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Neue jüdische Presse · 1906-02-02 · Heft 5 (2.2.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5. f Frankfurter Israelitischer FamÜienblaN- Seite L. Er klagt ja stets über heftige Kreuzschmerzen u»d Bauchschneiden, und er hustet ja, oft in den letzten Tagen. — Chinka drang darauf, das; er früher zu Bett gehe und Lindensast trinke. < Was nun, wenn er heute überhaupt uicht aus dein Bette kam! Man muß liugeachtet des Verbotes der Mutter, heimlich dorthinlaufen, — entschloß ich mich. „Leibele, Leibelc, wo steckst du denn dort, „zu alle schwarz' Jahr'' , ertönte die Stimmei der Mutter. Ich springe rasch von der Qnerschwelle, jaus der ich saß, herab, schlage dabei meineil bloßen Fuß an irgend einer Scherbe wund und laufe hinkend »ach dem Ruf der Mutter. Vor ihr, an jener Seite der Schwelle steht ans der Straße eine Frau mit Wasserträgern auf de» Schultern. Das ist die in uuserem Städtchen allbekannte Jandocha, die verschiedenartige Arbeiten bei den Jude» verrichtete. An den Samstagen nimmt sie die Leuchter vom Tisch herunter, steckt die Lichter an oder löscht sie aus, heizt die Oefeu, inelkt die Kuh oder die Ziege, wenn sich solche bei Jemandem finden; .sie bringt Wasser, putzt die Zimmer, Iväscht. Kurzum — sie ist ein unentbehrliches Glied in der jüdischen Gemeinde, unentbehrlich >vic der Syuagogendiener, wie der Badeheizer „Alexa", von dem wir noch später zu spreche» haben werden. Alle kennen sie und sie kennt alle. Sie benimmt sich den Aclteren gegenüber so ziemlich fainiliär; den Straßenbuben macht sie Vorschriften, hält vor ihnen Moralpredigten ob ihres schlechten Betragens, droht mit dem Rebbe (Mclamed, Lehrer), den Eltern. Gewöhnlich schleppen sich hinter ihr zwei, drei! Kinderchen nach, in bloßem Hemde, barfüßig, mit zerzaustem, slachsartigem Haar. Sie selbst ist eine Frau von mittlerem Alter, schmal, blaß, mit einem unbestimmten Gesichtsausdrnck und kleinen, grauen Augen. Sie ivohnt ganz am Ende der Stadt, hinter einer Mühle, in einer sehr kleinen Erdhütte. Ihr Mann ist vor einigen Jahren irgendivo verschwunden — was ihr sehr willkommen lvar, da er ihr wie eine überflüssige Lase ans dem .Hals hing: denn er versaufte die kläglichen Groschen, die sie sich mühsam errungen. Sic ist jetzt in einen zerfetzten, graneic Bauernkittel gekleidet, mit einer Taille das einzige Erbteil von ihrem Manne — über dieblaue Banernjacke n»d das grobe, leinene .Hemd nmlvorfen. Die Füße bloß, ans dem Kopf ein gclvisses Etivas, das bald wie ein Shwal, bald lvie ein Lnmpenstück aussicht. Die Mutter steht im Vorhanse, hart neben der Schwelle. Sie trägt ein schmutziges Zitzkleid von. unbcstimmter Farbe; auf dem Kopfe eine ebenso schmutzige Haube, die vorne ■ durch einen großen Knoten znsammengebnnden ist. IN der einen Hand hält sie, ciic Töpfchen mit dem Rest des vorjährigen, feuchtgclvordencn und durchrostetcir Pessnch-Salzes, in der anderen —i ein Pfännchen. Sie unterhandelte mit Jandocha, daß diese für die Festtage ein Füßchen mit Wasser anfüllc, und dingt unerbittlich uni den Preis. Jandocha verlangt zwei Kopeken für ein Paar, und die Mutter bietet anderthalb. * Jandocha gibt nicht nach — da wir das ganze Jahr hindurch von ihrer Tienstbercitlvilligkeit keinen Gebrauch machten. Kühe und Ziege haben wir, Gott sei Tank, nie gehabt, die Leuchter bleiben bei mns den ganzen Tag auf dem Tische stehen, >vas -uns. keineswegs geniert; vor der Kälte an den Winter-Samstagen verstecken wir uns auf dem Ofen, > der die Wärme der Freitags-Heizung unter verschiedenen Lumpcnstücken ausbewahrt. Wasser holen nun meine ^Schwestern allein, selbst in den schrecklichsten, Wirbelwinden und Fröste» — andere Arbeiten verrichten sie auch selbst, gemeinsam mit der Mutter. Eben darnin erlaubt sich Jandocha, mit der Mutter in einem so rücksichtslosen Ton zu sprechen und auf alle ihre Einwände barsch zu antworten: „So sage doch schneller, Rachel, gibst Dn oder gibst Du nicht, denn ich habe keine Zeit: ich muß noch zu Chansi gehen, dann zu Dndichi und zu Hcrschelichi (die „Herschels-Fran", d. h. die Frau Herschels, Hirsches)." Meine strme Mutter war nun gezwungen, da sie befürchtete, sie könneüberhaupt ohne Wasser bleiben, nachzngebcn. Ich wurde zu einer unserer Nachbarinnen abgesandt, um noch einen Eimer zu bekommen, da wir nur einen eigenen Eimer hatten. Jandocha hängte an den Wasserträger die zwei hölzernen Eimer — die reinlichen, reizend weiße» — und wir begaben uns zum Brunnen. Ich mußte hinter ihr gehen und gut anfpasse», daß ja niemand in den Eimer Brot oder irgend was anderes, lvas das Wasser für den Gebrauch am Pcssach untauglich machen könnte, hineinwcrfe. Obgleich ich stets diesen Auftrag mit dem größten Vergnügen, ja sogar mit einem gewissen Selbstbewußtsein, auszuführen pflegte, ging ich doch diesmal, da ich so ungeduldig das Unkommen R. Schmuels erwartete, sehr ungern. Der Brunnen lag etwa zehn Minuten weg von unserem Hause entfernt, am Ende der Stadt, fast ganz am Fuße des Abhanges. Der Weg dahin ging entweder über die ansgetrockneten Mooshügelchen, oder durch den dicksten, tiefen Schmutz, in den die bloße» Füße versanken. Und diesen Weg mußte ich zehnmal hin und zurück gehen. Jedes Mal näherte ich mich mit Herzklopfen unserem Hause in der Ucbcrzengnng, daß;öic Schuhe dort auf mich bereits lange warten. . . . Noch ans der Ferne erkundigte ich mich darüber bei all denen, die ich imr im Hofe antraf. Doch erhielt ich jedes Mal eine und dieselbe verneinende Antwort, die mich ganz in Verzweiflung brachte. Endlich wurde unser Füßchen ganz angefüllt und mit einem großen dicken Gewebe bedeckt, durch welches man Wasser dnrchseihte — und außerdem noch mit zwei halben Deckelir, die zu diesem Ziveck von Jahr zu Jahr aufbewahrt wurden. ES war gegen zwei Uhr nachmittags. Unserem Hanse gelang es indessen, vollständig umgestaltet und ganz unerkennbar zu werden. - Selbst in dem Halbdunkeln Vorhaus, wo—es immer so schwarz, schmutzig war; Ivo die Dielen von Löchern dnrchwühlt und die Wände abgeschält sind — selbst hier atmet etwas ganz Außergewöhnliches. — Tie Wände find mit Lehm bestrichen, die abgerupften Stellen sind verklebt, die Löcher ausgeglichen, der ganze Boden ist mit klein zerhackten Stcinche» bestreut. Ans dem Vorhaus führt die Tür nach der rechten Seite in unsere eigentliche Behausung — in ein großes, etwas niedriges Zimmer mit zwei Fenstern, die auf einen großen Platz hinansblicken, welcher Frühling und Sommer mit Gras bewächst. Dieses Zimmer ist stets verräuchert, muffig, verrammt, mit seinem, infolge des znsammengctragenen Schmutzes hügelartig ausschcnde» Erdboden; mit seinen bestäubten, düsteren Wänden und Plafond — diese feuchte, unfreundliche Bude mit ihrer immer abstoßenden Unordnung, wurde nun in eine wunderbare Wohnung verwandelt, wo alles vor Reinheit und Weiße glänzt und strahlt; Ivo ans jedem Winkel eine unansdrückbar, feierliche Wärme strömt; wo alles von Hellem Schein nbergofsen ist. Woher mit einem Male dieser wundervolle Zauber, den die ganze Seele ergreift, der ins Tiefste des Herzens eindringt! . . . Schauet mal her! Hier ist ja dieselbe armselige — Gott, welch eine armselige — Einrichtung: das Bett nitt. den gewöhnlichen Decken und Kissen; ihm gegenüber, an der gegenüberliegenden Wand -ch etwas in der Art eines Sophas oder vielmehr: eine breite Bank mit Rückenlehne; ein breiter, großer Kasten, der .als Bett für die älteren Schwestern dient; ein .stark wackeliger Tisch; drei ungefärbte Stühle: zwei Bänke; ein Wandschaff, bis znm Plafond mit Büchern voll; zwei Wandlenchter ans Messing — das ist nun alles. Und doch nahm jetzt all dies eine ganz andere Gestalt an; es sieht nicht mehr so erbärmlich, uicht mehr so ärmlich aus. (Fortsetzung folgt.) Er wurde bemerkt. Skizze von M. A. G v n z a r (Berlin). Schmnl, den Gemüsehändler, kennt jedermann, besonders jede Frau in der Stadt — und doch kennt ihn niemand. . . . Man sieht ihn morgens auf dem Markte, wo er vor seinem Tischchen! mit Aepfcln steht und abends im „Bet-Hamidrasch" — doch niemand beachtet ihn. Wenn jemand ans ihn zuging — kaufte oder nicht kaufte, auf den Preis cinging oder nicht — nachdem er vorüber war, vergaß er ihn. Schmnl war eine der Existenzen, die^ unenttz behrlich und die man doch nicht empfindet. Du gehst an ihin vorbei, betrachtest ihn und vergißt, daß dn mit ihm gesprochen, das; du dich eine Minute mit einem „Jemand" beschäftigt hast. . . . Man weiß kaum, ob Schmnl selbst für sein Dasein Interesse hatte. Er stand im Morgengrauen auf, um „Schachris" -zu beten — betete, um nach dem Markte zu gehen, dort sein Frühstück, Brot im kalten Wasser geweicht, einzunehmcn — stand den ganzen Tag an seinem Tischchen, um am Abend spät nach Hause zu kommen, müde auf das Bett zu fallen, um morgen von neuem dasselbe wiederholen zu müssen. . .. Auch im „Bet - hamidrasch" waren Schmnls Spuren kaum erkennbar. Ter finstere Winkel zwischen Ofen und Bücherschrank genügte ihm. Dort verbrachte er seine Ruhestunden — Sabbat und Feiertag — las Psalmen, verrichtete sein Gebet und erfüllte so seine Pflicht zu Gott dem Herrn — verborgen, still — niemand sah — niemand merkte es. . . . Er war von Gott nicht verwöhnt — stand ihm auch nicht nahe. Er tat nur das, was Gott ihn geheißen — ohne Andacht — ohne innere Begeisterung — und machte auch keine besonderen Ansprüche an ihn. Manchmal schlnmmertc er mitten im Gebet ein, schloß seine Augen, öffnet sie, und nichtwissend, Ivo er anfgehört hatte, begann er sein Gebet von neuem .... lallte einige abgebrochene Worte — schlief müde ein und seine Lippen bewegtensich noch .... Nie wurde er zur Thora anfgernfen — er suchte auch nicht seine Ehre darin. — Brauchte man jemand zum „Minjan", vergaß man ihn. Wenn es vorkam, daß einer der „Bal-Habattim" seinen Rainen nannte, trat er aus seinem Winkel, und durch eine leichte Handbewegnng gab er seine minderwertige Anwesenheit kund .... und kehrte in sein 'Winkelche» zurück. Nur der „Tchamcs" bemerkte ihn von Zeit zu Zeit, wenn er sein Winkclchcn kehren mußte — da hieß cs — weg!— Schmnl mußte zwar nicht, wozu die Mühe des Kehrens . . . drückte sich doch an die Seite, als wollte er für sein elendes Dasein um Entschuldigung bitten. . . . Als er „mit Masel" seine Tochter verheiratete, lnd er alle „Bal-Habattim" des „Bct-Hamidrasch" ein, doch niemand erschien. Aber es kam die Zeit, wo auch seine Stunde schlug. Der alte Schmnl hatte auch eine alte Seide, die jeden Tag mit ihm Gemüse auf den Markt trug, im Winter mit ihm fror, täglich mit ihm sein im Wasser geweichtes Brot aß. Tie Kälte wurde immer unerträglicher, die Gemüsekörbe schwerer, da überschtng Selde eines schönen Tages ihre Jahre, es waren schon sechzig an der Zahl, besann sich und ging in die andere Welt hinüber — allein, wartete nicht einmal aus . Schmnl. . . . als dachte sie, es bleibt gleich, wer von beiden der erste ist. . . . Auch die übrigen Selbes und Jentes wurden nicht von ihrem Tode überrascht und'erschüttert . . . ES schien, als dachten sie, cs muß so sein; heute geht Seide, morgen Golde, übermorgen Lea, bis mit den alten Weibern aufgeräumt ist. . . . Selde hatte sich einen guten Tag. gewählt, an dem sie in die vollkommenere Welt hinüberzvg — einen Freitag. Tie Nachbarinnen, die sie begleiteten, beneideten sic fast: wenn sie heute in den Himmel kommt, läßt man sie in Rühe den Sabbat feiern bis üwrgen Abend. — Selbe hatte auch gut getan, in der frühen Morgenstunde zu sterben, die Weiber konnten noch von der „Lwajc" beizeiten nach Hause kommen — und den Sabbat vorberciten. Auch Schmnl kehrte gleich zurück und setzte sich auf die Erde. Eine „gottcsgelehrte" Nachbarin sagte ihm, daß er heute, Freitag, nur eine Stunde Trauer halten müsse — das übrige „trägt der Sabbat". Nach einer Stunde stand er auf, — cs kam die Zeit, in's „Bet-Hamidrasch" zu gehen und den Sabbat zu empfangen. Als der Vorbeter im „Bet-Hamidrasch" bis zu dem Sabbatpsalmlied gekommen war, winkte ihm der Rabbi, er solle hinein kommen. — Leise schlich er durch die offene Tür. „Gott tröste Sie mir den trauernden Zions und Jerusalems" rief der Rabbi. Die Betenden drehten sich um, als suchte jeder etwas in Schmnls Gesicht. ^Schmnl laS Kaddisch. Zum ersten Mal lenkten sich diel Blicke auf ihn — vielleicht dachte man auch eine» 'Augenblick an ihn. . .

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