jude, der sonst gemäß der Ueberlieferung für Thron und Regierung zu beten hat, darf nicht für eine solch' verlotterte, gewalttätige Regierung eintreten. Es wird auch ein Halten zu der Regierung nicht viel nützen, ist doch die Zurücksetzung und Bedrängung anderer Nationalitäten ein System! — Uebrigens haben sich die russischen Juden seit jeher als ein ruhiges, für da s Wohl i h res Land eNlebendesElem e »t bewährt, und ist ihr Groll und ihre Erbitterung gegen die russische Regierung erst neuern Datums, erst seit der Zeit, da das Maß ihrer Leide» übervoll und ihre Lage ganz unerträglich wurde. Aber auch dann »och blieb es bei der Erbitterung, die, als die Presse freier zu atmen begann, ans dem Papier zum Ausdruck gelangte. Die einzige», die ihre Erbitterung in die Praxis umsetzten, sind die Bund! st e n, die sich zwar als j ü d i s ch c revolutionäre Organisation konstituiert haben und als solche auftrcten, indem sie von einer indischen Autonomie sprechen, die aber eher international — im besten Falle russisch-national — als jüdisch-national sind. Diese Bundisten sind es, die der Judenheit Rußlands unendlichen Schaden zugefügt haben, denn ihr Tun als geschlossene jüdische Organisation läßt die Regierung, wenn auch ohne Recht, die gesamte Judenheit entgelten. Gegen diesen „Bund" vorzngehen, indem sie ihn durch Wort und Schrift planmäßig bekämpft, wäre Sache der russischen Judenheit, und zwar muß die Initiative hierzu von der jüd. Intelligenz ausgehen. Bekämpfen doch die Zionisten durch die Pauale Zion schon längst de» Bund, und wäre so nunmehr oie Reihe an den Antizionisten, an den Russen mosaischer Konfession, eS gleichfalls zn tun. Diese müssen eine Kontrc-Ovgaiiisation gründen, die sich die Bekämpfung des Bundes zur Aufgabe macht. Nach unserem Erachten hat eine Bekämpfung auf Erfolg Aussicht, wenn eine jüdische Arbeiter-Partei auf s o z i a l j ü d i s ch c r Basis dem Bund entgegengestellt wird. Daß die Bekämpfung des Bundes nicht von der Orthodoxie ansgchen darf, braucht nicht gesagt zu werden, denn alles, was unter der Devise Tradition und Religion geht, ist bei der gegenwärtigen Jugend Rußlands noch mehr als verpönt. Die Orthodoxie Rußlands hat, während sie noch bei dem größten Teil der russischen Jugend im Kredit war, nichts getan, sie hat einfach geschlafen, jetzt muß sie abwarten, bis ruhigere Zeiten kommen und die Wogen der Revolution sich gelegt haben. Wohl sind wir uns dessen bewußt, wie schwer es fallen muß, im gegenwärtigen Stadium, in dem dank dem wahnsinnigen Treiben der terroristischen Regierung alles von der Luft des Anarchismus 'geschwängert ist, eine vom Geiste der Besonnenheit und Oportunität getragene Agitation zu bewerkstelligen; — allein, es muß geschehen: die bedrohte Lage der russischen Judenheit erheischt's! Alle Zeichen, die Verhängung des Belagerungs- Zustandes — ein Umstand, der die freiheitlichen Elemente von der Wahlurne zurückdrängt — die Gleichstellung des Senats mit der Duma u. dgl. mehr, sprechen dafür, daß in der Duma eine reaktionäre Mehrheit sitzen wird; und mithin muß die Judenheit eine Haltung einschlagen, die wenigstens den besseren Elementen der Konservativen zur Klage keinen Anlaß gibt. Die Judenheit Rußlands muß ihre Haltung der Regierung gegenüber etwas ändern; sie muß sich aller radikalen Worte und Handlungen, die wie Feuer aus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.