Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 5. LSl« a. Rh. Die .Kölnische Zeitung', veröffentlicht folgenden Brief des Geheimen Kommerzienrat Goldberg -Berlin (siehe hierzu die Rubrik „Preßstimmen" in der vorigen Nummer unserer Zeitung): „In Nr. 52 Ihres geschätzten Blattes vom 17. Januar spricht Ihr Mitarbeiter von Tanger aus über „Deutschland und die Alliance Israel i t e in Marokko". Er nennt die Alliance rühmend eine „Kulturträgerin" und erwähnt zustimmend eine Reihe anerkennender Aeußerungen über das „schöne Werk" der Alliance Jhraelite llniversellc speziell in den von ihr eingerichteten und teilweise unterhaltenen Schulen in Marokko. Er betont, daß die französische Sprache die Unterrichtssprache in diesen Schulen sei, und bemerkt mit Mißfallen, daß die hierin liegende Förderung französischer Interessen in Marokko aus Beiträgen der Alliance Jsraelite Universelle betrieben werde, von denen „ein sehr großer Prozentsatz" aus Deutschland, von deutschen Juden alljährlich stamme. Jü Sperrdruck wird hervorgehoben, daß deutsche Interessen durch deutsches Geld geradezu geschädigt würden, und daß es eine einseitige Bevorzugung französischer Interessen sei, „wenn derjenigen Bevölkerungsklasse Marokkos, die auf Jahrhundert hinaus das kaufmännische Vermittelungsglied bilden laird, den Ir,den, niit deutscher Hülfe der Weg in andere Länder gewiesen, wenn den jüdischen Kaufleuten Marokkos eine Brücke zu nichtdeutschen Ländern ge schlagen wird, wo wir nach dem Grundsatz der Gleich berechtigung eine solche nach Deutschland führend! Brücke ebenfalls beanspruchen können und müssen.' Als Vorsitzend er der deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance I s raelite Universelle bitte ich um die Erlaubnis, die Ausführung Ihres Herrn Mitarbeiter? in einigen Punkten zu berichtigen und zu ergänzen: Die Alliance Jsraelite Universelle hat in Marokko wie überall in der Welt zum Zweck, für die Gleichstellung und den moralischen Fortschritt der Inden zu wirken und denjenigen, die in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, eine wirksame Hülfe angedeihen zu lassen. Das Mittel zu diesem Zweck wird ^in der Hauptsache in der Organisation eines guten Lchul- Handwerks- und Landwirtschafts-Unterrichts und in der Bereitstellung der hiersür benötigten >Lubven tionen gefunden. Das ist so sehr der Fall, daß man der Alliance schon den Namen eines großen Schul- Vereins beigelegt hat, auf welchen Namen sie stolz ist. Selbstverständlich hat die Alliance Jsraelite Uni verseile bei der Einrichtung von Schulen in fremden Ländern die Förderung der Bevölkerungsteile im Auge, für die sie die Schulen einrichtet und unterhält. Diesem Ziel paßt sich der Schul- und Un terrichtsplan an. Ebenso selbstverständlich ist, daß der beteiligten Bevölkerung, der eine Erleichterung der Schullasten seitens der Alliance zugewendet wird hinsichtlich der Unterrichtssprache ein Mitbestim mungsrecht zusteht. Jin Orient wird deutscher Un tcrricht in einer Reihe von Schulen der Alliance erteilt, nämlich in den 6 Knaben- Und 2 Mädchenschulen in Konstantinopel, in den Knaben- und Mädchen schulen von Salonik und Adrianopel, in den Schulen von Rustschuk und in der Knabenschule von Jerusalem Seit geraumer Zeit ist die Alliance bemüht, diesen Un terricht allmählich auch noch andern Zentren des Schulwerks, namentlich in Bulgarien lvon der bulgarischen Regierung wurde das Französische für de» fremdsprachlichen Unterricht für obligatorisch erklärt und in der europäischen Türkei auszudehne», und di! Alliance hofft, diesen Plan mit Hülfe der beteiligten Gemeinden zu verwirklichen. Die Unterrichtssprache in den marokkanischen Alliance-Schulen ist Französisch. Der deutsche Unterricht konnte bei der vor länger denn .40 Jahren erfolgten Einrichtung der Schulen kaum in Betracht kommen. Der in der jüngsten- Zeit eingetretenen Veränderung der allgemeinen Situation — darin stimme ich mit Ihrem Herrn Mitarbeiter überein — wird Rechnung getragen werden müssen. Nimmt der marokkanische Handel in Zukunft seine Orientierung mehr nach Deutschland, so wird das in dem Unterrichtsplan der Alliance-Schulen in Marokko selbstverständlich zu berücksichtigen sein. Die Politik hat damit nichts zu tun. Wir werben uns zu Dienern eines einseitigen französischen Interesses niemals machen und unsere französischen Glaubensgenossen werden uns das niemals znmuten. Werdas Gegenteil behauptet, leistet einer bedauerlichen Legendenbildung Vorschub. Die Alliance Jsraelite Universelle nimmt Bei träge von den Israeliten aller Länder entgegen und läßt ihr Hülsswerk den Israeliten aller Länder nach Maßgabe des Bedarss und der vorhandenen Mittel zugute kommen. Nicht die Wünsche der Helfenden sondern die Interessen der Unterstützenden geben hierbei den Ausschlag. Für ein deutsch-nationales Hülfswerk sind die deutschen Juden gleich ihren christlichen Mitbürgern jederzeit opferwillig bereit: die Alliance Jsraelite Universelle darf dafür weder von Paris noch von Tanger au? in Anspruch genommen werden. Zum Schluß muß ich noch mit einiger Beschämung festellen, daß Ihr Herr Mitarbeiter den Anteil der deutschen Juden an den Wohlfahrtsausgaben der Alliance Jsraelite Universelle außerordentlich über schätzt. Die deutschen Beiträge zur Alliance haben im Jahre 1904 noch nicht 70000 Franken betragen, während sich die Aufwendungen der Alliance für ihr Kul turwerk in dem gleichen Zeitraum auf 1416 086,76 Franken beliefen. Ich hoffe, daß sich dieses Verhältnis durch Erhöhung des deutschen Beitrages ändern wird." Breslau. In ihrer Sitzung vom 25. ds. Mts. haben die Stadtverordneten 5000 Mark für notleidende deutsche Reichs» »gehörige in Rußland bewilligt, dagegen die beantragten 5000 Mark für die Opfer des M a s s a c r c s nicht genehmigt. Es hatte den Anschein, als ob die. von den Antisemiten ausgesprengte Behauptung, cs würden auch revolutionäre Elemente von diesem Gelbe init unterstützt, bei dieser Ablehnung eine Rolle spielte. Pose«. Die nunmehr vorliegenden Zahlen der Volkszählung konstatieren für die Provinz Posen eine Abnahme d e r j ü d. Bevölkerung. Diese Abnahme dürfte auf die gleichen Gründe wie die verhältnismäßig geringe Zunahme der protestantischen Bevölkerung zurückzuführen sein. Beide wurden bemerklich, als ein polnischer Mittelstand sich bildete und die polnische Jugend sich Erwerbszweigen zuwendete, die früher fast ausschließlich Protestanten und Juden genährt hatten, lind je weniger die jüdische Bevölkerung an der Feldarbeit sich beteiligt hatte, die den Arbeiter an den Boden fesselt, um so mehr mußte gerade sic unter der neuen und von Jahr zu Jahr sich steigernden polnischen Konkurrenz leiden. Jedenfalls zog sic sich den Haß der Polen in derselben Weise auf sich wie die protestantische Bevölkerung, und heute kann man kaum ein polnisches Blatt lesen oder einen Bericht über eine „Straz"-Versammlung überfliege», ohne der Mahnung zu begegnen: „Kaust nicht bei Deutschen und bei Juden!" Grätz lPosen), Masse-Stiftung. Wie das Grätzer Kreisblatt" erfährt, errichtet Herr Rudolf Masse aus Anlaß der silbernen Hochzeit des Koiserpaares in seiner Vaterstadt Grätz eine Stiftung i m B e t r'a g c von 150 000 Mark. Ein Teil derselben.soll zu Erweiterungen und Aenderungen des Dr. M. Mossc-Krankenhauses, der Hauptbetrag zur Errichtung eines Heim für bedürftige alte und gebrechliche Personen beiderlei Geschlechts und ohne Unterschied der Konfession dienen. Oesterreich-Ungar». Prag, 28. Januar. Gestern Abend fand im Prunksaale des Cafe Orient eine von den cechisch-jüdischen Vereinen einberufene Protest-Versammlung gegen die von jüdisch-nationaler Seite verlangte „Jüdische Wahlkurie" statt. Die nicht sonderlich stark besuchte Versammlung präsidierte der cechische Jude Dr. Reiner. Referat und Debatte brachten keinerlei neue Gesichtspunkte; auch die zahlreich anwesenden Zionisten konnten die Diskussion nicht interessanter machen, da die cechischen Juden steif und fest auf dem Standpunkte stehen und beharren, die Juden seien keine Nation. An der Diskussion beteiligten sich von cechischer Seite Magistratsrat Dr. Stein, von dem zu wünschen wäre, daß er seine glänzende Rednergabe in den Dienst einer besseren Sache stelle, und Advokat Dr. Bondy; von zionistischer Seite Lebenhart, Gach, Faefl. Die Versammlung lvnrde, bevor es zu einer Resolution kam, um Vit Uhr aufgelöst, da die Zionisten einen cechisch-jüdischen Redner, der sie kürzlich schwer beleidigt hatte, nicht anhören wollten. Czernowitz. Sowohl in der Bukowina, als auch in Galizien erwarben viele Juden ihren Lebens,», terhalt als Propinations-Pächtec und Branntweinchänker. Der Landtag der Bukowina hat nun ein Gesetz zur Aufhebung des Propinationsrcchtes und Einführung erhöhter Schänkgebühren aiigenoimnen. Um gegen dieses Gesetz, welches zahlreiche jüdische Existenzen mit V e r u.i chtung bedroht, z>r protestieren, fand hier unter Vorsitz des jüdischen Reichsratsabgeordneten Dr."S tranchcr eine zahlreich besuchte Versammlung der Interessenten statt. Der Protest wurde dem Ministerpräsidenten und dem Finanzminister nach Wien telegraphiert. Nadas (Comitat Preßburg). Fa st tag wegen Erdbebens. Da iu letzter Zeit in unserer Gegend wiederholt gefahrdrohende Erdbeben — in Nadas haben bereits fast aUe Gebäude Nisse und Sprünge davongetragen, die Synagoge ist dem Einsturz nahe — verspürt wurden, ließ die hiesige israelitische Gemeinde bereits zweimal Tehillim sagen und besondere Gebete verrichten. Auf Anordnung des Rabbiners wurde auch ein Fasttag -angesetzt, au dem man Selichans und Oioinu Malkenu sagte und Wajechal leinte. manka, Boljschajastr., Hans Kessel, eigener Laden, sagt aus: In Glasmanka besitze ich einen Tabaklade». Am Sonntag vor acht Tagen und am darauffolgenden Montag kamen 'mehrere Mal Dragoner und Kosaken zu mir und nahmen Tabak, Zigaretten, Streichhölzer und andere Sachen weg. Ms mein Mann den Laden geschlossen hatte, kamen zwei Dragoner und sagten ihm, daß, wenn er den Laden nicht öffne, sie ihn erschießen würden. Ter Mann öffnete und die Dragoner raubten den Laden aus. Ich füge hinzu: Vor zwei Wochen erschossen die Dragoner einen 60jährigen Greis, den tauben Minascha, der am hellen Tage, um 12. Uhr, aus dem Bethaus ging. An demselbeic Tage haben sic ein 16jähriges Mädchen, namens Simcha-Elka, erschossen, das bei sich zu. Hause saß und Tee trank. Die Sache spielte sich-folgendermaßen ab. In Glasmanka war es damals ganz ruhig. Durch die Straße ging ein Lette, der etwa 50 Jahre alt war. Ein Soldat schrie: „Halt!" Der Lette erschreck und lies in das nächste Hans. Ter Soldat schoß und durchs Fenster traf er das obengenannte Mädchen. Mit der Nagaika peitschten die Dragoner etwa 50 Juden und Letten aus. Einige von den Ausgepeitschten liegen noch bis jetzt im Krankenhause. Die Dragoner össnen die Läden durch Nachschlüssel und rauben." Der zweite Auszug lautet folgendermaßen: „Glasmanka, auch Donner und Trentelberg genannt. Am 13. Januar. Die Kleinbürgerin <sorn Schlemowna Atlas, Jüdin, 48 Fahre alt, wohnhaft in Glasmanka, eigenes Haus auf dem alten Platz." „Einige Tage vor Sonntag den 3. Tezaiuber drangen die Soldaten und Dragoner ohne Offiziere in die Läden ein, schlugen auf die Bewohner los, und unter dem Vorwand, daß man nach Waffen suche, nahmen sie alles mit, was von einigem Wert war. Am Sonntag hörte ich von den Einwohnern, daß man das Haus schließen dürfe und Soldaten ohne Offiziere nicht einlassen solle. Am Sonntag, den 8. Januar, um 12 Uhr mittags, begann meine schwangere Tochter zu entbinden, lim den, Lärm und dem Einbruch der Dragoner vorznbeugen, schloß ich das Haus ab. Abends, während der Gcburtsschmerzen der Tochter, kamen etwa 10 Dragoner mit einem Offizier und erklärten, daß sie eine Haussuchung veranstalten wollten. Ten Offizier sah ich nicht, aber die Nachbarn sagten, daß er neben dem Hause stehe. Die Soldaten forderte», daß man ihnen öffnen solle. Tie Hebamme sagte, daß das nicht anginge. Darauf erbrachen sie die Tür. Die Hebamme führte eine» Dragoner zu der Tochter, dann gingen alle das Gartenhaus zu durchsuchen. -Einige Minuten später kamen weitere zwei Dragoner und begannen zu rauben. Den Händen der älteren Tochter Chana entrissen sie eine Schatulle mit 115 Rubel barem Geld, eine goldene Uhr und Kette. Als die Tochter schrie, schlugen sie sic aufs grausamste, dann prügelten sie auch mich. Sie sehe», welch schreckliche Blutstriemen ich habe (Sara Atlas zeigte ihre Hände und die Brust, die mit schrecklichen Blutstriemen bedeckt waren)." „Rufs. Korresp." Rutzlaud. Petersburg. Berechtigtes Aufsehen erregte in Anwaltskreisen eine angebliche Aeußerung des Justizministers, der dem Bureau der Rechtsanwälte nahe gelegt haben soll, keine Juden mehr für die Advokatur in Vorschlag zu bringen; er werde; sie nicht bestätigen. Petersburg. Nachfolgende zwei Auszüge aus einem Untersuchungsprotokoll mögen die „beruhigende" Tätigkeit der bewaffneten Macht in den baltischen Provinzen beleuchten. Der erste Auszug lautet: -.Glasmanka, am 13. Januar. Tie Kleiubürgcrin des Ortes Glasmavka, Slowa Tavidowna Strunskaja, Jüdin, 35 Jahre alt, wohnhaft in Glas- Ein kleines Drama. Erzählung von Ben-Ami. Autorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von L. Caro. (Fortsetzung). Ich ging fort, doch war ich meiner Sache nicht ganz sicher. Und was für Gedanken mir da^ nicht einfielen, ehe ich einschlief — was ich mir nicht habe ausdenken können: Plötzlicherkranke R. Schmuöl und könne die Arbeit nicht fertig machen. Odessa. Die .Odessa« Nachrichten" vom 28. Jan. (15. alten Stils) enthalten folgenden, kaum glaublichen Bericht: Auf der Jekaterinenstraße rief ein Arbeiter den vorübergehenden Leuten zu: „Christen tretet zurück, da man gleich auf die Juden schießen wird." Bei diesen Worten legte er/auf einen Juden den Revolver an. Zwei Juden, S. Etinger und A. Helfand, die sich unter der Menge, befanden, stürzten sich auf den Arbeiter, um ihm die Pistole zu entreißen. Dem Arbeiter gelang es, zu entfliehen, erwürbe aber von der ihn verfolgenden Menge eingeholt und einem Schutzmann übergeben, der ihn aufs nächste Revier führte. A. Helfand begab sich bald aufs Revier, um sich zu erkundigen, ob der Arrestant wirklich eingeliefert wurde. Vor den Kvmmissar geführt, überhäufte dieser den Juden mit Schmähungen, die so ungeheuerlich waren, daß die russische Zensur ihre Wiedergabe zu veröffentlichen verbot. Der Manu „des Gesetzes" nahm den Arbeiter in Schutz mit den Worten, daß dieser das Recht hatte zu schießen, da er sich in Notwehr befunden habe.