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Neue jüdische Presse · 1906-02-02 · Heft 5 (2.2.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Die erste Nachmittagssitzniig beginnt um 3 Uhr. Dr. I a s s i n o w s k y spricht Uber die I t v. 2iv Fricdcbcrg aus London diskutiert mit Dr. Nathan. Die Vertreter der Anglo-Jewish Association erklären den Grund: tvaruin die Jea und die Alliance abwesend seien. Tic fürchteten, man würde über zionistische Angelegenheiten verhandeln. Die schlagen zugleich vor, auf Rußland zn drängen, daß cs den Juden gleiche Rechte gewähre. Mr. B c l i s ch a ans Manchester schlägt vor, eine Kommissjou zu wählen, die alle Juden vertreten und untersuchen soll, ivohin unsere Massen am besten gehen könnten. — M assi 11 s v h n macht den Inden ihre Einmischung in die Angelegenheit Fremder zum Vorlvurfe und schildert das Verhalten des organisierten Proletariats den Juden gegenüber. -- Tr. H i l d e s h e i in e r nimmt die Philanthropie in Schuh, obwohl er gesteht, daß sic dem gegenwärtigen Elend rat- und hilflos gegcnübcrsteht. — Dr. Bodcnheiiner spricht zu Gunsten der Selbstverteidigung und des Vorschlags Mr. Belischas. — Dr. W c r n e r ans Wien spricht für die Notwendigkeit der physischen Entwickelung der Inden. — U s - jischkin meint, daß die Russen sich nur lustig machen werden über den Antrag der englischen Delegierten. — Eine Debatte entwickelt sich hieraus, die die Wahl einer Kvmission zur Prüfung der Vorlage vor das Plenum oder der Verwerfung der verschiedenen Resolutionen zur Folge hat. Tic erste Nachmittagsitzung wird dann als geschlossen erklärt. Tie Sitzung der Kommission dauert ziemlich laug, da eS wahrscheinlich an Resolutionen nicht fehlte, und die Schlußsitzung der Konferenz konnte erst um 9*2 Uhr beginnen. Temkin erklärt, daß die englischen Delegierten nicht mißverstehen müssen. — Ein ilalicnischcr Delegierter spricht temperamentvoll über seine Liebe zum jüdischen Volke. Ter Vorsitzende erteilt darauf dem Präsidenten der Kommission Herrn B e r g c l das Wort zur Verlesung seines Berichtes über die Tätigkeit und die Resultate derselben. Drei mehr oder weniger wichtige Resolutionen tvcrden vorgelcgt, über die das Plcnnm der Konferenz zn stimmen hat. Tie übrigen Resolutionen, darunter die der Berliner Zionisten und des Mr. Belischa, iverdcn verworfen, die letztere weil sie zn stark nach Jtoismus riecht. R e s o l u t i o n M o s e r lautet ungefähr folgcnderweise: Da die russisch-jüdische Lage alle Juden berührt und daher die M i t - arbeit a ll e r Iu d e n ohne Au s n a h m c erfordert, beschließt die Brüsseler Konferenz, eine Organisation aller Juden zu schaffen und wählte eine Kommission ans den He r r e n G r e c n b c r g u n d I! i s ch aus London bestehend, denen alle vorbereitenden Arbeiten für die n c u c Organisation obliegen. Tie Resolution, welche ursprünglich ein wenig anders lautete, wird zur Abstimmung gebracht und a n g e n o m in e n. Tie Resolution K o h a n - W a r b u r g geht dahin, eine K o m m ission i n s Leben ,z u rufen, d i e sich mit der Aufs u ch u u g de r I m in i g r a t i o ii s l ä u d c r, v o r u e h in l i ch de s Orients, befassen soll. Auch diese Resolution lautete anfangs etwas anders und hatte „Egypten" statt „Orient", mußte jedoch diese Acndcrung sich gefallen lassen, da der ursprüngliche Ausdruck Viele nicht befriedigen könnte. Auch diese Resolution wird a n g e n o m m c n. Eine u ii g c h e u r e Empörung rief die Resolution H i l d c s h e i m e r - N a t h a n hervor, welche wünscht, daß, da keine genügenden Mittel zur Ermöglichung der Auswanderung aus Rußland den jüdischen Wohltätigkeitsvrganisationcn Westeuropas zur Verfügung stehen und auch kein adäquates Jmmigrationsgcbiet vorhanden ist, die A u s w a n - d e r u n g d e r r u s s i s ch e n I u d c n v c r h i n d e r t werden soll. Eine sehr erhitzte Diskussion entsteht, die Resolution wird jedoch a n g c - n o m men, obwohl die Territorialisten und die russischen Zione-Zion dagegen stimmen. Um 1 Uhr des Nachts schließt dann .Herr W o l ss o h n die Konferenz, indem er den Delegierten seinen Tank ansspricht und hofft, daß die Konferenz Er¬ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. sprießliches zum Wöhle des gesamten leidenden. Inden tnms leisten ivird. Prof. T i nt o ii | c 11 ans Kopenhagen und andere Redner erwidern in kurzen Worten. Dienstag. Tie meisten zionistischen . Führer sind noch anwesend. Heute fand eine längere Beratung statt über die Wege und Mittel, Ivie mau den Selbstschutz zur effektiven Kraft entwickeln könnte. Tic Jtoisten erwarten hier die Ankunft Mr. ZangwilUs worauf auch sie eine kleine Konferenz abhalteu iverdcn. .1. M. S. Pariser Brief. P a r i s, 29. Januar. Tie letzten Verfolgungen in Rußland haben wiederum die Wogen der Emigration aufgewühlt, die Hunderte und Abcrhnndertc von mittellosen, verhungernde» Jtidcii aus das Pflaster von Paris hinübergcwälzt. Gebrochenen Mutes und umschleierten Blickes, noch unter dem Cauchcmar der erlebten Schrcckcnsszenen seufzend, schlendern sie in den Straßen einher. Ihr bescheidener Wunsch ist, ihr Stückchen Brot durch Arbeit zu erwerben, aber — vergebens! Bittere Enttäuschung harrte der Meisten, die — der Landessprache unkundig — harten Prüfungen nnsgesetzt sind. Biele von ihnen sehen früher oder später ein, daß Frankreich nicht das gelobte Land ihrer Hoffnung ist, und wollen dann ihren Wanderstab nach den übereeischeu Ländern richten. Aber, tvoher die Mittel für diese Reise iiehmcn? Natürlich wenden sie sich an dasjüd. Wohltätigkeitsbnreau. Tiefes hat ihnen jedoch unerbittlich den Zutritt untersagt. Tag ans, Tag ein belagern sie nun den Hof des BnreanS, ohne dadurch ihre Not erhört zn sehen. ■ Endlich, in ihrer Verzweiflung znm Aenßcrsten getrieben, griffen sic zn ckiewattmittelii, und so brachen denn vorige Woche etwa 50 Personen in die Bureanx gewaltsam ein. Die erschreckten Beamten ließen per Telephon Polizei herbciholen, und dann bot sich der ans das Geschrei angesamnielten französischen Menge eine tief traurige Szene dar.Biele der Ruhestörer ivurdc» in die Hast geschleppt, während man die übrigen — zu ihrem Bedauern -- lausen ließ. Zn ihrem Bedauern!, da doch die Eingesperrtcn wenigstens Lager und Brot haben. Ich Ivill cs unterlassen, die Handlungsweise des Bureaus zn kritisieren. Zugegeben, daß seine Mittel nicht ansreichen, dem Gesuche der armen Leute, sie nach Kanada zn befördern, Genüge zu leisten, so muß doch konstatiert iverdcn, daß die Beamten des WohltätigkeitsbnreauS sich nicht des passenden TaktS und des entsprechenden Mitgefühls diesen Unglücklichen gegenüber zn befleißigen suchten. Tie französischen Juden, bei all ihrer ausgiebige» Wohltätigkeit, haben "nicht das Glück, immer die geeigneten Vollstrecker ihrer Hilfeleistung ausfindig zn machen. Tcnjclbcn Mangel des Verständnisses für den rechten Mann an rechter Stelle hat sich auch die französischjüdische Wohltätigkeit in der Kolonisation Palästinas zn Schulden' kommen lassen. . . . Dazu kommt noch der Umstand, daß e-s unter den französischen Juden wenige gibt, die — nach der alten jüdischen Sitte — sich persönlich mit den Armen abgeben, um ans diese Weise in nähere Fühlung mit den Bedürftigen zu treten und die Begründung und Billigkeil der Gesuche entsprechend auschlagen zn können. Die französischen Inden stecken die Hand tief in die Tasche, dort wo cs gilt, Not zn lindern, aber mit der Betätigung ihrer Nächstenliebe werden besoldete Beamten betraut und diese — vielleicht durch ihren steten Verkehr mit allerhand, mitunter auch mißlichen Individuen — verhärteten Vollstrecker der Wohltätigkeit behandeln die Armen manchmal zu schroff. Was Wunder, daß diese nnglücklichcn, der russischen Hetze cntrvnucncn Leute außer Fassung kommen und zu skandalösen Szenen sich verleiten lassen! So veranstalteten sic letzten Samstag abermals eine Manifestation in der giroßen Tynagoge in kker Ruc de la Victoire. Etwa hundert Mann an der Zahl besetzten sic das Almcmor, ivährend man zur Vorlesung der Thora schritt. Einer von ihnen hielt eine Ansprache in einem Dialekte, den übrigen? niemand verstand. Eine tiefe Aufregung bemächtigte sich Nr 5. der Andächtigen, aber dank dem Takte des Vorstandes gelang es schnell, die bedauernswerten Ruhestörer zu beschwichtigen, indem man ihnen das Versprechen gab, ihren Fall ernstlich .in Erivägnng zu ziehen. Sie sollen, ivie verlautet, nach Kanada befördert lverdcn, wo sie, nach Versicherung des zn diesem Behuse von den Arbeitern befragten hiesigen Konsuls von Kanade, als Land-Taglöhner 10 Fr. per Tag leicht verdienen können. Selbstverständlich, während der Saison! Im Winter können sie leicht anderes Taglöhncrwerk verrichten mit der Aussicht, 1—ö Fr. per Tag zn verdienen. Also, im Schweiße ihre? Angesichts wollen sie ihr Brot erwerben. Im heiligen Rußland, wo noch soviel Boden brach liegt, konnten sie. keine Anwendung für ihre Arbeitskräfte finden, der Jüdc darf dort ja nicht einmal in einem Torfe übernachten! Aber im freien Kanada werden sie hoffentlich ehrlich ihr Brot durch Arbeit erwerben können. X. Die Woche. In der vorigen Nummer brachten wir unter „Preßstimmen" ans der „K ö l u. Z t g." eine Anklage gegen die deutschen Juden ob der Förderung, die diese mit ihrem deutschen Gelde dem Franzvsentum angedeihen lassen, indem sie die im Fahrwasser des Franzoscntnins segelnde Alliance I s r a l i t c kl n i v e r s e l l e unterstützen. Wir iviesen diese Anklage als »nbegründet zurück. Mit unserer Anttvort deckt sich auch im ivcsentlichen die des Geheimen Kommerzienrat Goldberger, des deutschen Vorsitzenden der Alliance; welche Antwort Ivir ans.Wunsch in der heutigen Nummer (siche Rubrik „Ans aller Welt") Iviedcrgebcn. Alcin — wenn, ivie »achgewicsen, die Alliance in ihrer Politik gegen die Interessen der Völker nicht verstößt und ihnen somit durchaus keinen Grund zur Klage gicbt, so haben doch wir Juden uns zn fragen: Handelt die Alliance, die in nnserm Name» austritt und sich als die geeinte Vertretung Israel? repräsentiert, wirklich in unscrm, im jüdischen, Interesse? — Schon die Tatsache, daß seitens der Nationen Klagen erhoben werden ob der Bevorzugung der einen vor der anderen, beiveist, wie wenig man es hier mit einer Organisation, die ausschließlich in, jüdischen Diensten steht, zu tun hat. Denn wem würde cs wohl einfalleu, gegen die Odcssacr „Ehcwewe-Zion"-Organisation, die auch Schulen gründet, den Vorwurf zn erheben, daß sie znm Schaden der anderen die eine Ration bevorzug!: — weiß doch alle Welt, daß die Chcwewe-Ziou a u s s ch l i e ß l i ch i m I » - t e r e s s e d e s j ü d i s ch e n Volkes arbeitet. — Bedarfs noch weiterer Beweise, daß die Alliance in geistige r Beziehung nicht im Jiiteresse des Jndentnms arbeitet'? Doch wir ivollen einige objektive christliche Gutachten hier anführen: Ein französischer Diplomat, Eduard Bapst, sagt in einem Bericht, den er im Aufträge seiner Regierung über das französische Unterrichkswescn im Orient verfaßt hat: „Die Schulen der Alliance.Jsraclitc, deren intelligente Arbeit die denkbar f r a n z ö - s i s ch st e ist, haben seinen konfcssionellcn Charakter und geben einen nach Sprache und Tendenz durchaus französischen Unterricht." Im Journal des Töbats vom 3. Juni 1903 hieß es n. a.: In allen Klassen sind in großen Buchstaben die zehn Gebote in französischer Sprache a n g e s ch läge n." Es scheint demnach also sestznstehen, daß die Schulen der Alliance weder jüdisch-konfessionell noch jüdisch-national sind, denn nicht einmal die zehn Gebote werden den Schülern hebräisch beigebracht. Was sind sie nun eigentlich? hier französisch, dort deutsch, dort englisch — aber jüdisch jedenfalls nicht! Und dies, trotzdem die Alliance auf sicht den Namen Israels trägt und Anspruch aus jüdisches Geld, macht. Wie schmerzlich muß es jeden jüdisch Fühlenden berühren, daß die Führerschaft unseres Volkes in den Händen seiner Widersacher liegt und daß nicht nur seine soziale, sondern auch seinejgeistigen Institutionen Männern anvertrant sind, die konsequent auf eine Entjudung hinarbciten. * « * Zwei Terror-Komitee? sind seit Monaten im heiligen Rußland in Tätigkeit. Das eine iicnnt sich gemäß seines offenen Wesen-? Revolntionskomitce,

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