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Neue jüdische Presse · 1906-02-02 · Heft 5 (2.2.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. das andere nennt sich seiner Niedertracht nnd Verschlagenheit gemäß,. Regierungskomitee. In der Gewalttätigkeit und Sinnlosigkeit ihres Handelns sind sich beide ebenbürtig. Ter Unterschied besteht nur darin, daß das elftere sinnlos nnd!daher mit schlechten Mitteln für eine gute Lache nnd das letztere dagegen mit schlechten Mitteln für eine schlechte Sache kämpft. Tenn hat crstercs ans seine Fahne Freiheit, Recht, Gleichheit und Aufklärung geschrieben, so tritt letzteres für Unterdrückung Entrechtung, linglcichheit nnd Unwissenheit ein. lind so bekämpfen sich die beiden terroristischen Parteien seit Monaten. Tie Partei der Revolutionären zieht dabei den kürzeren, da sie tollkühn, während die Partei der Reaktionären äußerst feige ist: und dabei kommt noch ein Umstand in Betracht, daß letztere die große Unwissenheit der großen Massen des großen Landes als gute Gehilfin.im Kampf mit ihrer Gegnerin hat. Und der Kamps wütet, der Kampf dauert fort. Eine jede meint, was sie tun, ist lediglich zur Errettung des Landes: — nnd dabei wird das Land zu Grunde gerichtet. Turnowo behauptet, die Revolution sei überwunden, sic sei zu Ende: — nnd doch ist sie erst iiu Beginn, im Anfangsstndiuui. Und die Juden? — Tie Juden bluten doppelt, bluten tausendfach! Tie ganze Wucht des zweifachen Terrors fällt auf sie herab. Als Ausbeute-Objekt für alle Welt von jeher, wird von ihnen Unmögliches verlangt, und so iverden sic buchstäblich zermalmt. Ilich steht ihnen etwa eine nahe.bessere Zukunft bevor? — Ter Czar hat Zeit, „er io i l l nachdenke n." Am Schlüsse ihrer Rezension über das so unliebsames Aussehen erregende Friedländersche Buch, ichrcibt die Frankfurter Zeitung: „Indessen, darin hat die orthodoxe Theologie unzweifelhaft Recht, daß das Judentum -als Rasse wie als Religion allein durch Festhalten am über lieferten Ritus der Väter vor dem Untergänge bewahrt werden kann." Tiefe Bemerknng in einem Platte, das sich nni die Assimilation unbestreitbare Perdieuste erworben hat Und planmäßig dafür ivirkt, hat uns als gesetzestreue Zionisten sehr gefreut. Wir möchten sie ebenso unseren Kultnrzionisten ins Stammbuch schreiben, als auch den überzeugt-frommen Juden, die ihre Lebeusanfgabe in der Bekäinpfung des Zionismus erblicken und alles dessen, was er nntcrnimint. Lassen sic sich von den Freunden nicht zeigen, ivas sie könnten, sv nehme» sie vielleicht von dem Feinde die Lehre an, was sic sollten. Toch auch der kleinen Cousine der Frankfurter Zeitung — pardon der K leinen Presse.— sei die Bemerkung empfohlen. Tann braucht sie sich nicht mehr darüber anfznhnltcn, daß im Zionismus initner mehr die religiös-orthodoxe Richtung in den Vordergrund trete, ivenu die wahren Jndcir in Bezug auf die Schule das verlangen, was sie für nötig halten. Oder sollen sic sich erst bei der Kleinen Presse darüber Rats erholen? klebrigen-? hat der Referent der Zionistiichcii Bereinigung nicht von der demokratischen Presse behauptet, daß sic 'ihre Leser aus parteipolitischen Gründen über den Charakter der Simultanschnle im unklaren lasse, sonder» von den demokratischen, freisinnigen nnd nationalliberaleu „Tcutschen, jüdischen Glaubens", die verschweigen, daß die Simultanschnle eine rein christliche Anstalt ist. Tankbar wären >vir bei dieser Gelegenheit übrigen der Kl. Pr., wenn sie uns mitteilen ivolltc, lvann und Ivo sie über alle die Hindernisse berichtet hat, die man der Anstellung der wenigen jüdischen LehrcrinM» in Frankfurt bereitet hat, nnd über die wenig würdigen Bedingungen, unter denen dies ge- . schchcn ist. Auskunft über die näheren, und ferneren ' Ziele des Zionismus erholt sich die Kleine Presse am besten aus Theod. Herzls zionistischen Schriften, die zz vor kurzem erschienen sind. Wir empfehlen ihr und -x allen unseren Gegnern dies Werk aufs beste und II— unseren Freunden. Pretzstimmeu. Unter der Ueberschrift „K o u s e s s i o n e l l e Gleichberechtigung?" lesen wir in der K ö l u. Ztg.: __ „Rach nnserni Bericht über die Sitzung der Stcuerkominissivii des ^Abgeordnetenhauses vorn Montag hat der Iuftizrninister v. Beseler auf eine Anfrage, ob er es nicht für, geboten erachte, Vereinen von Referendaren, welche jüdische Referendare ausschließen, das Unziemliche ihres Verhaltens zu erkennen zu geben, geantwortet, daß er mit Rücksicht darauf, daß sich jeder Beamte seinen Umgang selbst wählen könne, nicht in der Lage sei, dagegen einzuschreiten. Tiefe Antwort ist, ihre Richtigkeit vorausgesetzt, zu bedauern, denn es ist nicht erwünscht und für eine politische und kulturelle gemeinsame Arbeit nicht ersprießlich, wenn der Versuch einzelner Beamtenklassen, die ihren jüdischen Standesgenossen gewährten staatlichen Rechte der gesetzlichen Gleichberechtigung durch Mittel anderer Art, so in diesem Falle gesellschaftlicher Art, aufzuheben, von dem Vorgesetzten Minister nicht mißbilligt wird. Es handelt sich.bei den Referendarvereinen nicht um Bereinigungen beliebiger gesellschaftlicher Art, cS handelt sich vielmehr um Bereinigungen ans der Basis der Standesgcnossenschaft: alle, die dem Stande -an dem bestimmten Orte angehören, sind ohne weiteres Mitglied des Vereins. Während sonst eine Nichtaufnahinc in einen beliebigen Verein nur als ein entgehender Vorteil aufgefaßt werden kann, ist hier der gesellschaftliche Boykott eine direkte Schmälerung der zustehenden gesellschaftlichen Rechte, die um so schlimmer wirkt, wenn inan sich die Verhältnisse in niittlern und klei iiern Städten vergegenwärtigt, in denen alle Kreise, die mit den Iustizbeamte», den Verwaltungsbearnteu und Offizieren verkehren, einfach gezwungen werden, die jüdischen Referendare' anszuschließen, wenn sie nicht selbst boykottiert werden sollen. Aber darüber hinaus ist die gescllschastliche Zurückhaltung, weil sie eben die Standes genossen trifft, auch eine Tegradation der Betrosfeiicn in ihrem Charakter als Mitglieder des Inristenstandes, sic werden damit nicht allein gesellschaftlich, sondern auch als Instizbeamte zu StandeSgenossen zweiter Klasse hernntcrgedrückt. Niemaud wird iiuii billigeriveise von dem Minister verlangen, daß er den ihni unterstellten Beamten die Grundsätze vorschreibc, nach denen sie ihren Umgang zu wähle» hätte»: aber au dieser Verwahrung vermissen wir die ergänzende Bemerkung, daß auch er es bedauere, wenn seine jüdischen Standesgenojsen durch das Verfahren der Referendarvereine gesellschaftlich nnd amtlich aufs schwerste benachteiligt würden. Wenn irgend jemand, dann ist der Minister die berufene Stelle, zu verhüten, daß die den Juden von dem Gesetz verliehene Gleichberechtigung durch gesellschaftliche Boykottmaßnahmen gegen jüdische Beamte beeinträchtigt wird." Tiefen Ausführungen der Köln. Ztg. ist nichts hinznzusügcn, da sie voll und ganz zu unterschreiben sind. Es ist tief bedauerlich, daß auch die geheiligten .Hallen der Justitia durch den Antiseinitisinus entweiht werden: vor ihren Pforten sollte er doch wahrlich Halt machen! Tie Männer, in deren Hand die Wahrung des Rechts liegt, dürfte» wahrlich von der Schwere ihrer göttlichen Pflicht so durchdrungen sein, daß der Kampf der Temagogen -an sie nicht heranreicht. Berliu. Ungewöhnliches denkfeier, welche am 22. Januar im Neuen Kgl. Eine jüdische l Interesse erweckte die Sedenkfeier künstlerifchr Ge- Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt«. M. Im Anzeigenteil dieser Nummer befindet sich ein A n f r n f, den das- Komitee für die Errichtung einer M u ft cran ft a l t zur Bekämpfu n g d, e r S ä u g l i n g s st c r b l i ch k e it bekannt gibt. Ter Zweck dieses von Ihrer Majestät der K a i s e r i n angeregten Unternehmens ist in dein Aufruf näher angegeben. Demnach wird nicht eine Anstalt geplant, welche, wie die bestehenden Säuglingsheime, Mütterheiine, Kinderasyle oder Säuglingskrankenanstalteii dein örtlichen Bedürfnisse nach Anstaltsversorqnng der Säuglinge dienen soll. Vielmehr soll eine Zentralstelle für die Forschung ans dem Gebiete der Ernährung nnd Pflege der Säuglinge begründet werden, durch welche die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit für die Bedürfnisse der Bevölkerung nutzbar gemacht werden. Es steht zu hoffen, daß hierdurch alle bereits bestehenden und zukünftigen Anstalten der praktischen Säuglingssürsorge eine zweckmäßige Anleitung, die Uiilversitätsinstitnte wich tige Unterlagen für die Unterweisung der angehenden Aerzte sowie für die eigene Forschung erhalten und die breiten Massen der Bevölkerung die so dringend notwendige Aufklärung gewinnen werden. Ten Staatsbehörden und Geineinden aber wird die Arbeit der Anstalt eine sichere Grundlage für ein zielbewußtes Vorgehen auf dem Gebiete der Säuglingsfürsorge sein können. So wird das geplante Institut allen Teile» des deutschen Vaterlandes und allen Schichten der Bevölkerung znm Segen gereichen. Operntheater bei überfülltem Hanse unter Beteiligung der vornehm st c n Kreise des j üd i s ch e n Publik» nt s stattfand. Tiefe in ihrer Art ganz neue und eigenartige Veranstaltung, deren Reinertrag sür die durch die russischen Jndenmassacers Geschädigten bestimmt war, bot ein reichhaltiges Programm, zu dessen Durchführung ein großer künstlerischer Apparat aufgeboten werden mußte. Eröffnet wurde die Feier durch einen Prolog von Alfred Rossi g, gesprochen von Oskar Wagii c r (vom Kleinen Theater). Ter Dichter ruft in der chlußstrophc den Juden zu: „Ein Schwächling, der sich seines Volkes schämt, Nnd sei's verfehmt! Im Kampf mit feindlichen Gewalten Am eignen fest nnd treu zu halten Sei uns das Höchste hier auf Erden. Verachtung jcdeni, der ein Haupt dein alten Bunde raubt!" Es folgt der erste Teil des Oratorin m s von Handel „Judas Maccabäus", ausgeführt von einem zahlreichen Chor unter der Leitung von Ludwig M e n d c l s s o h n und einem von Musikdirektor W i ll y B ö l> m e geführten Orchester. Den leitenden Gedanken der Feier drückte Tr. F ranz O P v e n h e i m e r in seiner formvollendeten feurigen Gedenkrede aus. Er feierte das Andenken unserer heldenmütigen Vorahnen, der Makkabäer, aber auch das jener jnngci, jüdischen .Helden der letzten Tage, die für die Freiheit eines geknechteten Volkes nnd für das Leben ihrer Glaubensbrüder ihr Blut vergossen. Stürmischer Beifall unterbrach stets von Neuem die Worte des Redners. Den Glanzpunkt des F-estes bildeten wohl für die Mehrzahl der Versammelten die von H e rm « n n S t r u ct und Regisseur Egon Brecher gestellten Lebenden Bilder dar, welche in großen Zügen die Geschichte des jüdischen Volkes vorsührten: die Glanzperiode Israels ans seinem Heimatboden unter König Salomo, den Verlust seiner Freiheit und des Vaterlandes snach dem Gemälde von B e n d c m o n n), das Exil in der Gestalt des ewigen Juden (nach der -Skulptur von Rofsig!, die Gegenwart durch einen russische» Pogrom und eine lichtere Zukunft auf den unter jüdischen .Händen neu erblühenden Fluren Palästinas. Den zweiten Teil des Programms füllte der Schlußakt des Otto Lndivig'schen Trauerspiels „Die Makkabäer", welches unter der Regie von Prof. Leo Friedrich von namhaften Künstlern der Berliner Bühnen, wie Hans Marr, Agnes Werner, Alwin Reust gespielt wurde nnd einen nachhaltigen Eindruck hrrvorrief. Während des den Abend beschließenden Promcnaden-Konzert trugen Egon Brecher, Siegb r i e d R h a d e n nnd Fräulein Anita Rosen (vom Neuen Theater), letztere mit ganz besonderem Beifall, jung-jüdische Dichtungen vor. Tie Opernsänger U r i ch nnd Ni eltzer sangen Arien von M.öhul und Halävy. 'Als dauernde Erinnerung an die Gedenkfeier nahmen die Persamnielten eine Festschrift „die Zukunft der Jude it" mit. Diese in vornehmster Ausstattung erschienene Sninmelarbeit brachte gediegene Aussätze von Dr. Hantle, Th. Her zl, Prof. K e l l n e r, Ni a x N v r d a », A l f r e d N o s s i g, Dr. T h o ii, Prof. W a r bürg u. 4L sowie zahlreiche Illustrationen nnd Knnstbeilageii. Diese Broschüre, welches großes Interesse erweckte, erscheint jetzt iin Buchhandel. Angesichts 'des tiefen Eindrucks, den die Feier hintcrließ, dürsten die Hauptpunkte des Programmes demnächst zur Wiederholung gelangen. Berlin. Den folgenden interkonfessionellen t i f t n ii g e n von jüdischer Seite ist die landesherrliche Genehmigung erteilt worden: 1. Freifrau von Cohn-Opvcnhciin-Stiitnng. verwaltet von der Stadt Berlin und bestimmt für wohltätige Zwecke, im Betrage von .">0 000 Mark: 2. Dr. Felix Lieberinanntiltung iin Betrage von 100 000 Mark, aus der hilfsbedürftigen und begabten Personen im 4llter von 16 bis 30 Jahren bei der Begründung wirtschaftlicher Selbständigkeit scbenkungswsise Beihilfen gewährt werden sollen. Kölna.Rh. Katholisch-evangelisch-jüdisch! Dieser Tage wurde hier in einer Versammlung ein eigenartiger Fall zur Sprache gebracht. Ein Ehepaar, das ans der Kirche ansgetreten war, wünschte, daß seine d(rei Kinder von der Teilnahme an dem Religionsunterricht enlbunde» würden, und wandte sich deshalb in einer Eingabe an die zuständigen Stellen. Das Gesuch wurde jedoch in allen Instanzen abschlägig beschieden, und die Regierung ordnete an, daß die Kinder ans jedem Fall am Religionsunterricht teilzunehmcn Hütten. Das Ehepaar schickte daraufhin das erste Kind in den katholischen, das zweite in den evangelischen nnd das dritte in den jüdischen Religionsunterricht, und teilte den Behörden mit, in welcher Weise die 4lnordnung befolgt worden war. Der 'Ausweg, den das Ehepaar getroffen hatte, hatte prompt den gewünschten Erfolg: die Kinder wurden von der Teilnahme an dein Religionsunterricht entbunden.

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