Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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5tritnH fuxtex Ismrlitislhks fnmilirnblatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. ML 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— HedaKtioil Md Hefchaftsstslre: Srankfurl 2. Itt., Leiligkreuzgafle S2> Ecke Rlapperfeldstraße ^eTcfou 10507. -HIW- Sa lg H>eis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.2-"> Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 4. Jahrgang. Freitag, de« 7. Lodvai 5666 (2. Februar 1966). Xo. 5. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Brüsseler Konferenz. — Pariser Brief. — Die Woche. — Preßstimmen. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Ein kleines Drama. — Er wurde benierkt. — Aus derGeschäftswelt. — F a m i l i e n n a ch r i ch t e n. — Vereinsk a l e n d e r. — B a r m i z w o h s. Die Brüsseler Konferenz. B r ü s s e l, 30. Januar. Die Brüsseler Konferenz zur Beratung de r 2 a g c der Juden in :li n ß l a n d, die vom zionistischen Aktionskomitee einbernfcn wurde, fand am Montag im Hotel Mengelle statt. Sie wurde von etwa 200 Delegierten und G ä st c n besucht. Den, größten Teil der Bersniiimelten bildeten die Zionisten selbst, die meistens aus Rußland n»d Deutschland herübcrkamen. Die Beteiligung der Territorialisten war ziemlich schwach, da es ihrem Führer Mr. Zanglvilk, der sich jetzt keiner besonders guten Gesundheit erfreut, unmöglich war, zu der Konferenz zu crscheineil. Die meisten der anwesenden Territvrialistcn kamen ans England. Aus Deutschland kamen nur Dr. Klee, jedoch nicht als territorialistischer Delegierter. Der Hilfsverein war durch die Herren Dr. Paul Nathan und Dr. .Hirsch Hildesheim e r und die Anglo-Jewish Assoeiatiou durch die Herren Kisch und Spielmann vertreten. Auch die Wiener Israelitische Allianz und mehrere große jüdische Gemeinden in Rußland entsendeten Repräsentanten. Die meisten großen jüdischen Organisationen jedoch zogen es vor, durch ihre Abwesenheit zn glänzen. Am Sonntag fand die Vorkonferenz statt, der jedoch eine geheime Sitzung des Aktionskomitees und eine Zusammenkunft russisch sprechender Delegierten vorangingen. Die Vorkonferenz begann um 8 Uhr abends, von Herrn D. W o l f s o h n geleitet, der die Versammelten in einer kurzen Ansprache begrüßt. Diese Sitzung beschäftigte sich nur mit dem technischen Teil der Konferenz nnd dauerte nur bis Ohr Uhr. Der Vorsitzende fragte, ob nicht jemand von den Delegierten irgend welche Wünsche nnd Anträge hätte, die er der Konferenz vorlegen möchte. — Bertold Feiwel fragt, ob Gäste zugelassen werden und wieviel akkomodiert werden könnten. — Wolfsohn teilt mit, baß sich das Bureau mit allen Fragen dieser Art beschäftigen werbe und daß die Referate mit Ausnahme Professor Mandelstamm, recht kurz sein lverden. Dr. 2 ü l b e r g ans Manchester lvünscht, daß die'Reddzitit/nns nur 10 Minuten beschränkt werde. — Eine längere Debatte entwickeltesich über die Frage, ob nicht verschiedene Kvmissionen eingesetzt werden können, die der Konferenz ihre 'Arbeit erleichtern könnten. — Dr. Hildesheimer möchte die Tagesordnung etwas geändert wissen und wünscht, daß nach dem Mandelstammschen Referat gleich Diskussion über die Emigration beginne, die doch den wichtigsten Punkt, der Verhandlungen nnd die brennendste Frage des Tages-bildet. Nach einer kurzen Diskussion über diesen Vorschlag, wird zu Gunsten der bereits fixierten Agenda entschiede». Die Sitzung lvird hierauf vom Präsidenten, der den Verhandlungen Erfolg wünscht, um 11-10 Uhr geschlossen. Montag um 'slO Uhr morgens, lvnrde die Konferenz eröffnet. Herr W o l f s o h n führt den Vorsitz. Er teilt mit. daß eine Menge von Telegrammen und EntschuldigungS - Briefen eingelanfen ist, die jedoch nicht zur Verlesung kommen werden mit Rücksicht ans die so kurz bemessene Zeit der Konferenz. Prof. M anbei st a m m erhält das Wort als erster Redner. Seine Rede, die ein klassisches Meisterwerk in jeder Hinsicht ist, wird von den Tcrritorialisten in wenigen Tagen als Agitationsbroschüre erscheinen. Der Redner schildert in der formvollendetsten Weise die grauenhafte Lage der r n s s i s ch e n Jude ii nnd ihrer politische» Zersplitterung. Er lobt den Hrldenmnt und die Todesverachtung der Bnndisten, bezeichnet sie jedoch als politisch unreife Jünglinge, die auch an dem angerichtcten Unheil eine gewisse Schuld tragen. Er kommt dann aus unsere wandernden Massen zn sprechen und die unerträglichen Leiden, die sie ans ihren Wanderungen und auch in ihren neuen Hcimatsländern nnanfhörlich verfolgen. Wir müssen einmal für alle Male anfhören, „Kolpotenre ethischer Begriffe" und „Versuchskaninchen, an denen man den Kultiirzustaiid des russischen Volkes mißt" zu sein. Ein Territorium auf autonomer Basis muß gesunden lverden. Das ist die conditio sine qua non für die Fortdauer unserer Existenz. Er schließt dann mit einer Beschreibung der Metamorphosen, die .tzerzl in der leider kurzen Zeit seiner jüdisch-politischen Aktivität dnrchgemacht und begründet die einzelnen Entwickelungsstadien dieses unvergeßlichen großen Inden. Es folgt das Referat Dr. N o s s i g s, der statistisch die L e b e n s ve r h ä l t n i s s c der Juden i n R u ß l a n d und ihre E m i g r a t i o n n a ch Amerika bespricht. Seine Rede ist ein Resümö der Abhandlung des jüdisch-statistischen Bureaus, die auch den Mitgliedern der Konferenz in einer 68 Seiten starken Schrift überreicht wurde. Dr. Nvssig kommt ebenfalls ans die Notwendigkeit eines eigenen Landes als die einzige mögliche Lösung der Jndenfrnge, wünscht jedoch, daß einstweilen wenigstens die Emigration geregelt werde, was durch die westeuropäischen Juden geschehen muß. Nach einer Debatte, ob die anderen Referate unmittelbar solgen sollen oder ob sich eine Diskussion an jedes Referat anschließcn soll, erhält Herr Leo M o z k i n das Wort zn einem Vortrage über die Pogrom e. Der Redner war vor kurzem in Rußland, um die neue Zerstörung an Ort und Stelle zn untersuchen. Mozkin meint, daß die Pogrome dieses Mal in einer bei weiten schrecklicheren Form über unser Volk sich ergossen haben, als die Presse zn berichten wußte. Alle diese schrecklichen Geschichten über. Frauen, deren Bäuche aufgeschlizt wurden und Kinder, deren Zunge man mit Zangen heransriß u. s. w., sind auch wirklich wahr. D i e B a r b a r e i e n haben k e i n e G l e i ch e n in der Geschichte menschlicher B e st i a l i t ä t. Durch die P v - g r o m e sind auch die Inden ö k o n o m i s ch v o l lst ä n d i g r u i n i e r t, da die Schäden einfach unermeßlich sind. Er spricht dann über die Beteiligung der russischen Beamtenschaft an dem Blutbade nnd das phlegmatische Verhalten de-s besseren Testes des russischen Volkes gegen das Unglück ihrer jüdischen Kampfesgenosscn. Er lobt die Todesverachtung der jüd. Selbstverteidigung, er meint aber, daß sie in Städten, >oo viel Militär stationiert ist, absolut keine Bedeutung haben kann. Er wünscht jedoch daß sie reorganisiert und tüchtig unterstützt werde, da die jüngsten Pogrome nur das Präludium bilden zn einem Blutbaöc, das beispiellos in unserer 2000jährigen Leidensgeschichte ist und das so sicher wie zweimal zwei ist vier kommen muß. Die westeuropäischen Juden müssen jetzt wie Männer handeln und das tun, was ihrem Volke unentbehrlich und unumgänglich notwendig ist. Erschließt mit dem Satze: „Gebt uns die Mittel und wir geben euch Palästina." Dr. K o h a n aus Kischinetv kritisiert die Hilfe, die jetzt den russischen Juden gereicht wird, die nur Schnorrer erzeugend ist. Der Strom der Emigration ist jetzt im Flntznstande. Er ergießt sich jedoch nur in ein Land — Nord-Amerika. Dieser Strom muß nach dem Orient geleitet werden, besonders aber nach Aegypten, daß sich jetzt immer mehr entwickelt und das dem südrussischen Juden sehr leicht ist anfzusuchen, da die Fahrt von -Odessa nach Alexandrien nur wenige Rubel kostet. Dr. N a t h a n setzt sich auseinander mit Mozkin. Die Judenfrage ist keine Geldfrage, da keine noch so hohe Summe Geldes imstande ist, sie zu lösen. Da sie aber nichts mehr ist als ein Teil der allgemeinen menschlichen Frage, so müssen wir etwasj Geduld haben nnd das Zeitalter ablvarten, wo der Mensch nicht mehr dem Menschen ein Wolf sein wird. Ausländische Juden dürfen sich keinesfalls in die russischen Angelegenheiten einmischen, da sie damit den russischen Inden nur schaden lverden. Was wir tun können, ist einzig und allein Philanthropie, zu welchem Zwecke sich alle Juden ohne Unterschied der Parteifarbe vereinigen können. Es sprechen noch die Herren P r o f e s s o r W a r - bürg, der die Ansichten Dr. Kohans unterstützt, Dr. ~ A l exande r M a r m o r e k, der, obwohl er' sich über das Zusammenarbeiten der zionistischen Organisationen Deutschlands und Englands freut, die Anschannngen Tr. 'Nathans jedoch aufs schärfste bekämpfen muß; Dr. Franz Oppenheimer, der zu praktischer Arbeit auffordert und Dr.lK l e e,! der den Zionistischen Vereinen überall Jnformationsbureaus für die Emigration zu errichte» vorschlägt. Er legt auch eine Resolution Berliner Zionisten vor, die großen Unwillen hervorruft und die dahin geht, das junge Geschlecht, namentlich Kinder, aus Rußland zu entsernen, damit der dortige Nachwuchs der jüdischen Bevölkerung, den nicht einmal die Emigration abzuschwächen vermochte, endlich gelähmt werde. Darauf wird die Vormittagssitzung geschlossen.